Erfolgsmodell BEM?
Die einen sehen im Beruflichen Eingliederungsmanagement (BEM) ein probates Mittel, Mitarbeiter nach einer langen Krankheit wieder in das Unternehmen zu integrieren, andere haben den Verdacht, es sei eigentlich nur ein Werkzeug, um lästige Mitarbeitende billig loszuwerden. 2004 wurde das berufliche Eingliederungsmanagement eingeführt. Ist es nach über 20 Jahren ein Erfolgsmodell geworden? Zumindest in der Theorie müsste man sagen: Ja. In der Praxis kommen allerdings einige Zweifel auf. Das liegt freilich nicht am Konzept des BEM. Das Problem liegt vielmehr in der Umsetzung. Nicht überall ist die Qualität gleich hoch, und oft kommen Unternehmen ihrer Pflicht, ein BEM-Angebot zu unterbreiten, gar nicht nach. DOKTUS zieht eine Bilanz.
Fehlende Zahlen
Es ist schon verblüffend: In einem Land, das geradezu versessen auf Zahlen, Normierungen, Evaluierungen und Überprüfungen ist, sind keine verlässlichen Zahlen darüber zu bekommen, wie viele Maßnahmen im Zuge eines BEMs in Deutschland jährlich eingeleitet werden. Daher weiß man auch nicht genau, wie oft ein BEM erfolgreich verläuft – und wie oft nicht. Immerhin lassen sich die Größenordnungen in etwa hochrechnen. Was man nun einigermaßen genau sagen kann, ist, dass rund 2,7 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Jahr länger als 30 Tage am Stück krankgeschrieben sind. Doch ab jetzt ist man auch auf Schätzungen angewiesen. Rund zwei Millionen sind länger als 42 Tage krank. Sie alle hätten in der Theorie auch den Anspruch auf ein Verfahren im Zuge des betrieblichen Eingliederungsmanagements. Doch nun werden die Zahlen noch unsicherer. Eines scheint allerdings klar: Nur knapp die Hälfte von diesen zwei Millionen bekommt von ihrem Arbeitgeber überhaupt ein Angebot für das Verfahren innerhalb eines BEM. Wie viele es letztlich dann auch annehmen, ist ungewiss. Vielleicht, so glauben Experten, etwa die Hälfte. Geht man von 500.000 Fällen jährlich in Deutschland aus, drängt sich die Frage auf: Wie viele BEM-Maßnahmen enden erfolgreich? Manche Fachleute halten diese Fragestellung aber für unseriös, denn wahren Erfolg einer BEM-Maßnahme lasse sich oft gar nicht so genau definieren. Aufschlussreich wäre dann aber ein Negativkriterium, das sich sehr einfach beantworten lassen müsste: Wie viele Kündigungen folgten auf ein BEM-Verfahren? Auch dazu gibt es keine Zahlen.
Die Angst vor dem Rausschmiss
Das ist vielleicht das größte Manko bei BEM: dass sich bei vielen Arbeitnehmenden die Vorstellung im Kopf festgesetzt hat, dass das BEM so eine Art Vorstufe zur Kündigung sei. Auch wenn wenige belastbare Zahlen vorliegen, so gehen Experten davon aus, dass eine Kündigung eher die Ausnahme als die Regel ist. Dass sich das Gerücht trotzdem so hartnäckig hält, hat einen nachvollziehbaren Grund: Eine krankheitsbedingte Kündigung hat vor dem Arbeitsgericht nur dann Bestand, wenn es zuvor das Angebot einer BEM-Maßnahme gab. Die Schlussfolgerung liegt für viele Arbeitnehmende auf der Hand: „Wenn mir eine BEM angeboten wird, ist das der erste Schritt zum Rausschmiss.“
Die Praxis sieht anders aus
In den seltenen Fällen, in denen das BEM keine berufliche Perspektive mehr bieten kann, hat erst ein langer, intensiver Prozess stattgefunden, an dem neben der Betriebsärztin oder dem Betriebsarzt auch noch, soweit vorhanden, ein Mitglied der Behindertenvertretung und ein Betriebsrat beteiligt sind. Schon diese Zusammensetzung soll gewährleisten, dass das betriebliche Eingliederungsmanagement eben nicht missbräuchlich zum Personalabbau genutzt wird. Zudem kann eine Wiedereingliederung auch durchaus Vorteile für den Arbeitgeber bringen. Oft sind es ja ältere Mitarbeitende, die aufgrund hartnäckiger Krankheiten längere Zeit ausfallen. Aber gerade sie bringen sehr viel Expertise und Erfahrung mit. Auf dieses Kapital wollen die meisten Unternehmer eben auch nicht verzichten. In ganz besonders heiklen Fällen kehren Mitarbeitende, etwa nach einem Unfall, als ganz andere Menschen zurück, wenn der Unfall beispielsweise zu einer dauerhaften Behinderung geführt hat. In diesem Fall wird der Arbeitsplatz sogar noch subventioniert.
Fazit
Die Vermutung, dass 20 Jahre berufliches Eingliederungsmanagement eine Erfolgsgeschichte darstellen, liegt zumindest nahe. Noch besser wäre es, wenn man diese Erfolgsgeschichte mit validen Zahlen untermauern könnte.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, Vdant









