Die verflixte sechste Woche
Langfristige Krankschreibungen sind für niemanden schön, weder für Arbeitgeber noch für Mitarbeitende. Die Arbeitgeber müssen sechs Wochen lang das volle Gehalt bezahlen, danach übernimmt die Krankenkasse – die aber nur noch 70 Prozent des Gehaltes übernimmt. Eine bittere Einbuße für einen Arbeitnehmer. Da liegt beim einen oder anderen die Versuchung nahe, trotz noch unvollendeter Genesung an den Arbeitsplatz zurückzukehren, mit allen Risiken, die das so mit sich bringt. Hinzu kommt noch etwas anderes: Wer länger als sechs Wochen krank ist, hat das Recht auf ein Verfahren im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungs-Managements (BEM). Das ist zwar an sich eine gute Sache – doch schöner ist es, wenn man ohne das BEM auskommt. DOKTUS über die sechste Krankheitswoche, die so viel entscheiden kann.
Krank zur Arbeit – ein weit verbreitetes Phänomen
Krank zur Arbeit gehen – das hat einen Namen: Präsentismus. Und er ist verbreiteter als es viele ahnen. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse geht gut die Hälfte aller Beschäftigten manchmal, häufig oder sehr häufig krank zur Arbeit. Mehr als ein Viertel tut das sogar regelmäßig. Viele greifen dabei zu Schmerzmitteln oder anderen Medikamenten, um überhaupt funktionieren zu können. Die Gründe sind vielfältig: Schuldgefühle gegenüber Kollegen, Angst vor beruflichen Nachteilen, das Gefühl, unersetzbar zu sein. Doch wenn nach sechs Wochen das Gehalt auf rund 70 Prozent schrumpft, kommt ein handfester finanzieller Druck hinzu. Gerade bei Beschäftigten mit niedrigem Einkommen, laufenden Krediten oder Unterhaltspflichten kann dieser Druck zur alles entscheidenden Größe werden. Hinzu kommt: Wer in einem kleinen Team arbeitet oder schwer zu vertreten ist, spürt den sozialen Erwartungsdruck oft noch stärker. Studien zeigen zudem, dass Führungskräfte besonders häufig zu Medikamenten greifen, um arbeitsfähig zu bleiben – und damit unbewusst ein Vorbild setzen, dem Mitarbeitende folgen.
Wer krank arbeitet, wird oft langsamer gesund
Das Paradoxe daran: Wer krank zur Arbeit geht, wird oft nicht schneller gesund – sondern langsamer. Unvollständige Genesung erhöht das Rückfallrisiko und kann im schlimmsten Fall eine akute Erkrankung zur chronischen machen. Was als vernünftige Entscheidung erscheint, kann sich als teurer Fehler herausstellen – für den Beschäftigten selbst, aber auch für den Betrieb. Denn Präsentismus ist kein billiges Problem: Eine Studie des Beratungsunternehmens Booz & Company kommt zu dem Ergebnis, dass die durch Präsentismus entstehenden Kosten in deutschen Unternehmen rund zwei Drittel aller krankheitsbedingten Gesamtausgaben ausmachen. Fehler häufen sich, die Leistungsfähigkeit sinkt, und im schlimmsten Fall stecken erkrankte Mitarbeitende ihre Kollegen an – was den Schaden weiter vergrößert.
Der Betriebsarzt: früh handeln, bevor der Druck entscheidet
Genau hier kommt der Betriebsarzt ins Spiel. Lange vor der sechsten Woche kann er Warnsignale erkennen – und gegensteuern. Wer etwa an einem belastenden Arbeitsplatz erkrankt ist, braucht vielleicht keine vollständige Pause, sondern eine angepasste Tätigkeit. Stufenweise Wiedereingliederung, Umstrukturierung des Arbeitsplatzes, ein rechtzeitiges Gespräch mit dem Arbeitgeber: Das sind Werkzeuge, die verhindern können, dass aus einer Krankschreibung eine langwierige Geschichte wird. Der Betriebsarzt ist dabei kein verlängerter Arm des Arbeitgebers, sondern ein neutraler medizinischer Ansprechpartner – der dem Beschäftigten helfen kann, den richtigen Weg zwischen Genesung und Rückkehr zu finden.
Das BEM: Pflicht und Chance – aber kein Wunschszenario
Wer innerhalb von zwölf Monaten mehr als 42 Tage arbeitsunfähig war – nicht zwingend am Stück –, hat Anspruch auf ein Betriebliches Eingliederungs-Management. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, es anzubieten. Das BEM soll klären, wie eine erneute Arbeitsunfähigkeit verhindert werden kann: durch Anpassung des Arbeitsplatzes, veränderte Aufgaben oder gezielte Unterstützungsmaßnahmen. Der Betriebsarzt spielt dabei eine zentrale Rolle – als medizinischer Sachverstand, der zwischen den Interessen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber vermittelt. Doch das Schönste am BEM ist, wenn es nicht gebraucht wird. Wer frühzeitig handelt, wer bei anhaltender Krankheit rechtzeitig das Gespräch sucht und betriebsärztliche Unterstützung in Anspruch nimmt, hat gute Chancen, die verflixte sechste Woche gar nicht erst zu erreichen. Prävention ist in diesem Fall nicht nur die menschlichere – sie ist auch die klügere Lösung.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, dualstock









