Löwengrube Arbeitsplatz
Manch einer bezeichnet seinen Arbeitsplatz, mal im Scherz, mal im Ernst als Löwengrube. Doch kaum jemand glaubt, dass er mit dieser Einschätzung der Realität schon ziemlich nahekommt. Dieser Meinung sind zumindest die beiden Evolutionsforscher Colin Shaw und Daniel Longman. Shaw arbeitet an der Universität in Zürich, sein Kollege Longman forscht an der Longborough-Universität in London. Sie wollten wissen, ob das evolutionäre Stresssystem des Menschen, den Anforderungen der heutigen Welt gerecht wird. Unter anderen hat sich die Onlineausgabe des Nachrichtensenders NTV mit den Forschungsergebnissen der beiden Wissenschaftler auseinandergesetzt. DOKTUS hat sich das genauer angesehen.
Eine kurze Geschichte über den Stress
In der Geschichte der Evolution des Menschen nimmt der Stress eine wichtige, arterhaltende Rolle ein. In einem Gefahrenmoment soll der Mensch alle verfügbaren Ressourcen sammeln, um diese Gefahr abzuwehren. Das konnte zum Beispiel ein Löwenangriff sein. Wenn der Löwe angriff, schoss das Adrenalin hoch, der Herzschlag beschleunigte sich, die Muskeln spannten sich an und alle in diesem Moment überflüssigen Systeme wurden herunter gefahren. Der sogenannte Tunnelblick sorgte dafür, dass der oder die Angegriffene sich nur noch auf die unmittelbare Gefahr konzentrierte. Das konnte gut gehen, oder auch nicht. Ging es gut, hatte der oder die Angegriffene erst mal viel Zeit, sich zu regenerieren. Die Erfahrung lehrte, dass der nächste Löwenangriff wohl erst in einem halben Jahr wieder anstehen würde, Zeit genug, das Geschehene zu verarbeiten, sich vielleicht sogar in aller Ruhe über neue Verteidigungsstrategien Gedanken zu machen.
Lauter Löwenangriffe – jeden Tag
Die Evolutionsforscher Shaw und Longman arbeiteten für ihre Studien mit 160 Teilnehmenden zusammen und entdeckten dabei Erstaunliches. Das Stresssystem des Menschen arbeitet noch genau so wie vor langer Urzeit. Das ist jetzt nicht unbedingt eine gute Nachricht. Denn das Stresssystem unterscheidet nicht zwischen einem Löwenangriff auf der einen Seite und einem Abgabetermin, einem nörgelnden Chef und einem vormittäglichen Meeting. Stress ist Stress. Wenn also Termin, Chef und Meeting zusammenfallen, ist das nicht wie der Angriff eines Löwen, sondern von dreien. Real sieht es also so aus, dass der Betroffene in einem permanenten Abwehrkampf steckt. Selbst, wenn er bis zum Nachmittag die drei Löwen abgewehrt hat, stehen sie spätestens am nächsten Morgen in der ein oder anderen Form doch wieder vor der Büro-Türe. Es gibt keine Chance auf Regeneration oder Raum, neue Strategien für sich zu entwickeln.
Tiefe Spuren im Gemüt
Diese Art von Löwenangriffen hinterlässt nun keine Kratz- oder Bisspuren. Stattdessen sind Gereiztheit, hoher Blutdruck, Schlafstörungen, Angstzustände Konzentrationsschwäche, Immunschwäche und Herz-Kreislauferkrankungen die Folge. Da sich Geist und Körper praktisch im dauerhaften Alarmzustand befinden, ist an eine schnelle Erholung gar nicht zu denken, obwohl gerade jetzt eine Pause dringen notwendig wäre.
Zurück zur Natur
Colin Shaw und Daniel Longman sind bei ihren Forschungen auf eine verblüffend einfache Strategie gestoßen, mit der man den schlimmsten Folgen der imaginären Löwenangriffen, begegnen kann. Zurück zur Natur! Die Probanden, die sich häufiger in der freien Natur oder in Parks und Gärten aufhielten, hatten einen signifikant geringeren Blutdruck, das Immunsystem verbesserte sich und das subjektive Wohlbefinden steigerte sich ebenfalls. Paradoxerweise hilft also ausgerechnet bei imaginären Löwenangriffen ein Rückzug in die Natur. Aus diesem Grund fordern die beiden Forscher auch, bei städtebaulichen Maßnahmen diese Erkenntnis zu berücksichtigen. So plädieren sie für mehr Parks und mehr Grünflächen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, orodenkoff










