Bei Hitze mehr Siesta wagen

Noch nicht lange ist es her, da blickte so mancher fleißige deutsche Arbeiter auf die angeblich so faulen „Südländer‘ herab. Für die beklagenswert schlechte Arbeitsmoral rund ums Mittelmeer wurde sogar ein eigenes Wort erfunden. Man sprach von der „Siesta-Mentalität‘. Inzwischen scheint das Wort aus dem deutschen Vokabular zu verschwinden. Ob es an den Temperaturen liegt? Egal ob Mannheim oder Madrid, Bad Nauheim oder Barcelona, die Temperaturen scheinen inzwischen überall gleich. Es gibt einen gewichtigen Unterschied. In Tarragona wissen sie, wie man mit solch mörderischen Temperaturen tagsüber umgeht, in Tettnang nicht. Vielleicht ist ja doch etwas dran an dieser Siesta. Vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, in der größten Mittagshitze die Beine hochzulegen und Arbeiten in die kühleren Abendstunden zu verlegen. Sollten die Deutschen auch mehr Siesta wagen? DOKTUS hat sich die Diskussion angeschaut.

431 Millionen Euro – pro Hitzetag

Die Zahlen sind beeindruckend – und zwar auf eine unangenehme Art. Eine Studie von Prognos im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat errechnet, was ein einziger Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad die deutsche Wirtschaft kostet: rund 431 Millionen Euro. Allein durch langsameres Arbeiten, technische Ausfälle und gestörte Lieferketten. Hinzu kommen 76.500 hitzebedingte Fehltage pro Hitzetag. Und das ist wohlgemerkt der Durchschnitt, nicht das Extremszenario. Wer sich fragt, wie viele solcher Tage ein normaler Sommer mittlerweile hat, ahnt, wohin die Rechnung führt.  Das Europäische Gewerkschaftsinstitut ETUI legt noch eine Zahl obendrauf: Rund 130 Millionen Beschäftigte in Europa sind am Arbeitsplatz Hitzestress ausgesetzt. Und der Forscher Andreas Flouris, Professor für Physiologie an der Universität Thessalien, weist auf einen Umstand hin, der viele überrascht: Die stärksten Zuwächse bei hitzebedingten Arbeitsunfällen verzeichnen derzeit nicht Spanien oder Griechenland, sondern Mittel- und Nordeuropa. Der Süden hat das Problem, der Norden holt auf – und er holt auf, ohne die kulturellen Schutzreflexe des Südens mitgebracht zu haben.

Die Siesta ist kein Mittagsschläfchen – sie ist Risikomanagement!

Genau das ist der Punkt, den Katharina Utermöhl, Volkswirtin beim Versicherungskonzern Allianz, in die Debatte einbringt. Südeuropäische Länder wie Spanien oder Griechenland passen ihre Arbeitszeiten in heißen Sommermonaten traditionell an: früh anfangen, die Mittagshitze meiden, den Arbeitstag entsprechend strukturieren. „Das ist eine sehr leicht umsetzbare Produktivitätsstrategie“, sagt Utermöhl. „Die Siesta ist kein Mittagsschläfchen – sie ist Risikomanagement.“ Deutschland, so ihr Befund, sei im internationalen Vergleich bislang nicht ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet.
Die Rechtslage in Deutschland ist dabei eindeutig – wenn auch lückenhaft. Ein eigenes Hitzegesetz für Beschäftigte gibt es nicht. Maßgeblich ist die Arbeitsstättenverordnung: Ab 26 Grad Raumtemperatur sollen Arbeitgeber Schutzmaßnahmen prüfen, ab 30 Grad sind sie verpflichtend, ab 35 Grad gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich als ungeeignet. Was das konkret bedeutet, bleibt den Betrieben weitgehend selbst überlassen – und das ist das Problem. Laut einer aktuellen Umfrage von GLS Investments und der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit erfassen nur 43 Prozent der befragten Großunternehmen Hitzerisiken überhaupt systematisch.

Vorsorge Bildschirm G 37

Was Betriebe jetzt konkret tun sollten

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sowie der Ausschuss für Arbeitsstätten (ASTA) haben seit August 2025 ergänzende Empfehlungen für Außenarbeitsplätze vorgelegt. Der entscheidende Fortschritt: Maßgeblich ist nicht mehr allein die Lufttemperatur, sondern eine „Beurteilungstemperatur“, die auch Luftfeuchtigkeit, Wind und Sonnenstrahlung einbezieht. Wer Hitze nur am Thermometer abliest, unterschätzt die tatsächliche Belastung seiner Beschäftigten systematisch. Schattenplätze, angepasste Pausenregelungen, Verlagerung schwerer Tätigkeiten in die Morgenstunden und ausreichend Trinkwasser sind die unmittelbaren Maßnahmen – nicht als Kür, sondern als gesetzliche Pflicht.
Der DGB bremst bei pauschalen Siesta-Modellen: Branchenspezifische Lösungen seien nötig, Arbeitszeitverlagerungen nicht überall praktikabel. Das ist richtig – und doch ist es kein Argument gegen das Grundprinzip. Was Spanien und Griechenland als kulturellen Reflex pflegen, ist in Deutschland eine arbeitsmedizinische Aufgabe, die systematisch angegangen werden muss. Genau hier liegt die Rolle des Betriebsarztes: nicht als Reagierender auf Hitzschlag und Kreislaufkollaps, sondern als Gestalter einer betrieblichen Hitzeprävention, die Gefährdungsbeurteilung, Arbeitszeitgestaltung und Schutzmittel zusammendenkt.

DOKTUS unterstützt Betriebe bei der betriebsärztlichen Betreuung

Ob Hitzeprävention, Gefährdungsbeurteilung oder arbeitsmedizinische Vorsorge – viele Betriebe, gerade kleinere und mittlere Unternehmen, stehen vor der Frage, wie sie all das organisieren sollen, ohne eine eigene Betriebsarztstruktur zu unterhalten. DOKTUS hilft, die passende betriebsärztliche Betreuung sicherzustellen. Qualifizierte Fachleute, die den Betrieb kennen und die aktuellen Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung ebenso im Blick haben wie die individuellen Bedingungen vor Ort.
Der Sommer kommt jedes Jahr. Und er wird wärmer. Die Frage ist nicht mehr, ob Betriebe sich auf Hitze einstellen müssen – sondern wann und wie. Wer jetzt handelt, schützt nicht nur seine Beschäftigten. Er schützt auch seine Produktivität. Vielleicht haben die Südländer das schon immer gewusst.

Peter S. Kaspar

Quellen

Prognos / BMAS: Arbeitsschutz im Klimawandel – Hitze und Wirtschaft (2026), https://www.prognos.com/de/projekt/arbeitsschutz-klimawandel-hitze-wirtschaft

ETUI / Euronews: Hitzestress gefährdet 130 Millionen Beschäftigte in Europa (26. Juni 2026), https://de.euronews.com/my-europe/2026/06/26/gewerkschaftsinstitut-hitzestress-gefahrdet-130-millionen-beschaeftigte-in-europa

t-online / Allianz Trade: Siesta statt Hitzestress? (18. Juni 2026), https://www.t-online.de/finanzen/ratgeber/beruf-karriere/id_101301608/hitze-am-arbeitsplatz-kommt-die-siesta-jetzt-nach-deutschland-.html

Siesta im BüroiStock Paul Bradbury
Arbeitsmedizinische Vorsorge
Angesteller/Arbeiter mit SchutzhelmiStock, PeopleImages
Thermometer zeigt Hitze anQuelle: istock, wildpixel
Glücklicher ImpflingDeagreez, istock