Die Wissenschaft bleibt vorsichtig
So vielversprechend die Zahlen aus Industriestudien klingen, so zurückhaltend äußern sich unabhängige Arbeitswissenschaftler. Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung erforscht Exoskelette bereits seit über einem Jahrzehnt und mahnt zur Vorsicht: Wird gezielt eine Muskelgruppe entlastet, heißt das nicht automatisch, dass der gesamte Körper profitiert. Einzelne Studien deuten sogar darauf hin, dass Körperregionen außerhalb des eigentlichen Zielbereichs zusätzlich beansprucht werden können, wobei die langfristigen Folgen bislang kaum erforscht sind. Auch eine Untersuchung der Universitätsmedizin Magdeburg zu passiven Exoskeletten in der Pflege kommt zu einem gemischten Befund: Die Systeme entlasten spürbar bei Hebe- und Stützbewegungen, können die körperliche Belastung insgesamt aber nicht vollständig eliminieren. Tragekomfort, Verfügbarkeit und individuelle Anpassung entscheiden maßgeblich darüber, ob die Belegschaft die Systeme im Arbeitsalltag tatsächlich annimmt. Ähnlich gedämpft fällt die Einschätzung zu KI-gestützten Bewertungstools aus: Viele videobasierte Systeme zur Gefährdungsbeurteilung erkennen seitliche Bewegungen nach Expertenmeinung noch unzuverlässig und können wirkende Kräfte bislang gar nicht messen
Was sich für Betriebe rechnet
Für Arbeitgeber ist neben der Gesundheitswirkung vor allem die Wirtschaftlichkeit entscheidend. Erste Auswertungen aus der Pflegeforschung deuten darauf hin, dass sich die Anschaffungskosten für passive Exoskelette bereits amortisieren, wenn dadurch nur wenige krankheitsbedingte Fehltage vermieden werden. Neben körpergetragenen Systemen setzt die Industrie zunehmend auch auf stationäre Hebehilfen wie Vakuum-Schlauchheber, die schwere Lasten ohne individuelle Anpassung an einzelne Beschäftigte bewegen. Der demografische Wandel verstärkt den Handlungsdruck zusätzlich: Weil Belegschaften im Schnitt älter werden und der Fachkräftemangel körperlich fordernde Berufe besonders trifft, wird die Frage, wie sich Beschäftigte länger gesund im Erwerbsleben halten lassen, für viele Unternehmen zu einer strategischen Größe und nicht mehr nur zu einer Frage des Arbeitsschutzes im engeren Sinne.
Regeln statt Wildwuchs
Der technische Fortschritt bleibt nicht ohne rechtlichen Rahmen. Exoskelette gelten arbeitsschutzrechtlich als personenbezogene Maßnahme, was Arbeitgeber zu einer eigenen Gefährdungsbeurteilung verpflichtet, bevor die Systeme zum Einsatz kommen. Maßgeblich ist dabei das sogenannte STOP-Prinzip: Technische und organisatorische Lösungen wie Hebehilfen, Vakuumheber oder eine veränderte Arbeitsorganisation haben grundsätzlich Vorrang vor personenbezogenen Hilfsmitteln. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat ihre Richtlinien inzwischen aktualisiert und mit der DGUV Information 208-062 erstmals ein eigenes Regelwerk für Auswahl und Einsatz von Exoskeletten am Arbeitsplatz vorgelegt. Offen bleibt bislang, ob die Systeme rechtlich als persönliche Schutzausrüstung einzustufen sind. Ungeklärt ist zudem der Umgang mit den Bewegungs- und Nutzungsdaten, die viele Systeme inzwischen automatisch erfassen und die theoretisch auch Rückschlüsse auf Arbeitstempo und Fehlerhäufigkeit einzelner Beschäftigter zulassen.
Für Betriebe bedeutet das: Exoskelette und KI-gestützte Assistenzsysteme können ein sinnvoller Baustein der betrieblichen Prävention sein, ersetzen aber weder die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung noch die Beratung durch arbeitsmedizinische Fachkräfte. Wer körperlich stark belastete Arbeitsplätze hat, sollte die neuen Systeme deshalb nicht isoliert, sondern als Ergänzung eines umfassenden Präventionskonzepts betrachten.
Peter S. Kaspar
Quellen
Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA); Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Forschungsprojekt zu Langzeiteinsatz passiver Exoskelette; Universitätsmedizin Magdeburg, Studie zu Exoskeletten in der Pflege (Applied Ergonomics, Februar 2026); Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, DGUV Information 208-062; Berichterstattung zu Hannover Messe, LogiMAT und THE TIRE COLOGNE 2026.