… vom Boreout

Boreout

Stress, Überlastung, Versagensangst – all das sind die Steine, mit denen der Weg ins Burnout gepflastert ist. Der Begriff Burnout bezeichnet nicht nur eine Krankheit, die in der Betriebsmedizin eine zentrale Rolle spielt, er ist inzwischen auch ein hervorragender Trigger geworden, um Aufmerksamkeit zu erregen. So geistert seit einiger Zeit ein Begriff durch die Fachwelt, der eine Krankheit beschreibt, die es so – zumindest bei heute – nicht gibt. Oder vielleicht doch? Das Boreout beschreibt sozusagen das Gegenstück zum Burnout. In diesem Fall werden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht durch Überbelastung krank, sondern durch Unterforderung. Kollegen, die darunter leiden, ist es buchstäblich sterbenslangweilig. Ihr Job ödet sie einfach nur an. Doch reicht solch ein Gefühl schon aus, um als Krankheit anerkannt zu werden? Die Fachwelt ist sich uneins, ob das Boreout wirklich ein Thema für die Betriebsmedizin ist, oder nur ein Kunstwort, das den Verkauf von Büchern ankurbeln soll. DOKTUS begibt sich auf Spurensuche.

Am Anfang war das Wort

2007 erblickt der Begriff „Boreout“ das Licht der Welt. Peter Werder und Philippe Rothlin veröffentlichten damals ein Buch mit dem Titel „Diagnose Boreout“. Ihre These: Langeweile, die durch monotone, eintönige und nervtötende Arbeit entsteht, ist etwa genauso schlimm, wie ständige Überforderung und macht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf lange Sicht ebenso krank. Das Wort setzt sich zusammen aus dem englischen Begriff für Langeweile und kombiniert ihn mit dem letzten Wort von Burnout. Fertig ist der nagelneue Gegenbegriff zu Burnout. Schnell haben sich auch Wissenschaftler gefunden, wie der Frankfurter Psychotherapeut Wolfgang Merkel, der die Symptome von Burnout und Boreout durchaus für vergleichbar hält. Auch Elisabeth Prammer, Soziologin aus Wien, beschäftigt sich mit dem Thema, jedoch weniger aus betriebsmedizinischer als mehr aus soziologischer und ökonomischer Sicht. Sie sieht im Boreout durchaus ein Problem für den Einzelnen, aber auch für Unternehmen.

Alles nur „Wortgeklingel“?

Doch nicht jeder in der Fachwelt will diesen Thesen über das Boreout zustimmen. Da ist zum Beispiel Karl Stapf, der das psychologische Institut der Universität in Tübingen leitet. Er kann mit dem Begriff Boreout nichts anfangen und nennt ihn „Wortgeklingel“. Für andere ist Boreout lediglich eine Modekrankheit. Manche vermuten hinter Boreout pure Fakenews. Die Burnout-Forscherin Christina Maslach bezeichnet das Thema als „Mediensensationsgeschichte“. Die Wirtschaftspsychologin Jelena Becker und der Psychiater Thomas Fuchs glauben, dass es sich bei Boreout um eine „Überdiagnostik“ handelt.

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Ein Problem bleibt

Die einen sehen im Boreout ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem, das sie als Krankheit klassifiziert, die anderen fürchten dagegen, dass Faulheit künftig zur Krankheit erhoben und damit entschuldigt wird. Doch vielleicht ist die Frage nach der Krankheit falsch gestellt. Möglicherweise muss man Boreout im Moment eher noch als Phänomen, denn als Krankheit betrachten. Das wäre übrigens eine weitere Parallele zu Burnout, das Jahrzehnte lang gar nicht als Krankheit anerkannt war. Denn eines ist klar: die beschriebenen Hinweise dafür gibt es. Langweilige und Monotonie tun auf lange Sicht weder dem Geist noch dem Körper gut. Betroffene leiden unter Schlafstörungen, Kopf- und Magenschmerzen sowie Schwindelgefühlen. Sie sind anfälliger für Infektionskrankheiten und für Tinnitus.

Im Verborgenen

Während ein Burnout in gewissen Kreisen sogar als eine Art Auszeichnung gilt, versuchen Menschen, die unter Boreout-Symptomen leiden, diese lieber zu verbergen. Der Grund ist ein einfacher: Menschen, die darunter leiden, dass sie am Arbeitsplatz nicht ausgefüllt sind, haben natürlich die Angst, sie könnten als Faulenzer und Drückeberger betrachtet werden. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass dieses Phänomen noch nicht richtig erforscht ist. Die Betroffenen bleiben also lieber im Verborgenen und leiden weiter. Doch im Verborgenen bleibt auch noch etwas anderes. Eine Möglichkeit diese Situation zu kompensieren, ist die bewusste oder unbewusste innere Kündigung. Spätestens an diesem Punkt wird das Thema Boreout zu einem Problem für Unternehmen. Weitere Forschungen lassen daher auch vermuten, dass das Thema Boreout in den nächsten Jahren deutlich präsenter werden könnte. Durch die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz könnten sich immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer massiv unterfordert fühlen. 
Ob das Boreout eine Krankheit ist oder nicht, mag dahingestellt sein, dass es in den kommenden Jahren zu einem Problem für viele Unternehmen werden könnte, ist dagegen sehr wahrscheinlich.

Peter S. Kaspar

Bildquelle: Fotolia

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