Der erste Job, die erste Gefährdung

Arbeitsanfänger

Wer zum ersten Mal ins Berufsleben eintritt, bringt Enthusiasmus, Lernbereitschaft und oft eine gehörige Portion Nervosität mit. Was die meisten Berufsanfänger jedoch nicht mitbringen, sind Erfahrung im Umgang mit arbeitsbedingten Belastungen – und das Wissen, wann und wie sie Hilfe einfordern dürfen. Genau hier liegt ein unterschätztes Risiko. DOKTUS erklärt, warum Berufsanfänger eine besondere Risikogruppe sind.

Unerfahren, unsicher, unter Druck

Studien zur Arbeitssicherheit zeigen ein klares Muster: Junge Beschäftigte im ersten oder zweiten Berufsjahr sind überproportional häufig in Arbeitsunfälle verwickelt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Maschinen, Werkzeuge und Arbeitsabläufe sind neu und ungewohnt. Schutzreflexe, die erfahrene Kollegen längst verinnerlicht haben, müssen erst entwickelt werden. Hinzu kommt ein psychologischer Faktor, der in der betrieblichen Praxis häufig unterschätzt wird: Berufsanfänger wollen sich beweisen. Sie möchten einen guten Eindruck hinterlassen, gelten als belastbar und unkompliziert – und sagen deshalb lieber einmal zu viel Ja als einmal zu viel Nein. Dieser Anpassungsdruck verstärkt sich in der Probezeit erheblich. Wer noch nicht sicher ist, ob der neue Arbeitsplatz auf Dauer Bestand hat, wird körperliche Beschwerden eher ignorieren, Überstunden eher akzeptieren und gesundheitliche Bedenken eher für sich behalten. Das Ergebnis ist eine stille Häufung von Belastungen, die sich erst später – manchmal Jahre später – als manifeste Erkrankung zeigt.

Körper und Psyche unter Beobachtung

Die Bandbreite der Gesundheitsrisiken für Berufsanfänger ist breit. Im gewerblichen Bereich stehen Muskel-Skelett-Erkrankungen an erster Stelle: Falsche Hebetechniken, unergonomische Arbeitsplätze, lang anhaltende Steh- oder Sitzbelastungen – all das hinterlässt Spuren, wenn der Körper noch keine schützenden Routinen entwickelt hat. Im Büro- und Verwaltungsbereich rücken dagegen psychosoziale Belastungen in den Vordergrund. Reizüberflutung durch digitale Dauerkommunikation, hohe Erwartungen an ständige Erreichbarkeit und die Herausforderung, sich in neue Teams und Hierarchien einzufinden, können das Stressniveau dauerhaft erhöhen. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und erste Anzeichen eines Burnouts treten heute nicht mehr erst bei Menschen in der Lebensmitte auf. Betriebsärzte berichten, dass entsprechende Symptome in jüngeren Altersgruppen zunehmen – und dass diese Gruppe besonders selten von sich aus den Weg in die arbeitsmedizinische Sprechstunde findet.

Vorsorge Bildschirm G 37

Betriebsmedizin als unbekannte Größe

Ein wesentliches Problem ist schlicht Unwissen. Viele junge Menschen wissen nicht, dass es in ihrem Betrieb einen Betriebsarzt gibt oder geben muss – und noch weniger, was dieser konkret für sie tun kann. Betriebsärztliche Vorsorgeuntersuchungen, etwa nach den einschlägigen DGUV-Grundsätzen, werden oft als lästige Pflicht oder gar als Kontrollmaßnahme des Arbeitgebers wahrgenommen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie dienen ausschließlich dem Schutz der Beschäftigten und unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Ergebnisse werden nicht an den Arbeitgeber weitergegeben. Hier können Unternehmen aktiv gegensteuern. Wer neue Mitarbeitende von Beginn an in die betriebsärztliche Betreuung einbindet, vermittelt nicht nur Fürsorge, sondern investiert in langfristige Gesundheit und damit in Produktivität.

Früh zu handeln zahlt sich aus

Betriebliche Gesundheitsvorsorge, die erst greift, wenn Mitarbeitende bereits erkrankt oder langzeitkrank sind, kommt zu spät. Der klügere – und betriebswirtschaftlich sinnvollere – Ansatz ist die Prävention von Anfang an. Gerade für Berufsanfänger bedeutet ein früher Kontakt zur Betriebsmedizin: Sie lernen, welche Belastungen zu ihrem Arbeitsalltag gehören, wie sie diese erkennen und was sie dagegen tun können. Sie erfahren, dass betriebsärztliche Beratung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein Angebot, das ihnen zusteht. Und dann gibt es einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Faktor für Unternehmen. In Zeiten des demografischen Wandels und des Facharbeitermangels sind Firmen dringend auf einen gesunden Nachwuchs angewiesen. Es liegt also im Interesse eines jeden Arbeitgebers, den beruflichen Nachwuchs so früh wie möglich auf die betriebsmedizinischen Angebote aufmerksam zu machen. Dies kann, bei einer klug durchdachten Strategie zur beruflichen Gesundheit junger Mitarbeiter, auch zu einer engeren Bindung an die Firma führen. Unternehmen, die diesen Gedanken konsequent umsetzen, profitieren auf mehreren Ebenen: geringere Fehlzeiten, weniger Fluktuation in der sensiblen Frühphase des Arbeitsverhältnisses und eine Unternehmenskultur, in der Gesundheit nicht als Privatangelegenheit gilt, sondern als gemeinsame Verantwortung. Der erste Job muss nicht zur ersten Gefährdung werden – wenn die richtigen Strukturen von Beginn an vorhanden sind.

Peter S. Kaspar

Bildquelle: iStock, Taras Grebinets

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