Wenn der Kopf schmerzt
Jeder kennt sie, jeder hatte sie schon oder hat sie gar regelmäßig: Kopfschmerzen. Doch jeder verbindet den Begriff mit etwas anderem, weil jeder Mensch seine eigene Schmerzerinnerung hat. Zudem ist Kopfschmerz nicht gleich Kopfschmerz. In der internationalen Klassifikation (ICHD-3) werden mehr als 200 diagnostische Kategorien von Kopfschmerzen angeführt. Und die Unterschiede sind gewaltig. Sie reichen von einem brummenden Schädel bis hin zu den sogenannten „Selbstmord-Kopfschmerzen“ unter denen der Cluster-Kopfschmerz auch bekannt ist. Es liegt auf der Hand, dass Kopfschmerzen spätestens dann zu einem betriebsmedizinischen Problem werden, wenn sie entweder von der Arbeit herrühren oder den Arbeitsablauf entscheidend hemmen. DOKTUS erklärt, warum Betriebsärztinnen und Betriebsärzte Kopfschmerzen nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Zwischen Primären und Sekundären Kopfschmerzen
Zwei Grundtypen werden unterschieden. Da sind zunächst die primären Kopfschmerzen. In diesem Fall ist der Kopfschmerz die eigentliche Erkrankung. Der Klassiker ist die Migräne, von der mehr als jeder zehnte Bundesbürger betroffen ist. Auch die eingangs erwähnten Clusterkopfschmerzen oder der genauso berüchtigte Trigeminus-Schmerz gehören dazu. Und dann sind da die sekundären Kopfschmerzen, die das Symptom einer anderen Krankheit sind. Die Spannweite ist da sehr hoch. Sie können von einer Erkältung, einer Nebenhöhlenerkrankung herrühren oder im schlimmsten Fall der Hinweis auf einen Tumor sein. Doch egal, ob primäre oder sekundäre Kopfschmerzen, bei beiden Formen ist es möglich, dass sie vom betrieblichen Umfeld herrühren.
Achtung Spannungskopfschmerzen
Betriebsmedizinisch besonders relevant sind Spannungskopfschmerzen. Sehr häufig haben diese nämlich etwas mit dem Job zu tun. Oft ist es nur eine ergonomische Frage: Der Abstand zum Bildschirm, die falsche Sitzhaltung oder ungeeignete Büromöbel, die zu Kopfschmerzen führen können. Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte heißt es deshalb genau hinzuschauen, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter häufiger über Kopfschmerzen klagt. Eine Vorsorgeuntersuchung G 37 (Bildschirmarbeitsplatz) kann da schnell Aufschluss bringen. Grund für Spannungskopfschmerzen können aber auch Stress und Überbelastung sein. Manch ein Mitarbeiter versucht, die Leiden dann mit Schmerzmitteln zu bekämpfen. Doch dann kann etwas sehr Paradoxes passieren. Die Nebenwirkungen von Schmerzmitteln können nämlich Kopfschmerzen sein, wenn man die Medikamente zu häufig einnimmt – mehr als zehn bis fünfzehn Tage im Monat reichen dafür aus. Der Teufelskreis scheint dann vorprogrammiert.
Vorsicht bei Migräne
Migräne hat ihre Ursache in der Regel nicht in der Arbeitswelt. Häufig gibt es eine genetisch bedingte Prädisposition. Was aber durchaus passieren kann, ist, dass Umstände im Arbeitsablauf zu einem Trigger werden können. Ein flackernder Bildschirm beispielsweise kann eine Migräne-Attacke auslösen. Auch Lärm oder andere Emissionen können sich als Trigger erweisen. Auch hier ist die Betriebsmedizin gefragt. Werden Pausenzeiten, Schichtpläne, Lärmschutz oder auch nur der Bildschirm entsprechend angepasst, kann das zu einer erheblichen Verminderung der Attacken führen. Das erhöht einerseits die Lebensqualität des Mitarbeitenden, aber es steigert auch die Produktivität und verringert die Ausfallzeiten.
Kopfschmerzen als Warnsignal
Es kommt wohl eher selten vor, dass sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter an die Betriebsärztin oder den Betriebsarzt wegen Kopfschmerzen wendet. Tatsächlich gehen Beschäftigte dann lieber zu ihrem Hausarzt, der sie krankschreibt, was der Betriebsarzt ja gar nicht kann. Trotzdem sollten Betriebsärztinnen und Betriebsärzte die Belegschaft ermuntern, über ihre Kopfschmerzen zu berichten, vor allem dann, wenn sie regelmäßig auftreten. Sie könnten nämlich einen Hinweis darauf geben, dass es irgendwo im Betrieb einen Fehler gibt, den es zu beheben gilt. Schlimmstenfalls kann das sogar Eingang in eine Gefährdungsbeurteilung finden. Doch auch wenn dem nicht so ist: Die individuelle Gesundheit der Mitarbeitenden ist ja ebenfalls von Belang für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte. Deren vorrangige Aufgabe ist zwar die Prävention und nicht die Heilung. Aber wenn sich nach einem Gespräch herausstellt, dass die Kopfschmerzen nicht von der täglichen Arbeit herrühren, dann ist der Sachverstand der Betriebsmediziner doch so hoch, um dem Mitarbeiter an die richtige Stelle weiterzuleiten.
Verständnis wird geweckt
Es ist auch denkbar, dass Mitarbeiter mit sehr seltenen Kopfschmerzerkrankungen konfrontiert sind. Die genannten Clusterkopfschmerzen betreffen beispielsweise nur jeden 1000sten Bundesbürger. Für Außenstehende ist es dann kaum nachvollziehbar, wie jemand wegen Kopfschmerzen ausfallen kann – dabei sind es gerade die Clusterkopfschmerzen, die als eines der heftigsten Schmerzerlebnisse überhaupt gelten. Weiß der Betriebsarzt von diesem Leiden, kann er bei der Betriebsleitung oder den Kollegen um Verständnis werben, indem er über die Krankheit aufklärt – jedoch nur, wenn es im Einklang mit dem Betroffenen steht.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, peterschreiber.media









