Bei Dr. KI auf der Couch
In geradezu atemberaubender Weise besetzt die KI immer mehr Bereiche des täglichen Lebens. Ob im Privaten oder im Beruf, immer häufiger wird die künstliche Intelligenz zu Rate gezogen. Das gilt mittlerweile auch für Fragen der eigenen Psyche. Die Deutsche Depressionshilfe hat Anfang Mai berichtet, dass schon etwa zwei Drittel der zwischen 16- und 39-Jährigen Hilfe bei einem Chatbot suchen, wenn sie psychische Probleme haben. Das ist auch ein Problem, dem sich die Arbeitswelt eher früher als später stellen muss.
Welche Rolle spielt die KI bei der Psychischen Gefährdungsbeurteilung?
Bislang liegt der Schwerpunkt der Betrachtungen eher auf der Frage: Wie wirkt sich eine intensive Nutzung der KI im Beruf auf die Psyche von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Noch wenig diskutiert wird die Frage, welche Auswirkungen es hat, wenn sich Kollegen sozusagen auf die digitale Couch von Dr. KI legen. Entlastet eine solche Entwicklung langfristig Betriebsärzte oder stellt das eher ein Risiko für ein Unternehmen dar? Muss möglicherweise vor diesem Hintergrund auch die psychische Gefährdungsbeurteilung neu gedacht werden? Wie sollen Unternehmen mit dem Phänomen in Zukunft umgehen? DOKTUS sucht nach Antworten.
Was kann Dr. KI überhaupt leisten – und was nicht?
Die Studienlage ist ambivalent. Manche spezialisierten und evidenzbasiert entwickelten Chatbots verfügen über Sicherheitsmechanismen für Krisensituationen und verweisen transparent auf professionelle Hilfe; frei verfügbare Allzweck-Tools wie ChatGPT dagegen wurden ohne Beteiligung von Mental-Health-Experten trainiert und laufen Gefahr, bei jedem Anzeichen von Belastung dieselbe Standardantwort zu liefern – unabhängig davon, ob dahinter Prüfungsstress oder eine ernsthafte Krise steckt. Eine aktuelle Untersuchung von Forschenden der Stanford University und der Brown University kommt zu einem deutlichen Ergebnis: Selbst Chatbots, die gezielt als Therapieersatz beworben werden, reagieren häufig unangemessen auf akute psychische Krisen. Die Forschungsleiterin der Brown-Studie bringt das zentrale Problem auf den Punkt: Menschlichen Therapeuten stehen Aufsichtsgremien gegenüber, die sie bei Fehlverhalten zur Verantwortung ziehen können – für KI-gestützte Beratung fehlt dieser Rahmen bislang vollständig. Diese Rechtsunsicherheit ist für Arbeitgeber keine akademische Feinheit, sondern eine reale Haftungsfrage, sobald ein Chatbot faktisch zur ersten Anlaufstelle für belastete Mitarbeitende wird.
Entlastet das den Betriebsarzt – oder verschärft es das Problem?
Kurzfristig mag die Verlagerung auf digitale Gesprächspartner wie eine Entlastung wirken: weniger Anfragen, weniger sichtbare Krisen, geringere Auslastung der betriebsärztlichen Sprechstunde. Genau darin liegt aber das eigentliche Risiko. Ein Betriebsarzt kann nur einschätzen, reagieren und im Zweifel weiter verweisen, was ihm auch begegnet. Wird psychische Belastung zunehmend am Unternehmen vorbei mit einer KI bearbeitet, verschwindet sie nicht – sie wird lediglich unsichtbar für genau die Strukturen, die eigentlich zur Früherkennung da sind. Im schlechtesten Fall wird eine Krise erst dann betrieblich bemerkt, wenn sie bereits eskaliert ist, etwa durch einen längeren Ausfall. Von Entlastung kann also nur die Rede sein, wenn KI-Nutzung als Ergänzung zur betriebsärztlichen Betreuung verstanden wird – nicht als ihr stiller Ersatz.
Muss die psychische Gefährdungsbeurteilung neu gedacht werden?
Ja, zumindest in einem wichtigen Punkt: Die psychische Gefährdungsbeurteilung stützt sich traditionell auf Indikatoren wie Fehlzeiten, Mitarbeiterbefragungen oder Rückmeldungen an den Betriebsarzt. Wird ein wachsender Teil der Belastung über einen Chatbot verarbeitet, gerät genau diese Datenbasis ins Wanken – nicht weil die Belastung sinkt, sondern weil sie an den etablierten Erhebungswegen vorbeiläuft. Eine sorgfältig geführte Gefährdungsbeurteilung muss diesen Trend deshalb künftig als eigenen Belastungsfaktor mitdenken, etwa mit gezielten Fragen danach, ob Beschäftigten eine niedrigschwellige, menschliche Anlaufstelle fehlt. Das ist auch deshalb naheliegend, weil die Gefährdungsbeurteilung ohnehin keine einmalige Angelegenheit ist, sondern regelmäßig aktualisiert werden muss, sobald sich erkennbare Belastungsfaktoren ändern.
Wie sollten Unternehmen mit dem Phänomen umgehen?
Verbieten lässt sich die Entwicklung ohnehin nicht, und ein Klima des Misstrauens gegenüber Beschäftigten, die sich digital Unterstützung suchen, wäre der falsche Reflex. Sinnvoller ist ein doppelter Ansatz: Erstens Aufklärung – Beschäftigte sollten wissen, dass ein Chatbot bestenfalls ein Reflexionswerkzeug ist, aber keine Diagnose stellen und keine echte therapeutische Beziehung ersetzen kann. Zweitens Erreichbarkeit – je niedrigschwelliger und stigmafreier der Zugang zu echten Ansprechpersonen im Betrieb gestaltet ist, desto seltener wird die KI zur einzigen Anlaufstelle. Beides gehört strukturell zusammen: Aufklärung ohne Alternative bleibt wirkungslos, ein Angebot ohne Aufklärung wird schlicht nicht wahrgenommen.
Wie DOKTUS unterstützt: Wir helfen Unternehmen dabei, ihre psychische Gefährdungsbeurteilung auf aktuelle Belastungsfaktoren wie die zunehmende KI-Nutzung anzupassen und niedrigschwellige betriebliche Unterstützungsangebote zu etablieren. Sprechen Sie uns an, wenn Sie wissen wollen, wie gut Ihr Unternehmen auf diese Entwicklung vorbereitet ist. Einen Betriebsarzt zum Beispiel in Berlin aus Fleisch und Blut gibt es bei DOKTUS.
Peter S. Kaspar




KI - Lust oder Last in der Betriebsmedizin, Pakorn Supajitsoontorn
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Quelle: istock, wildpixel
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Was KI in Firmen tun darf und was nicht. Quelle: AI-generated Adobe Firefly
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