Die stille Epidemie der Reizstoffe – Ein unsichtbares Problem mit realen Folgen
Reizstoffe gehören zu den am meisten unterschätzten Gesundheitsrisiken im Arbeitsalltag. Sie sind unscheinbar, alltäglich und oft unsichtbar. Sie verursachen keine spektakulären Unfälle, sondern schleichende Beschwerden: brennende Augen, trockene Schleimhäute, Kopfschmerzen, Hautirritationen. Und weil diese Symptome unspezifisch sind, werden sie selten ernst genommen. Beschäftigte vermuten die Heizung, das Wetter, den Stress oder eine leichte Erkältung. Dabei steckt häufig etwas anderes dahinter: eine stille, aber weit verbreitete Belastung durch Reizstoffe, die in Büros, Werkstätten, Küchen, Laboren und Fahrzeugen längst zum Normalzustand geworden ist. Das Tückische an Reizstoffen ist ihre Alltäglichkeit. Sie entstehen nicht nur in chemischen Prozessen oder industriellen Anlagen, sondern in ganz normalen Arbeitsumgebungen. Reinigungsmittel, die „frisch“ riechen sollen. Duftspender, die niemand bestellt hat, aber plötzlich überall hängen. Drucker und Toner, die bei hoher Auslastung Feinstaub freisetzen. Büromöbel, die ausgasen. Desinfektionsmittel, die seit der Pandemie inflationär eingesetzt werden. Baustellenstaub, der durch Lüftungsanlagen wandert. Küchendämpfe, die unterschätzt werden, weil sie „nur riechen“. Viele dieser Stoffe liegen unterhalb gesetzlicher Grenzwerte, aber oberhalb der individuellen Verträglichkeit. Und genau dort beginnt die betriebsmedizinische Herausforderung. DOKTUS erklärt, warum kleine Expositionen große Wirkung haben können.
Warum Beschwerden oft nicht ernst genommen werden
Beschwerden im Zusammenhang mit Reizstoffen haben ein kommunikatives Problem. Sie sind nicht eindeutig messbar, nicht sichtbar und nicht spektakulär. Beschäftigte, die Symptome äußern, werden schnell in die psychosomatische Ecke gerückt. Vielleicht ist es Stress, vielleicht eine Allergie, vielleicht einfach nur Zufall. Andere haben das doch auch nicht! Doch Reizstoffe wirken individuell. Was der eine kaum bemerkt, bringt die andere aus dem Gleichgewicht. Die Betriebsmedizin weiß das, aber im betrieblichen Alltag dominiert oft die Logik der Mehrheit. Beschwerden werden erst ernst genommen, wenn viele sie äußern. Dann ist es jedoch längst ein systemisches Problem.
Hinzu kommt ein kultureller Faktor: Viele Beschäftigte wollen nicht „empfindlich“ wirken. Sie nehmen Beschwerden hin, bis sie chronisch werden. Erst wenn mehrere Personen ähnliche Symptome schildern, entsteht ein Muster, das nicht mehr ignoriert werden kann. Doch dann ist die Belastung bereits etabliert. Die stille Epidemie der Reizstoffe lebt davon, dass sie nicht laut wird. Sie wirkt im Hintergrund, kontinuierlich, unterschwellig – und genau deshalb so nachhaltig. Besonders problematisch ist, dass Reizstoffe oft in Kombination auftreten. Ein wenig Tonerstaub, ein Hauch Duftstoff, ein Rest Reinigungsmittel, dazu trockene Luft: Jede einzelne Komponente wäre vielleicht tolerierbar, doch zusammen erzeugen sie eine Belastung, die weit über das Messbare hinausgeht. Die Betriebsmedizin sieht diese Muster, aber im betrieblichen Alltag werden sie häufig übersehen, weil sie nicht in Tabellen passen. Reizstoffe sind selten ein großes Problem – aber fast immer viele kleine.
Wie Betriebe Reizstoffe beherrschbar machen können
Dabei wären Reizstoffe gut beherrschbar, wenn man sie nur ernst nähme. Der erste Schritt besteht darin, Beschwerden nicht zu bagatellisieren, sondern als Hinweise zu verstehen. Der zweite Schritt ist die Identifikation der Quellen, die oft einfacher ist, als man denkt. Ein Rundgang mit offenen Augen und einer betriebsärztlichen Perspektive reicht häufig aus, um die entscheidenden Stellen zu finden. Und der dritte Schritt besteht in pragmatischen Maßnahmen: besser lüften, Produkte wechseln, Geräte warten, Reinigungspläne anpassen, Duftstoffe verbannen. Doch entscheidend ist etwas anderes: Reizstoffe brauchen eine betriebliche Sprache. Solange sie nur als diffuse Empfindungen wahrgenommen werden, bleiben sie unsichtbar. Erst wenn ein Betrieb akzeptiert, dass „es riecht komisch“ ein valider Hinweis ist, entsteht Handlungsspielraum. Reizstoffe sind kein Luxusproblem, sondern ein Gesundheitsfaktor. Sie entscheiden darüber, ob Menschen sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen oder ihn meiden. Wer sie ernst nimmt, gewinnt nicht nur Gesundheit, sondern auch Vertrauen. Und Vertrauen ist im Arbeitsschutz oft der wertvollste Stoff von allen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, mesh cube









