Wenn der Wecker zweimal klingelt

Uhr mit Zeitumstellung

Zwei Mal im Jahr beginnt in schöner Regelmäßigkeit eine Diskussion über die Zeitumstellung. Die Mehrheit der Deutschen will sie abschaffen und eigentlich gibt es auch schon einen Beschluss der EU, auf das zweimalige Drehen an der Uhr im Jahr zu verzichten. Doch es hakt schon bei der Frage, ob wir in Zukunft das ganze Jahr nach der Sommerzeit oder nach der Winterzeit leben sollen. Europaweit fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus, je nachdem, ob man in Finnland oder in Portugal leben. Für sehr nördliche und sehr südliche Länder würden die Konsequenzen sehr unterschiedlich ausfallen. In Deutschland dagegen entzündet sich der Streit am „Minijetlag“. Was für Auswirkungen hat die Zeitumstellung wirklich und gefährdet sie möglicherweise die Arbeitssicherheit. DOKTUS hat nach Antworten gesucht.

Was passiert im Körper, wenn eine Stunde fehlt?

Die innere Uhr richtet sich nach Licht und Gewohnheit, nicht nach dem Kalender. Wer im März eine Stunde verliert, schläft in der folgenden Nacht laut US-Zeitverwendungsdaten im Schnitt 40 Minuten weniger, und morgens wird es eine Stunde später hell. Deshalb raten Schlafmediziner, etwa die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), zur dauerhaften Normalzeit, umgangssprachlich Winterzeit. Im Herbst, wenn die Nacht eine Stunde länger dauert, fanden Forscher weder nennenswerten Schlafverlust noch mehr Arbeitsunfälle. Daher gilt: Im Frühjahr ist es schlimmer!

Steigt das Unfallrisiko im Betrieb?

Die bekannteste Studie stammt von der Michigan State University und wertete US-Bergwerksdaten von 1983 bis 2006 aus. Am Montag nach der Frühjahrsumstellung gab es 5,7 Prozent mehr Verletzungen, die Ausfalltage stiegen um 67,6 Prozent: Die Unfälle waren also auch schwerer. Eine weitere US-Studie zählte in der ersten Woche nach der Umstellung 18 Prozent mehr vermutliche Behandlungsfehler in Kliniken. Beides sind amerikanische Ergebnisse und keine deutschen Zahlen.

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Vorsorge Bildschirm G 37

Was sagt die deutsche Unfallstatistik?

Die Bundesregierung teilte im November 2025 auf eine Bundestagsanfrage mit (Drucksache 21/2896), dass die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) keine zusätzlichen Arbeits- und Wegeunfälle erkennen lasse, die den Umstellungen zuzuordnen wären. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat das Thema nicht gezielt untersucht. Kurzfristige Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus seien zwar gut belegt, führten aber nicht nachweisbar zu signifikant mehr Unfällen. Man muss dazu wissen: Die DGUV-Statistik beruht auf einer Stichprobe und erfasst nur Unfälle mit mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit. Ein kleiner Effekt am ersten Montag könnte darin untergehen.

Wie sieht es auf dem Arbeitsweg und beim Herzen aus?

In den USA stiegen die tödlichen Verkehrsunfälle in der Arbeitswoche nach der Frühjahrsumstellung um sechs Prozent, das sind rund 28 Todesfälle pro Jahr. Die Bundesregierung verweist darauf, dass auch Licht und Wetter eine große Rolle spielen. Im Herbst fällt der Berufsverkehr wieder in die Dämmerung, eine britische Studie fand dann fast 30 Prozent mehr verunglückte Fußgänger. Beim Herzen ist die Lage uneinheitlich: Eine Metaanalyse, also die Zusammenschau mehrerer Studien, fand im Frühjahr rund vier Prozent mehr Herzinfarkte, eine neuere Studie im Fachblatt JAMA Network keinen Anstieg.

Was können Betriebe tun?

Eine Pflicht für den Umstellungstag gibt es nicht. Die Bundesregierung verweist auf die Gefährdungsbeurteilung, in der der Arbeitgeber nach Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes auch Gefährdungen durch Arbeitsabläufe und Arbeitszeit prüfen muss, besonders in Schichtbetrieben. BAuA und DGUV haben keine speziellen Empfehlungen für die Umstellung. Sinnvoll sind kleine Maßnahmen: In der Frühjahrsnacht ist die Nachtschicht eine Stunde kürzer, das sollte die Schichtplanung berücksichtigen. Hier empfiehlt sich die Vorsorge für Nachtarbeiter G 65. Besonders heikle Arbeiten müssen nicht auf den ersten Montag fallen, und wer sich schon einige Tage vorher früher ins Bett legt, kommt besser durch die Umstellung.

Wie geht es mit der Zeitumstellung weiter?

Im Rat der Mitgliedstaaten gibt es weiterhin keine gemeinsame Position. Die EU-Kommission hat im Februar 2026 eine Studie zu den Folgen eines Endes der Umstellung begonnen, Ergebnisse sollen bis Ende 2026 vorliegen. Die nächste Umstellung ist für den 28. März 2027 vorgesehen. Der Druck aus der Bevölkerung lässt etwas nach: In der aktuellen Forsa-Umfrage für die DAK-Gesundheit fordern 71 Prozent die Abschaffung, der niedrigste Wert seit 2016. Bis zur Entscheidung gilt im März: lieber ein paar Abende früher ins Bett.

Peter S Kaspar

Quellen

Bundestag, Drucksache 21/2896 (Antwort der Bundesregierung, 24.11.2025): https://dserver.bundestag.de/btd/21/028/2102896.pdf

Barnes/Wagner (Michigan State University), Journal of Applied Psychology 2009: https://www.plansponsor.com/springing-forward-hurts-more-than-falling-back/

Vetter et al., Current Biology 2020, tödliche Verkehrsunfälle: https://www.newswise.com/articles/spring-forward-to-daylight-saving-time-brings-surge-in-fatal-car-crashes

Ärzteblatt, Verkehrsunfälle und Behandlungsfehler: https://www.aerzteblatt.de/themen/behandlungsfehler/zeitumstellung-fuehrt-zu-mehr-verkehrsunfaellen-und-behandlungsfehlern-5c7bb227-a9df-424e-8b86-b00508b6afd5

Herzinfarktrisiko: https://www.aerzteblatt.de/archiv/240463/Zeitumstellungen-und-Herzinfarktrisiko, https://www.suedostschweiz.ch/panorama/zeitumstellung-im-herbst-studie-zeigt-ueberraschenden-zusammenhang-mit-herzproblemen-2191093, https://www.pharmazeutische-zeitung.de/zeitumstellung-kein-risiko-fuer-das-herz-159816/

Britische Studie zu Fußgängerunfällen im Herbst: https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/panorama/unfallgefahr-durch-zeitumstellung/

DAK/Forsa-Umfrage September 2026: https://www.stuttgarter-zeitung.de/panorama/ende-der-sommerzeit-weniger-menschen-fordern-abschaffung-der-zeitumstellung-79589908.html

EU-Stand, Studie und Termine: https://ms-aktuell.de/?p=165641, https://ms-aktuell.de/?p=167356

DGSM-Position zur Normalzeit: https://web.de/magazine/wissen/zeitumstellung/zeitumstellung-abgeschafft-37929216

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