Wenn die Welt brennt: Geopolitische Krisen und ihre Folgen für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

Krisen

Zwei Kriege in Europa und im Nahen Osten, explodierende Energiepreise, Inflation, die Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheit – die Liste der Belastungen, mit denen Menschen in Deutschland seit einigen Jahren konfrontiert sind, ist lang. Was zunächst wie ein außenpolitisches Phänomen wirkt, ist längst im Arbeitsalltag angekommen. Betriebsmediziner beobachten, dass Beschäftigte die kollektive Dauerbelastung nicht an der Bürotür ablegen können. Sorgen um Energiekosten, Jobunsicherheit, die Angst vor einer Ausweitung der militärischen Konflikte – all das begleitet Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in ihrem Arbeitstag. Die Zahlen belegen, was viele bereits spüren: Laut DAK-Psychreport 2025 entfielen im Jahr 2024 bereits 17,4 Prozent aller krankheitsbedingten Fehltage auf psychische Diagnosen – ein historischer Höchstwert. Zwischen 2019 und 2024 stiegen psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeitstage um über 50 Prozent. Depression und Anpassungsstörungen stehen dabei an der Spitze. DOKTUS über die Folgen geopolitische Krisen für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

Kollektive Stressoren mit individuellen Folgen

Krieg, Energiekrise und Inflation wirken als sogenannte kollektive Stressoren – Belastungen, die nicht einzelne Personen treffen, sondern ganze Bevölkerungen gleichzeitig. Das Robert Koch-Institut hat in seiner Surveillance-Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) für den Zeitraum 2019 bis 2024 eine deutliche Zunahme depressiver Symptome dokumentiert, die ab 2022 – dem Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine und dem Beginn der Energiepreiskrise – besonders stark anstieg. Besonders betroffen: Beschäftigte mit niedrigeren Einkommen, die die finanziellen Folgen der Inflation direkt im Alltag spüren. Für sie ist die Frage, ob das Gehalt am Monatsende für Heiz- und Spritkosten reicht, kein abstraktes politisches Thema, sondern eine tägliche Rechenaufgabe. Studien der Pronova BKK belegen, dass aktuell sechs von zehn Beschäftigten als burnout-gefährdet gelten. Das Gallup-Institut ermittelte, dass weltweit 41 Prozent der Beschäftigten regelmäßig hohen Stress erleben – ein Wert, der sich seit der Pandemie verfestigt hat.

Was Betriebsmediziner erkennen müssen

Die Herausforderung für die Betriebsmedizin besteht darin, dass krisenbedingter psychischer Stress häufig schleichend verläuft und sich hinter unspezifischen Symptomen verbirgt. Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme und rückläufige Belastbarkeit – diese Zeichen können auf Burnout, Anpassungsstörungen oder eine beginnende Depression hinweisen, werden von Betroffenen aber oft als persönliche Schwäche abgetan. Neu ist das Phänomen des sogenannten „Quiet Cracking“: Beschäftigte wirken nach außen funktionsfähig, sind innerlich aber bereits erschöpft. Betriebsmedizinerinnen und Betriebsmediziner sind oft die Ersten, die in einem vertraulichen Gespräch diese Signale wahrnehmen können – sofern Arbeitgeber die dafür notwendigen Strukturen schaffen. Psychische Belastungen müssen seit der Novelle des Arbeitsschutzgesetzes 2013 verpflichtend in die Gefährdungsbeurteilung einbezogen werden. In der Praxis hapert es hier noch immer in vielen Betrieben.

Vorsorge Bildschirm G 37

Arbeitgeberpflichten und betriebliche Prävention

Was können und müssen Arbeitgeber tun? Zunächst das Gesetzliche: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist keine Kann-Bestimmung, sondern Pflicht – und die Gewerbeaufsichtsbehörden kontrollieren dies zunehmend. Darüber hinaus empfehlen Arbeitspsychologen, Strukturen zu schaffen, die psychologische Sicherheit fördern: Führungskräfte müssen sensibilisiert werden, offene Gespräche über Belastungen zu ermöglichen, ohne dass Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Gerade Letzteres ist in Krisenzeiten entscheidend: Wenn Jobsicherheit zur dominanten Sorge wird – laut Randstad Arbeitsbarometer 2026 hat sie für 71 Prozent der deutschen Arbeitnehmer höchste Priorität – sinkt die Bereitschaft, psychische Belastungen offen anzusprechen. Betriebliche Gesundheitsförderung, Angebote zur Stressprävention und ein niedrigschwelliger Zugang zur Betriebsmedizin können diesen Teufelskreis durchbrechen. DOKTUS unterstützt Unternehmen dabei, sowohl die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen als auch eine präventive Kultur psychischer Gesundheit zu etablieren.

Fazit: Der Betriebsarzt als Vertrauensanker

Krisen kommen und gehen – ihre psychischen Nachwirkungen in der Belegschaft aber bleiben oft länger, als es Arbeitgeber wahrhaben wollen. Psychisch bedingte Krankschreibungen dauern im Schnitt 28,5 Tage, fast doppelt so lang wie Herzkreislauferkrankungen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens: Allein für psychische Störungen lagen die Gesundheitsausgaben in Deutschland 2023 laut Destatis bei 63,3 Milliarden Euro. Betriebsmedizin ist in diesem Kontext mehr als Pflichtvorsorge. Der Betriebsarzt kann zur entscheidenden Vertrauensperson werden – für Beschäftigte, die nirgendwo sonst über ihre Belastungen sprechen würden, und für Arbeitgeber, die frühzeitig gegensteuern wollen. Wer jetzt in betriebliche Prävention investiert, spart später an Ausfalltagen, Fluktuation und Wiedereingliederungskosten.

Quellenangaben:
DAK-Gesundheit: Psychreport 2025. dak.de (Stand: April 2025)
Kersjes C et al.: Einkommen, Bildung und depressive Symptome in Zeiten multipler Krisen. Deutsches Ärzteblatt Int 2025; 122: 573–8. DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0130
Norvio: Psychoreport 2025 – Deutschlands mentale Gesundheit im Wandel. norvio.de (Stand: Dezember 2025)
Pronova BKK: Studie „Arbeiten 2025/2026“
Randstad: Arbeitsbarometer 2026. randstad.de
Gallup: State of the Global Workplace 2024. gallup.com
Destatis: Gesundheitsausgaben 2023. destatis.de
vbw Bayern: Position Psychische Gesundheit und Arbeitswelt. Januar 2025

Peter S. Kaspar

Bildquelle: iStock, Jake Lomachevsky

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