Gestörte Anpassung

Anpassungsstörung

Dass psychische Erkrankungen das derzeit vielleicht größte Problem in der Betriebsmedizin darstellen, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Rund 40 Prozent aller Krankschreibungen gehen auf Probleme mit der Psyche zurück. Am häufigsten werden Depressionen und Angststörungen diagnostiziert. Auf Rang drei folgen somatoforme Störungen, also das, was man im Volksmund psychosomatisch nennt. Nur jede zehnte Krankschreibung geht auf Anpassungsstörungen zurück. Doch genau diese Störungen, die im IDC-10 Code unter F 4.2 gelistet sind, werden in der Fachwelt immer wieder heftig diskutiert. Den einen gilt die Diagnose als zu schwammig, andere sehen darin einen wichtigen Fingerzeig auf viel schwerwiegendere Störungen, die in der Folge auftreten können. DOKTUS versucht zu erklären, was tatsächlich hinter der Diagnose Anpassungsstörung steckt.

Was ist eine Anpassungsstörung?

Die Anpassungsstörung fällt unter den Oberbegriff der Belastungsstörungen, zu denen unter anderem die bekannte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gehört. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert ein Anpassungsstörung als „eine ungewöhnlich heftige psychische Reaktion auf eine psychosoziale Belastung“. Konkret geht es um einschneidende Erlebnisse im Leben, wie den Tod eines nahen Angehörigen, den Verlust des Arbeitsplatzes, eine Scheidung oder eine schwere Krankheit. Häufig sind es aber auch berufliche Anlässe, die eine solche Störung auslösen können, etwa Arbeitsüberlastung, Zeitdruck, Mobbing, berufliche Zurücksetzung, wie etwa eine gescheiterte Beförderung oder eine Abmahnung. Die Symptome sind zahlreich und reichen von verändertem Sozialverhalten über Freudlosigkeit, Angstzuständen, depressiver Verstimmung bis hin zu Atemnot. Viele dieser Anzeichen lassen sich aber auch mit anderen psychischen Störungen in Einklang bringen.

Die Kritik

Manche Therapeuten halten die Diagnose für zu weit gefasst und glauben, dass mit einer vorschnellen Festlegung auf eine Anpassungsstörung ernsthafte Erkrankungen übersehen werden können. Andere gehen sogar soweit, dass sie in F 43.2 eine willkommene Gelegenheit für Gefälligkeits-Krankschreibungen sehen. Anderen hingegen geht die Definition nicht weit genug. So wird zum Beispiel darüber diskutiert, ob die Auswirkung auf Mobbingopfer nicht als eigenständige Störung innerhalb der Belastungsstörungen definiert werden sollte.

Vorsorge Bildschirm G 37

Was für die Anpassungsstörung als eigenständige Diagnose spricht

Viele Therapeuten sehen schon einen Vorteil in der Bezeichnung. Denn die Diagnose Anpassungsstörung ist bei weitem nicht so schambehaftet, wie zum Beispiel eine Depression. Zudem lässt sie sich ziemlich genau einkreisen und auch die Prognosen klingen deutlich erfreulicher als das bei einer Depression der Fall wäre. So sagt die Wissenschaft, dass eine Anpassungsstörung in der Regel binnen eines Monats nach Eintritt des Auslösers auftritt, und meist nicht länger als ein halbes Jahr bestehen bleibt. Mit Beseitigung des Stressors verschwindet auch die Anpassungsstörung sehr schnell wieder. Es gibt allerdings auch einen Haken. Aus einer Anpassungsstörung kann sich auch eine wesentlich ernstere Krankheit entwickeln. Insofern gilt die Diagnose F 43.2 vielen Ärzten und Therapeuten als wichtiges Warnsignal für schlimmere Dinge, die da noch kommen könnten. Deshalb ist eine ärztliche Betreuung oder eine Therapie auch dringend geraten

Was bedeutet das für die Betriebsmedizin?

Auch wenn es Bedenken bezüglich Gefälligkeits-Diagnosen geben sollte, so ist eine Anpassungsstörung auf jeden Fall sehr ernst zu nehmen. Eine Krankschreibung über ein oder zwei Wochen kann sich sehr günstig auswirken und ist allemal einer mehrwöchigen oder gar Monate währenden Arbeitsunfähigkeit vorzuziehen. Wenn es zu einer berufsbedingten Anpassungsstörung bei einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter kommt, eröffnet das auch dem Unternehmer die Möglichkeit, Arbeitsabläufe oder Arbeitsbedingungen zu überprüfen. Denn eines ist auch klar: Wenn eine berufsbedingte Anpassungsstörung ein Warnsignal für die betroffenen Mitarbeitenden darstellt, kann das auch für das Unternehmen selbst gelten.

Peter S. Kaspar

Bildquelle: Fotolia

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