Telemedizin – Neuer Trend oder alter Hut?
Wenn über neue Entwicklungen in der Arbeitsmedizin gesprochen wird, dann geht es meist um zwei Trends: Künstliche Intelligenz und Telemedizin. Vor allem von dem verstärkten Einsatz von Telemedizin versprechen sich Politik und Verbände eine entscheidende Entlastung von Betriebsärztinnen und Betriebsärzten. Dabei scheint es so, als sei die Telemedizin eine grundlegend neue Technologie, die sich nun Bahn bricht. Doch ist das wirklich so? Wenn man ein wenig gräbt, entdeckt man, dass das Prinzip der Telemedizin schon vor mehr als 70 Jahren erstmals angewandt wurde. DOKTUS hat mal tief gegraben, um die Ursprünge der Telemedizin freizulegen.
Der Hausarzt am Telefon
Telemedizin bedeutet im Grunde nichts anderes als eine medizinische Betreuung auf Distanz, das heißt, der Arzt sieht den Patienten nicht. Immerhin, über das Telefon kann er zumindest mit dem Patienten kommunizieren. Es ist schon ein erstaunlicher Zufall, dass der Telefon-Pionier Antonio Meucci sein „Telettrofono“ – ein Vorläufer des Telefons – wegen seiner kranken Frau Ester entwickelt hatte. Mit diesem Gerät konnte er von seiner Werkstatt aus im Krankenzimmer mit ihr kommunizieren. 1871 meldete er darauf ein Vorpatent an. Fünf Jahre später galt Alexander Graham Ball dann als er eigentliche Erfinder des Telefons. Es dauerte noch etwa 70 bis 80 Jahre, bis sich das Telefon schließlich flächendeckend durchgesetzt hatte. Schon mit Beginn der 1950er Jahre boten Hausärzte auch telefonische Sprechstunden an. Auch die ersten Notdienste und Notfallnummern wurden nun eingerichtet.
Der Tele-Doktor kommt
Mit dem Siegeszug des Fernsehens hielt auch die Medizin Einzug in die deutschen Wohnzimmer – und damit sind nicht die 23 (!) Ärzteserien gemeint, die in der 1990er wöchentlich auf deutschen Sendern liefen. Sendungen wie Gesundheitsmagazin Praxis (ZDF) oder der ARD-Ratgeber Gesundheit erzielten in den Hauptprogrammen hohe Einschaltquoten. Spannender waren die Formate in den Dritten Programmen, wo der „Tele-Doktor“ (ohne dass es eine Sendung diesen Namens gab) fast sprichwörtlich wurde. „Sprechstunde live“ vom Süddeutschen Rundfunk oder „Ärztliche Sprechstunde“ beim Südwestfunk (heute beides SWR) ermöglichten es den Zuschauern, sich mit medizinischen Fragen telefonisch direkt an Ärztinnen und Ärzte wenden konnten. Diese Call-In-Formate erfreuten sich bald auch in anderen Dritten Programmen großer Beliebtheit. Die bekannteste Fernsehärztin war übrigens Marianne Koch, die ihre Bekanntheit allerdings ihrer schauspielerischen Karriere in den 50er Jahren zu verdanken hatte.
Medizinische Datenübertragung
Wenn man heute von Telemedizin spricht, geht es allerdings um weit mehr als um eine medizinische Beratung via Videoschalte. Vielmehr geht es auch um die Übertragung von medizinischen Daten. Aber auch hier reicht die Geschichte überraschend weit zurück. Der niederländische Physiologe Willem Einthoven gilt als der Erfinder des Elektrokardiogramms. Er wirkte an der Universität Leiden. In den Jahren 1905 und 1906 arbeitete er an der Fernübertragung eines EKG. Allerdings hatte das damals noch keine Auswirkungen auf den medizinischen Alltag. Doch einige Jahrzehnte später setzte sich das Tele-EKG in Praxen und Krankenhäusern durch und war damit eines der ersten Beispiele, für telemedizinische Anwendungen jenseits der verbalen Kommunikation.
Die Telemedizin heute?
Die Telemedizin gibt es in der ein oder anderen Form schon lange, doch die technische Entwicklung hat in den letzten Jahren ihre Möglichkeiten unendlich erweitert. Durch die weltweite Vernetzung ist es möglich, die Ergebnisse bildgebender Verfahren in Echtzeit überall hin zu versenden. Wearables erfassen medizinische Daten seines Trägers direkt im Alltag und können jederzeit von einem Arzt abgerufen werden. Selbst komplizierte Operationen sind inzwischen mit Telemedizin möglich, etwa, wenn ein Patient in Chikago im Operationssaal liegt und von einem Chirurgen, der in Johannesburg am Computer sitzt, operiert wird, in dem er von dort aus einen Roboter steuert.
Warum der Hype in der Betriebsmedizin?
Dass die Betriebsmedizin nun die Segnungen der Telemedizin entdeckt, ist kein Zufall. Der eklatante Mangel an Betriebsärztinnen und Betriebsärzten zwingt zu neuen Wegen. Viele Verfahren und Abläufe können durch Telemedizin vereinfacht und beschleunigt werden. So muss nicht bei jeder Vorsorgeuntersuchung die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt vor Ort sein. Gleichzeitig können mit Hilfe der Telemedizin mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreicht werden. Obwohl es in Deutschland eigentlich ein gut etabliertes betriebsmedizinisches System gibt, gibt es noch immer eine Zahl, die ein wenig erschüttert: Nur etwa die Hälfte aller Beschäftigten bekommt in ihrer gesamten Berufslaufbahn die zuständige Betriebsärztin oder den zuständigen Betriebsarzt überhaupt zu Gesicht. Auch das könnte sich mit der Telemedizin ändern.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: Wikipedia









