28. April: Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz

Mentale Gesundheit

Jedes Jahr am 28. April erinnert die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) mit dem Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz daran, was auf dem Spiel steht: Gesundheit, Würde und Leben von Millionen Beschäftigten weltweit. Das Motto für 2026 lautet “Für ein gesundes psychosoziales Arbeitsumfeld” – und es trifft einen Nerv. Denn die unsichtbaren Risiken in der modernen Arbeitswelt kosten inzwischen mehr Menschenleben als viele klassische Arbeitsgefahren.

840.000 Tote – die Zahl hinter dem Stress

Püntklich zum diesjährigen Welttag hat die ILO einen Bericht veröffentlicht, der alarmiert. Jährlich sterben weltweit mehr als 840.000 Menschen an Erkrankungen, die mit psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz in Verbindung stehen – Folgen von überlangen Arbeitszeiten, Arbeitsplatzunsicherheit, Mobbing und chronischem Stress. Die häufigsten Todesursachen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen, einschliesslich Suizid. Allein in Europa gehen laut ILO rund 112.000 Todesfälle pro Jahr auf das Konto psychosozialer Arbeitsbelastungen – verbunden mit einem Verlust des Brutto-Inland-Produkts von 1,43 Prozent. Die WHO beziffert die Folgen auf rund zwölf Milliarden ausgefallene Arbeitstage jährlich – allein durch Depressionen und Angststörungen. Die häufigsten Krankheitsbilder: Burnout, Schlafstörungen, schwere Erschöpfung. Und die Zahlen steigen. Digitalisierung, Homeoffice, KI-gestütztes Monitoring und neue Beschäftigungsformen verändern das psychosoziale Arbeitsumfeld in einem Tempo, das viele Betriebe überfordert.

Deutschland: Rekordtief bei klassischen Unfällen

Der Blick auf die deutschen Zahlen zeigt eine gespaltene Entwicklung. Bei den klassischen Arbeitsunfällen meldet die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) für 2024 historische Tiefststände: 754.660 meldepflichtige Arbeitsunfälle – ein Rückgang um fast vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. 345 Menschen starben bei der Arbeit, 36 weniger als 2023. Das Unfallrisiko je 1.000 Vollzeitäquivalente sank auf 17,27 – ein Minus von 4,5 Prozent. Jahrzehnte konsequenter Prävention, besserer Schutzausrüstung und strengerer Vorschriften zahlen sich aus.
Doch dieser Fortschritt verdeckt eine wachsende Gefahr. Während Arbeitsunfälle sinken, steigen psychische Erkrankungen als Ursache für Krankschreibungen und Frühverrentung seit Jahren an. Was sich schwer messen lässt, wird leicht übersehen. Stress, Überlastung und ein toxisches Betriebsklima hinterlassen keine sichtbaren Verletzungen – aber sie machen krank.

Vorsorge Bildschirm G 37

Was psychosoziale Gefährdungen bedeuten

Psychosoziale Gefährdungen entstehen dort, wo Arbeit schlecht gestaltet, ungenügend organisiert oder unfair geführt wird. Zu hohe Arbeitsmengen, ständiger Termin- und Leistungsdruck, unklare Zuständigkeiten, fehlende Mitsprache, mangelnde Wertschätzung – all das zehrt an der Gesundheit. Hinzu kommen Mobbing, Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz: Laut ILO hat weltweit fast jeder vierte Beschäftigte im Laufe des Berufslebens mindestens eine Form von Gewalt oder Belästigung erlebt.
Überlange Arbeitszeiten bleiben ein zentrales Risiko. 35 Prozent der Beschäftigten weltweit arbeiten mehr als 48 Stunden pro Woche. Wer regelmäßig 55 Stunden oder mehr arbeitet, hat laut WHO ein um 35 Prozent erhöhtes Schlaganfallrisiko und eine um 17 Prozent höhere Sterblichkeit durch ischämische Herzerkrankungen. Der Zusammenhang zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit ist dabei enger als oft angenommen: Chronischer Stress senkt die Konzentrationsfähigkeit und erhöht das Unfallrisiko. Wer erschöpft ist, macht mehr Fehler. Burnout ist keine Frage persönlicher Schwäche – es ist eine Frage der Arbeitsbedingungen.

Prävention beginnt in der Gefährdungsbeurteilung

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber in Deutschland schon lange, auch psychische Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen. Die Umsetzung in der betrieblichen Praxis hinkt jedoch hinterher. Viele Betriebe wissen nicht, wie sie psychische Gefährdungen systematisch erfassen sollen. Hier setzt die Betriebsmedizin an: Betriebsärztinnen und Betriebsärzte sind die Fachleute, die diesen Prozess begleiten und gestalten können – von der Gefährdungsbeurteilung über arbeitsmedizinische Vorsorge bis hin zu konkreten Empfehlungen für eine gesundere Arbeitsorganisation. DOKTUS unterstützt Unternehmen dabei, diese gesetzlichen Pflichten zu erfüllen und eine betriebliche Gesundheitskultur aufzubauen, die trägt. Gerade zum heutigen Welttag lohnt es sich, den eigenen Betrieb zu überprüfen: Wird psychische Belastung ernst genommen? Gibt es einen Ansprechpartner? Wird die Gefährdungsbeurteilung regelmäßige aktualisiert? Sicherheit am Arbeitsplatz bedeutet heute weit mehr als Schutzhelm und Sicherheitsschuh. Sie beginnt in den Köpfen und in der Unternehmensführung.

Quellen:
ILO (2026): The psychosocial working environment: Global developments and pathways for action. SafeDay 2026 Report. Genf.
DGUV (2025): Arbeits- und Wegeunfallgeschehen 2024. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Berlin.
WHO (2022): Mental health in the workplace. Weltgesundheitsorganisation, Genf.
BAuA/BMAS (2025): Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (SuGA) 2024. Dortmund.

Peter S. Kaspar

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