Telefonische Krankschreibung soll bleiben, aber …
Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht lautstark die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gefordert wird. Vor allem Teile der Union und die Arbeitgeberverbände machen sich dafür stark, während SPD und Ärztevertreter sich für eine Beibehaltung der Regelung aus der Corona-Zeit einsetzen. Auch die Krankenkassen sind tendenziell für die telefonische Krankschreibung, fordern aber strengere Regeln. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) stellte nun in einem Interview mit RTL/ntv klar, dass sie das umsetzen will, was im Koalitionsvertrag steht. Darin wurde festgelegt, dass die telefonische Krankschreibung erhalten bleiben soll, aber auch, dass sie auf den Prüfstand kommt und die Regeln verschärft werden sollen – ähnlich, wie sich das die Krankenkassen wünschen. Doch wie könnten solche Verschärfungen im konkreten Fall aussehen? DOKTUS hat nachgeforscht.
Wie groß ist der Missbrauch?
Dass die Fehlzeiten in den Unternehmen gestiegen sind, ist unstrittig. Die große Frage ist: warum? Tatsächlich sind die Krankschreibungen vor allem wegen psychischer Belastungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen und machen in manchen Branchen bis zu 40 Prozent aus. Nun lassen sich psychische Erkrankungen schlecht mit Fieberthermometer und Blutdruckmessgerät feststellen. Schon deshalb gibt es auf diesem Feld ein gewisses Misstrauen von Seiten der Arbeitgeber. Wahr ist allerdings auch, dass der Druck auf viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den letzten Jahren enorm zugenommen hat, etwa durch Verdichtung der Arbeit oder Fachkräftemangel. Durch die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung ist das Misstrauen auf Arbeitgeberseite in den letzten Jahren weiter angestiegen. Die niederschwellige Möglichkeit, an eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AUB) zu kommen, habe zu einem Missbrauch geradezu eingeladen, argumentieren Arbeitgeber und Union. Sie machen die telefonische Krankschreibung für die hohe Zahl der Fehlzeiten verantwortlich. Dass es einen Missbrauch der Regelung gibt, bestreitet niemand. Der Streit entzündet sich daran, wie groß dieser Missbrauch ist. Eine völlige Abschaffung der telefonischen Krankschreibung könnte zu einem Nullsummenspiel werden, warnen Ärzte, und verweisen auf die Ansteckungsgefahr in überfüllten Wartezimmern während infektionsträchtiger Zeiten.
Wie könnte eine neue telefonische Krankschreibung aussehen?
Es gibt drei Punkte, die die Patienten direkt betreffen würden. In Zukunft sollen Ärzte nur die Patienten telefonisch krankschreiben dürfen, die sie auch kennen. Neue Patienten könnten also nicht von einer telefonischen Krankschreibung profitieren. Der zweite Punkt bildet eine Art Rückbesinnung darauf, warum die telefonische Krankschreibung eigentlich eingeführt wurde. Der Arzt soll nur dann krankschreiben, wenn ihm der Patient klare und leichte Symptome schildert, etwa bei einer Erkältung. Dagegen sollen schwerere Erkrankungen direkt untersucht werden. Schließlich soll eine telefonische Krankschreibung auch auf einen relativ kurzen Zeitraum beschränkt werden. Die Rede ist von fünf Tagen. Außerdem soll es noch andere Maßnahmen geben, die allerdings eher die Ärzte oder die Krankenkassen betreffen. Ärztinnen und Ärzte sollen zum Beispiel zu Checklisten verpflichtet werden, die sie abarbeiten müssen, ehe sie eine AUB ausstellen. Zudem müssten sie Krankschreibungen besser dokumentieren, und sie sollen auch besser ausgewertet werden. Konkret hieße das, dass es wohl mehr Informationen geben soll als bisher über die elektronische Krankschreibung (eAUB). Die Krankenkassen sollen statistisch besser überprüfen können, ob bestimmte Personen oder Branchen die telefonische Krankschreibung häufiger nutzen. Zudem gibt es auch die Überlegung, ob telefonische AUBs zugunsten von Videosprechstunden oder digitalen Diagnosesystemen reduziert werden können.
Nicht nur die telefonische Krankschreibung im Visier
Gesundheitsministerin Warken deutete in dem Interview an, dass sie nicht allein in der telefonischen Krankschreibung ein Problem sieht. Sie will auch Krankschreibungsportale und Online-Krankschreibungen genauer unter die Lupe nehmen. In diesem Bereich vermutet die Ministerin ebenfalls ein großes Missbrauchspotenzial. Sie befürchtet, dass der bequeme Weg, nur einen Fragebogen auszufüllen und noch nicht einmal am Telefon mit einem Arzt gesprochen zu haben, einen noch höheren Anreiz gibt, sich einfach krankzumelden. Es ist also damit zu rechnen, dass solche Portale in Zukunft strengeren Richtlinien unterworfen sein werden als bisher.
Wann greifen die Neuregelungen?
Nina Warken deutete in dem Interview an, dass sie möglichst schnell, das heißt noch im Laufe dieses Jahres, mit dem Koalitionspartner SPD und den Krankenkassen zu einer Regelung kommen möchte. Dies scheint durchaus möglich, wenn die Union bereit ist, auf eine komplette Abschaffung der telefonischen Krankschreibung zu verzichten. Die Krankenkassen haben mit ihren Forderungen zu dem Thema eine Kompromisslinie vorgegeben. Diskussionen dürfte es vermutlich noch über die Dauer der telefonischen Krankschreibung geben. Und dann sind da noch die Ärzte. Sie loben an der bisherigen Regelung, dass sie durch die telefonische Krankschreibung erheblich entlastet würden. Eine Verschärfung der bisher geltenden Praxis könnte allerdings wieder zu einer Mehrbelastung der Ärzte führen, die diese sicher nicht widerspruchslos hinnehmen würden.
Peter S. Kaspar
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