Mit 70 noch fit genug?
Es dürfte einer der üblichen Versuchsballone sein, die stets sehr geräuschvoll aufsteigen, nur um hernach ganz leise zu platzen. Die angeblich geplante Rente mit 70 schlägt jetzt wieder hohe Wellen. Die einen beschwören das Ende des Rentensystems, wenn man auf diesen drastischen Schritt verzichten sollte. Die anderen beklagen die soziale Kälte, die aus diesem Vorschlag spricht. Klar ist, es gibt immer mehr Rentner und immer weniger Einzahler, ebenso klar ist aber auch, dass die Lebenserwartung markant angestiegen ist. Doch letztlich stellt sich eine ganz andere Frage: Sind die meisten Arbeitnehmenden überhaupt fit genug, um bis 70 im Job durchzuhalten? Schon jetzt ist erkennbar, dass die wenigsten Beschäftigten das zukünftig anvisierte Ziel von Rente mit 67 erreichen werden, sondern schon viel früher ausscheiden. Abseits aller Ideologie ist es letztlich die Betriebsmedizin, die eine sachliche Antwort darauf geben kann, wie sinnvoll eine Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre ist – und unter welchen Bedingungen sie überhaupt realistisch wäre. DOKTUS hat die Antworten zusammengetragen.
Was die Betriebsmedizin wirklich sieht
Wer die Debatte um das Rentenalter sachlich führen will, muss dort hinschauen, wo Arbeit und Gesundheit tagtäglich aufeinandertreffen: in der Betriebsarztpraxis. Betriebsärzte beurteilen Arbeitsfähigkeit nicht anhand von Statistiken oder Modellrechnungen, sondern anhand konkreter Menschen in konkreten Berufen. Sie sehen, wie sich Körper und Psyche unter jahrzehntelanger Belastung verändern – und sie wissen, dass “70 Jahre” je nach Beruf eine völlig andere Bedeutung hat. Ein Unternehmensberater oder eine Verwaltungsangestellte mag mit 68 noch vollständig leistungsfähig sein. Ein Dachdecker, eine Altenpflegerin oder ein Lagerarbeiter hingegen trägt oft schon mit Mitte 50 die körperlichen Spuren jahrzehntelanger Schwerarbeit. Chronische Rückenleiden, Kniearthrose, Gehörschäden, psychische Erschöpfung – das sind keine Ausnahmen, sondern Berufsrealität. Die Betriebsmedizin kennt diese Unterschiede aus der täglichen Praxis. Genau deshalb ist sie die einzige Disziplin, die differenziert urteilen kann, wo eine Anhebung des Rentenalters medizinisch vertretbar wäre – und wo sie schlicht auf Kosten der Gesundheit der Betroffenen ginge. Hinzu kommt ein ernüchternder Befund: Schon das bestehende Renteneintrittsalter von 67 Jahren wird von der Mehrheit der Beschäftigten nicht erreicht. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung lag das tatsächliche Renteneintrittsalter 2024 bei durchschnittlich 64,7 Jahren – während die gesetzliche Regelaltersgrenze bereits bei 66,2 Jahren liegt. Krankheit, Erwerbsminderung oder schlichte Erschöpfung führen dazu, dass viele deutlich früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Wer vor diesem Hintergrund die Grenze auf 70 anheben will, ignoriert die medizinische Realität eines erheblichen Teils der Bevölkerung.
Auch für Arbeitgeber kein Geschenk
Die politische Debatte suggeriert gelegentlich, eine Anhebung des Rentenalters komme vor allem der Wirtschaft zugute – mehr Arbeitskräfte, längere Lebensarbeitszeit, Problem gelöst. Doch diese Rechnung ist trügerisch, und die Betriebsmedizin liefert die Zahlen dazu.
Ältere Arbeitnehmer sind zuverlässiger als ihr Ruf: Sie fehlen seltener als jüngere Kollegen. Doch wenn sie krank werden, fehlen sie deutlich länger. Laut DAK-Gesundheitsreport 2025 liegt die durchschnittliche Krankschreibungsdauer bei Beschäftigten über 60 Jahren bei rund 20 Tagen – mehr als doppelt so lang wie der allgemeine Durchschnitt von 9,8 Tagen. Die Kasse beobachtet dieses Muster seit Jahren: Ältere fehlen seltener, aber dafür deutlich länger. Auch der AOK-Fehlzeiten-Report 2025 bestätigt: Langzeiterkrankungen und Fälle von Multimorbidität konzentrieren sich auf ältere Jahrgänge, mit überproportionalem Anstieg bei Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Dazu kommen notwendige ergonomische Anpassungen von Arbeitsplätzen, eingeschränkte Einsetzbarkeit bei körperlich belastenden Tätigkeiten sowie statistisch steigende Unfallrisiken – und Arbeitsunfälle sind für Unternehmen teuer, in jeder Hinsicht. Es wäre also ein Irrtum anzunehmen, Arbeitgeber würden von einer Rente mit 70 schlicht profitieren. Wer seine Belegschaft im Schnitt deutlich älter werden lässt, verändert sein Unternehmen – in Belastbarkeit, Tempo und Innovationsfähigkeit. Erfahrung und Zuverlässigkeit sind echte Stärken älterer Arbeitnehmer, keine Frage. Aber sie ersetzen nicht die strukturellen Anforderungen, die ein höheres Durchschnittsalter an Betriebe stellt.
Wenn schon – dann richtig
Eine Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre ist nicht per se ausgeschlossen. Aber sie ist nur dann vertretbar, wenn die Jahrzehnte davor konsequent mitgedacht werden. Wer 70 als Ziel ausgibt, ohne die betriebsmedizinische Infrastruktur dafür zu schaffen, betreibt Augenwischerei. Was das konkret bedeutet: Die betriebsärztliche Begleitung muss engmaschiger werden, insbesondere ab dem 55. Lebensjahr. Statt sporadischer Pflichtuntersuchungen braucht es ein systematisches Monitoring, das Verschleißentwicklungen erkennt, bevor sie zur Berufsunfähigkeit führen. Tätigkeitsprofile müssen flexibler werden – der 67-jährige Lagerarbeiter muss nicht mehr dieselbe körperliche Last tragen wie mit 40, könnte aber einarbeiten, koordinieren und Qualität sichern. Dafür braucht es betriebsärztliche Empfehlungen mit echtem Gewicht, keine unverbindlichen Hinweise, die im Alltag folgenlos bleiben. Ebenso notwendig ist eine konsequente Differenzierung nach Berufsfeldern. Eine einheitliche Altersgrenze ist medizinisch nicht zu rechtfertigen. Wer schwere körperliche Arbeit leistet, kann nicht nach demselben Maßstab beurteilt werden wie jemand im Büro. Und schließlich muss betriebliche Gesundheitsförderung zur Pflicht werden, nicht zur Kür. Prävention über Jahrzehnte ist die einzige realistische Grundlage dafür, dass Menschen gesund ins höhere Erwerbsalter kommen. All das setzt eines voraus: deutlich mehr Betriebsärzte. Deutschland leidet bereits heute unter einem erheblichen Mangel an betriebsmedizinischer Versorgung. Wer Rente mit 70 ernsthaft anstrebt, muss zuerst hier investieren. Alles andere ist ein Versprechen ohne Fundament – und dürfte, wie so viele Versuchsballone vor ihm, geräuschlos platzen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, Jonas Glaubitz









