Ansteckende Depression
Depressionen spielen in der Arbeitsmedizin eine stetig wachsende Rolle. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang so gut wie nie stellt: Kann eine Depression eigentlich ansteckend sein? Natürlich nicht, wird die spontane Antwort sein, denn eine Depression erzeugt weder Bakterien noch Viren noch sonst irgendetwas Stoffliches, das andere Menschen infizieren könnte. Das ist zwar richtig. Und trotzdem ist es in der Geschichte immer wieder zu dem Phänomen der Massenschwermut gekommen. Am bekanntesten ist vielleicht das Werther-Fieber. Als Johann Wolfgang von Goethe 1774 seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlichte, kam es in Deutschland zu Selbstmorden verzweifelter junger Männer. Viele Leser verfielen in eine dunkle Melancholie, was schließlich sogar die Kirchen auf den Plan rief. Von den Kanzeln wetterten katholische Priester und protestantische Pastoren gegen das Werk. Am Ende distanzierte sich Goethe sogar selbst von dem Briefroman. Doch das Werther-Fieber sollte nicht der einzige Fall von Massendepression bleiben. Bis in unsere Zeit gibt es immer wieder solche Phänomene. Durch die sozialen Medien hat sich die Gefahr sogar noch einmal deutlich erhöht und nimmt damit auch unweigerlich Einfluss auf das Arbeitsleben. DOKTUS macht sich darüber Gedanken, wie man dem begegnen kann.
Von Byron bis Cobain
Etwa dreißig Jahre nach dem Werther-Fieber „erfand“ der englische Dichter Lord Byron den gebrochenen Helden oder den nach ihm benannten Byron Hero. Auch er löste unter jungen Lesern zunächst eine große Melancholie aus – und beeinflusste, wie Werther, die damalige Herrenmode. Nicht nur die Literatur stürzte junge Menschen massenhaft in die Melancholie. 1933 erreichte das Lied „Gloomy Sunday“ in Ungarn eine ähnliche Wirkung, wie „Die Leiden des jungen Werther“. Es kam zu Suiziden, was dem Lied auch den Namen „Lied der Selbstmörder“ einbrachte. Statt des Kirchenbanns bekam der Song den Zorn der britischen BBC zu spüren, die das Lied kurzerhand verbot. Zu den zahllosen Interpreten gehören bis heute unter anderem Ray Charles, Marianne Faithfull, Genesis oder Sinéad O’Connor. Und dann war da noch Kurt Cobain, der sich 1994 das Leben nahm und seine riesige Fan-Gemeinde in ebenso riesige Trauer stürzte. Auch hier kam es vereinzelt zu Selbstmorden. Nicht nur die Musik und Literatur lösen Trauer und Depression aus. Auch der Tod von Prominenten kann viele Menschen in ein tiefes dunkles emotionales Loch stürzen. Als James Dean mit seinem Porsche in den Tod gerast war, löste es bei jungen Menschen eine ebenso große Trauer aus wie weltweit wenige Jahre später die Ermordung von John F. Kennedy. Auch der Unfalltod von Prinzessin Diana 1997 traumatisierte viele Menschen auf der ganzen Welt. Ferne politische Ereignisse können ebenfalls einen nachhaltigen psychischen Effekt entfalten. Dazu gehört der 11. September 2001, der enorme emotionale Spuren rund um den Globus hinterließ. Ähnliches gilt für den 24. Februar 2022 oder den 7. Oktober 2023. All das sind einschneidende Ereignisse, die seelische Wunden bei zahlreichen Menschen hinterlassen haben.
Ist das wirklich ansteckend?
Nun wirken die genannten Ereignisse nicht auf jeden Menschen gleich. Jemand, der mit Kurt Cobain und Oasis nicht anfangen konnte, hat in den Neunzigern wohl nur wenig getrauert. Wenn aber enge Freunde sich vor Schmerz verzehrten, blieb das nicht ohne Wirkung. Es liegt schon auf der Hand: wer sich in einem depressiven Umfeld befindet, hat selbst nur wenig zu lachen. Das bedeutet, dass er sich zwangsläufig immer mehr der depressiven Grundstimmung annähern wird. Der Mechanismus kann auch anders herum funktionieren. Ein fiktives Beispiel: Frau Stubbe in der Lohnbuchhaltung brachte seit Jahren ihren Rauhaardackel Jacky mit ins Büro. Nicht jeder mochte den Dackel, aber jeder die herzensgute Frau Stubbe. Als nun der treue vierbeinige Begleiter der alleinstehenden Frau das Zeitliche segnet, stürzt sie das in eine tiefe Depression. Die Kollegen versuchen sie zu trösten. Frau Müller-Bergdorf, die den Dackel Jacky eigentlich hasste, kümmert sich besonders um Frau Stubbe. Stundenlang hört sie sich nun Geschichten von Jacky an, schaut auf Frau Stubbes Handy Hunderte von Hundebildern an. Dadurch wird sie ihrerseits immer schwermütiger. Immer mehr Arbeit bleibt liegen. Drei Kollegen nervt das, drei andere haben Verständnis für die Situation und leiden mit den beiden Frauen. Die Situation ist für das Unternehmen nun ziemlich heikel: Die Lohnbuchhaltung ist einerseits dysfunktional, weil zwei Kolleginnen in einem depressiven Zustand stecken, drei weitere sind zumindest depressiv verstimmt, weil sie mitfühlen können und drei sind sauer, weil die ganze Arbeit an ihnen hängen bleibt. Es scheint also so, dass Depression nicht nur ansteckend sein kann, sondern auch noch Kollateralschäden verursachen kann.
Ein Fall für die Betriebsmedizin?
Auf jeden Fall! Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte ist alles von Belang, was das physische und psychische Wohlbefinden am Arbeitsplatz beeinträchtigen kann. Hilfe ist also angeraten, nicht nur zum Wohle der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters, sondern auch zum Wohle des Unternehmens. Ist ein Einzelner durch einen Schicksalsschlag getroffen, geht es um individuelle Angebote, die vom Gespräch bis zur Überweisung an Spezialisten reichen. Zudem ist es auch notwendig, das direkte Arbeitsumfeld für die Situation zu sensibilisieren. Dazu sind Gespräche in der Gruppe geeignet. Handelt es sich jetzt um ein Ereignis, das viele Menschen gleichermaßen traumatisiert hat, geht es um eine gemeinsame Aufarbeitung. Auch dafür sind Gesprächsangebote ein wichtiges Mittel. Darüber hinaus ist es wichtig, die Team-Resilienz zu stärken, denn in der Gemeinschaft fällt es den meisten leichter, Erlebnisse oder Ereignisse zu verarbeiten. Hilfreich kann es sein, wenn man bestimmte Rituale entwickelt. Auch klare Strukturen können dazu beitragen, widerstandsfähiger gegen Depressionen auslösende Einflüsse zu werden.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, Orawan Wongka









