Mobbing – die verdeckte Gefahr

Mobbing

Es gibt einen sehr bösen und sehr kurzen Witz zum Thema Mobbing: „Einer von zehn ist ein Mobbingopfer“. Das wirklich Üble an dem Witz ist das Unausgesprochene. Was ist denn mit den anderen Neun? Sind sie Täter? Sind sie Mitläufer? Vor allem aber zeigt der Witz eines ganz bitter: Gemobbte sind in der Regel allein. Für die Betroffenen ist es eine schlimme Tragödie, die häufig beim Therapeuten endet und bisweilen noch schlimmere Folgen hat. Doch auch volkswirtschaftlich sind die Dimensionen der Schäden durch Mobbing erschreckend. Rechnet man nicht nur den Produktivitätsverlust, sondern auch die Folgekosten für medizinische Behandlung, Frühverrentung oder Krankengeld hinzu, kostet Mobbing die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr rund 80 Milliarden Euro. Das entspricht mal so eben dem jährlichen Staatshaushalt von Bayern. Ein Zyniker konnte es noch drastischer ausdrücken: Der Volkssport Mobbing kostet jeden Bundesbürger, vom Säugling bis zum Greis, jedes Jahr rund 1000 Euro. DOKTUS versucht Wege aufzuzeigen, wie dieses Problem angegangen werden kann.

Warum es so schwer ist, ein Mobbingopfer zu erkennen

Viele Ratschläge an Mobbingopfer klingen sehr einfach: Wehr dich, du bist nicht allein, lass dir nichts gefallen, es ist keine Schande gemobbt zu werden, steh dazu und ähnliche Floskeln. Warum es für einen gemobbten Menschen so schwierig ist, sich in aller Offenheit gegen seine Peiniger zu wehren, hat häufig einen simplen Grund: Mobber setzen meist da an, wo ihr Opfer am verwundbarsten ist. Das heißt, sie greifen einen Aspekt des Betroffenen auf, der ihm peinlich ist, oder für den er sich schämt. Häufig wird deshalb das Body-Shaming zu einem zentralen Werkzeug des Mobbings. Ein Beispiel: Eine übergewichtige Person wird immer wieder damit gemobbt: „Du bist so fett“ – „Schaut, die fette Kuh“, „hey die platzt gleich wie ne Wurst“. Wenn sich die Person schon ohnehin für die paar Pfunde zu viel auf den Rippen schämt, dann müsste sie ja genau diesen Mankel benennen, wenn sie sich gegen Mobber zur Wehr setzen will. Stattdessen zieht sich das Mobbingopfer immer mehr zurück. Zu der Scham über den nicht perfekten Körperbau kommt nun noch die dazu, gemobbt zu werden. Auch wenn Betriebsärztinnen und Betriebsärzte dahingehend Aufklärungsarbeit leisten, ist es für viele Betroffene ganz schwer, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Ein weiterer Grund für das Schweigen von Mobbing-Opfern ist die Angst vor der Eskalation. Wenn sich Betroffene zum Mobbing bekennen würden, dann würde alles noch viel schlimmer, fürchten sie und finden sich deshalb mit dem Status-Quo ab, in dem sie sich einreden, es sei ja alles gar nicht so schlimm und es könnte noch sehr viel schlimmer kommen. Hinzu kommt auch die Angst davor, dass einem nicht geglaubt wird, was dann zwangsläufig ebenfalls die Situation verschlimmern würde.

Aufmerksame Kollegen gesucht

Wer in der Mobbingfalle steckt, kommt alleine nur schwer wieder heraus. Zwar gibt es in größeren Betrieben, meist mit festangestellten Betriebsärztinnen und Betriebsärzten ein breites Angebot an Aufklärungsmöglichkeiten, doch bei den oben genannten Mechanismen dringen sie nur selten bis zu den Betroffenen durch. Was dagegen wirklich hilfreich sein kann, sind aufmerksame Kollegen. Es gibt einige deutliche Warnhinweise, wenn eine Kollegin oder ein Kollege von Mobbing betroffen ist. Zu Beispiel häufen sich plötzlich die Fehltage. Es zeigt sich eine erkennbare Niedergeschlagenheit, Kontakte am Arbeitsplatz werden reduziert, das Verhalten auf den sozialen Medien ändert sich. Auch eine stärker werdende Reizbarkeit kann ein Symptom sein, ebenso wie auffällige Verhaltensänderungen am Arbeitsplatz. Allerdings reicht nur eines der genannten Zeichen noch nicht aus, um von einem gezielten und planmäßigen Mobbing auszugehen. Da müssen auch noch andere Hinweise kommen, die den Verdacht auf Mobbing am Ende verfestigen.

Vorsorge Bildschirm G 37

Es ist Mobbing – und dann?

Wenn genügend Indizien für ein Mobbing sprechen, ist es nicht die schlechteste Idee, mit seinem Verdacht zunächst einmal zur Betriebsärztin oder zum Betriebsarzt zu gehen, um dort um Rat und Unterstützung zu bitten. Einige Grundregeln gelten dann. Im Umgang mit dem Mobbingopfer auf keinen Fall die Situation verharmlosen, etwa nach dem Motto: „Ignorier das einfach! Reagier nicht darauf! Da stehst du doch drüber!“ Das ist zwar gut gemeint, aber am Ende dann doch kontraproduktiv. Besser ist es, zugewandt auf den Betroffenen zuzugehen, ihm das Gefühl zu geben, gesehen und gehört zu werden. Von zentraler Bedeutung ist, dass dem Mobbingopfer nichts aufgezwungen wird, sondern es – im Gegenteil – den Eindruck gewinnt, selbst wieder die Kontrolle zu erlangen. Kontrollverlust ist nämlich ein ganz entscheidender Punkt bei der gesamten Mobbing-Problematik. Obwohl Mobbing mittlerweile zu einem der wichtigsten Felder in der Betriebsmedizin geworden ist, so ist es doch im strengen Sinn gar kein medizinisches Problem, sondern ein soziales. Nicht das Mobbing-Ofer hat versagt, sondern sein Umfeld. Aber genau dahin können Betriebsärztinnen und Betriebsärzte schauen.

Peter S. Kaspar

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