Der Wegeunfall des Wirtschaftsrats
Mit dem Vorstoß, dass Bürger in Zukunft ihre Zahnarztrechnungen selbst bezahlen müssen, hat der Wirtschaftsrat der CDU eine Welle der Empörung ausgelöst. Dabei wird allerdings übersehen, dass die der CDU nahestehende Lobbyvereinigung noch eine Reihe anderer Vorschläge gemacht hat, wie der Sozialstaat verschlankt werden könnte. Einer davon betrifft alle Beschäftigten in Deutschland. Nach Vorstellungen des Wirtschaftsrates soll der Weg zur Arbeit in Zukunft nicht mehr über die gesetzliche Unfallversicherung abgedeckt werden. Unfallfolgen wären dann eine Angelegenheit der Krankenversicherungen. Auf den ersten Blick wirkt das wie die technische Detailforderung eines Lobbyverbandes. In Wahrheit rührt er an einem der ältesten und stabilsten Pfeiler des deutschen Sozialstaats. Wer verstehen will, warum dieser Schutz existiert und weshalb seine Abschaffung so heftig diskutiert wird, muss tiefer schauen: in die Geschichte der Arbeitsgesellschaft, in die Logik der Sozialversicherung und in die ideologischen Verschiebungen, die derzeit an ihren Fundamenten rütteln. DOKTUS erklärt, warum ein Wegfall des Versicherungsschutzes durch die Berufsgenossenschaften sowohl für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, als auch für die Arbeitgeber selbst schlimme Folgen hätte.
Der Weg zur Arbeit als Teil der Arbeit
Seit der Einführung der Unfallversicherung im 19. Jahrhundert gilt der Arbeitsweg nicht als private Laune, sondern als notwendige Voraussetzung beruflicher Tätigkeit. Ohne Weg keine Arbeit, ohne Arbeit kein Einkommen – so schlicht war die Logik, und sie hat sich bis heute gehalten. Der Staat übernahm Verantwortung für diesen Weg, weil Beschäftigte die Risiken nicht kontrollieren können: Verkehr, Infrastruktur, Witterung, das Verhalten anderer. Der Schutz war nie ein Geschenk, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsenses, dass Erwerbsarbeit nicht zur existenziellen Lotterie werden darf. Wegeunfälle wurden deshalb wie Arbeitsunfälle behandelt, mit all den Leistungen, die die Unfallversicherung auszeichnen: schnelle Heilbehandlung, umfassende Rehabilitation, gezielte Wiedereingliederung. Ein System, das nicht nur Menschen schützt, sondern auch Unternehmen entlastet, weil es Ausfallzeiten verkürzt und Folgeschäden minimiert.
Was eine Streichung wirklich bedeuten würde
Wer Wegeunfälle aus der gesetzlichen Unfallversicherung herauslöst, verschiebt Risiken – und zwar radikal. Beschäftigte würden im Ernstfall auf die Krankenversicherung zurückfallen, die weder die gleiche Reha bietet noch Renten zahlt oder berufliche Wiedereingliederung organisiert. Ein schwerer Unfall auf dem Arbeitsweg könnte damit zum sozialen Absturz führen. Unternehmen wiederum müssten mit längeren Ausfallzeiten rechnen, höheren Lohnfortzahlungskosten und einer Zunahme von Streitfällen über Zuständigkeiten. Die Unfallversicherung ist darauf spezialisiert, Menschen schnell wieder arbeitsfähig zu machen; die Krankenversicherung ist es nicht. Was heute ein eingespieltes System ist, würde zu einem Flickenteppich aus Zuständigkeiten, Kostenverschiebungen und Unsicherheiten. Und die Sozialversicherung insgesamt würde nicht entlastet, sondern nur anders belastet: Was die Unfallkassen nicht mehr tragen, landet bei Krankenkassen, Rentenversicherung oder Sozialhilfe – teurer, langsamer und weniger zielgerichtet.
Warum der Wirtschaftsrat diesen Weg trotzdem fordert
Der Wirtschaftsrat der CDU ist kein neutraler Beobachter, sondern ein Interessenverband, der seit Jahren eine klare Linie verfolgt: weniger Sozialstaat, mehr Markt, mehr Eigenverantwortung. In dieser Logik erscheinen Wegeunfälle als privates Lebensrisiko, das nicht kollektiv abgesichert werden müsse. Dass der Arbeitsweg für viele Menschen keine frei gewählte Option ist, sondern Ergebnis von Wohnkosten, Pendelzwang und Infrastruktur, spielt bei dieser Sichtweise keine Rolle. Entscheidend ist die kurzfristige Entlastung der Arbeitgeberbeiträge, denn die Unfallversicherung wird ausschließlich von Unternehmen finanziert. Die langfristigen Folgen – höhere Ausfallzeiten, schlechtere Reha, mehr Bürokratie – werden ausgeblendet oder als nachrangig betrachtet. Der Vorschlag ist weniger ein technischer Reformpunkt als ein ideologisches Signal: Der Sozialstaat soll zurückgebaut werden, Stück für Stück, beginnend bei Bereichen, die als verzichtbar dargestellt werden. Dass selbst viele in der CDU diese Forderung ablehnen, zeigt, wie weit der Wirtschaftsrat sich von der realen Arbeitswelt entfernt hat.
Ein Angriff auf den Kern des Sozialstaats
Die Debatte um Wegeunfälle ist deshalb mehr als ein Streit über Paragrafen. Sie berührt die Frage, welche Verantwortung eine Gesellschaft für diejenigen trägt, die sie am Laufen halten. Der Schutz des Arbeitswegs ist ein Symbol dafür, dass Erwerbsarbeit nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte erzeugt. Wer diesen Schutz streicht, verschiebt nicht nur Kosten, sondern verändert das Verhältnis zwischen Arbeit, Risiko und Solidarität. Der Vorschlag des Wirtschaftsrats wirkt wie ein technokratischer Eingriff, ist aber in Wahrheit ein politisches Statement: Der Weg zur Arbeit soll wieder privates Risiko werden. Genau deshalb stößt er auf so viel Widerstand – und genau deshalb lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, inbj









