Eine Branche unter Druck
Pakete, die in Rekordzeit geliefert werden, Regale, die sich wie von Geisterhand füllen, und Lkw, die rund um die Uhr rollen – die Logistikbranche ist das unsichtbare Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Was dabei kaum jemand sieht: die gesundheitliche Last, die diese Branche auf ihre Beschäftigten abwälzt. Denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die führende Todesursache in Deutschland und verursachen rund 40 Prozent aller Sterbefälle. Und ausgerechnet in der Logistik treffen nahezu alle bekannten Risikofaktoren gleichzeitig aufeinander – Schichtarbeit, körperliche Belastung, Zeitdruck und eine Ernährungssituation, die an Raststätten und in Kantinen selten optimal ist.
Schichtarbeit als stiller Krankmacher
Die Arbeit in der Logistik ist geprägt von unregelmäßigen Arbeitszeiten, permanentem Zeitdruck und hoher Verantwortung. Hinzu kommen körperliche Belastungen wie das Heben schwerer Güter, Arbeit bei Kälte, Hitze oder hohem Lärmpegel sowie langes Sitzen in Zwangshaltung, das Müdigkeit und Erschöpfungszustände begünstigt. All das summiert sich zu einem Risikoprofil, das in kaum einer anderen Branche so ausgeprägt ist. Besonders die Schichtarbeit erweist sich dabei als unterschätzter Faktor: Das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung ist bei Schichtarbeitern um 17 Prozent höher als bei Beschäftigten mit regulären Tagesarbeitszeiten. Isoliert betrachtet ist das Risiko für eine koronare Herzkrankheit sogar um 26 Prozent erhöht – und das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, steigt um 20 Prozent. Zahlen, die eigentlich für sich sprechen sollten – und dennoch in vielen Betrieben kaum bekannt sind.
Das Risiko wächst mit den Jahren
Besonders alarmierend ist dabei die Langzeitperspektive. Das erhöhte Risiko zeigt sich erst nach fünf Jahren im Schichtdienst – doch dann steigt es alle weiteren fünf Jahre um weitere 7,1 Prozent. Wer also seit zwei Jahrzehnten im Wechselschichtbetrieb eines Logistikzentrums arbeitet, trägt eine erhebliche kardiovaskuläre Hypothek mit sich – oft ohne es zu wissen. Ursächlich dafür ist vor allem die Störung des zirkadianen Rhythmus, also der inneren Uhr, durch ungewöhnliche Schlaf- und Wachzeiten. Der Körper kommt schlicht nicht zur Ruhe, der Stoffwechsel gerät aus dem Takt, Blutdruck und Entzündungswerte steigen schleichend – und das Herz zahlt langfristig den Preis. Was dabei besonders bedenklich ist: Viele Betroffene spüren diese Entwicklung lange nicht, weil die Symptome schleichend kommen und im hektischen Alltag der Branche leicht übersehen werden.
Alarmierende Fehlzeiten
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer fehlen laut dem Gesundheitsreport 2025 der Barmer im Schnitt 33,5 Tage pro Jahr – und damit deutlich mehr als der branchenübergreifende Durchschnitt von 24,2 Tagen. Dahinter steckt kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem: Eine Branche, die rund um die Uhr funktionieren muss, zehrt systematisch an der Gesundheit ihrer Beschäftigten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit geringem und mittlerem Qualifikationsniveau – also genau jene, die das Rückgrat der Logistik bilden – sind von Arbeitsunfähigkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders häufig betroffen. Für die Unternehmen bedeutet das nicht nur menschliches Leid, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Kosten durch Ausfälle, Mehrarbeit und Qualitätsverlust.
Was Betriebsärztinnen und Betriebsärzte tun können
Genau hier setzt die Betriebsmedizin an. Eine strukturierte Gefährdungsbeurteilung, die nicht nur physische, sondern auch psychosoziale Belastungen erfasst, ist der erste und wichtigste Schritt. Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen – etwa im Rahmen der G 25 für Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten – ermöglichen es, kardiovaskuläre Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich zu ernsthaften Erkrankungen entwickeln. Betriebsärztinnen und Betriebsärzte können darüber hinaus konkrete Empfehlungen zur Schichtplangestaltung geben, auf gesundheitsförderliche Pausenregelungen hinwirken und Beschäftigte gezielt zu Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung beraten. Screening-Programme zur Früherkennung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten gelten als wirksames Mittel, um das Herzrisiko bei Schichtarbeitern spürbar zu senken. Das ist keine Kür – das ist Kernaufgabe der Betriebsmedizin. Und in einer Branche, die so viele Menschen beschäftigt und so viele Risiken birgt, ist diese Aufgabe wichtiger denn je. Eine qualifizierte und nachhaltige betriebsmedizinische Versorgung, liegt also nicht nur im Interesse der Beschäftigten, sondern auch der Unternehmen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, Smederevac









