ADHS im Beruf
Eigentlich galt sie zunächst als Kinderkrankheit, die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Lange wurde darüber diskutiert, ob das Zappelphilipp-Syndrom überhaupt eine Krankheit sei. Es dauerte, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass es sich bei ADHS um eine durchaus ernste Erkrankung handele. Als die ersten Fälle von ADHS bei Erwachsenen publik wurden, entfachte das die Diskussion erneut. ADHS galt, wenn überhaupt, dann bestenfalls als eine Kinderkrankheit. Doch das ist mitnichten so. Auch Erwachsene können an ADHS erkranken – wobei das so nicht ganz richtig ist. ADHS ist eine angeborene, neurobiologische Entwicklungsstörung, die stark genetisch beeinflusst ist. ADHS-Patienten stellen im Arbeitsleben eine Herausforderung an die Betriebsmedizin dar. Wie man der möglichst positiv begegnet, hat DOKTUS herausgefunden.
Seit wann gibt es ADHS?
Als psychische Störung ist ADHS erst seit Ende der 1960er Jahre offiziell anerkannt. Doch natürlich ist die Krankheit viel älter. Das berühmte Kinderbuch: „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann schildert in einigen Kapiteln das Verhalten von Kindern, das eindeutig der AHDS-Diagnostik zugeordnet werden kann. Am bekanntesten dürfte der Zappelphilipp sein, von dem die Hyperaktivitätsstörung auch ihren populären Namen erhalten hat. Doch auch Hans-Guck-in-die-Luft, der Suppen-Kasper, der böse Friedrich und Pauline mit ihrem Feuerzeug lassen Symptome der Erkrankung erkennen. Zum ersten Mal betrachtete Georg F. Still im Jahr 1902 Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen unter einem medizinischen Aspekt. Es dauerte aber noch fast 70 Jahre, bis ADHS erstmals anerkannt wurde. Kritiker nannten ADHS eine Modekrankheit oder eine Erfindung der Pharmaindustrie. Nahrung fand dieses Gerücht durch die Tatsache, dass Ritalin – lange das einzig wirksame Medikament – schon auf dem Markt war, ehe ADHS als Krankheit anerkannt wurde.
Promis mit ADHS
Dass ADHS inzwischen wieder im Gespräch ist, liegt unter anderem an zahlreichen Prominenten, die sich inzwischen geoutet haben, begonnen mit Deutschlands beliebtestem Fernseharzt Eckehard von Hirschhausen über die amerikanische Turnerin Simone Biles, die Schauspielerin Emma Watson, Ex-Radstar Jan Ullrich bis hin zum deutschen Handball-Nationaltorwart Andreas Wolff. Sie berichten zum Teil über ihre Erfahrungen wie: „Jahrmarkt im Gehirn“ oder wie der kanadische Sänger Justin Biber über die Einnahme und Auswirkungen von Medikamenten. Dadurch wurde auch in der Öffentlichkeit klar, dass das durchaus ein Problem war, das nicht nur Kinder und Jugendliche betraf. Besonders aufschlussreich war dabei die Darstellung von Eckehard von Hirschhausen, der die Diagnose erst mit über 50 Jahren erhielt. Inzwischen geht man davon aus, dass auch längst verstorbene Prominente, an ADHS litten. Häufig wird in diesem Zusammenhang Albert Einstein genannt.
ADHS ein Problem im Arbeitsleben?
Zwangsläufig muss sich deshalb auch die Betriebsmedizin mit AHDS beschäftigen, denn auch immer mehr Mitarbeitende erhalten diese Diagnose. Dabei ist zu beachten, dass es nichts Neues ist. Dass die Aufmerksamkeitsstörung lange als Kinderkrankheit galt, lag schlicht daran, dass man bei Erwachsenen einfach nicht genau genug hingeschaut hat. Erkrankungen im Arbeitsleben, aus der dieser Störung erwuchsen, wurden entsprechend isoliert betrachtet. ADHS-Patienten sind deutlich anfälliger für eine Burn-Out-Erkrankung. Auf sie trifft das Bild zu von der Kerze, die an beiden Enden brennt. Je nachdem, welche Symptome sich zeigen, kann allerdings auch die Zusammenarbeit mit einer hyperaktiven Person für die Kollegen ausgesprochen anstrengend sein. So können Desorganisation, mangelnde Impulskontrolle und Konzentrationsmängel zu Konflikten führen. Auf der anderen Seite können Unternehmen von der Kreativität, die viele AHDS-Erkrankte mit sich bringen, stark profitieren. Das heißt, jemand der an AHDS erkrankt ist, kann sogar ein Gewinn für das Unternehmen sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die geeigneten Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dann kann sich aus der Krankheit heraus sogar eine Win-win-Situation ergeben.
Wie sollen Unternehmen mit ADHS-Erkrankten umgehen?
Da ADHS als Einschränkung gelten kann, müssen sich Arbeitgeber darüber im Klaren sein, dass sie möglicherweise zu bestimmten Anpassungen verpflichtet sind. Hilfreich ist auf jeden Fall eine möglichst reizarme Umgebung. Nützlich sind auch klare Strukturen, Checklisten und visuelle Arbeitsorganisation. Flexible Arbeitszeiten oder Möglichkeiten für Homeoffice können sinnvoll sein. Wertvoll und gewinnbringend für ein Unternehmen ist es, die fragliche Person gemäß ihrer Stärken einzusetzen, also in einem möglichst kreativen Bereich. Eine hohe Priorität sollten auch Stressreduktion und Burn-Out-Prävention eigeräumt werden, denn hier liegen die großen Anfälligkeiten von hyperaktiven Menschen. Zudem sollten Erholungsstrategien entwickelt werden.
Fazit
ADHS ist weder eine Modekrankheit, noch ist sie auf Kinder beschränkt. Die Zahl der Patienten wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen, denn längst ist diese Symptomatik bei Erwachsenen noch nicht richtig erkannt. Das bedeutet auch, dass sich die Arbeitswelt deutlich stärker als bisher mit diesem Thema beschäftigen muss. Dabei muss ADHS nicht unbedingt als Belastung empfunden werden. Die Diagnose kann, eine richtige Behandlung vorausgesetzt, durchaus eine Bereicherung sein. Eine Bereicherung für die Betroffenen und für die Unternehmen.
Peter S. Kaspar
Bildquelle: iStock, Pheelings Media









