Wie umgehen mit der KI in der Betriebsmedizin?
Das Thema treibt viele um. Seit der Einführung von Chat GPT am 30. November 2022 hat sich für viele Menschen der Alltag nach und nach verändert. Was die einen als Segen betrachten, empfinden andere als Fluch. Schon zum Start dieser für jeden frei zugänglichen künstlichen Intelligenz erschienen die ersten Fachartikel, die sich mit der Frage auseinandersetzten, was die KI für Chancen und Risiken im Bereich der Arbeitsmedizin mit sich bringt. Drei Jahre später hat der Ausschuss für Arbeitsmedizin (AfAMed) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in einer großen Veranstaltung Resümee gezogen und darüber diskutiert, welche Möglichkeiten und welche Gefahren die KI in sich birgt. DOKTUS fasst zusammen, wie die Fachwelt eine Zukunft der Arbeitsmedizin mit KI sieht.
Zwischen Zuversicht und Skepsis
Selbst bei den glühendsten Befürwortern der künstlichen Intelligenz ist, wenigsten zum Teil, eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Die letzten drei Jahre haben gezeigt, dass sogenannten LLMs, also die Large Language Models, zu denen Chat GPT, Gemini oder Copilot gehören, um die drei meist genutzten frei zugänglichen KIs zu nennen, bisweilen merkwürdige Dinge tun. So sind sogenannte Halluzinationen nicht selten. Im Klartext: Die KI gibt falsche Antworten. Es gibt algorithmische Verzerrungen (BIAS), weil die KI mit verzerrten Trainingsdaten, verzerrten Messmethoden oder einer verzerrten Modelllogik trainiert wurde. Für die Arbeitsmedizin kann das fatale Folgen haben, etwa, wenn die KI für bestimmte Aussagen nur die Daten einer ausgewählten Beschäftigungsgruppe übernimmt. Dann sind die Ergebnisse nicht mehr auf die ganze Belegschaft übertragbar. Auch wenn ältere Daten, die Fehler enthalten, Grundlage für KI-Entscheidungen sind, kann das zu falschen Ergebnissen führen. Dennoch überwiegen für die meisten Fachleute die Chancen, die künstliche Intelligenz mit sich bringt, vor allem wenn es um die Prävention oder um arbeitsmedizinische Entscheidungshilfen geht.
Zahlreiche Möglichkeiten
Was eine KI konkret leisten kann, wurde an mehreren Beispielen vorgestellt. So können zum Beispiel durch Bewegungsdaten ergonomische Risiken erkannt werden. Um arbeitsbedingte Erkrankungen zu vermeiden, können KI gestützte Frühwarnsysteme installiert werden. Auch ist es möglich, arbeitsmedizinische Reihenuntersuchungen deutlich effizienter zu strukturieren. Zusammengefasst wurde eindrucksvoll darauf hingewiesen, wie hoch das Potential der künstlichen Intelligenz ist, wenn sie dazu beiträgt, präventive Maßnahmen früher und vor allem auch zielgerichteter einzuleiten.
Was auf Betriebsärztinnen und Betriebsärzte zukommt
Die wichtigste Botschaft dürfte wohl sein, dass am Ende stets die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt entscheidet und nicht die künstliche Intelligenz. Eindringlich war der Appell an die Medizinerinnen und Mediziner, die Systeme stets kritisch zu betrachten. Das setzt allerdings ein Grundverständnis für Datenqualität und Modellgrenzen voraus. Für Betriebsärzte heißt das, dass sie sich noch intensiver als andere Nutzer mit der Frage auseinandersetzen müssen, woher die Daten kommen und ob sie verlässlich sind. Es wird auch nötig sein, dass sie sich aktiv an der Gestaltung von sicheren KI-Anwendungen beteiligen. Die arbeitsmedizinische Professionalität wird sich in Zukunft auch daran messen, wie hoch die Kompetenz eines Betriebsarztes beim Umgang mit der künstlichen Intelligenz sein wird.
Mehr Arbeit durch KI?
Das klingt nun so, als würde durch die KI auf Betriebsärzte mehr Arbeit zukommen als durch den Verzicht auf dieselbe. Doch das ist ein Trugschluss. Tatsächlich ist die künstliche Intelligenz in der Lage, Betriebsärztinnen und Betriebsärzten viele Routinearbeiten abzunehmen. Das schafft Freiräume für andere Aufgaben. Vielmehr sind Betriebsärzte nun die Wächter über die KI. Das zeigt sich zum Beispiel am Thema Datensicherheit. So müssen die Arbeitsmediziner zum Beispiel nicht nur erkennen, ob Ergebnisse, richtig, logisch und nachvollziehbar sind, sondern auch, ob sie möglicherweise die Datensicherheit korrumpieren. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn eine Person durch die ausgegebenen Daten identifizierbar wird.
Was das für die Praxis heißt
Die Veranstaltung des AfAMed hat gezeigt, wie groß die Chancen sind, die die KI hinsichtlich der Prävention im Arbeitsleben bietet. Auch wurde klar, dass sie eine wertvolle Entscheidungshilfe sein kann. Voraussetzung ist allerdings, dass sie verantwortungsvoll eingesetzt wird, ihre Entscheidungswege und Datengrundlagen transparent sind – und dass sie in Einklang mit dem Datenschutz stehen. Letztlich entschiedet immer die Ärztin oder der Arzt. Die KI soll das bleiben, als was sie eigentlich gedacht war: Ein technisches Hilfsmittel.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, elenabs









