Das Kreuz mit dem Knie

Gonarthrose

Es gibt den etwas zynischen Spruch, der das Altern schön beschreibt: Wer ab einem gewissen Alter morgens aufwacht, und es tut ihm nichts weh, ist wahrscheinlich tot. Häufig sind es die Knie, die einem das Aufstehen morgens beschwerlicher machen als früher. Höheres Alter, Übergewicht und der natürliche Verschleiß sind meist die Gründe dafür. Je nach Arbeitsplatz können berufliche Faktoren die Leiden verschlimmern. Doch nicht nur deshalb wird das Knie zu einem betriebsmedizinischen Problem. Fast 20 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage gingen 2024 auf das Konto von Muskel- und Skeletterkrankungen zurück. Oft spielen Kniebeschwerden dabei eine Rolle. Was dahinter steckt und wie die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt darauf reagieren kann, erklärt DOKTUS.

Das Knie und seine Schwachstellen

Das Kniegelenk ist das größte und zugleich verletzlichste Gelenk des menschlichen Körpers. Es verbindet Oberschenkel- und Unterschenkelknochen, wird von Menisken als Stoßdämpfer flankiert, von einem komplexen Band- und Sehnenapparat stabilisiert und von Knorpelschichten geschützt, die sich ihr Leben lang nicht regenerieren. Genau das ist das Problem: Knorpel wächst nicht nach. Was einmal abgenutzt ist, bleibt abgenutzt. Ab dem 40. Lebensjahr beginnt dieser Verschleiß bei den meisten Menschen spürbar zu werden. Der Knorpel wird dünner, die Menisken verlieren an Elastizität, Sehnen wie die Patellasehne reagieren empfindlicher auf Belastung. Hinzu kommt, dass das Knie biomechanisch ungünstig konstruiert ist: Es trägt das gesamte Körpergewicht, federt Stöße ab und muss gleichzeitig Drehbewegungen zulassen. Übergewicht verstärkt diesen Effekt erheblich — jedes zusätzliche Kilogramm bedeutet beim Gehen etwa das Vierfache an Mehrbelastung für das Kniegelenk.

Wenn der Job das Knie belastet

Berufliche Belastungen können diesen natürlichen Verschleiß deutlich beschleunigen. Besonders betroffen sind Berufsgruppen, die viel knien, hocken oder schwere Lasten tragen: Fliesenleger, Bodenleger, Reinigungskräfte, Monteure im Anlagen- und Fassadenbau. Für sie gibt es seit 2009 die Berufskrankheit BK 2112 — Gonarthrose durch kniende Tätigkeit. Anerkannt wird sie allerdings erst nach einer kumulativen Belastung von mindestens 13.000 Stunden im Knien über das gesamte Erwerbsleben.
Doch die Gleichung Beruf gleich Berufskrankheit greift zu kurz. Der 55-jährige Lagerarbeiter, der täglich schwere Paletten bewegt, hat in aller Regel keine Berufskrankheit im Rechtssinne — aber er hat ein Knieproblem. Der Knorpel ist altersbedingt bereits angegriffen, die Arbeit verschlechtert die Situation, und irgendwann kommt der Punkt, an dem er morgens kaum noch die Treppe hinunterkommt. Auch Büroarbeit ist nicht harmlos: Langes statisches Sitzen schwächt die kniestabilisierende Muskulatur und begünstigt Fehlhaltungen, die Sehnen und Gelenke langfristig reizen.

Vorsorge Bildschirm G 37

Der Betriebsarzt als Vermittler

Hier liegt eine der zentralen Stärken der Betriebsmedizin. Der Hausarzt behandelt das Knie. Der Orthopäde behandelt das Knie. Aber nur der Betriebsarzt kennt beide Seiten: den Menschen und seinen Arbeitsplatz. Er kann eine Arbeitsplatzanalyse durchführen und konkrete Empfehlungen geben — andere Bodenbeläge, Knieschoner, Arbeitshöhen, Pausenregelungen. Er kann das Betriebliche Eingliederungsmanagement anstoßen, wenn jemand länger als sechs Wochen ausgefallen ist, und eine stufenweise Rückkehr begleiten, die weder den Beschäftigten überfordert noch den Betrieb lahmlegt.
Gerade bei der Kombination aus Alter und Beruf ist diese Vermittlerrolle entscheidend. Frühverrentung wegen eines kaputten Knies ist keine Seltenheit — dabei ließe sich in vielen Fällen durch rechtzeitige Arbeitsplatzanpassung und gezielte Prävention genau das vermeiden. DOKTUS unterstützt Unternehmen dabei, solche Maßnahmen frühzeitig einzuleiten, bevor aus einem schmerzenden Knie ein dauerhafter Ausfall wird.

Was dem Knie wirklich hilft

Die größte Feindin eines kranken Knies heißt Schonung. Das klingt kontraintuitiv, ist aber medizinischer Konsens: Bewegung erhält den Knorpel, stärkt die Muskulatur rund ums Knie und entlastet damit das Gelenk selbst. Radfahren und Schwimmen sind besonders gelenkschonend. Gezieltes Krafttraining der Oberschenkelmuskulatur — insbesondere des Quadrizeps — stabilisiert das Knie und kann Schmerzen deutlich reduzieren.
Im Alltag machen oft kleine Maßnahmen einen großen Unterschied. Wer nachts mit Knieschmerzen zu kämpfen hat, kann ein Kissen zwischen oder unter die Knie klemmen — das bringt das Gelenk in eine neutrale Position, reduziert den Druck auf Knorpel und Sehnen und sorgt dafür, dass die schmerzgeplagte Nacht deutlich erträglicher wird. Am Arbeitsplatz helfen ergonomische Sitzmöbel, regelmäßige kurze Bewegungspausen und — wo möglich — der Wechsel zwischen Sitzen und Stehen. Wer kniend arbeitet, sollte auf professionelle Knieschoner setzen, die Druck verteilen statt nur polstern.
Das Knie ist kein Ersatzteil. Wer früh auf Warnsignale hört — und wer als Arbeitgeber dafür sorgt, dass seine Beschäftigten das können — spart sich später weit Schlimmeres.

Peter S. Kaspar

Bildquelle: Fotolia

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