Jetzt steht die elektronische Krankschreibung im Visier

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Es ist noch gar nicht so lange her, da stand die telefonische Krankschreibung in der Diskussion – und im Verdacht, an der deutlich angestiegenen Zahl der Krankschreibungen schuld zu sein. Nun rückt ein anderes modernes Verfahren ins Visier. Auch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung könnte zu einem Anstieg der krankgeschriebenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geführt haben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat jüngst berichtet, dass diese These nicht haltbar sei. DOKTUS erklärt die Hintergründe.

Merz, Dulger und der Drückeberger-Verdacht

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau fragte Bundeskanzler Friedrich Merz im Januar 2026 vor Publikum: „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Die Botschaft war klar: zu viele Krankmeldungen, zu wenig Arbeitswille. BDA-Präsident Rainer Dulger legte kurz darauf nach. Er forderte nicht nur die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, sondern auch eine drastische Kürzung bei der Lohnfortzahlung: Der gesetzliche Anspruch von sechs Wochen pro Erkrankung solle künftig auf sechs Wochen pro Jahr gedeckelt werden. Das wäre eine massive Leistungskürzung für chronisch oder mehrfach erkrankte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der Verdacht dahinter ist nicht neu. Schon die Einführung der telefonischen Krankschreibung hatte ähnliche Debatten ausgelöst. Nun steht die eAU im Visier.

Was die Daten wirklich zeigen

Tatsächlich sind die Fehlzeiten seit 2022 gestiegen. Doch woher kommt dieser Anstieg wirklich? Das DIW hat die Frage untersucht und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Der sprunghafte Anstieg erkläre sich vor allem aus dem häufigeren Auftreten von Atemwegserkrankungen sowie einem veränderten Verhalten nach der Corona-Pandemie – insbesondere ältere Beschäftigte blieben bei ansteckenden Erkrankungen häufiger zu Hause als früher. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) weist zusätzlich auf einen entscheidenden technischen Effekt hin: Vor der eAU oblag es den Versicherten, ihre Papier-Bescheinigungen selbst an die Krankenkasse zu schicken – bei kurzen Erkrankungen wurde das häufig schlicht nicht getan. Mit der eAU ist das anders. Seit ihrer Einführung werden alle Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen automatisch von den Arztpraxen an die Krankenkassen übermittelt. Der Zettel geht jetzt automatisch raus – unabhängig davon, ob die Erkrankung drei Tage oder drei Wochen dauert. Was früher in der Schublade blieb, taucht heute in der Statistik auf.
 Das ist kein Verhaltenseffekt, sondern ein Meldeeffekt. Auch das ZEW bestätigt: Die verbesserte Datenerfassung durch die eAU sei der Hauptgrund für den statistisch sichtbaren Anstieg – viele Krankschreibungen seien den Krankenkassen zuvor schlicht nicht gemeldet worden.

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Die echten Ursachen

Einen realen Anteil am Anstieg gibt es dennoch. Die Daten der Krankenkassen sind da eindeutig: Atemwegserkrankungen sind die stärksten Treiber bei den Ausfallzeiten, gefolgt von psychischen Erkrankungen mit einem Plus von knapp sieben Prozent und Muskel-Skelett-Problemen. Hinzu kommt eine demografische Komponente: Die Masse der Beschäftigten ist älter geworden, und mit dem Alter steigen die Erkrankungsrisiken.
Die DAK stellte in ihrer Krankenstandsanalyse keinerlei Anzeichen für einen systematischen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung fest. Drei von vier befragten Beschäftigten nannten sie sinnvoll – weil man nicht krank ins Wartezimmer muss und andere Patienten nicht ansteckt. Das ist kein Missbrauch, sondern vernünftiges Verhalten.
Was in der öffentlichen Debatte weitgehend fehlt, ist der Blick auf die Gegenseite: den Präsentismus. Wer krank zur Arbeit erscheint, verlängert die eigene Erkrankung, steckt Kolleginnen und Kollegen an und riskiert Folgeschäden. DOKTUS hat das Thema bereits ausführlich beleuchtet – die Kosten des Präsentismus übersteigen in vielen Studien jene des Absentismus erheblich.

Der Betriebsarzt als Sachverstand

In dieser Debatte gibt es einen Akteur, der über mehr als Statistiken und politische Statements verfügt: den Betriebsarzt. Er sieht täglich, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, welche Belastungen sich aufbauen und wo Erkrankungen ihre eigentlichen Wurzeln haben. Fehlzeiten sind für ihn keine abstrakte Kennzahl, sondern ein Signal – und oft genug ein Hinweis auf Misstände, die weit vor der Krankmeldung beginnen.
Wer den Anstieg der Fehlzeiten ernsthaft bekämpfen will, braucht keinen bürokratischeren Weg zur Krankschreibung. Er braucht betriebsärztlichen Sachverstand: bei der Gefährdungsbeurteilung, beim betrieblichen Gesundheitsmanagement und bei der Frage, welche Arbeitsbedingungen Menschen krank machen. DOKTUS verbindet Unternehmen mit den Betriebsarztinnen und Betriebsärzten, die genau das leisten.

Peter S. Kaspar

Bildquelle: Fotolia

Quellen
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Studie zu Fehlzeiten und eAU, Mai 2026
Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), Fehlzeiten-Report 2024
DAK-Gesundheit, Krankenstandsanalyse 2025
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Studie zu Ursachen des Fehlzeitenanstiegs, Oktober 2024
Statistisches Bundesamt, Fehlzeitenstatistik 2024
ZDFheute, Bericht über Merz-Auftritt in Bad Rappenau, 17. Januar 2026

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