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„Edward Bulwer-Lytton - Falkland“

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Eingestellt von:
patrotang
Beschreibung:

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Romandichtung
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Edward Bulwer-Lytton: Falkland
von Edward Bulwer-Lytton

R. Vous comptes sur peu d'limitateurs. H. Vel duo vel nemo! Preface de la nouvelle Heloise. Der geistvolle Verfasser ist durch seine vier vortrefflichen Romane dem deutschen Publikum so lieb geworden, daß sein früher geschriebener Falkland, zu welchem er sich erst später bekannte, gewiß eine freundliche Aufnahme finden wird. R. Vorrede. Wenn ich den Titel »Roman« für dieses Buch ablehne, so geschieht es in dem Vertrauen, man werde nicht dafürhalten, daß ich denselben geringschätze. Ich bin mir im Gegentheile bewußt, daß Falkland von den meisten Lesern unter den Roman gestellt werden wird, und darf mir kaum damit schmeicheln, daß einige wenige ihn für etwas mehr halten wollen. Für eine Klasse wird mein Buch zu leichtfertig, für eine andere zu langweilig seyn. Kalte Menschen wird es unzufrieden machen, und zugleich die Erwartung der leicht Erregbaren täuschen; die ersten durch Gefühlsschilderungen, welche sie nicht als wahr anzuerkennen vermögen; die andern durch Betrachtungen über das Leben, welche die von ihnen angenommene Philosophie bestreiten. Welcher Beweggrund mich immer zur Herausgabe vermogt hat, Erwartung günstigen Erfolges bestimmte mich gewiß nicht dazu; es wäre möglich, daß noch Niemand der einen ähnlichen Versuch machte, so aufrichtig als ich das Verdienst der Gleichgültigkeit in Betreff des Erfolges, für sich in Anspruch genommen hat. Vielleicht gründet die erste Anlage zu dieser Geschichte sich auf Thatsachen, wie sehr dieselben auch für den Druck abgeändert seyn mögen, vielleicht finden sich unter den Briefen, welche der Welt in der Hoffnung bekannt gemacht werden, daß sie »eine Moral zeichnen« einige die ursprünglich nicht geschrieben wurden, um »eine Erzählung zu schmücken;« gleichwohl ist dieser Umstand eine für mich nutzlose Betheurung, und die Nachforschungen Anderer müßten unbefriedigt bleiben. Auch solche Personen welche die Karaktere unnatürlich, die Gefühle überspannt finden, würde meine Versicherung, daß die Karaktere lebten, daß die Gefühle empfunden sind, nicht genügen; in einem gesellschaftlichen Zustande in welchem Alles erkünstelt ist, erscheint nichts verfälschter als das eigentliche Wahre. Ich besorge einigermaßen, daß Leser welche über das Ganze nur nach dessen einzelnen Theilen abzusprechen pflegen, das Buches Ende tadeln mögen, weil sie

es mißverstanden. Ich besorge außerdem noch, daß gelegentliche Schilderungen in zu lebendigen Farben vorgetragen, und daß skizirte Gefühle zu treu gezeichnet erscheinen; möge man aber, bevor man mich verurtheilt bedenken, daß kein Mißgriff in der Moral größer (wieweil auch allgemeiner) ist, als der, ein Strafurtheil zu sprechen, ohne vorher das Vergeben herauszuheben; und habe ich im Darstellen der Bestrafung die Wahrheit nachgeschildert, so war es ebenfalls nothwendig, dieses nämliche Vorbild zu erforschen, um der Leidenschaften Fortgang zu beschreiben. Wiewohl ich eingestehe, nach Ähnlichkeit gestrebt zu haben, vermied ich doch eben so sorgfältig jede Ausschmückung; im Abmalen der Schuld habe ich nicht ein einzigesmal den Versuch gemacht deren Elend zu übertünchen, oder deren Schande zu verschleiern. Ward meine Geschichte auf Irrungen des Herzens begründet, so geschah das, weil die nützlichsten aller Sittenlehren aus den Folgerungen gezogen werden können, welche jene herbeiführen. In Falklands Karakter habe ich zu zeigen gewünscht, daß alle Tugend schwach, und daß alle Weisheit da unzureichend sey, wo nicht ein vorherrschender, feststehender Grundsatz Criterion jedes neuen Wechsels in unserem Betragen und zugleich auch Bürgschaft dafür ist, daß wir das einmal Erwählte verfolgen wollen. Nicht nur in der allgemeinen Anlage der Geschichte, sondern auch in den eingestreuten Betrachtungen habe ich zu verwirklichen versucht, was der große Zweck aller menschlichen Geisteswerke seyn müßte. Wird diesem Buche das gute Glück Leser zu finden, deren Leidenschaften zu Lehrern ihres Nachdenkens werden, denen Beobachtung über Menschennatur, wenn auch in sich irrig, dennoch stets der Wahrheit zuträglich erschien, und die der Meinung sind, daß oft mehr Kenntnis des geheimsten Herzens in einen einzelnen Gedanken zusammengefaßt, als über tausend Ereignisse verbreitet werden mag; wird diesem Buche das Glück, solche Leser zu finden, so vertraue ich es ihnen furchtlos an, ­ freilich nicht um ihre Billigung für dessen Abfasser zu erlangen, aber mindestens doch um über dessen gute Absicht gerechtfertigt zu werden. Jetzt bleibt mir nur noch hinzuzusetzen, daß ich bei dem Antreten einer Laufbahn, ohne meiner Mitbewerber Beweggründe, noch ihren Ehrgeiz zu theilen voller Vertrauen erwarte, daß man mich nicht der Anmaßung bezüchtigen wird, wenn ich so wenig die Sprache der Hoffnung als die der Besorgnis reden kann, welche Anderen so gewöhnlich sind; Menschen die aus Erfahrung, nicht aus Genius Anspruch machen, sind im Berühren der Gränze ihrer Verdienstlichkeit dem Irrthume nicht zu leicht unterworfen und auch nicht besonders empfänglich für die allgemeine Meinung über den Umfang derselben. Habe ich als Schriftsteller irrthümliche Betrachtungen angestellt, so rührt das daher, weil Ereignisse mich dazu leiteten mehr meine eigenen Folgerungen, als die Schlüsse Anderer zusammenzufassen; habe ich durch meine Schilderung die Gefühle verletzt, so war es, weil keinem Muster nachbildete, sondern nur der eigenen Erinnerung, und vermag ich jetzt über den Erfolg meines Versuches nicht sehr eifrige Betheiligung zu empfinden, so ist's weil ich aus meiner Menschkenntnis mir ein Reich gebildet habe, das menschliches Lob nicht zu erweitern, menschlichen Tadel nicht zu zerstören im Stande ist. London, 7. März 1827.

Falkland. Erstes Buch. L­ ­ May ­ 1822. Du irrst, lieber Monkton, deine Beschreibung von den Freuden »der Saison,« reizt mich nicht. Du sprichst von Vergnügungen; und ich kenne keine Arbeit die ermüdender wäre: du verbreitest dich über der Ergötzlichkeiten Wechsel; und mir scheint kein Einerlei eintöniger. Spare dein Bedauern also für solche, die es bedürfen. Von der Höhe meiner Philosophie herab, bemitleide ich dich. Niemand ist so eitel wie ein Abgezogener von der Welt; deine Spottreden über mein Einsiedlerleben und meine Einsamkeit, vermögen die Falten meiner Selberschätzung nicht zu durchdringen; ­ bei deinen Abendessen in D­ Hause beneide ich dich so wenig, als bei deinen Walzern mit Leonore ­. Was ich bewohne, ist mehr eine Trümmer, als ein Haus. Seit meiner Rückkehr von Reisen, war ich nicht in L­ ­ gewesen, und in den letzten Jahren ist es sichtlich verfallen; vielleicht gefällt es mir eben deshalb mehr; wie der Herr, so das Haus. Von allen meinen Besitzungen hat L­ ­ den geringsten Grund-Werth, auch zieht es mich gar nicht durch Erinnerungen an, die mit meinen Kinderjahren verknüpft wären, denn diese verbrachte ich hier nicht. Gleichwohl habe ich es zu meiner jetzigen Zurückgezogenheit mir ausersehen, weil ich nur hier nicht persönlich gekannt bin, und deshalb nicht so leicht gestört zu werden fürchte. Wahrlich, mich verlangt nicht nach jenen Unterbrechungen die man uns als Höflichkeitsbeweise anrechnet; mir gefällt es mehr die Karten die mich mit der Welt verbinden, Glied nach Glied abzulösen und um mich hier zu sammeln; in meinen eigenen Gedanken suche ich die Wechsel und die Beschäftigung, welche dir nur dein Umgang mit Andern gewährt, und gleich der Weltkarte der Chinesen, besteht die meinige aus einem Kreise im Viereck; ­ der Kreis ist mein eigenes Reich der Gedanken und des Ich; in die unbedeutenden Winkel die er ausschließt, verbannte ich alles was dem übrigen Menschengeschlechte angehört. Etwa eine Meile von L­ ­ liegt Herrn Mandeville reizende Villa, E..., mitten in Anlagen welche einen entzückenden Gegensatz zu der wilden unbebauten Landschaft der Umgegend bilden. Da das Haus jetzt ganz unbewohnt steht, habe ich vom Gärtner freien Zutritt in die Anlagen erhalten; dort verbringe ich ganze Stunden und überlasse mich gleich dem Helden vom »Chorpult« »einem heiligen Müßiggange;« da horche ich dem murmelnden Bache zu, und gestatte meinen Gedanken, fast eben so bestimmungslos und müßig umherzuflattern, als die Vögel auf den Bäumen die mich umstehen. Freilich wünschte ich, daß dieses Gleichnis in allen Beziehungen richtig wäre ­ daß meine Gedanken, wenn sie so frei, auch dabei eben so glücklich wären, als die Gegenstände meiner Vergleichung; und daß auch sie gleich diesen, auch dem Umherflattern des Tages, Abends zum Ruheplatze zurückkehren und still seyn können. Wir sind die Bethörten und die Opfer unserer Empfindungen; während wir sie gebrauchen um aus äußeren Dingen Schätze einzusammeln die wir in uns aufbewahren, vermögen wir die Pein nicht vorherzusehen, die wir selber uns bereiten; nicht die Erinnerungen, die uns täuschen, nicht Leidenschaften die uns Entzücken versprechen und nur Verzweiflung zum Lohne lassen, noch auch Gedanken, die, wenn unseres Gemüthes gesunde Thätigkeit in ihnen besteht, uns zugleich auch

fieberhaft aufregen. Welcher Kranke hätte nicht in seinem Wahnfieber alles geträumt, was unsere Philosophen jemals gesagt haben? Quid agrotus unquam somniavit quod philosophorum aliquis non dixerit? ­ Luctantius Aber ich falle zurück in meine alte Gewohnheit grübelnder Betrachtung, und es ist Zeit, daß ich schließe. Ich dachte dir einen Brief zu schreiben, ganz so leicht gehalten wie der deinige ist; gelang mir das nicht, so ist es kein Wunder. »Unser Herz ist ein unvollkommenes Instrument, ­ eine Leyer der Saiten mangeln; deshalb sind wir genöthigt Freudenausdrücke in eben dem Tone zu geben, der für Seufzer gestimmt war.« ­ Du verlangst von mir einen Abriß meines Lebens, eine Schilderung der schönen Welt, die mir so früh schon Überdruß erregte. Menschen weisen selten eine Veranlassung zurück um von sich selber zu sprechen; ich bin bereit das Vergangene von neuem zu prüfen, es mit der Gegenwart in Beziehung zu stellen und aus den Betrachtungen über das eine, wie über die andere, die Hoffnungen und Erwartungen aufzulesen die mir für die Zukunft blieben. Meine Auseinandersetzung wird aber mehr Gedanken als Handlungen enthalten: die Meisten derer, mit denen ich in Beziehungen stand, leben noch; und selber gegen dich mögte ich das schweigende Vertrauen nicht brechen, welches viele Umstände in meiner Geschichte erheischen. Im Ganzen wirst du nichts dabei verlieren. Die Handlungen eines Andern mögen anziehender seyn; ­ zum größten Theile sind es aber nur seine Betrachtungen die uns eigentlich ergreifen; denn nur wenige Menschen handelten, fast Alle haben überlegt. Auch meine Eitelkeit würde sich nur ungern über Dinge verbreiten, deren Ursprung Thorheit oder Irrthum war. Freilich endeten jene Thorheiten und Irrthümer, aber ihre Wirkungen dauern fort. Mit den Jahren vermindern sich unsere Fehler, aber unsere Laster nehmen zu. Du weißt, meine Mutter war eine Spanierin und mein Vater einer aus jenen alten Geschlechtern, von welchen jetzt nur wenige Sprößlinge noch übrig geblieben sind, die in entlegenen Grafschaften lebend, von den Wechseln der Mode wenig betheiligt wurden, und die stolz auf ihre alten Namen, mit Verachtung die neuern Auszeichnungen eines pilzähnlich aufgeschossenen Adels anblicken, dessen Glanz die Einfachheit einer würdevolleren, gegründeteren Ehrenhaftigkeit verdunkelt und entkräftet. In seiner Jugend hatte mein Vater im Heere gedient. Viel hatte er die Menschen, mehr noch die Bücher gekannt; anstatt aber seine Vorurtheile auszurotten, hatten seine Kenntnisse sie nur noch tiefer eingewurzelt. Er war einer aus der Klasse (und dies sage ich mit gewöhnlicher Verehrung, wenn gleich mit Bedauern im Allgemeinen) die mit den besten Absichten dennoch die schlechtesten Bürger aufgestellt hat, und dieses für ihre Pflicht hält, alles Schädliche fortzupflanzen, weil ihr gelehrt wurde es als etwas Geheiligtes zu betrachten. Er war ein großer Landedelmann, ein großer Jagdliebhaber, und ein großer Tory, vielleicht die drei schädlichsten Feinde, die ein Land haben mag. Wiewohl mildthätig gegen Arme, empfing er die Reichen kalt; denn er war zu verfeinert um mit Geringeren sich gleich zu stellen, und zu stolz um den Wetteifer seiner Ebenbürtigen zu ertragen. Ein Ball und zwei große Malzeiten bildeten für de Abschnitt eines ganzen Jahres den aristokratischen Antheil unserer Gastfreiheit, und im zwölften Jahre waren meine edelsten und jüngsten Gefährten

ein großer Dänischer Hund, und ein wilder Gebirgsklepper, eben so unabgerichtet und unbändig, als ich selber. Nur in späten Jahren vermögen wir die unberechenbare Wichtigkeit der ersten Auftritte und Umstände zu erkennen von denen wir umgeben wurden. In der Einsamkeit meiner uneingeschränkten Wanderungen wurzelte meine frühe Vorliebe für eigenes Nachdenken. In der Stille der Natur ­ wo immer sie ihren Hof halten mogte ­ begann meines Geistes Erziehung; und selber in jenem zarten Alter erfreute mich ­ (wie den wilden Hirsch den der Griechische Dichter beschrieben hat Eurip. Bacchæ, 1, 874 die schweigende Ruhe der großen Wälder, und die von menschlichen Fußtritten nicht unterbrochene Einsamkeit.« Der erste Wechsel meines Lebens geschah unter traurigen Aussichten; plötzlich erkrankte mein Vater und starb, meine Mutter, deren Daseyn nur allein an sein Leben geknüpft schien folgte ihm drei Monate später. Ich entsinne mich, daß sie wenige Stunden vor ihrem Tode mich zu sich rief, mich daran erinnerte, daß ich durch sie, Spanischer Abkunft sey, daß ich in ihrem Lande geboren worden und daß ungeachtet der jetzigen Erniedrigung und Noth desselben, ich später doch in den verwandtschaftlichen Banden, die mich demselben verknüpften ein wertvolles Andenken, vielleicht sogar Pflichten finde mögte, die ich zu erfüllen hätte. Es wäre unnöthig ausführlicher von ihrer mir in jener Stunde bewiesenen Zärtlichkeiten, oder von dem Eindrucke zu reden den sie in meinem Gemüthe zurückließ; noch auch von dem nagenden, dauernden Schmerze den ich Monate nach ihrem Tode noch empfand. Mein Oheim ward mein Vormund. Er ist, wie du weißt, Parlamentsmitglied von einigem Rufe; sehr gescheut und sehr langweilig; sehr geachtet bei den Männern, durchaus verhaßt bei den Frauen; allen Kindern, welchen Geschlechts diese seyn mögen, flößt er den nämlichen unnachlassenden Widerwillen ein, den er selbst gegen sie empfand. Unter seiner unmittelbaren Vorsorge blieb ich nicht lange, sondern ward zur Schule geschickt; zu dieser vorbereitenden Welt, in welcher die ersten großen Grundsätze menschlicher Natur, nämlich Anmaßung des Stärkeren und Niederträchtigkeit des Schwächern, die erste, frühste, wichtige Lehre ausmachen die uns eingeprägt wird; und wo die erzwungenen Anfangsgründe zu minder allgemeinen Kenntnissen die der Menge, welche sie im spätern Leben vernachlässigt unnütz sind, den Wenigen aber welche sie auszubilden bitter erscheinen, die ersten Beweggründe sind, welche unsere Gemüther der Furcht zugänglich und unsere Herzen mit Thränen vertraut machen. Meine kühne, entschlossene Denkweise, bahnte sich bald eine Art von Fortschritt unter meinen Gefährten, mein Haß gegen alle Unterdrückung, mein hochfahrender, unachgebender Karakter, machte mich zugleicher Zeit zum gefürchteten und mit Widerwillen betrachteten Gegenstande für die Höhern und Vornehmern der Schule, während auf der anderen Seite meine Gewandheit in allen Knabenspielen, mein immer bereiter Beistand oder Schutz für jeden der dessen bedürftig war, mich bei der demüthigenden Menge untergeordneter Klassen verhältnismäßig beliebter und von ihr gesucht machte. Mich umgaben unaufhörlich die halsstarrigsten und boshaftesten Buben, welche die Schule ausweisen konnte; alle zeigten sich voll Eifers meine Befehle zu vernehmen und sie unbedingt auszuführen. Ich war der würdige Roland einer solchen Rotte; wiewohl ich in den gewöhnlichen Schulerzöglichkeiten Alle übertraf, machte ich mir aus diesen nur wenig; lieber waren

mir umherschweifende Ausflüge die gegen unsere gesetzliche Beschränkung stritten, und ich brüstete mich eben so sehr mit meinen verwegenen Anschlägen zu unsern Unternehmungen, als mir meiner Geschicklichkeit dem Entdecktwerden derselben auszuweichen. Aber genau in dem Verhältnisse in welchem unsere Schulzeit mich mit solchen verband, die meines Alters waren, machten unsere Ferien mich unfähig für irgend eine andere vertrauliche Genossenschaft als die, welche ich bereits in mir selber zu entdecken begann. So kehrte ich zweimal im Jahre zurück zu meiner Heimath, zu jenen romantisch wilden Gegenden, in welchen Ich meine erste Kindheit verlebt hatte. Ganz allein und ohne Aussicht gelassen, war ich dort durchaus auf meine einsamen Hülfsquellen beschränkt. Am Tage durchwanderte ich die rauhen Gefilde die mich umgaben, und forschte Abends mit unnachlassendem Entzücken in den alten Legenden, welche eben diesen Gegenden in meiner Einbildung ihr Geheiligtes verliehen. Stufenweise ward ich immer nachdenklicher, immer mehr von Traumbildern befangen. Meine Sinnesart nahm den Romantismus meiner Studien an, und mogte ich im Winter am ungethümlichen Kamin unserer großen Halle sitzen, aber in der ganzen nachlässigen Wohllust des Sommers ausgestreckt liegen am fortrauschenden Strome, der jener Umgegend ihre eigenthümlichste vorherrschende Bezeichnung gab, so verbrachte ich meine Stunden in den nämlichen düstern, schwelgenden Träumereien, die vielleicht das Urwesen einer Poesie bildeten, welche zu verkörpern mir der Genius mangelte. Diese abwechselnde rastlose Thätigkeit und müßige Betrachtung, in welche meine Jugendjahre sich theilten gaben meiner Denkweise ihr eigenstes Gepräge: nämlich jene Aufwallungen des Gemüthes, jene Vorliebe für alles Äußerste die mich durch das Leben begleitet haben. Daher kommt es, daß alle Zwischenzustände der Rührung mir nicht nur lau erscheinen, sondern daß auch die aller überspannteste Erregung mir weder Neuheit noch Reiz zu bringen vermag. Es ist, als hätte ich mich von Leidenschaften genährt, als hätte ich das zu meiner täglichen Speise gemacht, was in seiner Kraft und in seinem Übermaß Anderen Gift gewesen wäre; ich habe mein Gemisch unfähig gemacht die gewohnte Nahrung der Natur in sich aufzunehmen, und durch zu frühzeitige Hingebung habe ich meine Hülfsquellen so wie meine Kräfte vergeudet bis meinem Herzen kein Heilmittel, keine Hoffnung mehr gegen ein Siechthum geblieben ist, das dessen eigene Unmäßigkeit erzeugte. Als ich den Dr. .... verließ, wurde ich zu einem Privaterzieher in D­ ­e geschickt. Hier blieb ich zwei Jahre. Während dieser Zeit war es, daß ­ doch was damals mit mir vorging, ist für kein menschliches Ohr. Die Züge dieser Geschichte sind mit Flammenschrift meinem Herzen eingegraben, aber in einer Sprache, welche zu lesen niemand ermächtigt ist als nur ich allein. Für den Zweck meiner Bekenntnisse ist es hinreichend zu sagen, daß die Ereignisse jenes Zeitpunktes mit dem ersten Erwachen der gewaltigsten unter den menschlichen Leidenschaften verknüpft waren, und daß, wie immer ihr Anfang gewesen, sie in Verzweiflung endeten! Und sie ­ der Gegenstand dieser Liebe, das einzige Wesen in dieser Welt, dem jemals das Geheimnis und Zauberwort meiner Natur erschlossen ward; ­ ihr Leben war die Bitterkeit und das Fieber eines zerstörten Herzens ­ ihre Ruhe ist das Grab. ­ Non la connobe il mondo mendre l'ebbe Cum ibill' io, ch'a pianger qui rimasi.

Diese Liebe war nicht so sehr ein vereinzeltes Ereignis, als das erste Glied einer langen Kette die sich um mein Herz wand. Es würde, wenn es mir auch gestattet wäre, doch eine ermüdende, eine peinliche Geschichte seyn, dir alle die Sünden und Unglücksfälle aufzuzählen, mit denen diese Liebe im späteren Leben begleitet war. Nur allein von der verborgenen, aber doch allgemeinen Wirkung will ich reden, welche sie auf mein Gemüth hervorbrachte; wiewohl von Natur zu schweigsamer, schwermüthiger Philosophie geneigt, ist es doch mehr als wahrscheinlich, dieses hätte ohne jenes Ereignis keinen Stoff zu Erregung gefunden. Früh unter Menschen gerathen, hätte ich auch die Wirkung der Gewohnheit ihnen gleich werden sollen. Dann würde ich diese eine, unvergängliche Erinnerung nicht in mir bewahrt haben, die mich, gleich den Faust lehren sollte, daß in den Wissenschaften nichts zu finden ist als deren Nutzlosigkeit, und auch in der Hoffnung nichts als ihr Täuschendes; dann müßte ich nicht wie er, bei allen Segnungen der Jugend, bei allen Lockungen der Lust, den Fluch und die Gegenwart eines bösen Feindes erdulden. Nach dem ersten überwältigenden Kummer, den eine Reihefolge von Umständen herbeiführte, welche ich nothwendig nur so dunkel andeuten darf, beschäftigte ich mich zuerst ernstlich mit Büchern. Tag und Nacht widmete ich mich unaufhörlichen Studieren, und von dieser Aufwallung ward ich nur durch eine von ihr erzeugte, langwierige, gefährliche Krankheit geheilt! Ach! es giebt keinen größren Thoren, als den, der nach Wissenschaften dürstet. Nur allein durch Leiden erlernen wir Nachdenken; den Honig irdischer Weisheit sammeln wir nicht aus Blumen ein, sondern aus Dornen! »Eine unglückliche Leidenschaft ist ein großes Hülfsmittel zur Weisheit.« Von dem Augenblicke in welchem die Lebendigkeit meines Geistes zuerst durch wirkliche Angst gebrochen ward, heilten des Verstandes Erfahrungen auch des Herzens Schrecken. Gleich jenem Melmoth ging ich mit einemmale von der Jugend zum Alter über. Was galten mir nun länger die gewohnten Berufsgeschäfte meiner Zeitgenossen? Jahre hatte ich in Augenblicken erschöpft, hatte gleich der Morgenländischen Königin mein reichstes Juwel in einem Tranke verschlürft. Ich hörte auf zu hoffen, zu fühlen, zu handeln, zu glühen; denn solche Eindrücke gehören der Jugend an! Ich lernte zweifeln, vernünfteln, zergliedern: diese sind des Alters Gewohnheiten. Von da an habe ich die Vergnügungen des Lebens nicht vermieden, habe sie auch nicht genossen.. ­ Weiber, Wein, fröhliche Gesellschaften, Umgang mit Weisen, einsame Forschung nach Kenntnissen, verwegene Bilder des Ehrgeizes, alles das hat mich nacheinander beschäftigt und Alles mich in gleicher Weise getäuscht; aber gleich der Witwe in Voltaires Erzählung habe ich zuletzt »der tröstenden Zeit« einen Tempel erbaut; mit den Jahren bin ich ruhig und schmerzlos geworden; und wenn ich mich jetzt auch von Menschen zurückziehe habe ich mindestens aus der Einsamkeit, welche Trübsinn mir anfänglich zur Gewohnheit machte, den Vortheil gewonnen, daß ich bei zunehmendem Wohlwollen für Andere, zugleich lernte mein Glück nur in mir selber aufzusuchen. Nur die allein sind vom Glücke unabhängig, die sich ein von der Welt abgesondertes Daseyn schafften. Zur Universität ging ich mit großer Belesenheit und mit der Gewohnheit anhaltenden Fleißes. Mein Oheim, der selber keine Kinder hatte, setzte seinen Ehrgeiz in mich,

und hegte große Erwartungen von meiner Laufbahn in Oxford. Drei Jahre verweilte ich dort, und that nichts. Mein hoher Preis ward von mir gewonnen; ich versuchte nicht einmal mehr zu erringen, als den allergewöhnlichsten Stufengrad. Die Sache ist, daß mir gar nichts einer Mühe oder Anstrengung werth schien. Ich sprach mit solchen, die den höchsten Akademischen Ruf erstrebt hatten, und belächelte in dem Bewußtseyn meiner Überlegenheit, ihre gränzenlose Eitelkeit, und die Beschränktheit Ihrer Ansichten. Die Gränzen der von ihnen erlangten Auszeichnung schienen ihnen so weit als der aller ausgedehnteste Ruhm, und in den geringen Kenntnissen welche ihre Jugend sich erworben hatte, sehen sie nur Entschuldigungen für die Unwissenheit und Trägheit reiferer Jahre. Sollte ich arbeiten um diesen zu gleichen? ­ Ich empfand ja, daß ich sie bereits übertraf! Sollte ich ihre gute Meinung mir zu erwerben suchen, oder was noch schlimmer war, die, ihrer Bewunderer? Ach! zu lange hatte ich gelernt mir selber zu leben, um irgend eine Glückseligkeit in den Ehrenbeweisen von Müßiggängern zu finden die ich verachtete. Im ein und zwanzigsten Jahre verließ ich Oxford. Ich trat den Besitz der mir zugefallenen großen Erbgüter an, und empfand die der Jugend ganz natürliche Eitelkeit zum erstenmale, als ich nach London ging um die Vergnügungen dieser Hauptstadt zu genießen, und zu zeigen, ich besitze das Vermögen, in allen diesen Vergnügungen zu schwelgen. Die Gesellschaft fand ich einem Judentempel gleich; jeder wird über die Schwelle hineingelassen, doch kein Anderer in das Heiligste als nur die Häupter der Satzungen. Jung, reich, von altem berühmtem Stamme suchte ich das Vergnügen mehr als eine nothwendige Reizung auf, denn als gelegentliche Beschäftigung, und ich ward meinen Genossen die ich im Kreise um mich her versammelte, angenehmer, weil mein Aufwand ihr Vergnügen, und meine Laune ihre Unterhaltung vermehrten; deshalb schmeichelten mir Viele und niemand wich mir aus. Bald erkannte ich, daß jegliche Höflichkeit nur Larve versteckter Absicht ist. Ich lächelte über die Freundlichkeit von Männern, die auf meinen Beistand bei ihren praktischen Zwecken rechneten, weil sie hörten, daß ich Fähigkeiten besitze und reich sey. In den Einladungen zum Unterbringen ihrer Töchter, und ihre Wertschätzung meiner Landbesitze; in der Vertraulichkeit junger Leute die Pferde zu verkaufen und Rouge et Noir-Schulden zu zahlen hatten, entdeckte ich die gründliche Verehrung meines Geldes, welche ihnen zugleich Verachtung für den Besitzer desselben einflößte. Von Natur beobachtend und durch Unglück sarkastisch, betrachtete ich die verschiedenen gesellschaftlichen Färbungen mit forschendem, philosophischem Blicke; ich entwirrte die verschlungenen Fäden die Knechtsinn mit Stolz, Niederträchtigkeit mit Schauprunk verknüpften, und spürte bis in die Quelle der überallverbreiteten Gemeinheit des innern Sinnes und der äußern Sitte nach, welche mir die einzige unabändliche Eigenthümlichkeit unserer Landsleute scheint. Ganz im Verhältnis zur Zunahme meiner Kenntnis Anderer, beschränkte ich mich mit diesem Verdrusse und Unwillen immer mehr auf meine eigenen Hülfsquellen. Der einzige Augenblick wahren Glücks den ich in der Dauer eines ganzen Jahres empfand war der, als ich im Begriff stand unter andern Himmelsstrichen jene ausgedehnte Bekanntschaft meiner Mitmenschen zu suchen,

die mich entweder näher mit ihnen verknüpfen, oder mich mindestens doch mit den schon bestehenden Banden aussöhnen sollte. Ich verbreite mich nicht über meine Begegnisse im Auslande; in einer Erzählung die für uns selber nichts Anziehendes hat, weilt wenig Anziehendes für Andere. Ich suchte Weisheit und fand nur Kenntnis. Mich dürstete nach Wahrheit und nach der Liebe Zärtlichkeit, ich fand aber nur ihr Fieberhaftes und ihre Täuschungen. Gleich Spenser's beiden Florimels, verwechselte ich in meinem Fieberwahne, die betrügliche Schöpfung der Sinne, mit der gänzlichen Wirklichkeit des Herzens; und erwachte aus meiner Täuschung erst als das von mir vergötterte Wahnbild zerschmolz. Was ich immer vornehmen mogte, betheiligte die lebendige Thatkraft aber auch die wechselnde Aufwallung meines Gemüthes; heute mengte ich mich in das Geräusch großer Städte, morgen überließ ich mich allein mit meinem Herzen der Einsamkeit unbewohnter Natur; jetzt schwelgte ich in wildestem Übermaße, und gleich darauf erforschte ich mit peinlicher, unermüdlicher Anstrengung die Irrgänge der Wissenschaft; abwechselnd beherrschte ich Andere, und ward von der Tyrannei unterjocht die meine eigenen Sinne übten; ­ ich bestand die Prüfung ohne zu wanken, aber nicht ohne verletzt zu werden. »Erziehung des Lebens« sagte Frau von Staël ­ »vervollkommt das denkende Gemüth, verderbt aber das Leichtsinnige.« Ich frage nicht Monkton, welcher dieser Klasse ich angehöre, aber ich empfinde nur zu wohl, daß wenn gleich mein Gemüth nicht verworfen wurde, es doch keine andere Vervollkommnung fand als im Unglück, und daß wie groß auch die Aneignungen späterer Jahre seyn mögen, diese doch nichts enthalten was uns für den Verlust unserer Jugend entschädigen könnte. Ich kehrte nach England zurück. Noch einmal betrat ich den Schauplatz dieser Welt; aber ich betheiligte mich jetzt viel mehr an deren großen Bestrebungen. Ich richtete mein Augenmerk mehr auf die Menschen als auf die Hebel der Menschheit; während ich Widerwillen empfand vor den Wenigen die ich kannte, entbrannte ich in Philantropie für den großen Haufen den ich nicht kannte. Wir werden wohlwollend, wenn wir die Menschen aus der Ferne beobachten. Mischen wir uns unter sie, so leiden wir durch die Berührung, und werden wenn gleich durch die Verletzung nicht boshaft, mindestens doch selbstsüchtig aus der Vorsicht, welche unsere Sicherheit uns aufnöthigt. Sind wir aber bei dem Gefühle unserer Verwandschaftlichkeit, vom Bande selber nicht schmerzlich berührt, wirkt weder Eifersucht, noch Neid, noch Rache aufgeregt, so ist gar nichts vorhanden, was jene wohlgefälligen freundlichen Gefühle stören könnte, die unserm Herzen durch die ersten Eindrücke der Natur wurden. Haß mag uns antreiben Menschen zu vermeiden die uns verletzt haben, aber mit der Ursache endet auch ihr falsches Gefühl; freiwillig wird Niemand bitteren Gedanken lange nachhängen wollen. Daher kommt es, daß während wir in engen Kreise unseres täglichen Lebens fortwährend durch diejenigen leiden die uns nahe kommen, uns dennoch trotz dem Übelwollen welches sie uns einflößen, ein allgemeines Wohlwollen für die entfernteren Brüder durchglühen mag, mit denen wir nicht in Berührung stehen; daß wir, auch schmerzerfüllt durch verrathene Freundschaft, verletzt durch Undankbarkeit, durch Treulosigkeit in der Liebe, gleichwohl fast bereit wären unser Leben zu opfern, um nur eine von uns vergötterte Theorie der Gesetzgebung zu verwirklichen; und daß Tausende in ihrem

Privatverhältnis mißtrauisch, berechnend und selbstsüchtig, doch mit leichtgläubiger Begeisterung sich als Opfer dem nie belohnenden Moloch darbieten wollten, welchen sie Publikum nennen. Auf solche Weise, viel mir selber lebend, aber auch viel Beobachtung über die Welt anstellend, lernte ich die Menschheit lieben. Philanthropie erzeugte Ehrgeiz; denn mich erfüllte Ehrfurcht nicht zu eigener Erhebung, sondern zum Dienste Anderer ­ der Armen, ­ der mühselig Arbeitenden, ­ der Entwürdigten; aus diesen bestanden der Theil meiner Mitmenschen, dem ich meine Liebe weihete, denn sie waren mir durch das anforderndste aller menschlichen Bande verknüpft ­ durch Unglück! Ich betheilige mich an Staatsintrigen; meine Beobachtungen und Forschungen dehnte ich von Individuen auf Staaten aus; ich erprüfte die Geheimnisse einer Wissenschaft, welche in der neuesten Zeit erstanden ist um die Weisheit frührer Zeiten Lügen zu strafen, um die Wirren politischer Einsicht zur Einfachheit von Lehrsätzen herabzubringen, um uns die Trüglichkeit des Systems zu lehren, das durch Beschränkung regierte, und sich einbildete der Nationen Glück hänge von der beständigen Einmischung ihrer Herrscher ab; die uns nun erwiesen hat, daß die einzige unfehlbare Kunst der Politik darin besteht, den verborgenen Kräften in dem vorsorgenden Walten der Natur, freie ungehinderte Wirksamkeit zu lassen. Doch war es nicht allein theoretische Prüfung der Staatskunst die mich beschäftigte; ich gesellte mich, wiewohl im geheimen, zu den Handhabern ihrer Springfedern. Während ich den Anschein hatte, nur den Vergnügungen eifrig nachzustreben, barg ich in meinem Herzen das Bewußtsein und die Eitelkeit der Macht. Unter der Leichtfertigkeit der Lippe verhüllte ich des Verstandes Wirken und Einsicht, und blickte, wie mit der Kraft des Seher-Auges begabt auf die Geheimnisse der verborgenen Tiefe, während ich den Anschein hatte, als Müßiggänger mit dem großen Haufen, über des Stromes Oberfläche hinzugleiten. Woher kam mein Überdruß, da ich nur meine Hand ausstreckte und jeglichen Gegenstand damit erhalten mogte, den mein Ehrgeiz wünschen konnte? Ach! in meinem Herzen weilte immer ein Etwas, das zu sanft war, für die Zwecke und für die Sehnsucht meines Gemütes. Ich erkannte, daß ich meines Lebens Jugendjahre in unfruchtbarem, ermüdenden Treiben vergeudete. Was wäre mir die Bewunderung des großen Haufens gewesen, nachdem ich einmal meine Eitelkeit überlebt hatte? Ich seufzte nach dem Mitgefühl der einen! in dumpfen Schmerz versank ich vor der Ansicht auf Berühmtwerden, um von meinem Herzen die Wirklichkeit der Liebe zu fordern. Und zu welchem Zwecke hatte ich mich dem Dienste der Menschheit gewidmet? So wie ich die Mühe in der Verfolgung individueller Maßregeln mehr erkannte, gewahrte ich auch immer mehr die Nutzlosigkeit ihrer Vollführung. Die eine bestehende, große und bewegende Ordnung der Ereignisse mögen mir verspäten, aber sind nicht im Stande sie einzuhalten, und versuchen wir sie eiliger fortzutreiben, so geben wir ihr nur einen gefahrvollen, einen unnatürlichen Anstoß. Wie oft, wenn ich um Mitternacht von meinem einsamen unerfreulichen Studium einhielt, um dem tödtlichen Klopfen meines Herzens Falkland litt aus frühester Jugend, am Herzklopfen. zu lauschen, wenn sein peinliches, aufgeregtes Schlagen mir das innerste Leben zu vergeuden und aufzugeben schien, bin ich bis zum tiefsten Grunde meiner Seele durch die Erkenntnis erkrankt, daß unter Allen, denen Vortheile zu schaffen ich die Gesundheit

und die Freuden meiner Jugend aufopferte, auch nicht ein Wesen war, dem mein Leben Theilnahme einflößte, oder das meinen Tod durch eine Thräne ehren würde. Chalmers schrieb eine schöne Stelle über den Mangel an Mitgefühl den wir in der Welt erfahren. Von meiner frühesten Kindheit an empfand ich ein tiefstes, allüberwiegendes, sehnsüchtiges Verlangen, und dieses war zu lieben und geliebt zu werden. Die Verwirklichung dieses Traumes fand ich zu frühe ­ er schwand; und wie habe ich ihn wieder erlangt. Erfahrung langer, bittrer Jahre lehrt mich jene fernliegende Erinnerung aus der Vergangenheit mißtrauisch zu betrachten und auch zu bezweifeln, ob diese Erde wirklich eine lebende Gestalt hervorbringen könne, die vermögte eines Menschen Traumbilder zu befriedigen, der unter knabenhaften Geschöpfen seiner Einbildung gelebt, ­ der in seinem Herzen ein erträumtes Götterbild geschaffen, dieses mit allem ausgeschmückt hat was die Natur Reizvolles besitzt, und der in dieses Bild den reinsten aber flammendsten Geist der ihm angeborenen Liebe hauchte, aus welcher das Bild als dessen Geschöpf hervorging. Freilich hat mein Mannesalter der Jugend den Wahn benommen, und erwägende Prüfung von Thatsachen hat mich von den ahnungsvollen Grübeleien über Einbildungen entknechtet; aber nun frage ich, welchen Lohn hat mir die Wirklichkeit gegeben? Ist des satyrischen Boileau Ausspruch » souvent de tous nos maux, la raison est le pire«, auch unwahr, ­ so schulde ich doch mindestens, ganz wie der Verrückte, von welchem er spricht, der Handlung wenigen Dank, dir, indem sie mich meinem Irrthume entzog, mich zugleich meines Paradieses beraubte. Ich nahe mich dem Schlusse meiner Geständnisse. Menschen, welche kein Band mit der Welt verknüpft, und die an Einsamkeit gewöhnt sind, empfinden bei jeglicher getäuschten Erwartung in jener, ein desto sehnsüchtigeres Verlangen nach den Freuden welche ihnen diese letzte zu gewähren vermag. Mit jedem Tage verschloß ich mich tiefer in mich selber; »Menschen machten mir keine Freude mehr, und auch Frauen nicht.« Was meinen Ehrgeiz anbetrifft, so fand der sich nicht in seinen Mitteln, sondern im erreichten Ziele unbefriedigt. Bei meinen Freuden klagte ich nicht über Verrath, sondern über Ungeschmack; und es war nicht, weil ich von zarteren Händen aufgegeben worden, sondern weil sie mich ermüdet hatten, daß ich aufhörte im Werben um ihrer Liebe Reiz, und im Erlangen derselben Triumph zu finden. Deshalb faßte ich meinen Entschluß zu der jetzt angenommenen Abgezogenheit, nicht im augenblicklich aufgeregten Widerwillen, sondern vielmehr in der Ruhe meiner Übersättigung. Vor meinem Mitgeschlechte zurückschaudernd und doch zu jung um ganz allein nur mir zu leben, knüpfte ich ein neues Band mit der Natur und bin hieher gekommen es noch fester zu schlingen; ich gleiche dem Zugvogel der weite Fernen besuchte, der aber endlich zum heimathlichen Neste zurückkehrte. Gleichwohl giebt es ein Gefühl, das seinen Ursprung in der Welt nahm, und das mich immer noch begleitet, das meine Erinnerungen aus der Vergangenheit heiligt, und das mich immer noch begleitet, das meine Erinnerungen aus der Vergangenheit heiligt, das dazu beiträgt sein düsteres Wesen aus der jetzigen Einsamkeit zu entlehnen; fragen Sie mich nach seiner Natur, Monkton? ­ Es ist meine Freundschaft für Sie. ­ Ich wünschte, lieber Monkton, Ihnen, wenn auch nur den schwächsten Begriff aus den Freuden der Unthätigkeit beibringen zu können. ­ Sie gehören zu einer Menschengattung, welche unter allen die geschäftigste, obgleich die am mindesten

thätige ist. Vergnügungsmenschen haben niemals Zeit zu irgend einer Sache. Kein Advokat, kein Staatsmann, kein drängender, eilender, rastloser Untergeordneter der Schreibfläche oder der Börse, ist so ewig in Anspruch genommen als einer »der sich in der Hauptsache umhertreibt.« Dieser ist durch eine Reihefolge gar nicht zu erläuternder Unbedeutsamkeiten, an seine Arbeit gefesselt. Seine Unabhängigkeit und sein Müßiggang dienen nur dazu ihm Ketten anzulegen und alle seine Zeit zu erfordern, seine Masse scheint ihm unter der Bedingung zu Theil geworden, daß er keinen Augenblick für sich selber behalte. Ich wollte, Sie könnten mich grade jetzt sehn, wie ich in der Üppigkeit meiner Sommerlaube schwelge, umgeben von Bäumen, Gewässern, Waldvögeln, und von dem Rauschen, Glühen und Anregen, das hörbar und anschaulich am Sommervormittage die Schöpfung erfüllt. Kein Störer unterbricht mich. Ich gestatte dem einen Augenblicke in den andern hinüberzugleiten, ohne zu bedenken, daß der nächste durch irgend ein arbeiterforderndes Vergnügen, oder durch einen ermüdenden Genuß auszufüllen sey. Hier fühle ich die ganze Kraft meines Geistes, hier sammle ich alle seine Hülfsquellen. Ich rufe mir mein Andenken an Menschen zurück, und ohne Einwirkung von Leidenschaften und Vorurtheilen, welche wir nicht empfinden so lange wir allein sind, weil ihr Daseyn ganz auf Andern beruht, bestrebe ich mich meine Kenntnis des menschlichen Herzens zu vervollkommnen. Wer diese bessere Wissenschaft sich zu eigen machen will, muß in der Einsamkeit die Erfahrungen ordnen und zergliedern, welche er im Gedränge der Welt sammelte. Ach Monkton, wenn Sie sich durch den Trübsinn, der meiner Denkungsart so gewöhnlich ist, überrascht zeigten, gewannen sie da niemals die Ansicht, daß meine Bekanntschaft mit der Welt allein hinreiche ihn zu erklären? ­ Weltkenntnis taugt so wenig für gute, als für glückliche Menschen? ­ Wer konnte Pech berühren ohne sich zu besudeln? Wer vermag die Windungen des Schmerzes freudig anzuschauen, oder wer könnte mit Verbrechern Umgang haben und rein bleiben? Ich lernte die Menschen kennen, weil ich mich nicht nur in ihren Wohnungen zu ihnen gesellte, sondern auch an ihren Gefühlen mich betheiligte. Ich bin hinabgegangen in die Hölen des Lasters; Lehren habe ich aus Häusern der Lust und des Spiels gezogen; ich habe den Sinn der Menschen im unbewachten Ausbruche belauscht, und aus dem Anstoß des Augenblickes Folgerungen abgeleitet, welche Jahre frühern Scheinbetragens Lügen straften. Aber jegliche Erkenntnis bringt uns Unzufriedenheit, und diese Kenntnis grade am meisten; ­ Übersättigung am Guten, Argwohn des Bösen, Absterben unserer Jugendträume, frühzeitige Kälte des Alters, unnachsichtige, zwecklose, freudlose Gleichgültigkeit, welche überspannter fieberhafter Erregung nachfolgt, ­ diese verhängt das Geschick über Menschen, welche durch Gewinn am Denken, jeder Hoffnung entsagt haben, und die bei dem Auffinden des Beweggrundes zu menschlichen Handlungen, nur fernen Personen und Dinge zu verachten, welche gleich göttlichen Wesen, sie früher in Entzücken setzten. In meinem ersten Briefe sprach ich Ihnen, lieber Monkton, bereits von meinem Lieblingsplatz in Mandevillepark. Dieser ist mir so lieb geworden, daß ich den größten Theil des Tages dort zubringe. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die immer nur mit einem Buche in der Hand umherwandeln, als vermögte weder Natur, noch eigenes Nachdenken ihnen irgend ein vernünftiges Vergnügen zu gewähren. Häufiger gehe

ich dahin als ein »Unbeschäftigter« denn als »Gelehrter:« ein kleines Bächlein, das durch die Anlagen sich hinwindet, erweitert sich allmählig zu einem tiefen, klaren durchsichtigen Wasserbecken. Hier winden Fichten, Ulmen und Eichen ihre Äste über das Ufer hin, und unter ihrem Schatten verbringe ich die Stunden des vollen Tages in den Üppigkeiten träumerischer Wahnbilder. ­ Freilich bin ich nie weniger müßig, als eben dann, wenn ich am müßigsten scheine. Ich gleiche dem Prospero auf seinem wüsten Eylande, und umgebe mich mit Geistern. Zauber zittert auf jeglichem Laubblatte, jede Welle rauscht mir ihre eigenthümliche Musik entgegen; ein Brief scheint mir die Geheimnisse jedes Windgesäusels zuzuflüstern, welches mit den Düften des West geschwängert, meine Stirne anfrischt. Aber glauben Sie nicht, Monkton, daß nur allein gute Geister in meiner Einsamkeit hausen. Um die Metapher bis zur Übertreibung zu steigern, sage ich Ihnen, daß mein Gedächtnis mir ein Sycorax und daß Trübsinn der Kaliban ist, den sie im Mutterschosse bildet. Aber lassen Sie mich von mir selber zu meinen minder arglosen Beschäftigungen übergehn: ­ seit langem habe ich meine Gedanken einigermaßen durch ein Studium erheitert, dem ich mich früher eifervoll widmete, es ist das der Geschichte. Bemerkten Sie jemals, daß Leute, die am meisten für sich allein leben, am tiefsten über Andere nachdenken? und daß, wer von Millionen umringt lebt, nie an ein anderes Individuum denkt als an sich selber? ­ Philosophen, Moralisten, Geschichtsschreiber, deren Gedanken, Arbeiten und ganze Lebensthätigkeit der Betrachtung des Menschengeschlechtes gewidmet waren, oder der Zergliederung öffentlicher Ereignisse, waren jederzeit in bemerkenswerther Weise der Einsamkeit und Abgezogenheit zugeneigt. Wir sind in der That so sehr an unsere Mitmenschen geknüpft, daß da, wo Handlungen uns nicht an sie fesseln, die Gedanken uns zu ihnen führen, um uns ihnen anzuschließen. ­ So eben lege ich meines Lieblings Bolingbroke Betrachtungen über die Geschichte, aus der Hand. ­ Über die Nützlichkeit derselben kann ich mit ihm nicht einstimmig urtheilen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gewinne ich die Überzeugung, daß Geschichtsstudium im Ganzen genommen der Menschheit verderblich war. Durch Auseinandersetzungen, die immer eben so unbillig in ihren Ableitungen, als augenscheinlich zweifelvoll in ihren Thatsachen seyn müßten, wird der Partheien Zwist und werden allgemeine Vorurtheile genährt und aufrecht erhalten. Es giebt heutiges Tages keinen Mißbrauch, keine Unduldsamkeit, kein Überbleibsel alter Barbarei und Unwissenheit mehr, die nicht verfochten ja gelegentlich bestätigt würden durch irgend eine sachleere, dummfrömmelnde Schlußfolgerung ungelehrter Chronikenschreiber, oder durch das Dunkel irgend einer räthselvollen Legende. Im beständigen Berufen auf unsere Mitvordern übertragen wir Elend und Unheil auf die Nachkommen; zur Bestätigung eines Übels, das in der heutigen Zeit seinen Ursprung hat, wären die deutlichsten, die befriedigendsten Beweise erforderlich, dagegen reicht die unbedeutendste Vertheidigung gegen ein Übel hin, welches die Barbarei des Alterthums uns zugeführt hat. Wir vernünfteln über das was in alten Zeiten sogar zweifelhaft war, ganz so als erwiesen wir uns dem, was die heutige Zeit Gewisses aufstellt. In dieser Weise haben wir die Geschichte zur kraftvollsten Heiligung von Mißbräuchen und die Vergangenheit zum verderblichsten Feinde der Gegenwart gemacht.

Endlich bin ich in meiner reizenden Zurückgezogenheit eingerichtet. Nur Madame Dalton und Lady Margret Leslie, konnte ich zur Mitreise bewegen. Mandeville ist durchaus von den Korngesetzen in Anspruch genommen. Er ist zum Vorsitzer einer der besondern Ausschüsse vom Unterhause erwählt. Sogar in seinem Schlafe murmelt er landwirthschaftliche Nothklagen; als ich ihn zufällig aufforderte mich hier zu besuchen, starrte er aus seiner Träumerei empor und rief: »­ niemals, Herr Sprecher, werde ich als Landbesitzer, mein eigenes Verderben zugeben.« Mein Knabe, mein süßer, mein reizender Begleiter ist bei mir. Ich wünschte, Sie könnten sehen wie rasch er läuft, und hören wie vernünftig er spricht. Vor einiger Zeit sagte ich zu meinem Manne: »welche schöne Figur hat er für sein Alter?« und er erwiederte: »Figur! Alter! im Unterhause soll er Figur machen für alle Zeitalter.« Ich weiß Sie würden unzufrieden sein, wenn ich Ihnen nicht recht Vieles von mir selber schriebe; deshalb sage ich Ihnen, daß ich durch den Wechsel der Luft, durch die Bewegung der Reise, durch die Unterhaltung meiner beiden Gesellschafterinnen, und vor allem durch die unablässige Gegenwart meines lieben Knaben mich schon recht viel besser fühle. An seinem Geburtstage legte er sein drittes Jahr zurück; es kommt mir vor als wäre ich im Alter von ein und zwanzig, das minder kindische Wesen von uns Beiden. Bitte empfehlen Sie mich Allen in London, die mich nicht ganz vergessen haben. Ersuchen Sie Lady ... in meinem Namen eine Unterschriftskarte für Almack an Elisabeth zu schicken; und da wir eben von Almack reden, so dünkt mich, daß meines süßen Lieblings Augen, sogar noch blauer und schöner sind als die von Lady E..... Leben Sie wohl, meine liebe Julie, Ihre E.M. Lady Emilie Mandeville war des Herzogs von Lindvale Tochter. Kaum sechzehn Jahre alt, ward sie mit einem unermeßlich reichen Manne verheirathet, der einigen parlamentarischen Ruf besaß. Seine Person und sein Karakter, waren weder bemerklich unter, noch über dem Standpunkte alltäglicher Menschen. Man hätte in ihm der Natur Macadamisirte Vollendung wahrnehmen mögen. Sein großer Fehler bestand in seiner Flachheit; man sehnte sich bei ihm nach einem Hügel, hätte man ihn auch erklimmen müssen, oder nach einem Steine, sollte dieser auch im Wege liegen. Die Liebe fesselt sich an etwas Hervorstechendem, sogar wenn dieses ein Etwas wäre, was Andere hassen mögen. Es ist kaum möglich, für Mittelmäßigkeit etwas Äußerstes zu empfinden. Die wenigen Jahre von Lady Emiliens Ehestand hatten ihre Gesinnung fast gar nicht geändert. Lebhaft war ihr Gefühl, aber ihre Stimmung geregelt; froh war sie, weniger aus Leichtsinn, als vermöge der ersten Frühlingsregungen eines Herzens, das bisher noch keine Veranlassung zur Trübsal gekannt hatte; reizend war sie und lauter wie der Himmelstraum eines Begeisterten, gewaltige Leidenschaft und schmelzende Zärtlichkeit in sich; mit dem Allen verband sie eine Einfachheit und Unschuld, welche durch ihre ungemein frühe Verheirathung, und die absondernde Gemüthsart ihres Gatten, eher vermehrt als vermindert worden. Ihr war vieles von dem eigen, was man Genius nennt, ­ warme Rührung, ­ lebendige Auffassung ­ Bewunderung alles Großen, Liebe des Guten, und jene gefährliche Betrachtung alles Gemeinen und Unwürdigen, deren Eingebung sich zu überlassen schon für eine

Beleidigung des Weltgebrauchers gilt. Ihr Geschmack war zu weiblich und keusch um sie überspannt zu machen; er war mehr geeignet die tieferen Adern ihrer Natur zu verbergen als hervorzuheben; unter der geglätteten Oberfläche eines Betragens, das allen denen gemein war, mit welchen sie umging, verbarg sie die Schätze eines innern Reichthums den noch kein menschliches Auge gewahrt hatte. Ihre von Natur sehr zarte Gesundheit hatte durch die Zerstreuungen der Hauptstadt in der letzten Zeit sehr gelitten, und auf den Rath der Ärzte geschah es, daß sie den Sommer in E... zubrachte. Lady Margrete Leslie, alt genug um der Launen in der Gesellschaft müde zu seyn, und Madame Dalton, die so eben Witwe geworden, für jetzt an den Erlustigungen der großen Welt nicht Theil nehmen durfte, hatten sich dazu verstanden sie zu ihrer ländlichen Zurückgezogenheit zu begleiten. Vielleicht paßte keine von Beiden besonders zu Emiliens Denkart, indes machen Jugend und Munterkeit uns fast jegliches Wesen angenehm; Jahre, die unsere Gewohnheiten befestigten und Nachdenken, welches unseren Geschmack verfeinert, bewirken, daß wir uns so leicht verletzt und so schwer befriedigt fühlen. Am dritten Tage nach Emiliens Ankunft in E... verweilte sie mit ihren beiden Freundinnen noch am Frühstückstische. Lady Margrete sagte: »ist Ihnen mein Vetter Falkland bekannt, er wohnt in ihrer nächsten Nachbarschaft?« »Nein,« erwiederte Emilie, »aber ich bin recht neugierig ihn zu kennen; ich glaube die schöne alte Ruine jenseit des Dorfes gehört ihm.« »So ist's; Sie müssen seine Bekanntschaft machen, Sie werden ihn recht lieb gewinnen!« »Lieb gewinnen?« wiederholte Madame Dalton, eine der Personen von Ton, die, wiewohl sie in der Zusammenstellung Alles, individuell doch gar nichts sind ­ »lieb gewinnen, unmöglich!« ­ »Ey?« entgegnete Lady Margret angehalten; »er besitzt alle Eigenschaften zum Gefallen, Jugend, Talent, gewinnendes Betragen und sehr viel Weltkenntnis.« »Nun,« entgegnete Madame Dalton, »ich kann nicht sagen, daß ich seine Vollkommenheiten entdeckt hätte. Mir schien er von sich eingenommen und satirisch, und ­ und ­ kurz recht sehr unangenehm; aber, freilich habe ich ihn nur ein einziges mal gesehen.« »Manches Urtheil habe ich schon über ihn gehört,« sagte Emilie, »und alle wichen von einander ab, doch denke ich im Allgemeinen war die Welt geneigter, Madame Daltons Meinung zu theilen als die Ihrige, Lady Margrete.« »Das glaube ich gerne; recht selten giebt er sich die Mühe zu gefallen; thut er das aber, so ist er unwiderstehlich. Im Allgemeinen wissen nur Wenige um seine Angelegenheiten. Seit er mündig geworden, war er viel im Auslande, und suchte die Gesellschaft in England nie eifrig. Man sagt von ihm, daß er ungewöhnliche Anlagen und Kenntnisse besitzt, die verbunden mit seinem großen Vermögen und seinem alten Familiennamen, ihm eine Richtung und einen Rang verschafften, wie beide selten bei so jungen Leuten sich vereinigen. Wiederholte Anträge zu Staatsämtern hat er abgelehnt, er ist aber sehr vertraut mit einem der Minister, der wie man sagt gewandt genug war, aus seiner Geschicklichkeit manchen Nutzen für sich zu ziehen. Alles was

man sonst von seinen eigenthümlichen Verhältnissen erzählt, ist sehr unsicher. Über seine Person und sein Betragen, werden Sie am besten selber urtheilen, denn ich bin gewiß Emilie, daß Sie mein Ansuchen ihn zu uns einzuladen, genehmigt haben.« »Ganz gewiß,« sagte Emilie, »Sie können nicht eifriger wünschen ihn zu sehen, als ich.« Damit endete das Gespräch; Lady Margrete ging zum Bücherzimmer; Madam Dalton setzte sich auf die Ottomane und theilte ihre Aufmerksamkeit zwischen den neuesten Roman und ihren Italienischen Jagdhund; Emilie aber verließ das Zimmer, um ihre früheren Lieblingsplätze im Park zu besuchen. Mit ihr ging ihr kleiner Knabe, und es war ihr gar nicht unlieb, daß er ihr einziger Begleiter sey. Eine Mutter sollte wenn sie ihres Kindes Lehrerin seyn will zugleich seine Gespielin abgeben. Emilie war deshalb vielleicht weiser als sie selber glaubte, wenn sie mit lachenden Augen und leichtem Schritte über den Rasen hinlief, und beinahe eben so eifrig als ihr Söhnlein, sich mit den nämlichen kindischen Ergötzlichkeiten beschäftigte. ­ Als sie den kleinen Wald entlang gingen, der zum Teiche am untern Ende des Parks führte, stand der voranlaufende Knabe plötzlich still. Emilie eilte in seine Nähe, und gewahrte kaum zwei Schritte von ihm, einen Schlafenden, den gleichwohl das steilende Ufer des Gewässers, an welchem er ruhte, ihrem Blicke zur Hälfte verbarg. Neben ihm lag ein Band von Shakespeare, diesen hatte der Knabe bereits erfaßt. Sie nahm das Buch dem Kinde aus der Hand um es wieder neben den Schlafenden hinzulegen, und der Zufall wollte, daß ihr Auge auf der Stelle ruhete, welche das Kind spielend geöffnet hatte. ­ Wie oft ward die Stelle des Dichters in späteren Jahren als eine Vorbedeutung wiederholt: es war diese »Weh mir! Nach allem, was ich jemals las, Und jemals hört' in Sagen und Geschichten, Rann nie der Strom der treuen Liebe sanft!« Sommernachtstraum. Während sie das Buch leise niederlegte, erschaute sie des Schlafenden Antlitz; nie vergaß sie nachher dessen Ausdruck, streng, stolz, schmerzlich, selber im Schlummer. Sein Erwachen wartete sie nicht ab, sondern eilte durch das Wäldchen zurück. So seltsam dies dünken mag, sprach sie weder mit Lady Margrete noch mit Madam Dalton von ihrem Abentheuer. Weshalb? Weilt etwa in unsern Herzen das Vorgefühl des Unglücks? Falkland hatte Lady Margretens Einladung empfangen und angenommen; am folgenden Tage ward er zum Mittagessen erwartet. Emilie empfand eine drängende, aber zu entschuldigende Neugierde, einen Mann zu sehen von dem sie so viele und so widersprüchliche Schilderungen gehört hatte. Sie befand sich allein im Saale, als er eintrat. Auf den ersten Blick erkannte sie den nämlichen Man, den sie Tages zuvor am Seeufer gefunden hatte, und sie erröthete tief, beim Erwiedern seiner Begrüßung. Das Erscheinen der beiden andern Damen zog sie aus ihrer Verlegenheit und die Unterhaltung ward allgemein. Falkland besaß nur wenig von dem, was man belebenden Umgang nennt; indes war sein Witz wenn gleich selten zur Fröhlichkeit stimmend, sarkastisch aber doch sehr fein, und seine lebendige Einbildungskraft verlieh Gedanken welche bei Andern alltäglich oder seicht hätten erscheinen müssen, eine besondere Eigenthümlichkeit und einen prunkenden Schimmer.

Die Unterhaltung drehte sich vornehmlich um gesellschaftliche Gegenstände; wiewohl Lady Margrete zum Voraus bemerkt hatte, daß er sich nur selten in das übliche Treiben der Gesellschaft gemischt hatte, erstaunte Emilie doch über seine treffend genaue Kenntnis der Menschen, und über die Richtigkeit seiner Beurtheilung der Sitten und Gebräuche. ­ Gelegentlich durchwob seine Satyre ein menschenfeindliches Gefühl, welches Emilie um so mehr rührte als es stets unerwartet und anspruchlos sich darthat. Nach einer ähnlichen Bemerkung war es, daß sie zum erstenmal wagte, den eigenthümlichen Reiz seines Antlitzes prüfend zu betrachten. Der Ausdruck desselben war eine Mischung von Thatkraft und Abspannung, die beweiset daß viel Kummer, Leidenschaft und Verhängnis erfahren, aber auch bekämpft worden; daß dieses Ringen ermüdete, aber nicht unterjochte. Auf dieser breiten, adligen Stirne, auf diesen feingezeichneten Lippen, in der schwermuthvollen Tiefe des ruhig sinnenden Auges, weilte eine Entschlossenheit und eine Kraft, die sie traurend beide erschienen, doch nicht ohne ihren Stolz waren; hatten sie das Ärgste erduldet so hatten sie ihm zugleich auch Trotz geboten. Seine Gesichtsfarbe war hell und bleich, trotz dem Geburtslande seiner Mutter; sein licht nußbraunes Haar ringelte in weichen antiken Locken um seine Stirne. Diese Stirn bildete allerdings die Haupteigenschaft seines Aussehens. Wieder allein in ihrer Höhe und in ihrer breiten Wölbung bestand deren bemerkenswerthe Schönheit; wenn aber jemals der hervorgerufene Gedanke und der Muth kühne Vorsätze auszuführen sichtbar verkörpert wurden, so trug diese Stirne ihr Gepräge. Falkland blieb nach Tische nicht lange, sagte aber Lady Margrete alles zu, was sie in Betreff künftiger längerer und öfterer Besuche von ihm forderte. Als er das Zimmer verlassen hatte, trat Lady Emilie instinktmäßig zum Fenster, um seiner Entfernung nachzuschauen; die ganze Nacht hindurch tönte seine leise, sanfte Stimme in ihrem Ohre, gleich der Musik eines unklaren nur halberinnerten Traumes. Liebe Emilie. Geschäfte von großer Wichtigkeit für das Land haben mich bisher verhindert dir zu schreiben. Ich hoffe du hast dich wohl befunden, seitdem ich zuletzt von dir hörte, und daß du alles mögliche thuest um die Einschränkung unnöthiger Ausgaben und die Beachtung einer klugen Sparsamkeit fortzusetzen, welche eben so sehr Pflichten der Individuen, als der Völker sind. Da ich denke dir muß in E... die Zeit lang werden, und weil ich mich stets bemühe dich zu unterhalten und zu unterrichten, so schicke ich dir eine vortreffliche Schrift von Tooke Etwa der Staats-Oekonomist? zugleich mit meinem letzten beiden Parlamentsreden, von mir selber durchgeschrieben. In der Erwartung bald von dir zu hören, bleibe ich mit bester Liebe für Heinrich, dein sehr herzlicher Mann John Mandeville. Nun Monkton, ich war in E....., dieses wichtige Ereignis in meinem Mönchsleben ist vollbracht. Lady Margrete war ganz so redselig wie immer; und eine Madame Dalton, die wie ich finde eine Bekannte von dir ist, fragte recht zärtlich nach deinem Pudel und auch nach dir. ­ Aber Lady Emilie! ­ Ja Monkton wie ich die dir beschreiben soll, weiß ich nicht. Ihre Schönheit ist eben so fesselnd als blendend. In jedem ihrer

Worte, in jeder Bewegung waltet jener tiefe, beredte Zartsinn, der unter allen Reizen der gefährlichste ist. Und doch gehört sie mehr einer spielenden, als der schwermüthigen gedankenvollen Natur an, welche gemeiniglich so sanften Wesen zugetheilt ist, aber Leichtsinn ist in ihrem Karakter nicht; auch wird das Spielende ihres Gemüthes nie zu jener Aufregung gesteigert die wir Fröhlichkeit nennen. Sie scheint, wenn es mir erlaubt ist diese Antithesis zu gebrauchen, zu gefühlvoll um lustig, zu unschuldig um betrübt zu seyn. Ich kann mir keinen Menschen denken der weniger für sein reizendes und romantisch gestimmtes Weib paßte als dieser kalte, pomphafte Mann, der nichts an sich hat was die Einbildungskraft beschäftigen, oder Liebe erregen könnte. Sie muß ausnehmend jung gewesen seyn als sie ihn heirathete, und wahrscheinlich weiß sie noch jetzt nicht, daß sie zu bemitleiden ist, weil sie gewiß noch nicht empfunden hat, daß sie zu lieben vermag. Le veggio in fronte amor come in suo reggio Sal crin, negli occhi ­ au le labra amore Sol d'intorno al suo cuore amor non veggio. Zweimal bin ich seit meiner ersten Zulassung in ihrem Hause gewesen. Wie gern horchte ich auf diese sanfte bezaubernde Stimme, und gehe aus der trüben Düsterheit meiner eigenen Betrachtungen in dem Glanze und zu der Einfachheit der ihren über. In meinem früheren Leben würde dieser Trost mit Gefahr verknüpft gewesen seyn, aber das Übermaß von Gefühl macht uns unempfindlich. Ausgebrannte Asche können wir nicht wieder in Flammen setzen. Ich vermag ihre traumgleiche Schönheit anzustaunen, ohne einen einzigen Wunsch zu nähren, der die Reinheit meiner Anbetung beflecken könnte. Ich lausche ihrer Stimme wenn diese in Zärtlichkeit zerschmilzt, die sie ihren Vögeln, ihren Blumen vorsagt, oder aber in tiefere innigere Hingebung wenn sie zu ihrem Kinde spricht; doch mein Herz erbebt bei der Zärtlichkeit ihrer Töne nicht. Ich berühre ihre Hand, und doch bleibt der Pulsschlag der Meinigen so ruhig wie zuvor. Übersättigung aus der Vergangenheit ist unsere beste Schutzwehr gegen die Lockungen der Zukunft; überstanden sind die Gefahren der Jugend, sobald diese der Zuneigung Langweilendes und Schläfriges erlangte, welche nur allein der Unempfindlichkeit des Alters eigen seyn sollten. So war Falklands Neigung zur Zeit seines Schreibens. ­ Ach! was ist täuschender als unsere Zuneigung? In unserer Sicherheit liegt eben die Gefahr ­ unsere Zuversichtlichkeit führt unsere Niederlage herbei. Täglich ging er nach E..... An den Vormittagen durchwanderte er mit Emilie die malerisch wilde Umgegend, und bei der gefährlichen aber entzückenden Stille der Sommerabende, lauschten Beide auf das erste Geflüster ihrer Herzen. Die Entschuldigung seiner häufigen Besuche fand Falkland in seiner Verwandtschaft mit Lady Margrete; und selber Madame Dalton war so hingerissen vom Zauber seines Benehmens, daß sie trotz ihres frühen Widerwillens, durchaus vergaß zu prüfen, in wiefern sein vertrauter Umgang in E..... von dem Anstande einer Welt abweichen mogte, welche ihr Ehrfurcht einflößte; auch untersuchte sie nicht in welchem Grade sie persönlich dabei betheiligt sey. Es ist überflüssig durch alle Windungen diesem Ursprunge einer Liebe nachzuspüren, deren spätere Ereignisse ich zu erzählen im Begriff stehe. Was wäre auch überirdischer, wahrhaft schöner, als der erste Beginn einer weiblichen Liebe? Der Lüfte

des Himmels sind in ihrem Gegaukel nicht reiner, ­ der Sonne wärmende Strahlen sind nicht heiliger. Ach warum muß sie in ihrer Natur herabsinken, im Verhältnis ihres Zunehmens an Stärke. ­ Weshalb muß der Fußtritt wenn er sich dem Schnee einprägt, diesem auch den reinen Glanz beflecken. Wenn Falkland ihrem schuldlosen und doch zitternden Auge begegnete, das ihm jenes innerste Geheimnis verrieth, welches selber zu entdecken, Emilie für eine Zeitlang noch zu glücklich war; wenn ihres Herzens Güte gleich der Springquelle unter Blumen, in sanfter Zärtlichkeit für Alle überfloß, welche sie umgaben, und in Wohltätigkeitsbeweisen gegen ihre Untergebenen, wie oft wandte er sich dann mit einer Verehrung ab die zu erhaben für die Selbstsucht einer menschlichen Leidenschaft war, und mit einer Zärtlichkeit zu heilig für unlautere Wünsche. in dieser Erinnerung die das früheste und zugleich das fruchtloseste Vorzeichen wirklicher Liebe ist, schrieb er folgenden Brief. Ich empfing zwei anmahnende Briefe von meinem Oheim. »Der Sommer rückt vor,« schreibt er, »und du bleibst wie immer in Unthätigkeit. Es giebt noch einen großen Theil von Europa den du nicht besuchtest; und weil du entschlossen bist in der Gesellschaft dir keine Frau zu erkiesen, auch im Unterhause dir keinen Ruhm gewinnen willst, so verbringe dein Leben, so lange es noch frei und ungefesselt ist, mindestens in seiner angestrengten Thätigkeit, welche die Muße später desto behaglicher macht; oder aber in Beobachtungen und Genüssen mit Andern, welche deine eigenen innern Hülfsquellen vermehren müssen.« Das klingt an sich wirklich gut: aber ich habe bereits mehr Kenntnisse gesammelt, als mir oder anderen möglich werden können, und ich bin nicht gewillt um die Möglichkeit an andern Orten Vergnügungen zu finden, hier meine Ruhe zu verlieren. Vergnügen ist ausgemacht eine Festtags-Empfindung, die im gewöhnlichen Leben nicht vorfällt. Wir verlieren unseren Frieden für lange Jahre, wenn wir entzückenden Augenblicken nachjagen. Ich weiß nicht ob du jemals empfandest wie unser Dasein fortebbet ohne zu seinem vollen Werthe gediehen zu sein; was mich betrifft, so bin ich mir meines Lebens nie bewußt, ohne zugleich einzugestehen, daß ich es nicht auf das Höchste genoß. Dies ist ein bitteres Gefühl, und das Bitterste dabei, daß wir nicht wissen wie wir uns desselben entledigen könnten. Meine Unthätigkeit suche ich nicht zu vertheidigen, wünsche das auch gar nicht; gleichwohl ist sie mehr Ergebnis der Nothwendigkeit als der freien Wahl; mich dünkt die Welt enthalte gar nichts was mich aufregen könnte. ­ Ich habe Anforderung zu Thätigkeit, und kann keinen Beweggrund dazu auffinden, der kräftig genug wäre; deshalb will ich in meiner Untätigkeit nicht gleich der Welt müßig, sondern von Andern abhängig seyn; und der Mangel an Erregung mag durch einen Anschein von Freiheit, den Abgezogenheit allein zu gewähren vermag, mindestens gewürdigter werden. Mein Ruheplatz ist nicht länger Einsamkeit, und doch schätze ich ihn deshalb um nichts geringer. Einen großen Theil meiner Zeit verbringe ich in E..... Alleinleben ist höchst anziehend für nachdenkliche Menschen, nicht so sehr weil sie ihre eigenen Gedanken lieben, sondern weil die Gedanken Anderer ihnen widerwärtig erscheinen. Einsamkeit verliert ihren Reiz in dem Augenblicke der uns ein einziges Wesen zuführt, dessen Begriffe uns angenehmer sind als unsere eigenen. Ich glaube, daß ich dir noch keine Beschreibung von Lady Emilie gab. Sie ist schlank, ihre Gestalt fein und dabei

ausnehmend schön. Kränklichkeit welche sie nöthige im höchsten Glanze der Saison, London mit E..... zu vertauschen, hat ihren Wangen mehr Blässe gegeben, als ich ihr natürlich zuschreiben mögte. Ihr Auge ist hellblau, aber die Augbraunen lang und dunkel; ihr schwarzes üppiges Haar trägt sie in einer ihr eigenthümlichen Weise; ­ aber ihr Wesen, Monkton, wie wäre es mir möglich, dessen Zauber dir zu schildern!? ­ Einfach und deshalb so makellos; ­ bescheiden und doch so zärtlich, scheint sie durch die Würde der Gattin ihre kindliche Reinheit nur vervollkommt zu haben; ­ jetzt nach Allem, was ich sagte, empfinde ich die Wahrheit von Bacons Bemerkung ­ »daß der Schönheit Trefflichstes in dem besteht was keine Schilderung auszudrücken vermag« ­ nur noch tiefer. Es schmerzt mich diese Beschreibung zu enden; weil mich dünkt sie sey kaum begonnen, und ich mag sie nicht fortsetzen, weil jegliches Wort mir Falten meines Herzens deutlicher zu offenbaren scheint, die ich mir selber verborgen mögte. Freilich liebe ich noch nicht; denn geschwunden ist jene Zeit die mich so leicht zur Leidenschaft aufreizte; aber ich will mich einer Gefahr nicht aussetzen, deren Wahrscheinlichkeit ich genugsam voraussehe. Nie soll dieses unschuldige reine Herz durch mich befleckt werden, der ich bereit wäre es nur dem kleinsten Unglück durch meinen Tod zu beschirmen. In mir selber finde ich kraftvolle Unterstützung der Wünsche meines Oheims. In der nächsten Woche komme ich nach Leyden; bis dahin Lebewohl E.F. Als das Sprichwort sagte: »Jupiter verspottet die Gelübde Liebender«, beabsichtigte es dadurch nicht nach der gewöhnlichen Auslegung, einen Lohn der Unaufrichtigkeit, sondern den der Unbeständigkeit. Viel weniger betrügen wir Andere als uns selber. Was galten Falklands Entschlüsse, die schon ein Wort oder ein Blick umzustoßen vermogte. Im Getümmel der Welt hätte er seine Gedanken zerstreuen mögen; in der Einsamkeit dagegen sammelte er sie nur noch mehr; denn Leidenschaften gleichen den Stimmen der Natur, die nur im Alleinseyn mit ihr gehört werden. Gegen die Vorwürfe seines Gewissens schläferte er seine Sorgen ein, überließ sich dem steten Rausche goldener Träume; mitten unter den reizenden Umgebungen, erstieg der Weihrauch zweier Herzen, als Opfer zum schönen Sommerhimmel, welche eben durch ihre an sich so standhaften Flammen, jede andere ihnen zugetheilte Regung geläutert und veredelt hatten. »Gott schuf das Land, aber Menschen machten die Stadt,« sagt ein Ausspruch des alltäglichen Lebens, die Gefühle aber, welche das eine oder die andere erweckt, wechseln je nach dem Geiste des Ortes. Wer konnte die zerstückelten und zerbröckelten Neigungen in Städten mit einer Zärtlichkeit in Vergleich stellen, die kein drängendes Treiben durch entgegenwirkende Lockung zerstreut, die kein Schweigen durch spielende Leichtfertigkeit ansteckt. Oft überließ ich mich dem Gedanken, daß kein Menschenwerk an Großartigkeit den Plan eines Attila übertreffen könnte, wenn dessen Ausführung dem Entwurf entsprochen hätte. Ist wohl ein einfacheres und zugleich erhabeneres Bild denkbar, als die weite Stille unbevölkerter Wildnis, als Wälder und Berge, welche die Natur in der frischen, riesenhaften Mulde einer neuen, einer unbefleckten Welt formte, und mitten

unter diesen schweigendsten, allmächtigsten Tempeln des Großen Gottes, nur allein der Geist der Liebe, der in allen herrscht und sie alle erleuchtet. Falkland. »Mit dem eigenen Herzen sich besprechen und schweigen,« mag für Männer noch so weise seyn, für Frauen ist's gefährlich. Die Thorheiten der Welt fortwährend mitzumachen, wäre für Emilien klüger gewesen als sie zu fliehen; Stillstand, Absonderung vom großen Haufen verursachte das Entdecken, Empfinden, Beklagen einer Leere in ihrem Daseyn; sich mit den Gefühlen beschäftigen, nach denen sie sehnsüchtig verlangte, konnte bei ihr nur das Aufsammeln von Beweggründen zur Verzweiflung seyn. Bevor sie noch die schmerzliche Kenntnis ihrer Selbst erlangte, an einen Mann verheirathet, den zu lieben unmöglich war, und gleichwohl von der Natur mit einer innigsten Liebe ausgestattet, die sich auf alles verbreitete was sie umgab, hatte nur allein das Schlummern ihrer Gefühle sie vor Elend bewahrt. Ihres Sohnes Geburt öffnete den Empfindungen ihres Herzens ein neues Feld, und den süßesten Reiz ihres eigenen Lebens schöpfte sie aus dem Daseyn dessen, dem sie das Leben gegeben hatte. Hätte sie Falkland nicht kennen gelernt, so mögten alle tieferen Quellen ihrer Liebe in diesen einen gesetzlichen Ausfluß sich geeint haben; aber von Allen die er zu bezaubern wünschte, hatte noch keine seiner Gewalt widerstanden, und eine Neigung die er einflößte, war ganz in Übereinstimmung mit der Kraft und dem Feuer seines eigenen Wesens. Sobald Emilie einen Falkland liebte, mußte sie im selben Augenblicke verstehn, daß getrenntes, selberberechnendes Leben für sie endete. Schönheit mag unsere Sinne fesseln; aber einen so oberflächlichen Eindruck kann Abwesenheit vergessen machen, oder Vernunft besiegen. Unsere Eitelkeit mag sich in hohen Rang verlieren; aber der Eitelkeit Schwüre sind in Sand gezeichnet. ­ Doch wer vermögte den Genius zu lieben, ohne klar zu erkennen, daß Gefühle von solcher Liebe erweckt, das tiefste Innere, die eigene Unsterblichkeit betheiligen. Sie erregt, vereint, umfaßt alle unsere Empfindungen, sogar die leisesten und verborgensten. Flößte Alltäglichkeit Liebe ein, so mögen auch Gegenstände des gewöhnlichen Lebens ein Gefühl ersetzen oder zerstören, welches ein solcher allgemeiner Gegenstand erweckte. Lieben wir dagegen ein Wesen, wie wir es unter der uns umgebenden Kleinlichkeit und Flachheit nicht wiederfinden können, so sollten wir dann einen neuen Gegenstand aussuchen, um denjenigen zu ersetzen, der auf Erden seines Gleichen nicht hat? Das Erwachen aus einem solchen Entzücken, gleicht der Rückkehr aus dem Feenreiche; wenn aber die Erinnerungen aus einem voller Frische erhalten sind, wie vermögten wir dann die Langweiligkeit des irdischen Daseyns zu ertragen, zu der uns die Zukunft verurtheilt? Seit einigen Wochen hatte Emilie nicht an Madam St. John geschrieben, und ihr letzter Brief, hatte über Falkland mit einer Zurückhaltung gesprochen, durch welche ihre Freundin mehr beunruhigt, als getäuscht wurde. Sie hatte aber in der That auch eine triftige und geheime Ursache zur Besorgnis. Falkland war der Gegenstand ihrer eigenen, ihrer ersten Liebe gewesen, und sie konnte genugsam die außerordentliche, die geheimnisvolle Gewalt, welche er nach Willkür auf ein fremdes Gemüth auszuüben

wußte. Freilich hatte er ihre Gefühle für ihn nie erwiedert, hatte sie sogar nicht einmal gekannt; und in der Reihe von Jahren, die abgelaufen waren seit sie ihn zuletzt gesehn, so wie in den neuen Verhältnissen, welche ihre Verheirathung mit Herrn St. John für sie herbeiführte, hatte sie ihre frischere Neigung bald vergessen, als Emiliens Brief dieselbe ihrem Gedächtnisse auf's neue zurückrief. Als Antwort darauf schrieb sie ihrer Freundin eine leidenschaftliche, liebevolle Warnung. Nach der Klage über Emiliens lange beobachtetes Stillschweigen, sagte sie viel Verwerfliches von Falklands Charakter, und vieles was sie vor dessen Zauber bewahren sollte; sie versuchte dabei Tugend und Stolz im Verein anzuregen, die in Gemeinschaft oft da siegen wo sie abgesondert leicht unterliegen müßten. Wahrscheinlich vermuthete Mad. St. John, daß nur die Freundschaft sie dazu antreibe, aber in den Beweggründen zu den aller besten Handlungen weilt stets ein verborgenes Übel; eigennützige Eifersucht, die obgleich hoffnungslos dennoch nicht überwunden wurde, herrschte vielleicht über minder selbstsüchtige Gefühle, welche letzten allein sie sich eingestehen wollte. Es war mein Zweck in diesem Buche das Zunehmen der Leidenschaften zu schildern; die Geschichte mehr durch Gedanken und Gefühle aufzuhellen, als durch Ereignisse und Einwirkungen; die kleinern, geistig-feineren Gewirre und Geheimnisse des Menschenherzens, die in modernen Schriften so spärlich zur Anschauung kommen, offner darzulegen. In dieser Absicht habe ich den Faden der Geschichte von Zeit zu Zeit abgebrochen, um die darin vorkommenden Karaktere lebendiger herauszuheben; weil ich auf den gewöhnlichen Ehrgeiz von Erzählern keinen Anspruch mache, habe ich mich befugt geachtet, in voller Freiheit von ihrem gewohnten Gange abzuweichen. Hierin findet sich der Beweggrund und zugleich die Entschuldigung für das Einschalten der folgenden Bruchstücke und der gelegentlichen Briefe. Diese zeichnen den innern Kampf, während Erzählung nur die Außenseite des Ereignisses im Blicke halten würde; sie erforschen »den Blitzstrahl bis zu seinem Wolkenursprunge« während die Geschichte uns den Fleck bezeichnen würde, den er versengte oder zerstörte. Dienstag. Mehr als sieben Jahre sind verflossen seitdem ich dieses Tagebuch begann. So eben habe ich es vom ersten Anfange durchgesehen. Vielfach und verschieden sind die Gefühle die es zu schildern versucht: ­ Anmuth, Empfindlichkeit, Freude, Kummer, Hoffnung, Vergnügen, Ermüdung, Langweile; aber nie, nein niemals Erniedrigung, oder Reue; diese waren in den Lichtjahren meiner frühesten Jugend mir nicht vom Verhängnis beschieden. Wie soll ich sie jetzt beschreiben? Einen langen Brief von Julie habe ich erhalten, habe ich gelesen, so gut meine Thränen mir das gestatten wollten. Es ist nur zu wahr, daß ich nicht wagte ihr zu schreiben; wann werde ich diesen Brief beantworten? Sie hat mir den Zustand meines Herzens gezeigt; ach! schon vorher empfand ich darüber mehr als Argwohn. Hätte ich vor zwei Monaten, ­ vor sechs Wochen ­ träumen können, daß ich je einen Gedanken hegen sollte, dessen ich mich schämen müßte? ­ So eben war Er hier ­ Er ­ der einzige in der Welt, denn die ganze Welt scheint in ihm zusammengefaßt. Er bemerkte meine Angst, denn ich blickte ihn an, und meine Lippen bebten, meine Augen standen voller Thränen! ­ Er nahte sich ­ setzte sich dicht zu mir ­ flüsterte mir seine Theilnahme, seine ängstliche Besorgnis zu; ­ und war da Alles? ­ Habe ich denn geliebt ehe ich noch wußte, ob ich geliebt

werde? ­ Nein, nein; die Zunge schwieg, aber das Auge, die Wange, das Benehmen ­ weh mir! diese waren nur zu beredt. Mittwoch. O wie süß war es, auf seine leisen, sanften Töne zu horchen; den Ausdruck seines Gesichtes zu erlauschen, ­ die Luft die er athmete einzufangen. ­ Aber nun, da ich die Ursache kenne, sehe ich ein, daß diese Lust ein Verbrechen ist, und dies machte mich sogar in seiner Gegenwart elend. Heute war er noch nicht hier. Schon ist es nach drei Uhr. Wird er kommen? ­ Ich stehe vom Stuhle auf ­ ich gehe zum Fenster um frische Luft zu schöpfen ­ ich bin unruhig, bewegt, erschüttert. Lady Margrete spricht zu mir ­ ich antworte kaum. Mein Knabe ­ ja, mein lieber, lieber Heinrich kommt, und ich empfinde wieder, daß ich Mutter bin. Nie will ich die Mutterpflicht verletzen, obschon ich eine andere Pflicht vergessen habe die eben so heilig, wenn gleich nicht so lieb ist. Nie soll mein Sohn um seine Mutter erröthen müssen! ­ Ich will entfliehn; will Ihn nicht wieder sehn! ­ Schreib mir Monkton ­ ermahne mich, rathe mir, oder verlaß mich für immer. Glücklich bin ich, aber auch elend; ich wandle umher im Wahnsinn eines unseligen Fiebers, der mir Träume eines seligen Lebens vorgaukelt, aber jeglicher dieser Träume bringt mich dem Tode näher. Tag auf Tag habe ich hier verweilt, bis Wochen verflogen sind, ­ und weshalb? Emilie gleicht keiner Frau von Welt; ­ ihr sind Tugend, Ehre, Treue, mehr als gesellschaftliche Convenienzen. Lady A.... sagte einmal: »wo Verheimlichung bewahrt wird, ist kein Verbrechen.« So kann Emiliens Glaube niemals seyn. Sie würde ihre Schuld nie in Weltlichtsinnn noch in erkünsteltes Gefühl verkleiden. Sie wird elend seyn ­ und das für immer. Ich halte ihrer Zukunft Loose in meiner Hand, und dennoch bin ich verworfen genug zu schwanken, ob ich sie retten, oder zu Grunde richten will. Ha! wie schrecklich, wie selbstsüchtig, wie entwürdigend ist ungesetzliche Liebe! Du kennst mein theoretisches Wohlwollen für jedes lebende Wesen; oft hast du über meine Eitelkeit gelächelt. Jetzt begreife ich, daß du recht hattest; denn jetzt scheint mir's eine übermenschliche Tugend, die nicht zu verderben, die mir auf Erden das Theuerste ist. Ich entsinne mich, daß ich dir vor einigen Wochen geschrieben ich wollte nach London kommen. Damals ahnete ich meines Geistes Schwäche im mindesten nicht. Ich sagte ihr, daß ich die Absicht habe fortzureisen. Sie ward bleich, ­ sie zitterte ­ aber sie sprach nicht. Diese Anzeichen die meine Abreise hätten beschleunigen sollen, beraubten mich sogar der Kraft an Entfernung zu denken. Immer noch bin ich hier; täglich gehe ich nach E..... Zuweilen sitzen wir schweigend bei einander, ich wage nicht zu sprechen. Wie gefährlich sind solche Augenblicke! Amutiscon lingue parden l'alme. Gestern ließ man uns allein. Mit Lady Margrete hatten wir von gleichgültigen Dingen gesprochen. Mehre Minuten vergingen schweigend, ich blickte auf; Lady Margrete hatte das Zimmer verlassen. Das Blau röthete meine Wangen ­ meine Augen begegneten Emiliens Blicken, und eine Welt hätte ich darum gegeben, von meinen Lippen zu wiederholen, was diese Augen sagten. Die Sprache sogar versagte mir, ­ mich erstickten wiederstreitende Gefühle. Kein Lüftchen regte sich, deutlich hörte ich meines Herzens Schläge. Ein Wetterschlag wäre jetzt eine Erleichterung gewesen. O Gott! giebt es einen Fluch so ist es der, von Gefühlen entflammt, erfüllt, zum Wahnsinn

getrieben zu werden und diese verbergen zu müssen! ­ Das ist in der That was Bacon nennt: »Kannibal seines eigenen Herzens seyn!« Bei Sonnenuntergang war Emilie allein auf dem Rasen der sich gegen den See neigte, die blauen stillen Wasser blinkten in helleren Zwischenräumen, durch die vereinzelten von der Sonne beschienenen Bäume. Mit schmerzlichen, thränenvollen Blicken schaute sie in die sinkende Sonne. Das Innerste ihrer Seele trauerte. Jenes Immergrün mit welchem die Liebe ihr Werk zuerst umkleidet, war bereits verwittert, und nun erst sah sie der Trümmer Verwüstung, welche sich unter ihnen verborgen hatte. Verloren war ihr für immer die Frische unerwachter Gefühle, die Alles aus sich her mit ewiger Sonnenröthe, mit Morgenthau und Frühduft erfüllt. Das Herz mag das Verlorengehen oder Brechen einer schuldlosen, gesetzlichen Liebe ertragen, »­ die Narbe bleibt zwar, doch die Wunde heilt« ­ dagegen ist eine nächtige, schuldvolle Liebe in ewigen, unerlöschlichen Zügen eingegraben! ­ Die eine gleicht dem Witz, der wahrscheinlicher Weise mehr blendet als zerstört, und der in seiner Gefahr sogar göttlich, dem alten Aberglauben zufolge, das heiligt, was er versengt; die andere aber gleicht jenem gewissen, mörderischen Feuerregen, welcher auf die Städte im Alterthume niederfiel, und in die von ihm selber geschaffene öde Wüstenei des Fluches Gedächtnis und Verewigung prägte. Ein leiser, zitternder Ton erreichte Emiliens Ohr; sie wandte sich um, ­ Falkland stand neben ihr. »Ich fühlte mich unglücklich und ruhelos,« sagte er; »und kam Sie aufzusuchen. Einer der Kirchenväter hat es geschrieben, daß wenn ein schuldbeladener, unglücklicher Mensch das Antlitz eines Engels nur während weniger Minuten zu erblicken vermögte, so würde die Himmelsfreude und die Glorie die auf ihm thront sich in sein Herz senken, er würde mit einemmale die Kluft vergangener Jahre wieder überschreiten und zurück in die ersten unbefleckten Zeiten der Reinheit und Hoffnung gesetzt werden: vielleicht gedachte ich dieses Lehrspruches, als ich zu Ihnen kam.« Emilie erröthete tief bei dieser Anrede, und im Erröthen allein bestand die Antwort, welche sie der gesagten Schmeichelei ertheilte, dann sprach sie: »ich weiß nicht wie es zugeht, aber diese Stunde enthält für mich immer etwas schwrmüthiges, etwas trauerndes, wenn ich anschaun muß, wie der schöne Tag mit aller seiner Pracht und lieblich tönenden Herrlichkeit, mit seinem Sonnenglanze und mit dem Gesange der Vögel versinkt.« »Und doch dünkt mich,« erwiederte Falkland, »wenn ich mich in die Zeiten zurückversetze, in welchen meine Empfindungen mehr mit den Ihrigen im Einklange standen, ­ denn jetzt haben alle äußere Gegenstände ihren Einfluß und ihr Anziehendes für mich verloren ­ daß diese Schwermuth welche Sie wahrnehmen, eine nicht zu beschreibende aber unvertilgbare Süßigkeit in sich begreift, die nicht gegen frohsinnigere Stimmung vertauscht seyn mögte. Schwermuth die aus keiner uns innewohnenden Ursache entsteht, gleicht der Musik ­ sie bezaubern uns nach Maßgabe ihrer Wirkung auf unser Gefühl. Vielleicht besteht ihr hauptsächlicher Reiz in der Reinheit einer Quelle aus der sie entspringt, wiewohl das Verderbnis späterer Jahre erfordert wird um diese zu ergründen und zu würdigen. So lange unsere Empfindungen mit den leidenschaftslosen ursprünglichen Natureindrücken in

Übereinstimmung bleiben, können sie nur um weniges getrübt und abgenutzt werden; der Trübsinn von dem Sie reden ist so ganz frei von Bitterkeit, so verknüpft mit den edelsten, entzückendsten Gefühlen, die uns beseligen, daß ich annehmen mögte des Himmels Glückseligkeit enthalte mehr Schwermuth, als Luft.« Sie schwiegen einige Augenblicke. Nur selten deutete Falkland auch in so leiser Art auf die Zukunft einer andern Welt; wenn dies aber geschah, so war es niemals in gedankenloser, alltäglicher Weise, sondern in einem Tone der tief in Emiliens Herz drang. Endlich sagte sie: »Betrachten Sie jenen schönen Stern, den ersten und hellsten! Oft dachte ich mir er gliche dem Verheißen eines Lebens nach dem Tode; sey uns ein Pfand dafür, daß selber in den Tiefen der Mitternacht, die Erde ein unausgelöschtes, ein unauslöschbares Himmelslicht behalten solle!« Emilie richtete ihren Blick auf Falkland als sie dies sprach und auf ihrem Antlitz flammte die Begeisterung ihres Innern. Doch er war todtenbleich. Wie eine Wolke überflog sein Gesicht der Ausdruck wechselvoller, unaussprechlicher Gedanken, schnell verschwand sie wieder, und ließ seine Züge ruhig und hellleuchtend in ihrer edlen, geistvollen Schönheit. Als sie ihn anblickte sehnte ihre Seele sich zu ihm, mit Schwesterzärtlichkeit. Langsam wandelten sie heim. »Oft schon überraschte mich,« sprach Emilie nach einigem Zögern, »die geringe Begeisterung, welche Ihnen dem Anschein nach, selber bei solchen Dingen eigen ist, die bei Ihnen zu tiefer Überzeugung geworden seyn müßten.« » Nachdenken hat meine Begeisterung verscheucht;« erwiederte Falkland, »verlorene Hoffnung führte mich zum Betrachten, und über Betrachtungen vergaß ich meine Gefühle. Hätte ich nur nicht so leicht wieder erlangt, was ich für immer verloren zu haben wähnte!« Falkland wechselte bei diesen Worten die Farbe; Emilie seufzte, weil sie ihn verstand. In ihm hatte diese Anspielung auf seine Liebe eine ganze Folge gefährlicher Erinnerungen erweckt; denn Leidenschaft ist des menschlichen Herzens Lauwine: ­ ein Hauch schon, vermag sie von ihrem Ruhepunkte zu trennen. Sie schwiegen immer noch; denn Falkland getraute sich nicht zu reden bis er, als sie ihr Haus erreicht hatten, Entschuldigungen herstammelte um nicht mit hinein zu gehn und sich entfernte. Er kehrte zurück zur einsamen Heimath. Der Park von E..... war in höchst geschmackvoller und kostbarer Art angelegt, so daß er einen ergreifenden Gegensatz zu der wilden einfachen Natur der Umgegend bildete. Selber die kurze Entfernung zwischen Mandevilles Landhause und L. ­ bildete einen so entschiedenen Wechsel im Charakter der Gegend, als nur irgend ein weites Entlegenseyn hätte hervorbringen können. Falklands alterthümliches, halbverfallenes Haus, mit verwitterten Bogengängen und übermoseten Mauerdecken lag an einem sanften Abhange, umgeben von düsteren Ulmen und Lerchenbäumen. Es enthielt immer noch Spuren seiner ehemaligen Wichtigkeit sowohl, als der Gefahren, denen es dieserwegen ausgesetzt worden. Ein breiter mit Geröhrig überwachsener Graben, deutete den ehemaligen Burggraben an; große unbehauene Steinmassen die umher lagen verkündeten, daß diese Veste

ehemals Außenwerke hatte, und daß sie in den »Parlamentskriegen« kräftigen Widerstand gegen Iretons und Fairfax Streithaufen leistete. Der Mond, dieser Schmeichler alles Vergehenden, verbreitete seine reiche, sanfte Schönheit über eine Gegend die ohne ihn gewiß öde und freudlos gewesen wäre; sein Kuß wollte das hohe stille Kraut zum Leben, das hin und wieder aus den Trümmern emporsproß, gleich falschen Gastfreunden gefallener Großen. Für Falkland hatte dieser Schauplatz weder Reiz noch Anziehungskraft; mit theilnahmslosen, unbeachtenden Blicken betrat er sein gewohntes Zimmer. Dieses war das einzige im Hause, dessen Einrichtung Wohlleben, oder nur Behaglichkeit verrieth. Große Bücherschränke mit köstlichem Schnitzwerke von Elfenbein ausgelegt; Brustbilder der wenigen in der Welt erschienen Männer, welche nach Falklands Würdigung verdienten, der Nachwelt aufbewahrt zu werden; treffliche Gehänge Flandrischen Gewebes; Französische Lehnsessel und Sophas von rothem Damast und reicher Vergoldung, Überbleibsel aus den Prunktagen des vierzehnten Ludwig ­ deuteten einen Aufwand von Kosten an, der mehr Falklands Reichthume als der gewöhnlichen Einfachheit jenes Geschmackes entsprach. Auf einem großen Schreibtische lagen Bücher in verschiedenen Sprachen und über die aller entgegengesetztesten Gegenstände. Zwischen ihnen umher gestreut fanden sich Briefe und Zeitungen; dies sah Falkland ohne sonderliche Aufmerksamkeit durch. Eine der brieflichen Mittheilungen war von Lord ..... dem M..... Bitter lächelte er beim Lesen der übertriebenen Schmeicheleien, und durchschaute den seichten Kunstgriff, welchen sie zu verbergen bestimmt waren. Den Brief warf er hin und durchblätterte die umherliegenden Bücher mit dem krankhaften, übersättigten Gefühle, daß allen Menschen eigen wird, die gründlich genug gelernt haben, um deutlich zu erkennen, wie viel sie erlernten und wie wenig sie wissen. »Wir verbringen unser Leben,« dachte er, »im Aussäen dessen was wir nie ärndten sollen! Wir bemühen uns einen Thurm aufzubauen der bis in den Himmel reichen muß, um einem Fluche auszuweichen; und plötzlich trifft uns ein anderer! Über ein gemeinschaftliches Wehe wollten wir uns erheben, und sind von dem Augenblicke an, durch eine abgesonderte Sprache von unserm Mitgeschlechte getrennt. Ich habe Gelehrsamkeit, Wissenschaft, Philosophie, die Welt des Menschen, und die der Einbildungskraft prüfend durchstreift ­ aber wozu? Meine Glückseligkeit beschränkte sich in den Kreis der Weisheit. Mit verächtlichen, vorwurfsvollen Blicken betrachtete ich die Zwecke anderer. Ich lebte in der Gemeinschaft solcher die mir vorangegangen sind; umgab mich mit den Denkmalen ihres Geistes und machte mich mit ihren Aussprüchen so bekannt, als mit denen von Freunden; ich drang in den Mutterschooß der Natur, und verfolgte die geheimnisvollen Elemente bis zu ihrem Ursprunge; ich schwang mich auf zu den Sternen und entfernte deren Ordnung und das Geheimnis ihrer Bahnen; ich befragte den tobenden Sturm um sein Ziel und die Winde nach ihrem Zuge. Dies reichte nicht hin meinem Durst nach Kenntnissen zu stillen, und ich suchte in dieser niederen Welt nach neuen Quellen der Befriedigung. Ungesehn und ungeargwohnt, erschaute und bewegte ich die Triebfedern des Automats, welches wir »das Gemüth« nennen. Ich fand einen Schlüssel zum Labyrinth menschlicher Beweggründe, und ich beobachtete die Herzen derer die mich umgaben, wie durch ein Fenster. Eitelkeit aller Eitelkeiten!

Was habe ich eingesammelt? ­ Von meinem Stamme habe ich mich abgesondert, aber nicht von meinen Leidenschaften, diesen ärgsten Feinden. Meine Seele habe ich zu einer Einöde gemacht, doch verspottete ich sie nicht mit der Benennung: Friede. Als ich dem Troste entfloh, konnte ich mir selber doch nicht entfliehen; gleich den verwundeten Hirsche, trug ich des Pfeiles Widerhaken in mir, und konnte dem nicht entrinnen!« Mit diesen Gedanken ermannte er sich aus einer Träumerei und versuchte noch einmal seine eigenen Betrachtungen durch solche zu vergnügen die uns Ruhe lehren sollten, weil sie auf den Blättern Verstorbener eingegraben sind; sein Versuch blieb so fruchtlos wie vorher. Seine Gedanken waren unstät und verwirrt, er vermogte sie weder zu besänftigen noch zu sammeln; er las zwar, doch unterschied er kaum eine Seite von der andern; er begann zu schreiben, doch wollten die Gedanken nicht fließen wie er sie hervorrief; die einzige halbgelungene Anstrengung seine Empfindungen zu meistern, zeigte sich in einigen Streck-Versen die ich dem Leser mittheilen will. Es ist das allgemeine Eigenthum der Dichtkunst, daß wie unvollkommen ihr Besitz auch sein mag, sie dennoch in dem Maße zu den Herzen Anderer spricht, als die Gefühle welche sie ausdrücken mögte in unserm eigenen Herzen erkannt werden; ich füge die Zeilen, welche an dem Abende entworfen wurden hier in der Hoffnung bei, sie werden treffender als viele Seiten, des Verfassers schweigsamen, reizbaren und eigenthümlichen Karakter, so wie die sonderbare Gefühlspein schildern, aus der sie eine Bitterkeit schöpfte, die in ihnen vorherrscht. »Mitternacht ist's; rings um die Lampe die ihren einsamen Schimmer über mein Gemach verbreitet sind die mannichfachen Schätze aufgestellt, die unseren Fiebertraum der Jugend Nahrung geben. »Dem Traum, ­ dem Durst ­ dem müden, wahnbildenten und doch zierlichen Verlangen nach Wissen; von dem getrieben der Mensch sich auf Flügeln erheben und des Himmels Äther trinken mögte! »Es drängt ihn den geheimnisvollen Schleier zu lüften den die Natur über Meer und Erde, über Sterne und Wolken hingebreitet hat; und im Innern des Menschen will er den dunkelsten aller Nebel, vor seinem forschenden Auge verschwenden. »Ach! welchen Vortheil gewährt die mitternächtige Lampe? welchen, das sinnesverwirrende Streben des Geistes? O der leeren Hoffnungen und der eitlen Mühen, die uns zwiefach erblindet zurückließen. »Was lehrt uns die Vergangenheit? ­ Den ewig gleichen langweiligen Fortgang von Ruhm, Sünde und Trübsal: die Zukunft habe ich befragt, und aus ihrem unergründlichen Schlunde ertönte keine Antwort. »Es schwieg die Sonne und es schwieg die Wolke; nur durch ihr Athemgesäusel antwortete die Luft: aber gütig war die Erde; aus dem Grabe erstieg die ewige Antwort: ­ Tod. » Dies, war alles; wir bedürfen keines Weisen um uns die einzige Wahrheit der Natur zu lehren! Thoren sind wir, die goldenen Stunden unserer Jugend über der Weisheit nutzloser Blätter zu vergeuden. »Emsig verschaffen wir uns durch Wissenschaft, was nur Hinfälligkeit der Jahre uns bringen sollte: ­ den schleichenden Pulsschlag, die fieberbleiche Wange, und den auf seinen Schwingen zusammenbrechenden Geist.

» Denken, lehrt nur Pein, nur Verachtung alles dessen, was Andere vergöttern, nur ein Gefühl des Allein- und Fremdseyns in der umgebenden Welt, als stünde man vereinzelt am öden Strande. »Wir verlieren die einzigen Bande welche müßigen Gaffern aus Barmherzigkeit verliehn zu seyn scheinen; wir erkennen daß Liebe, Glaube, Hoffnung nur Träume sind, und wenden uns ab vom Himmelslichte, zu finsterer Verzweiflung.« Ich gehe zu einem wilder bewegten Abschnitte meiner Geschichte über. Die bisher nur durch Augen verrathene Leidenschaft, ward jetzt von Lippen wiederholt, und der Schauplatz welcher Zeuge vom ersten Geständnis der Liebenden war, erschien auch des letzten Schlußzieles ihrer Liebe würdig. E..... war etwa zwölf englische Meilen von einer berühmten Klippe am Meeresufer entlegen, und lange schon hatte Lady Margrete einen Ausflug nach diesem Orte vorgeschlagen, der eben so bemerklich durch seine Naturschönheiten, als durch die an ihn geknüpften Sagen war. Endlich wurde ein Tag dazu festgesetzt. Falkland war der Damen Begleiter. Als er unterwegs nach etwas Vermißtem in den Wagentaschen suchte, berührte er Emiliens Hand und drückte sie unwillkürlich. Hastig ward sie ihm entzogen, aber er fühlte ihr Zittern. Er wagte nicht aufzublicken, diese eine Berührung hatte ihm ein neues Leben mitgetheilt; berauscht von den entzückenden Gefühlen, lehnte er sich schweigend im Wagen zurück. Fieber durchbrannte seine Adern ­ das Zucken dieser Berührung hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt, in einen einzigen Nerv umgewandelt. Lady Margrete sprach vom Wetter und von dem erwarteten Anblicke, war neugierig zu wissen wie weit man schon gekommen, schmälte über schlechte Wege, bis sie endlich gleich einem Kinde sich in den Schlaf plauderte. Madam Dalton las »Guy Mannering;« aber Emilie so wenig als ihr Liebhaber, theilten die Beschäftigungen oder Gedanken ihrer Begleiterinnen; fromm und in sich gekehrt, lebten sie nur noch für das sichtbare Daseyn der Gegenwart. Der Mensch ist stets beschäftigt entweder vor, oder hinter sich zu schauen; giebt es aber eine Zeit in der wir ausschließlich die Gegenwart empfinden, ­ in welcher wir unser Leben wirklich fühlen, und zugleich erkennen daß diese Augenblicke der Gegenwart voll des höchsten Genusses eines entzückenden Daseyns sind, ­ so wird uns diese zu Theil wenn wir bei dem einen Wesen uns befinden, dessen Leben und Gemüth zum großen Antheile und Tadel unseres eigenen Daseyns wurden. Sie erreichten den Ort ihrer Bestimmung, ein kleines Landhaus am Strande. Kurze Zeit ruheten sie hier aus, und wanderten dann über den Sand der Küste, nach der Klippe hin. Seit Falkland Emilien kennen gelernt, war ihr Karakter sehr geändert. Sechs Wochen vor dem Zeitpunkt den ich jetzt beschreibe, glich sie mit ihrem leichten tändelnden Wesen fast noch einem Kinde, jetzt waren aber diese Anzeichen des nicht wach gewordenen Herzens zu einer Zärtlichkeit verschmolzen, voll jener Schwermuth die bei der ganzen wohllustvollen Weichheit welche sie athmet und einflößt, dennoch so rührend und so heilig ist. Mogte es aus der allen Frauen innewohnenden Gefallsucht, oder aus einer Ursache herrühren die ihrer Natur eigenthümlicher war, am heutigen Tage schien sie froher, als Falkland sie je gesehen zu haben sich erinnerte. ­ Sie lief auf der ebenen

Standfläche hin, hob Muscheln auf, netzte ihre kleinen Feengleichen Füße in den Meerswogen, wagte nicht ihn anzublicken, und sprach doch zuweilen mit ihm in dem raschen Tone des Leichtsinns, der ihn verletzte und beleidigte, obgleich er die Tiefe von Gefühlen erkannte welche sie ihm so wenig als sich selber verbergen konnte. Allmählich wurde seine Antworten kalt und sarkastisch. Nun stellte Emilie sich gereizt, und als man ausfindig machte, daß die Klippe fast noch zwei Meilen entfernt sey, weigerte sie sich weiter zu gehen. Lady Margrete überredete sie endlich, und nun setzte man die Wanderung so verdrießlich fort, als eine aus Engländern bestehende Vergnügungsgesellschaft dies nur vermogte; als man bis auf drei viertel Meile dem Orte nahe war, erklärte Emilie sie sey so ermüdet, daß sie sich unfähig fühle weiter zu gehen. Falkland blickte sie vielleicht mit nicht sehr freundlichem Ausdrucke an, gemahnte aber, daß sie wirklich bleich und ermüdet aussah; als ihr Blick den seinigen begegnete, traten Thränen in ihre Augen. Mit einem gewissen Eifer sagte sie: »Herr Falkland dies ist gewiß, ganz gewiß kein Anstellen; ich bin sehr müde; aber ich will dennoch lieber den Versuch machen weiter zu gehen, als Ihr Vergnügen stören.« »Mein liebes Kind,« sagte Lady Margrete, »Sie scheinen ermüdet; Mad. Dalton und Falkland können bis zur Klippe gehen, ich bleibe bei Ihnen zurück.« Emilie, welche wußte wie sehr Lady Margrete die Felsklippe zu sehen wünschte, wollte von diesem Vorschlage nichts hören, und bestand darauf, allein zurückzubleiben. »Niemand wird mir davon laufen,« sagte sie; »und bis zu Ihrer Rückkunft werde ich mit Muschelsammeln mir die Zeit vertreiben.« Nach langen erfolglosen Gegenvorstellungen ward dieser Plan angenommen; sehr ungern begleitete Falkland die beide Damen; nach dem ersten Schritte wandte er sich schon um, um zurückzublicken; er traf ihr Auge, und empfand in dem Augenblicke, daß ihre Versöhnung besiegelt sey. Endlich kamen sie zur Klippe; die beiden Frauen wurden für die Beschwerlichkeit ihrer Wanderung reichlich entschädigt durch deren Höhe, durch die Felsenhölen, und durch das romantisch Anziehende der Ueberlieferungen die sich daran knüpften. Falkland war durchaus ohne Gefühl für Alles ihn Umgebende, war ganz erfüllt von »bitter süßen Gedanken.« Vergebend erzählte der Mann den sie als einen Wächter und Führer hier vorfanden, Wundergeschichten und eben so vergebens ertönte seine der Erhabenheit des Anblicks gezollten Andeutungen. ­ Die ersten Worte welche ihn aus seiner Dumpfheit weckten waren diese: »mag es eurer Ehrenhaftigkeit gefallen, es ist sehr glücklich, daß Sie so eben der Fluth entgingen. Erst in vergangener Woche ertranken drei Menschen bei dem Versuche hieher zu kommen; so wie es jetzt an der Zeit ist, werden sie den Weg hinter er Klippe zurück nehmen müssen.« Falkland starrte empor, er fühlte seines Herzens Pulse stocken. »Guter Gott!« schrie Lady Margrete auf, »was wird aus Emilie werden!« Sie befanden sich in diesem Augenblicke in einer der Felshölen, wo sie schon zu lange gezögert hatten. Falkland stürzte hinaus auf den Strand. Mit tiefem Getöse schwoll die Flut herauf; es erklang in seiner Seele wie Todtengeläute. Er blickte zurück auf den Weg den sie gekommen waren; kaum hundert Yards entfernt hatten die Wogen schon den Pfad überschwemmt. Eine Ewigkeit hätte den Schauder dieses Augenblicks

nicht ersetzen können! Geistesgegenwart war ein bezeichnender Zug in Falklands Karakter. Er wandte sich zu dem Mann der neben ihm stand, gab ihm eine kaltblütige und genaue Beschreibung des Ortes an welchem sie Emilie zurückgelassen hatten; hieß ihn so schnell wie möglich zu seiner Wohnung eilen, sein Boot abstoßen und der bezeichneten Stelle zurudern. ­ »Eilt« sagte er, »und ihr müßt früh genug kommen, ist's so, dann sollt ihr künftig Armuth nicht mehr kennen.« Im nächsten Augenblicke war er schon um mehre Ellen von der Klippe entfernt. ­ Er rannte, oder flog vielmehr bis die schwellenden Wogen ihn aufhielten. Er stürzte sich hinein, die Fluth füllte eine Vertiefung zwischen zwei Felsen aus, das Wasser stieg ihm bis an die Brust. Als er hindurch war, und die sandige Fläche wieder gewahrte, dachte er, noch ist Hoffnung da. Nun vergingen einige Minuten in denen er sich seines Daseyns kaum bewußt war; dann stand er sich athemlos zu ihren Füßen. In der Richtung gegen T..... (dem kleinen Wirthshause, von dem die Rede gewesen,) hatten die Wogen schon den Fuß der Felsen erreicht, und jede Hoffnung zum Rückwege benommen. Die einzige Rettung welche ihnen blieb, war die Möglichkeit, daß die Fluth jene tiefe Schlucht auch nicht undurchgänglich gemacht habe, die Falkland so eben durchwatete. Kaum sprach er, mindestens war er sich durchaus nicht dessen bewußt, was er sagte. Athemlos und bebend eilte er mit ihr davon; das Tosen der schwellenden Fluth rauschte in seine Ohren, die immer höheren Wogen benetzten seinen Fuß. So kamen sie zur Schlucht; ein Blick genügte ihm zu zeigen, daß ihre einzige Hoffnung dahin war. Das Wasser welches vorhin schon bis an seine Brust reichte, war seitdem beträchtlich angeschwellt; schwimmen konnte er nicht. In diesem Augenblicke gewahrte er, daß ein eilig nahender, furchtbarer Tod sie umringt hielt. Wird man es glaublich finden, daß mit dieser Gewißheit auch seine Furcht endete? Er blickte auf das bleiche aber ruhige Antlitz derjenigen die sich ihm anschmiegte, und eine sonderbare, sogar mit Freude vermengte Ruhe erfüllte ihn. Ihr Athem berührte seine Wange, ihre Gestalt lehnte auf ihm, seine Hand umfaßte die ihrige, sollten sie sterben, so war dieser, ihr Tod; und was hätte das Leben ihnen werthvolleres verleihen können. Er kniete nieder vor ihr und sprach: »in diesem Augenblicke wage ich auszusprechen, was meine Lippen sonst nie verrathen hätten. Ich liebe dich ­ ich bete dich an! Wende dich so nicht von mir. ­ Im Leben waren unsere Wesen getrennt, sind aber unsere Herzen im Tode geeint, so wird der Tod uns süß seyn.« Sie wandte sich zu ihm, ihre Wange war nicht mehr bleich. ­ Er raffte sich empor ­ drückte sie an seine Brust, seine Lippen preßten die ihrigen. ­ Ha dieses daurende, tiefempfundene, glühende Aufpressen! Jugend, Liebe, Leben, Seele, alles ist zusammengefaßt in diesem einen Kuße. Eben die Ursache welche sein Geständnis herbeiführte heiligte seines Herzens Wahnsinn. Was hatte eine, nur beim Herannahen des Todes erklärte Leidenschaft, mit den irdischen Wünschen des Lebens gemein? Sie blickten empor zum Himmel; er war ruhig und wolkenlos; der Mond ruhte balsamisch und duftend, ihre Seufzer waren bewegter als die Luft. Sie wandten ihr Auge dem prachtvollen Meere zu, welches ihr Grab seyn sollte; Seevögel schwebten ausfordernd darüber hin; ferne

Fahrzeuge schienen erfreut, ihren Lauf zu verfolgen. Alles war mit dem Hauch, der Glorie und dem Leben der Natur angefüllt, und in wie wenigen Minuten sollte dies Alles zu einem Nichts werden. Ihr Daseyn glich den Schiffen die auf weitem Meere untergingen, bei dem Lächeln des nämlichen Elements das sie verschlang. Sie blickten einander in die Augen, und schmiegten sich noch dichter zusammen. Ihre Herzen, sicher durch Vereinzelung, vermengten sich bei der Gefahr und verschmolzen zu einem. Es vergingen Minuten, und schwere Wogen rollten schäumend darauf. Sie standen auf dem höchsten Anberge den sie erklimmen konnten. Die Brandung spritzte zerschellend über ihre Füße hin; immer höher und höher bauschten die Wellen, ­ sie standen sprachlos. Ihn dünkte er höre ihr Herz klopfen doch ihre Lippe zitterte nicht. ­ Ein schwarzer Punkt! ­ ein Nache! »Blick auf, Emilie! blick auf! schau wie er die Wogen durschneidet. Herbei, herbei! nur noch ein wenig länger und wir sind gerettet. ­ Er naht sich immer mehr, noch wenige Ellen ­ er berührt den Fels!« Ach! was war ihnen von nun an das Leben werth, da der Augenblick, in welchem sie diesen Reiz entdeckten zugleich ihr unseliges Verhängnis bezeichnete, und da der Tod dem sie entronnen waren ihre Einung allein bewirken konnte, ohne ihre Schuld zu besiegeln? Ich will dir morgen ausführlich schreiben. Dinge haben sich ereignet, welche vielleicht der Zukunft ganzes Aussehn ändern. Jetzt gehe ich zu Emilien um sie zur Flucht zu bereden. Wir sind ja keine » Leute von Welt,« die durch den Verlust der öffentlichen Meinung vernichtet würden. Sie hat empfunden, daß ich ihr bei weitem mehr seyn kann als die Welt; und ich, ha! was wollte ich nicht für eine Berührung ihrer Hand hingeben? ­ Freitag. Seitdem ich gestern die Geschichte unserer Rettung auf diese Blätter niederschrieb, habe ich nichts anders gethan, als an diese Augenblicke denken, die, weil sie zu süß auch zu gefährlich waren; doch habe ich endlich mein Herz gekühlt; zu lange habe ich meiner Schwäche nachgegeben; mir schaudert vor dem Abgrunde dem ich entronnen bin. Noch kann ich fliehen. Er wird heute kommen, er soll mein Lebewohl empfangen. Sonnabend, Morgens vier Uhr. Seit eilf Uhr saß ich allein in diesem Zimmer. Ich kann meinen Gefühlen keinen Ausdruck geben, sie scheinen gleichsam zusammengeduckt unter einer Last die abzuheben unmöglich ist. Er ist fort und für immer. Hier sitze ich und wiederhole mir diese Worte, kaum ihre Meinung begreifend! Ach! wenn nun der morgende Tag kommt, und ein anderer und so fort, und ich ihn nicht sehe, dann freilich werde ich zu der ganzen Todespein meines Verlustes erwachen! Er kam hier ­ sah mich allein ­ flehete mich mit ihm zu entrinnen. Ich wagte nicht seinen Augen zu begegnen, ich härtete mein Herz gegen seine Stimme. Ich wußte was ich thun müsse ­ und habe es gethan; aber welche Kämpfe, welches Elend hat es mich gekostet! Wer hätte glauben sollen, daß es so schwer wäre tugendhaft zu seyn. Seine Beredsamkeit vertrieb mich aus einer Vertheidigung in die Andere, und zuletzt blieb mir keine andere als jene Barmherzigkeit. Ich öffnete ihm mein Herz ­ zeigte ihm dessen Schwäche, und erflehte seine Schonung. Meine Thränen, meine Angst überzeugten ihn von meiner Aufrichtigkeit. Wir schieden in bittern Gefühlen aber dem Himmel sey gedankt, frei von Schuld. Er hat um die Erlaubnis gebeten mir zu schreiben; konnte ich ihm die

verweigern? ­ Doch darf ich und kann ich ihm nicht antworten. ­ Wie wäre es auch möglich meinem Herzen zu gestatten, irgend eines seiner Gefühle als Erwiederung kund zu geben. Denn könnte ich wohl ein Wort des Kummers, oder einen Ausdruck der Zärtlichkeit lesen, welchen mein innerstes Herz nicht nachhallte?« Sonntag. Ja der Tag ­ doch daran darf ich nicht denken, nicht einmal meiner Religion darf ich mich weihen. O Gott, wie verloren bin ich! Sein Besuch war immer des Tages große Stunde, nahm alle meine Hoffnungen in Anspruch bis er kam, und alle meine Erinnerungen wenn er mich verlassen hatte. Jetzt sitze ich hier und betrachte die Stelle, die er auszufüllen pflegte, bis ich fühle, daß die stillen Thränen meine Wangen herabträufeln; sie erscheinen ohne Anstrengung und verschwinden ohne Linderung. Montag. Heinrich sagte, wo Falkland sey; ich beugte mich nieder um meine Verlegenheit zu verbergen. Wann werde ich von ihm hören? ­ Morgen? ­ Ach wäre die Zeit schon da. Die Uhr habe ich vor mich hingestellt und zähle wirklich die Minuten. Ein Buch hat er hier gelassen, einen Band von »Melmoth.« Jegliches Wort habe ich darin gelesen, und so oft ich zu einem Zeichen kam, das er mit der Bleifeder gemacht, hielt ich ein um mich meinen Träumereien über sein wechselreiches, beredtes Antlitz, und über den leisen, sanften Ton seiner süßen Stimme zu überlassen, bis das Buch meinen Händen entfiel, und ich emporschreckte um das Äußerste meiner Trostlosigkeit zu empfinden. ­ Hotel London. Zum erstenmale in meinem Leben schreibe ich Ihnen! Wie zittert meine Hand ­ wie glüht meine Wange! Tausend und aber tausend Gedanken drängen sich mir auf; ersticken mich fast durch die Mannichfaltigkeit und Verwirrung der Gefühle, welche sie erregen! ­ Mich erfüllt eben so sehr das Entzücken an Sie zu schreiben, als die Unmöglichkeit Gefühlen Ausdruck zu geben die ich mir selber nicht deutlich enträthseln kann. Sie lieben mich Emilie, und doch bin ich von Ihnen entflohn, und zwar auf Ihr Geheiß; aber der Gedanke, daß ich, wiewohl abwesend, doch nicht vergessen bin, macht mich Alles ertragen. Mit einem fieberhaften Gefühle von Ermüdung und Schmerz, bemerkte ich meinen Einzug in diesen unermeßlichen Zusammenfluß menschlicher Laster. Eben so schnell erkannte ich die Unfruchtbarkeit dieses verderbten Bodens, der so ganz unfähig ist eine Liebe zu nähren; desto inniger schmiegte ich Ihr Bild an mein Herz. Sie sind es die mir neues Leben einflößte, als ich meines Daseyns völlig überdrüssig war. Sie hauchten mir einen Theil Ihrer Seele ein, die meinige empfindet den Einfluß davon und wird geheiligter. Von den Müßiggängern die mich belästigen mögen, schließe ich mich aus; in meinem Herzen habe ich mir einen Tempel erbaut, eine Gottheit darin bewahrt, und die Eitelkeiten der Welt sollen das nicht entheiligen, was Ihnen geweihet ist. ­ Emilie, gedenken Sie unseres Abschiedes? ­ Ihre Hand war von der meinigen umklammert; Ihre Wange ruhte wenn auch nur für einen Augenblick an meiner Brust; die Liebe lockte Thränen hervor, welche die Tugend schon an ihrer Urquelle läuterte. Nie waren sich Herzen so nahe und doch so getrennt; nie gab es zärtlichere, und doch so ganz gefahrlose Stunde. Leidenschaft, Kummer, Wahnsinn versanken vor Ihrer Stimme, trübten in meiner Seele wie ein stiller tiefer See. ­ » Tu abbin veduta il leone ammansarsi alla sola tua voce. Ultime lettere de Jacopo Ortis.

Ich riß mich los von Ihnen; stürzte durch das Schloß fort; da stand ich am Teiche, dessen Ufer ich so oft mit Ihnen betreten, ich entblößte meine Brust dem Winde, und badete meine Stirn mit dem Wasser. Thor der ich war; das Fieber glühte im Innern! Aber nicht so, meine angebetete reizende Freundin, sollte ich Sie trösten und aufrichten. Während ich Ihnen schreibe, zerschmilzt die Leidenschaft in Zärtlichkeit und verbreitet sich besänftigend über Ihr Andenken. Gleich einem beseligenden Thau erscheinen mir die Erinnerungen an eine so zarte und doch so kraftvolle Tugend, an so innige und doch so heilige Gefühle, an Thränen, welche der von Ihnen ausgesprochene Beschluß hervorrief. Möge Ihr eigenes Herz Sie belohnen, meine Emilie; ­ Ihr Liebhaber vergißt daß er anbetet um sich daran zu erinnern, daß er Sie ehrt. ­ Park. Das Gewirr und Geräusch Londons vermogte ich nicht zu ertragen. Ich sehnte mich nach Einsamkeit um ungestört mich Ihrem Andenken zu weihen. Gestern kam ich hier, in der Heimath meiner Kinderzeit an. Rings umgeben mich Schauplätze und Bilder, die den blühenden Erinnerungen meiner schuldlosen Jahre geweihet sind. Sie änderten nicht. Kommende und schwindende Jahreszeiten ersetzen ihnen aufs neue den Raub den sie anrichteten. Was der Dezember ertödtet, belebt der April wieder; aber der Mensch hat nur einen Frühling, sein zerstörtes Herz nur einen Winter. In eben diesem Zimmer habe ich gesessen und gegrübelt über Träume und Hoffnungen ­ doch gleichviel, jene Träume konnten mir keine Erscheinung zeigen die Ihnen gliche, noch jene Hoffnungen mir eine Segnung versprechen die so unschätzbar wäre als Ihre Liebe. Gedenken Sie noch des Augenblickes ­ oder vielmehr konnten Sie ihn jemals vergessen ­ in welchem die Tiefen unserer Seelen sich erschlossen? Ach! nicht an dem Schauplatze hätte solches Gelübde Ihnen zugeflüstert werden, hätte Ihre Zärtlichkeit die Erniedrigung erröthend geben sollen. Die in Dunkel verhüllte Leidenschaft deckte Gefahr auf, und Liebe, uns im Leben versagt, war unser Trost im Todesschrecken. ­ Und jener heilige Kuß, der erste, einzige Augenblick in welchem unsere Lippen die Einigung unserer Seelen theilten! Sagen Sie mir nicht es sey unrecht sich daran zu erinnern! ­ Sagen Sie mir nicht, ich sündige, wenn ich Ihnen gestehe daß ich Stundenlang allein sitze und im Entzücken jener wohllustvolen Erinnerung schweige. Die Gefühle welche Sie in mir hervorriefen mögen mich elend aber nicht schuldvoll machen; denn Liebe zu Ihnen kann das Herz nur heiligen ­ sie ist eine Flamme welche dem Altar auf welchem sie brennt die Weihe giebt. Von der Stunde an in welcher ich liebte, empfand ich, daß meine Seele reiner wurde. Ich hatte nicht geglaubt, daß eines Weibes Liebe die Göttlichkeit der Tugend besitze, die ich in der Ihrigen anbetend verehre. Die Welt ist keine Nährerin unserer Jugendtraumbilder von Reinheit und Leidenschaft; mit ihrem Treiben vermischt, mit ihren Freuden bekannt geworden, übersättigten die letzten mich mit dem was Böse ist, während das erste mir Unglauben gegen Reinheit einflößte. Ihr Geschlecht betrachtete ich als ein Räthsel welches meine Erfahrung bereits gelöset habe. Den Französischen Philosophen ähnlich, welche im Bemühen die Wahrheit zu umschließen, sie ganz verlieren, und welche die Moral der Achtung vor Maximen opfern faßte ich meine Weiber-Kenntnis Aphorismen und Antithesen, wenn ich in meinen allgemeinen Satzungen mich nicht

getäuscht fand. Ich gestehe daß ich irrte, ­ von diesem Augenblick an entsage ich den kälteren Betrachtungen einer bittern Erfahrung, dem Weisheitsgewinne eines forschenden, aber sehr bewegten Lebens. Mit Entzücken kehre ich zurück zu seinen ersten Traumbildern von Schönheit und Liebe; auf dem Altar meiner Seele weihe ich sie Ihnen, Sie haben diese Bilder verkörpert, gesammelt, ihnen Leben eingehaucht. Montag. Dieses ist der freudenloseste Tag der ganzen Woche, denn er kann mir keinen Brief von ihm bringen. Unlustig stehe ich auf, lese und lese immer wieder den letzten von ihm erhaltenen Brief ­ unnöthige Mühe! er ist mir in's Herz gegraben! Mich verlangt nur danach, daß der Tag zu Ende sey, weil ich morgen vielleicht von ihm hören werde. Erwache ich Nachts aus meinem unruhigen oft unterbrochenen Schlafe, so schaue ich auf ob der Morgen dämmert, nicht weil er Leben und Licht bringt, sondern weil er mir Kunde von ihm zuführen mag. ­ Wird mir ein Brief von ihm gebracht, so lasse ich ihn Minuten lang ungeöffnet ­ mein Auge sättigt sich an seiner Handschrift ­ ich prüfe das Siegel ­ ich bedecke den Brief mit meinen Küssen bevor ich mir den Genuß erlaube ihn zu lesen. Dann berge ich ihn in meinem Busen, und nehme ihn nur hervor um ihn wieder und wieder zu lesen ­ ihn mit meinen Thränen der Dankbarkeit und Liebe ­ wehe mir! auch der Pein und Reue! ­ zu benetzen. Wie kann das Ende dieser Liebe seyn? Ich wage so wenig zu hoffen, daß sie fortdaure als daß sie aufhören könnte; in beiden Fällen bin ich auf immer elend. Um Mitternacht. Man bemerkt meine Blässe, die Thränen die in meinen Augen zittern, die Unlust und Niedergeschlagenheit meines Wesens. Ich glaube Mad. Dalton errieth die Ursache. In meinem ganzen Gemüthe erniedrigt und gedemüthigt, fliehe ich zu dir Falkland, suche Schutz bei dir. Deine Liebe kann mich zu meinem frühern Zustande nicht wieder erheben, aber sie kann mich mit meinen jetzigen versöhnen ­ nein, nicht versöhnen ­ aber mir zur Stütze dienen, um ihn zu ertragen. ­ Noch einmal küsse ich deinen geliebten Brief ­ ach! wäre der Morgen schon da! Dienstag. ­ Ein Brief von ihm ­ so gütig, so zärtlich, so ermuthigend; mögte ich doch sein Lob verdienen! wehe mir! ich sündige indem ich ihn lese. Ich weiß, daß ich stärker gegen meine Gefühle ankämpfen sollte ­ einmal versuchte ich's; ich betete zum Himmel um Beistand; ich entfernte Alles von mir, was mich an ihn erinnern konnte; drei Tage lang wollte ich seine Briefe nicht öffnen. Dann vermogte ich nicht länger zu widerstehn, und die Kraftlosigkeit meines Kampfes bestätigt meine Schwäche nur noch mehr. Ich entsinne mich, daß er uns eines Tages von einer wunderschönen Stelle im Persius sprach, die als der Gottlosen bittersten Fluch den bezeichnet: daß sie Tugend erkennen mögen, aber unfähig sind sie zu erlangen; ­ diese ist meine Strafe. Mittwoch. Mein Knabe war bei mir; aus meinem Fenster sehe ich ihn Feldblumen sammeln, und jedem Schmetterling nachjagen, der ihn entgegen flattert. Sonst war er mein ganzes Entzücken, meine ganze Beschäftigung; jetzt ist er mir lieber als je zuvor, aber nimmt nicht alle meine Gedanken mehr in Anspruch. Ich durchblätterte mein Tagebuch; früher enthielt es die kleinen Tagesvorfälle, jetzt bezeichnet es nichts als die Eintönigkeit der Trübsal. Er ist nicht hier ­ er kann nicht kommen. ­ Welches Ereignis könnte ich also aufzeichnen? ­ Park.

Wüßten Sie wie ich mich nach einem Worte von Ihnen sehne, wie mich dürstet ­ nach dem einen Worte das mir sagte, Sie seyen wohl und haben mich nicht vergessen! ­ doch ich will Sie nicht quälen. Meine Gefühle werden Sie errathen und dem Zwange den ich ihnen anlege Gerechtigkeit widerfahren lassen ­ indem ich keinen Versuch mache Ihrem Entschluß nicht schreiben zu wollen, umzuändern. Ich weiß, daß er gerecht ist, und unterwerfe mich dem Ausspruche; aber könnten Sie mich tadeln, wenn ich unruhig und schmerzlich klage. Mitternacht ist vorbei, ich schreibe Ihnen immer Nachts, denn alsdann vermag meine Einbildung mich am leichtesten zu Ihnen meine Geliebteste zu versetzen, mein Geist ist dann in mehr zärtlicher und ungetheilter Gemeinschaft mit Ihnen. Am Tage gelingt es der Welt zuweilen sich meinen Gedanken aufzudrängen, und ihre Thorheiten massen sich den Platz an, den ich »nur für dich und für den Himmel bewahren mögte.« Nachts aber erinnert mich jeglicher Umstand noch lebendiger an Sie: die Stille der sanften Wolken ­ die schmeichelnde Weichheit der ruhigen Luft ­ die Sterne in ihrer lieblichen Heiligkeit ­ alle diese athmen und reden mir von Ihnen. Ich denke mir, daß ich Ihre Hand in der meinigen hatte, daß ich den sanften Wohllaut Ihrer Stimme trinke, und die Luft wieder einsauge, welcher Ihre Lippe Athem und Duft verlieh. Im Lichtschimmer und mit der Ruhe eines Geistes, der auf Erden wanderte um uns eine Liebe zu lehren die man im Himmel empfindet, wähnte ich sie bei mir im einsamen Zimmer zu sehen. Diese Trennung kann ich so nicht lange ertragen, glauben Sie mir, ich kann nicht; ich muß mehr, oder weniger machen. Sie müssen mein seyn für immer, oder unsere Trennung muß ohne die mindeste Linderung bleiben, welche mehr Grausamkeit als Trost ist. Wollen Sie mich nicht begleiten, so verlasse ich England allein. Ich darf nicht stufenweise von Ihrem Bilde entweichen, sondern muß den Zauber mit einemmale zerbrechen. Wenn ich dann wieder im Weltgewühle bin, Emilie, wenn keine Kunde meines Ergehens an Ihnen gelangt, wenn dem Zeitverlaufe seine ganze Nacht der Entfremdung gelassen ist, ­ dann, wenn Sie mich endlich vergessen haben, wenn der Friede Ihres Gemüthes wieder hergestellt ist, wenn Sie keine Kämpfe mit Ihrem Gewissen zu führen haben ­ dann werden Sie nicht länger Reue erdulden; dann Emilie, wenn wir wirklich getrennt sind, möge des Schauplatzes, der Zeuge unserer Liebe war, der Briefe, welche meine Gelübde aufbewahrten, des Elendes, welches wir erlitten, und der Versuchung, der wir widerstanden, in unserm späten Alter noch gedacht werden, und wenn wir dem Himmel erklären, daß wir schuldlos waren, mögen wir auch hinzusetzen ­ daß wir liebten. London. Unsere Sache befestigt sich täglich mehr. Der große, und gewiß der einzige anerkannte Zweck meiner Sendung ist fast erreicht; aber ich habe noch einen Auftrag, noch einen Anziehungspunkt, den ich Ihnen jetzt erläutern will. Sie wissen, daß meine Bekanntschaft mit der Englischen Sprache und mit diesem Lande aus der Verheiratung meiner Schwester mit Falkland herrührt. Nach der Geburt ihres einzigen Kindes begleitete ich sie nach England, verlebte drei Jahre mit ihr, und gedenke jener Zeiten auch jetzt, unter den heitersten meiner unruhigen und sturmbewegten Laufbahn. Dann kehrte ich nach Spanien zurück, und ward in die Unruhen und Wirren verwickelt die mein unglückliches Vaterland zerrissen. Jahre vergingen; wie wäre überflüssig, Ihnen

zu sagen. Eines Nachts ward mir ein Brief gebracht; er war von meiner Schwester, auf ihrem Sterbebette geschrieben. Ihr Gatte war plötzlich gestorben; ihn liebte sie mit der Liebe einer Spanierin und konnte seinen Verlust nicht überleben. In ihrem Briefe sprach sie von ihrem Vaterlande und von ihrem Sohne. Über die neuen Bande, welche sie in England geknüpft, hatte sie das Land ihrer Väter nie vergessen. »Meinen Sohn habe ich schon gelehrt,« so schrieb sie, »daß er sich daran erinnere, wie er zweien Ländern angehört; daß das eine blühend und frei ihm sein Vergnügen gewähren mag, das andere kämpfend und entwürdigt aber seine Pflichten in Anspruch nimmt. Wenn er im Alter, das dich in den Stand setzt seine Denkart zu beurteilen, nur seines Ranges wegen geachtet, seines Reichthums wegen geschätzt wird; wenn weder sein Kopf noch sein Herz ihn für unsere Sache nützlich zu machen versprechen, dann laß ihn ungestört in seinem Wohlergehen hier; wenn er aber, wie ich es voraussage, des Blutes würdig wird, das in seinen Adern rinnt, dann beschwöre ich dich mein Bruder, ihm in's Gedächtnis zu rufen, daß ich auf meinem Sterbebette ihn durch einen Schwur, dem heiligsten aller irdischen Altäre angelobte.« Als ich vor einigen Monaten nach England kam, beschloß ich über seinen Karakter Kunde einzuziehen, bevor ich wagte ihn persönlich aufzusuchen. Wäre er so gewesen, wie reiche Jünglinge gewöhnlich sind ­ wäre Verschwendung ihm zur Gewohnheit geworden und Leichtfertigkeit zu einer andern Natur, dann würde ich jenen ersten Auftrag meiner Schwester mit leichterem Herzen erfüllet haben, als ich nun dem zweiten gehorsame. Ich finde daß er unserer Sprache vollkommen Meister ist, daß er große Summen in unsern Fonds angelegt hat, und daß er vermöge der allgemeinen Freisinnigkeit seiner Denkart eben so wahrscheinlich sich unserer Sache annehmen, als es in diesem Falle gewiß wäre, daß er ihr durch sein höchlich gepriesenes Talent nutzen würde. Deshalb stehe ich im Begriff ihn aufzusuchen. Ich erfahre daß er in völliger Abgezogenheit auf dem Lande in der Grafschaft .... lebt, als nächster Nachbar einen Herrn Mandeville, der sehr reich und unserer Sache mit Wärme zugeneigt ist. Dieser letzte hat mich eingeladen ihn für einige Tage nach seinem Landsitze zu begleiten; und der Wunsch meine Neffen zu sehen, hat mich diese Einladung mit wahrem Eifer annehmen machen. Wenn ich Falkland zum Beistande überreden kann, so wird er uns diesen durch den Einfluß seines Namens, seiner Talente und seines Reichthums gewähren. Von ihm können wir die strenge thatkräftige Hingebung nicht verlangen, zu der wir selber uns weiheten. Unser Loos welches zu ertragen wir selber angelobt haben, setzt uns der Treulosigkeit von Freunden, der Beargwohnung von Feinden, der Kühnheit Verwegener und der Feigheit Zaghafter aus; verlangt von uns Kämpfe im Kabinette, Verrath in der gesetzlichen Versammlung und Tod auf dem Felde der Schlacht. Wer an dem Streiten und Ringen eines aufgeregten, feindlich zerrissenen Landes nicht selber theil nimmt, kann sich keinen Begriff von dem Loose machen das uns zufiel, doch wer unsere schmerzlichen Leiden nicht kennt, vermag auch unsere Tröstungen nicht zu erträumen. Wir wandern gleich dem Bilde des Glaubens über einen öden unfruchtbaren Boden hin; Felszacken, Dornen und Rattenbisse umgeben unsere Schritte; aber wir drücken zu unserm Troste das Kruzifix an die Brust, und richten hoffend unsere Blicke zum Himmel.

Mittwoch. Seine Briefe haben einen andern Ton angenommen; anstatt mein Elend zu versüßen, verwehren sie es noch; aber ich verdiene alles ­ alles was mir auferlegt werden mag. Mandeville hat mir geschrieben. Er will für einige Tage hier kommen und beabsichtigt einige Freunde mitzubringen; er nennt ganz besonders einen Spanier ­ den Oheim von Herrn Falkland, und er fragt mich ob ich diesen gesehen habe. Der Spanier wünschte recht dringend, seinem Neffen zu begegnen; ­ er weiß also nicht daß Falkland abgereist ist. Es wird mir einigen Trost gewähren Mandeville allein wiederzusehen, aber auch so weiß ich nicht, wie ich ihm entgegen treten kann. Was soll ich ihm sagen wenn er mich bleich und verstört findet? Ich fühle mich in den Staub getreten. Donnerstag Abend. Mandeville ist angekommen, glücklicherweise war der Abend schon weit vorgerückt, und die Dämmerung verhinderte ihn meine Verwirrung und meinen Schreck zu bemerken. Er war freundlicher als gewöhnlich. O! wie bitter rächt ihn mein Herz. Er brachte den Spanier Don Alfonso de Aguilar mit; mich dünkt, es herrsche zwischen ihm und Falkland eine leichte Familienähnlichkeit. Auch einen Brief von Julie erhielt ich durch Mandeville: er ist kurz aber freundlich; sie deutet gar nicht auf ihn: schon seit einigen Tagen habe ich von ihm nichts gehört. Ich bin entschlossen wieder zu ihr zu gehen, Monkton. Ich bin gewiß davon, es ist für uns Beide besser uns wieder zu sehen; vielleicht uns für immer zu vereinen. Wer mich einmal liebte kann mich nicht leicht vergessen! Ich sage dies nicht aus Eitelkeit, denn ich verdanke es nicht dem, daß ich über Andere erhaben wäre, sondern dem, daß ich von Andern verschieden bin. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt mehr Reue und schmerzlichen Kummer empfindet, als sie empfinden würde, wäre sie auch viel schuldvoller und bei mir. Dann hätte sie mindestens jemanden, der was sie auch leiden mögte, mit ihr theilte, mit ihr fühlte und sie trösten würde. Einem Wesen von Emiliens Reinheit, erscheint das Verbrechen schon jetzt vollständig. Unschuld will nicht jene feine Scheidelinie der Moral zwischen Gedanken und Handlung ziehen, dergleichen Unterscheidungen erfordern scharfen Verstand und ein kaltes Herz, diese aber bezeichnen nicht die Schuldlosen sondern die Weltfinder. Schwer ist es die Zärtlichkeit, nicht die Person, einer tugendhaften Frau zu erlangen; diese Schwierigkeit ist ihrer Keuschheit Schutzwache; und diese Schwierigkeit habe ich im jetzigen Falle überwunden. Ich habe versucht ohne Emilie zu leben, aber vergebens. Jeglicher Augenblick der Entfernung, lehrte mich nur die Unmöglichkeit erkennen. In vier und zwanzig Stunden werde ich sie wiedersehen. Bei diesem Gedanken schon schwellen meine Pulse auf, wie in einem Fieber. Lebewohl Monkton. ­ Mein nächster Brief, wird wie ich hoffe meinen Triumph verkünden. ­ Falkland. Freitag. Julie ist hier, und ist so gut. Seinen Namen hat sie nicht genannt, aber so tief erseufzte sie, als sie mein bleiches verfallenes Antlitz sah, daß ich mich in ihre Arme warf und weinte wie ein Kind. Anderer Erklärung bedurften wir nicht, diese Thränen sprachen mein Bekenntnis aus, und zugleich meine Reue. Seit mehren Tagen kam kein Brief von ihm. Er wird doch nicht krank seyn! Wie elend dieser Gedanke mich macht.

Sonnabend. So eben erhalte ich einige Zeilen von ihm. Er ist zurück ­ ist hier! Gott im Himmel! wie unbesonnen! Ich bin so erregt daß ich nicht weiter zu schreiben vermag. Sonntag. Ich habe ihn gesehn! Diesen Satz muß ich noch einmal wiederholen: ich habe ihn gesehn! Ach belohnte der Augenblick ich nicht für Alles, was ich gelitten habe! Ich wage nicht alles niederzuschreiben, was er mir sagte, aber er forderte mich auf mit ihm zu entfliehn ­ mit ihm ­ welche Glückseligkeit, und doch welche Sünde, liegt schon in diesem Gedanken! Ach dies thörichte Herz! ­ ich wollte es bräche! Zu wohl erkenne ich die Sophismen seiner Gründe, und dennoch vermag ich nicht, ihnen zu widerstehn. Es ist als hielte er mich mit einem Zauberspruch umfangen, der sogar den Versuch zur Rettung unmöglich macht. Montag. Mandeville hat mehre Personen der Umgegend morgen zu Tisch gebeten; Abends soll Ball seyn. Es versteht sich, daß Falkland eingeladen ist. ­ Wir werden uns also begegnen ­ und wie? Ich bin so gar nicht gewohnt meine Gefühle zu verbergen, daß ich ordentlich davor zittere ihn vor so vielen Zeugen zu empfangen. Mandeville war heute gegen mich so roh; wenn Falkland mich jemals in solcher Art anblickte, oder ein ähnliches Wort mir sagte, so würde mein Herz gewiß brechen. Was sagt Alfieri doch von den beiden Dämonen, deren Beute er für immer sey: » La mente e il cor in perpetua lite.« Ach zuweilen starre ich aus meinen Träumereien empor mit dem peinlichsten Gefühl der Todesangst und Scham. ­ Dienstag. Heute wird er hier kommen und ich werde ihn sehn! Mittwoch Morgens. Dem Himmel sey Dank, die Nacht ist überstanden! Falkland kam spät zur Mittagsgesellschaft, alle andere Gäste waren schon zugegen. Mit welchem gefallenden Anstande trat er ein; wie überlegen erschien er Allen die ihn umstanden. Er schien gleichsam entschlossen eine Gewalt zu üben, die er bis dahin verschmähete. Er mischte sich der Unterhaltung nicht bloß in glänzender, sondern auch in der geschmeidigsten und höflichsten Weise bei! Auf seiner Lippe weilte kein Spott, auf seiner Stirn thronte kein Stolz ­ nicht das mindeste Anzeichen von dem Selberbewußtseyn der unermeßlichen Überlegenheit, die ihn vor allen Anwesenden auszeichnete. Als wir nach der Tafel aufstanden begegnete mein Blick dem seinigen. ­ Was sagten mir diese Augen alles! ­ ach! ich mußte Lobsprüche anhören, die ihm galten, und durfte nichts sagen. Selber in meiner Freude empfand ich Unwillen. Wer anders als ich konnte das Recht haben, so gut von ihm zu reden. Der Ball begann; ich fühlte mich ermattet und unlustig. Falkland tanzte nicht. Er setzte sich zu mir ­ er drang in mich zu .... O Gott! o mein Gott! ich wünschte ich wäre todt. Wie befinden Sie sich heute Morgen, meine angebetete Freundin. Sie schienen blaß und krank als wir uns in der Nacht trennten und bis ich von Ihnen höre, werde ich unbeschreiblich unglücklich seyn. Ach Emilie, als sie mir mit thränendem, gesenktem Blick zuhörten, als ich das Schwellen Ihres Busens gewahrte, bei jeglichem Worte das ich Ihnen zuflüsterte; als ich zufällig Ihre Hand berührte und deren Zittern an der meinigen fühlte; sagen Sie mir, empfand Ihr Herz in dem Augenblicke nicht ein Etwas, das beredter für mich sprach als meine Worte? Nein und heilig wie Sie es sind, kennen Sie freilich die Gefühle nicht die in mir flammen und mich zum Wahnsinne treiben. Wenn Sie neben mir sitzen, wenn Ihre Hand dann zittert so ist sie doch nicht lodernd; wenn Ihre Stimme auch unterdrückt tönt bebt sie doch nicht

vor Rührung, welche sie nicht auszusprechen wagt; Ihr Herz wird nicht gleich dem meinigen von versengenden, zerstörenden Flammen aufgezehrt; Ihr Schlaf wird nicht durch rastlose, wilde Träume so umgewandelt, daß er aus einem heilsamen Erneuerer des Lebens zu dessen aufreibendem Verzehrer wird. Nein Emilie, Gott verhüte! daß Sie die Sünde, die Todesangst empfinden sollten, deren Opfer ich bin; aber in der sanften, schmelzenden Zärtlichkeit Ihres Herzens muß doch eine Stimme ertönen, welche verstummen zu machen Ihnen schwer wird. Mitten unter allen den erkünstelten Banden, selber unter dem Zauber der schönen Kunst, können Sie die unbesiegbaren Regungen der Natur nicht aus Ihrer Brust entfernen. Was befürchten Sie? ­ Schmach, werden Sie antworten. Aber Emilie, könnten Sie diese empfinden, wenn sie von mir getheilt wird? Glauben Sie mir, eine Liebe die durch Schande und Kummer genährt wurde, ist ihrer Natur nach unauslöschlicher und heiliger, als eine die der Stolz auferzog und die in Freudengenüssen schwelgte. Wenn Sie aber nicht die Schande fürchten, ist es dann vielleicht die Sünde? Sind Sie etwa jetzt ganz unschuldig? Des Herzens Ehebruch ist nicht minder ein Verbrechen, als der wirklich vollzogene, ­ und ­ doch ich will Sie nicht täuschen ­ ja ich verlocke Sie zur Schuld ­ zum Falle von der stolzen Höhe auf der Sie jetzt stehn. Dies gebe ich zu, und biete Ihnen zum Lohn dafür nichts anders als meine Liebe. Liebten Sie wie ich, dann würden Sie empfinden es weile ein gewisser Stolz ­ ein Triumph darin, alles, sogar Verbrechen für den Einen zu begehn, für den Alles um ihn her, ein Nichts ist. Was mich betrifft so weiß ich, daß, wenn eine Stimme vom Himmel mir geböte Sie zu verlassen, ich Sie nur noch fester an mein Herz drücken wollte. Ich sage dir, meine Geliebte, daß wenn deine Hand in der meinen, wenn dein Haupt an meiner Brust ruhet, wenn diese zärtlich zitternden Augen sich auf die meinen heften, wenn jeglicher deiner Seufzer sich mit meinem Athem vermengt, und jede Thräne in dem Augenblick fortgeküßt wird der sie hervorbringt, ­ ich sage dir, dann erst wirst du gewahren, daß jegliche Pein der Vergangenheit, jede Furcht vor der Zukunft nur ein neues Band ist, uns immer inniger zu verknüpfen. Emilie, du mein Leben, du meine Liebe, auch wenn du wolltest, du kannst mich nicht verlassen. Wer vermag Gewissen zu trennen die einmal gereinigt sind, oder Herzen zu theilen die sich begegneten und in einander zerflossen? Seitdem sie sich wiedergesehen, hatte Falkland, wie man bemerken wird, einen neuen Ton angestimmt um Emilien seine Liebe auszudrücken. Im Buche der Schuld war ein anderes, mit tieferen brennenden Lettern ausgeprägtes Blatt aufgeschlagen. Er versäume keine Gelegenheit irdische Rührung zu seinem Beistande zu benutzen. Er schmeichelte ihrer Einbildungskraft mit der goldenen Dichtersprache, und bestrebte sich, die verborgensten Empfindungen ihres Geschlechtes, durch den sanften Zauber seiner Stimme und den leidenschaftlichen Sinn den sie aussprach zu erwecken. Indes ergriff ihn mitunter tiefes, peinigendes Reuegefühl, und selber da, als sein erfahrenes, geübtes Auge den Zeitpunkt seines Sieges sich nähern sah, erkannte er, daß ein Erfolg welchen zu erringen er sein und ihr Seelenheil auf das Spiel setzte, ihm zwar augenscheinliches Entzücken, aber keine dauernde Glückseligkeit zu gewähren im Stande sey. Zwischen der Liebe der Frauen und der Männer besteht immerfort der Unterschied, daß jene wenn sie einmal zugestanden ist, alle Quellen

der Gedanken erfüllt, jeden andern Gegenstand als diese Liebe davon ausschließt; bei den Männern dagegen bleiben ihr alle frühere Betrachtungen und alle die Gefühle zugetheilt welche die Vergangenheit uns zurückließ, und so allmächtig sie ihrer Natur nach auch seyn mögte, kann sie doch niemals so wenig das Ganze unseres Glückes, als unseres Elendes bilden. Die Liebe eines Mannes in seinen reiferen Jahren ist gewiß nicht so sehr eine neue Erregung, als eine Wiederbelebung, eine Sammlung aller seiner entschwundenen Neigungen für Andere; das tiefe innige Grundwesen von Falklands Leidenschaft für Emilie war mit dem Andenken alles dessen durchflochten, was er jemals Zärtliches und Theures geachtet hatte, es berührte, erweckte eine lange Reihenfolge jugendlicher begeisterter Gefühle, welche aus ihrem bisherigen Schlummer vielleicht nur um so lebendiger und frischer erstanden. Wer hat sich jemals seine ersten, zärtlichen Verhältnisse zurückgerufen, wer hat jemals die Schichten von Steinen und Erde die sich über das Andenken an die Vergangenheit gelagert und gedichtet hatten, eine nach der Andern abgeräumt, ohne durch die Entdeckung überrascht zu werden, wie frisch und unbeschädigt diese vergrabenen Schätze seinem Herzen wieder entstiegen. Sie waren im Vorrathshause der Zeit niedergelegt, sie sind nicht verloren gegangen, durch ihr Verbergen wurden sie aufbewahrt und erhalten! Wir räumten die Lava ab und eine Welt vergangener Tage liegt vor uns. Der Abend des Tages an welchem Falkland den zuletzt angeführten Brief geschrieben hatte, war rauh und stürmisch. Die vielen Ströme welche die Umgegend durchschnitten, waren durch häufige Regengüsse zu ungewöhnlicher Breite und rascherem Niedersturze angeschwellt; ihr Brausen vermengte sich mit den tobenden Windstößen und mit dem Rollen ferner Donner, die endlich mürrisch schwiegen. Die ganze Umgegend von L.... gehörte dem wilden aber großartigen Charakter an, der so ganz zu dem Wüthen empörter Elemente stimmt. Düstre Wälder, weite uneingefriedigte Haidestrecken, plötzlicher Wechsel von Thal und Hügel, so wie ein kaum erkennbarer, zackiger Hintergrund umsteilender Berge, bildeten die großen Grundlinien jener romantischen Grafschaft. Erfüllt mit den Erinnerungen aus seinen Jugendtagen, und mit dem wilden Entzücken welches der Natur wechselreiche Kämpfe ihm damals einflößten, schweifte Falkland an diesem Abende umher. Der Jahre dunkle Schatten, die in ihrem Schoße des Reichthums verheimlichte Ereignisse und verzehrende Betrachtungen bargen, umdrängten sein Gemüth, und der dunkle Nachtturm ergriff ihn gleich dem Mitgefühle eines Freundes. Er ging einem Haufen erschreckter Bauern vorbei; sie hatten Schutz unter einem Baume gesucht. Der Älteste von ihnen verhüllte sein Haupt und schauderte; der Jüngste dagegen blickte fest in das Leuchten des Blitzes, der sein zuckendes Spiel von Zeit zu Zeit auf dem Spiegel des Bergstromes trieb, der zu seinen Füßen hinab rollte. Unbemerkt von ihnen, stand Falkland mit untergeschlagenen Armen und spottender Lippe da. Für ihn enthüllten Natur, Erde und Himmel nichts furchtbares, sondern nur jeglichen Stoff zum Nachdenken. Bei dem Vergleiche der Furcht die zu einer Zeit des Lebens empfunden wird, mit der sorglosen Unempfindlichkeit zu einer anderen, dachte er: so viele Gegenstände zertheilen und zerstreuen das Leben in der Jugend, daß wir für die gesammelte Überzeugung unseres Daseyns kaum empfänglich sind. Über

den Gedanken an das was seyn wird, verlieren wir das Bewußtseyn dessen was ist. Daß Alter dagegen, dem keine Erwartung in der Zukunft mehr bleibt, wird lebendiger von der Gegenwart ergriffen, und empfindet den Tod mehr, weil das Daseyn einen begründetern einen vollkommenern Eindruck bei ihm hervorbringt. Er verließ die Zögernden und verfolgte allein die Krümmungen der angeschwellten Fluth. Ein gewisser Philosoph sagte: »im Kampfe der Natur empfindet der Mensch am meisten seine Kleinheit.« Dieser Ausspruch gleicht allen allgemeinen Lehrsätzen darin, daß er nur theilweise wahr ist. Das Gemüth, welches seine ersten Begriffe aus der Wahrnehmung empfängt, muß seine Stimmung ebenfalls vom Karakter der wahrgenommenen Gegenstände erhalten. Indem unser Geist sich mit den großen Elementen vermischt, theilen wir deren Erhabenheit; wir erwecken den Gedanken aus der geheimnisvollen Tiefe, in welcher er verborgen weilte;: unsere Empfindungen sind zu sehr aufgeregt um an uns selber festgeklammert zu bleiben; sie verschmelzen sich mit den mächtig wirkenden Gewalten, und gleich wie im Auflauf von Menschen, das Individuum aus sich selber hervortritt um Theilnehmer am Haufen zu werden, erwachen wir aus der eigenen Unbedeutenheit um in der Erhabenheit des Kampfes der uns umgiebt unterzugehen. Falkland verfolgte den Lauf des Stromes, dieser wand sich durch Mandevilles Besitzungen und breitete sich zuletzt in jenen See aus, der seiner Erinnerung so heilig war. Hier blieb er einige Augenblicke stehen und blickte ruhig auf den weiten Wasserspiegel der bald schwarz war wie die Nacht, bald von zuckenden Blitzen zu einem weiten Feuermeere umgewandelt erschien. In dunkeln schweren Massen rollten die Wolken, und versuchten im Aufwärtsziehen zu den großen Himmelsräumen, diese zu verschleiern, gleich den Schatten menschlicher Zweifel. ­ O wie schwach war jenes Philosophen Lehrsatz! Im Sturme weilt ein Stolz, der nach seiner Auslegung uns erniedrigen müßte; in seinem Tosen tönt eine erhebende Musik, in seinen Zerstörungen sogar findet sich eine wilde Freude; denn wir vermögen selber, wenn wir an seinen Triumphen betheiligt sind, dennoch im Trotzen gegen seine Macht und durch das Bewußtseyn zu erheben, daß in unserm Innern ein Geist herrsche, der dem überlegen ist, der uns umtobt. Wir mögen die Wuth der Elemente verspotten, den sie sind minder schreckhaft als des Herzens Leidenschaften; mögen den Verheerungen der furchtbaren Wolken Hohn sprechen, denn sie sind weniger verzweiflungsvoll als der Menschen Grimm; ­ die Krampfungen der uns umgebenden Natur, haben nichts gefährliches, nichts schreckliches für unsere Seele, die unzerstörbar und ewiger ist als jene. Falkland ging nach dem Hause zu, das seine Welt umschloß; wenn der Blitz von Zeit zu Zeit die weißen Säulen des Einganges sichtbar machte, und die, gleich gespenstischen Haufen diesem umkreisenden hohen schwankenden Bäume, in Feuergewänder kleidete, und wenn dann, nach seinem eben so plötzlichem Aufhören, »der Schlund der Finsternis« den Schauplatz verschlang, verglich er mit jener bittern Alchymie des Gefühles, welche alles in einen Tigel der Gedanken zersetzt, diese Abwechslungen von Licht und Schatten mit der Geschichte seiner eigenen sündhaften Liebe ­ mit der Leidenschaft, die vom Schoße der Nacht geboren, in Finsternis gehüllt, von Stürmen umgeben, nur augenblicklichen Glanz vom zürnenden Himmel erhielt, der noch schrecklicher war, als die gewohnte Düsterheit.

Als er in den Saal trat, kam Lady Margrete ihm entgegen und sagte: »mein lieber Falkland, wie gut Sie sind, in einer solchen Nacht zu kommen! ­ Wir haben die Wolken betrachtet, bis Emilie vor dem Blitze in Schrecken gerieth; früher zagte sie dabei nicht.« Mit diesen Worten wandte sie sich zu Emilien herum, durchaus nicht des Vorwurfes sich bewußt den sie darin ausgesprochen. Mußte nicht auch Falklands Blick sich dahin wenden? Emilie saß neben der Harfe, welche zu stimmen Mad. St. John auf das eifrigste beschäftigt schien; ihr Antlitz war niedergesenkt und glühete im Erröthen über das Anblicken, welches wie sie empfand, auf sie geheftet seyn müsse. In Falklands Karakter herrschte ein eigenthümlicher Widerwille gegen alle äußere Schaustellung kleinlicher irdischer Gefühle. Er besaß die den meisten Männern eigene Eitelkeit der Eroberung nicht; er hatte nie gewünscht, daß ein menschliches Wesen wisse, er sey geliebt. Er hatte Recht! Kein Altar sollte dem Blicke so verborgen und so unverletzlich bleiben, als das menschliche Herz. Die durch ihn hervorgebrachte Verwirrung erkannte und hob er sogleich. Mit dem ihm so ganz eigenthümlichen Zauber des gefallenden Anstandes richtete er an Lady Margrete Entschuldigungen über die Anordnung seines Anzuges; durch eine Anführung aus Lope de Vega, erfreute er seinen Oheim Don Alfonso; Madam Dalton befragte er, sogar mit Zärtlichkeit, über das Befinden ihres Italiänischen Windspiels; ­ darauf ­ aber nicht eher ­ wagte er sich Emilien zu nähern und zu ihr in den sanften Tönen zu reden, die gleich einer Geistersprache nur allein von der Person verstanden werden, der sie zugerichtet sind. Mad. St. John erhob sich und verließ die Harfe, Falkland nahm ihren Sessel. Er bog sich nieder um Emilien etwas zuzuflüstern. Sein langes Haar berührte ihre Wange; vom Nachtthau war es noch gefeuchtet. Bei der Berührung blickte sie auf und begegnete seinem Anschauen: es wäre besser gewesen als Irdische zu verlieren, als der Seele Lust aus diesem Auge zu trinken, wenn es zur Sünde verlockte. Mad. St. John stand in einiger Entfernung; mit ihr sprach Don Alfonso von seinem Neffen und von seiner Hoffnung, diesen endlich für die Sache seines Mutterlandes zu gewinnen. »Gewahren Sie nicht,« sagte Mad. St. John, abwechselnd roth und bleich ­ »daß Ihre Hoffnung vergebens ist, so lange solche Reize ihn fesseln?« »Was meinen Sie?« erwiederte der Spanier; sein Auge war aber bereits der von ihr angegebenen Richtung gefolgt, und die Frage kam nur von seinen Lippen. Madam St. John zog ihn in einen entfernteren Winkel des Zimmers, und in der Unterredung, welche sich hier zwischen diesen Beiden entspann kamen sie überein, vereint auf den Zweck hinzuarbeiten, Emilien von ihrem Liebhaber zu trennen; ­ »ich um meine Freundin, Sie um Ihren Neffen zu retten,« sagte Madam St. John. So ist's mit menschlicher Tugend: ­ nach außen schöner Anschein und gute That ­ innen, der eine, ewige Beweggrund der Selbstsucht. Don Alfonso hatte während seines Besuches in E.... genug von Falkland gesehen, um augenblicklich zu erkennen wie folgereich dessen Beitritt zu der von ihm erwählten Parthei sowohl durch seine vollständige Kenntnis der Spanischen Sprache, als durch seine besondere geistige Kraft, vor Allem aber durch seinen Reichthum werden könne. Deshalb war ihm sein Zweck nicht länger darauf beschränkt, Falklands guten Willen und Beistand in England

zu sichern, sondern er hoffte seine persönliche Hülfe in Spanien zu gewinnen, und vereinigte sich gern mit Mad. St. John um seinen Neffen von einem Bande zu trennen, welche so sehr geeignet war ihn von den Diensten abzuhalten, denen er nach Alfonsos Wünschen sich widmen sollte. Mandeville hatte E.... an eben dem Morgen verlassen; er argwohnte gar nichts von Emiliens Liebe. Dies war bei ihm weniger Folge seines Vertrauens, als seiner Gleichgültigkeit. Er gehörte zu den Menschen, die kein von ihrem Ich getrenntes Daseyn haben, alle seine Sinne wandten sich innwärts und erzeugten Selbstsucht. Selber das Unterhaus war ihm nur ein Gegenstand des Nutzens; denn er betrachtete es als einen Theil von sich, nicht aber sich als Theil von ihm. Mit dem Insekt auf dem umschwingenden Rade sagte er: »bewundert unsere Geschwindigkeit!« ­ Vermogten aber die Mängel seines Karakters Emiliens Schuld zu tilgen? ­ Nein! sagte ihre schmerzlichste Überzeugung ihr oft. Wer diese Blätter aufschlägt um eine Apologie der Sünde darin zu finden, der irrt sich; sie enthalten vielmehr die vernichtende Aufzählung ihrer Leiden, ihrer Reue, und ihres Looses. Wenn es in der Geschichte von Frauen ein Verbrechen giebt das schlimmer ist als die Übrigen, so heißt das Ehebruch. Dieses ist in Wahrheit das einzige Verbrechen, dem die Frau am gewohnten Lebensgange ausgesetzt ist. Dem Mann werden tausend Lockungen zur Sünde ­ der Frau nur eine: vermag sie dieser nicht zu widerstehen, dann hat sie keinen Anspruch auf unsere Verzeihung. ­ Der Himmel ist gerecht! ihre eigene Schuld wird zu ihrer Strafe! Sollten diese Blätter, im jetzigen Augenblicke einer Frau vor Augen liegen, welche zum Mittelpunkt eines von ihr gezogenen Kreises der Schmach ­ zur Schänderin ihres eigenen Hauses ­ zur Entehrerin ihrer Kinder geworden ist, gleichviel welche Entschuldigung sie für ihr Vergehn haben mag, ­ gleichviel welcher Wechsel dadurch in ihrem Wohlstande hervorgebracht ist, ­ von den Armen ihres Liebhabers umfaßt, mitten in der Umschlingung der neuen von ihr gewählten Bande, will ich vor sie hintreten und fragen, ob die süßesten Augenblicke des Entzückens frei von Demüthigung sind, wenn sie gleich die Reue vergessen haben sollte, und ob nicht selber die Leidenschaft ihres Liebhabers eben so sehr zur Buße, als zur Belohnung geworden sey? Aber zu der Stunde, von welcher ich jetzt schreibe, weilte so wenig in Emiliens, als in ihres Verführers Herzen, irgend eine Erinnerung an ihre Sünde. Diese Herzen waren zu voll für Gedanken, ­ sie hatten alles Andere vergessen, nur einander nicht. Ihre Liebe war ihre Schöpfung: darüber hinaus, war alles Nacht ­ Chaos ­ Nichts. Lady Margrete trat zu ihnen, und sagte: »Sie werden uns heute Abend etwas singen, Emilie, es ist so lange her, daß wir Sie nicht hörten!« Vergebens versuchte Emilie den Gesang, ihre Stimme versagte ihr. Sie blickte Falkland an, und konnte ihre Thränen kaum zurückhalten. Bis dahin hatte sie die letzte Kunst welche die Sünde uns lehrt ­ ihre Verheimlichung, ­ noch nicht erlernt. »Ich will Lady Emiliens Stelle ersetzen,« sprach Falkland. Seine Stimme war ruhig und seine Stirne heiter; die Welt enthielt für ihn nichts mehr, was er erlernen mußte. »Wollen Sie das Lied spielen, was sie uns vor einigen Abenden vortrugen,« sagte er zu Mad. St. John, »ich will die Worte dazu geben.« Madam St. Johns Hand zitterte, als sie seiner Aufforderung genügte.

Ach laßt uns lieben, so lange wir dürfen Unser Sommer entschwindet: Und wehe den Herzen die in ihrer grauen Winterzeit auf Minne noch ausgehn. Ach laßt uns lieben, so lange die Zeit uns die Flamme nicht raubte, Mit den Jahren schwinden unsere wärmeren Gedanken, aus uns nur Eis noch gelassen blieb. Wir wollen der scharfen Luft dieser kalten Erde entfliehen, Eine schönere Heimath soll uns aufnehmen; Und wenn unsere Herzen dort ermüden, werden wir eine Welt in unserem Innern finden. Man sagt daß Leidenschaft mit jeder Stunde schwinde, daß nichts schneller verflüchtigt als die Luft; »Mein süßes Bienchen, wenn die Liebe eine so vergängliche Blume ist, dann eile du, ihre Schätze einzusammeln.« Warte die Stunde nicht ab, in welcher dein ganzes Gemüth der Menge hingegeben seyn wird, Denn Bande, die an Millionen knüpfen, sollen dem einen abgestreift werden. Dann laß uns lieben, so lange wir dürfen, Unser Sommer entschwindet; Und wehe den Herzen die in ihrer grauen Winterzeit auf Minne noch ausgehn. Am folgenden Morgen erhob Emilie sich, krank und fiebernd. Sobald Falkland abwesend war, erwachte ihr Gemüt jederzeit zu dem vollen Erkennen der Schuld, welche sie auf sich geladen. Sie war nach den strengsten, sogar nach den, das Laster am meisten verachtenden Grundsätzen erzogen, und ihr Wesen war so rein, daß schon Irren ihr als eine Veränderung des Daseyns erschien, als Eingang in eine neue ungekannte Welt, vor der sie erschreckte und in sich selber zurückstarrte. Daraus mag man beurtheilen, ob sie ihr Gemüth leicht an ihre jetzige Entwürdigung gewöhnte. Bleich und bewegungslos saß sie an diesem Morgen; vor ihr lag ein Buch unaufgeschlagen, ihre von unterdrückten Thränen schweren Augen waren auf den Boden geheftet. Mad. St. John trat ein, es war kein anderer im Zimmer. Sie setzte sich zu ihr, und erfaßte ihre Hand; ihr eigenes Gesicht war fast so farblos als Emiliens, doch der Ausdruck desselben war ruhiger und gefaßter. »Es ist noch nicht zu spät, Emilie,« sagte sie ­ »so vieles thaten Sie, was Sie zu bereuen haben, aber nichts was Reue nicht versöhnte. ­ Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen von diesem Gegenstande rede. Es ist hohe Zeit; in wenigen Tagen wird ihr Schicksal entschieden seyn. Ich beobachtete, wenn gleich ich bisher geschwiegen habe; jenes Auge habe ich angeschaut wenn es auf Ihnen ruhte; habe jene Stimme gehört, wenn sie zu Ihrem Herzen redete. Keine vermogte je, dem Einflusse derselben lange zu widerstehen, bilden Sie sich ein, daß sie die Erste wären, welche ihre Gewalt erkannte? Verzeihung theuerste Freundin, ich flehe Ihre Verzeihung an, wenn ich Sie schmerzlich treffe. Seit Ihrer Kindheit kenne ich Sie, und wünsche nichts anders, als Sie makellos zu bewahren.« Emilie weinte ohne zu antworten. Madam St. John fuhr fort sie mit Beweggründen zu bestürmen und zu überreden. Was wäre so schwankend als eine Leidenschaft? Als Madam St. John zuletzt schwieg und Emilie die heißen Thränen ihrer Angst und Reue an ihrem Busen vergoß, bildetete sie sich ein ihr Entschluß sey gefaßt und daß sie beinahe im Stande wäre, eine ewige Trennung von ihrem Geliebten anzugeloben; ­ am selben Abend kam Falkland, und sie liebte ihn mit mehr Wahnsinn als je bevor. Madam St. John war nicht im Zimmer als Falkland eintrat. Lady Margrete las die bekannte Geschichte von Lady T.... und der Herzogin von M....., in welcher das

gegebene und gehaltene Versprechen erzählt wird, demzufolge die zuerst Sterbende, der Überlebenden wieder erscheinen sollte. Während Lady Margrete scherzend über die Anekdote sprach, ward Emilie, die Falklands Gesichtszüge beobachtete, über deren plötzlich verfinsterten Ausdruck betroffen. Schweigend nahte er sich dem Fenster an welchem Emilie saß. »Glauben Sie an die Möglichkeit eines solchen Ereignisses?« fragte sie ihn, mit leichtem Lächeln. »Ich glaube, aber verwerfe auch nichts,« erwiederte Falkland, »doch für einen solchen Beweis der Unzerstörbarkeit durch den Tod, wollte ich Welten hingeben.« »Sie läugnen doch gewiß die Beweise unserer Unsterblichkeit nicht ab,« sagte Emilie, »die wir aus der Heiligen Schrift sammeln? wägen diese nicht alles auf, was die Stimme eines Todten uns sagen könnte?« Falkland schwieg einige Augenblicke, er schien die Frage nicht zu hören, seine Blicke schweiften in die endlose Ferne hinaus, und als er endlich redete, war das mehr im Selbergespräch, als in einer Antwort an sie. Mit leisen, aus der innersten Tiefe hervorströmenden Worten sagte sie: »ich habe am Grabe gewacht, und in der Todespein meines Herzens habe ich sie angerufen, die darin ruhte; meine Seele hätte ich auflösen mögen in eine Zauberformel, hätte mir diese nur für einen einzigen Augenblick diejenige heraufbeschwören können, die einst meines Lebens innerster Geist gewesen! Ich war durch die Innigkeit meiner Beschwörung gleichsam schon verzückt; ich starrte in den leeren Luftraum und bearbeitete mein Gemüth um diesen mit Einbildungen anzufüllen; laut habe ich die Winde angerufen, und meine Seele gelehrt ihr Schweigen als Antwort hinzunehmen. Alles blieb leere Öde ­ schweigende Stille ­ Unendlichkeit ­ ohne einen Wanderer und ohne eine Stimme! Rief ich die Verstorbenen an, sie antworteten mir nicht, und im Durchwachen schweigender Nächte blickte ich vom modernden Grase und von zerbröckelnden Steinen zu den ewigen Himmeln empor, wie der Mensch von Vergänglichkeit auf Unsterblichkeit blickt! O der schaurig großen Ruhe, des lebenden Schlafes, der athmenden und doch nichts enträthselnden Göttlichkeit welche über diese stillen Welten hingebreitet sind! Auch ihnen goß ich meine Gedanken aus ­ aber nur flüsternd. Ich wagte nicht das unheilige Bangen meines Gemüthes, der Majestät unmitfühlender Gestirne laut zuzuathmen! In der weiten geordneten Schöpfung, ­ mitten im überwältigenden Systeme allgemeinen Lebens wurden meine Zweifel und meine Fragen hingemurmelt, waren eine Stimme die in der Wildnis rief, die von keinem Echo nachgerufen, unbeantwortet wieder zu mir zurückkehrte!« Der tiefe Strahlengang eines Sommer-Mondes beleuchtete Falklands Gesicht, welches Emilie anstarrte während sie fast erbebend seinen Worten lauschte. Seine Stirn war bleich und gerunzelt, langsam rannen schwere Tropfen über sie hinab, als wären diese von dem angestrengten und doch unvermögsamen Gewichte der innern Gedanken hervorgepreßt. Emilie rückte ihm näher und legte ihre Hand auf die seinige. »Hören Sie mich an;« sagte sie; »wenn ein Herold aus dem Grabe Ihre Zweifel zu befriedigen vermag, dann wollte ich freudig sterben, damit ich zu Ihnen wiederkehen könnte!«

»Hüten Sie sich,« sprach Falkland mit erschütterter aber feierlicher Stimme; »diese, jetzt so leicht hingesprochenen Worte, mögen dort oben aufgezeichnet werden.« »Sey es!« erwiederte Emilie fest, und empfand was sie aussprach. Ihre Liebe reichte über das Grab hinaus, und Alles auf Erden mögte sie hingegeben haben für die Vereinigung nach dem Tode. Ruhiger als er bisher gesprochen, sagte Falkland: »in meiner ersten Jugend bot mir die Gegenwart dieser Welt sowohl, als deren Vergangenheit genug dar um meine Aufmerksamkeit einer künftigen Welt zuzurichten; glaubte ich gleich mit dem Begeisterten nicht Alles, so empfand ich doch auch mit dem Spötter nichts Übereinstimmendes; ich konnte mich allein hinsetzen um zu prüfen und zu überlegen: die Bücher der Philosophen durchdachte ich sowohl, als die der Theologen; mich hinderten beider Spitzfindigkeiten so wenig als ihre Widersprüche mich verleiteten. So wie die Menschen die erste Erdbeschreibung aus der Beobachtung von Himmelszeichen erkannten, huldigte ich dem unbekannten Gotte, und suchte vom Standpunkte dieser göttlichen Verehrung aus, die Urtheile des menschlichen Geschlechtes zu prüfen. Ich beschränkte mich nicht auf Bücher ­ alles Lebende, alles Unbelebte bot mir Stoff zum Lernen dar. Dem Tode selber suchte ich sein Geheimnis zu entlocken, ganze Nächte habe ich in den vollgedrängten Zufluchtsstätten Sterbender gesessen, um ihr letztes Aufflackern und ihr Ende zu beobachten. Die Menschen sterben wie im Schlafe, ohne Anstrengung, ohne Kampf und ohne innere Bewegung. Wenige Augenblicke vor dem Hinscheiden erblickte ich auf ihren Gesichtern die Heiterkeit der Ruhe, die sich nur noch tiefer ausprägte je mehr der Schlaf herannahte, der nie unterbrochen wird; ­ schwächer und immer schwächer ward der Athem bis die Lippen, welche ihn hervorhauchten auseinanderfielen und alles still war; das Licht war der Wolke entschwunden, aber die Wolke selbst grau, kalt, anscheinend geändert war wie zuvor. Sie starben und gaben kein Zeichen. Sie hatten das Labyrinth verlassen, ohne das Geheimnis seines Ausganges auf uns zu vererben. Vergebens habe ich meine Seele zum Reiche der Schatten gesandt, ­ sie hat kein Zeugnis ihrer Forschung von dort zurückgebracht. Ich kann mit Newton sagen: »einige See-Muscheln habe ich am Strande aufgelesen, doch unentdeckt lag das große Meer der Wahrheit vor mir.« Es entstand eine lange Pause, Lady Margrete hatte sich mit dem Spanier zu einem Spiele Schach niedergesetzt. Kein Blick weilte auf den Liebenden; ihre Augen begegneten sich und durch diesen einen Strahl, ward die ganze Richtung ihrer Gedanken umgewandelt. Das Blut schoß plötzlich in Falklands Wangen, die eben noch so bleich und farblos waren. Die Liebe, die sein ganzes Wesen erfüllte und beherrschte, die aber so eben durch abgezogenere kältere Betrachtung etwas beruhigt worden, durchbebte sein Inneres mit verdoppelter Kraft. ­ Ihre Lippen begegneten sich wie durch unwillkührlichen gegenseitigen Antrieb; er schlang seinen Arm um sie, er preßte sie fest an seine Brust. »Finster sind meine Gedanken,« flüsterte er, »sündlich war mein Leben, aber wollen Sie nicht dennoch die einen besänftigen, das andere leiten? Meine Emilie! meine Geliebte! Himmel des wildempörten Ozean meines Herzens ­ willst du nicht mein ­ mein allein ­ ganz und für immer seyn?«

Sie antwortete nicht, wand sich nicht los aus seiner Umarmung. Ihre Wange glühte unter dem leisen Anhauch seines Athems, ihr Busen wogte unter dem Arme der eine Brust umschlang in der nur er herrschte. »Sprich ein Wort, ein einziges Wort« ­ flüsterte er weiter ­ »willst du nicht die Meine seyn. ­ Sagt dein Herz dir in diesem Augenblick nicht, daß du mein bist?« Ihr Haupt sank an seine Brust; ihre tiefen, beredten Augen blickten durch die dunkeln Wimpern hinauf zu ihm. »Ich will die Ihrige seyn«; murmelte sie ­ »ich gehöre Ihnen an, ich habe kein anderes Daseyn mehr als das Ihrige. Meine einzige Furcht ist die, daß ich aufhören werde Ihrer Liebe werth zu seyn.« Falkland drückte seine Lippen noch einmal auf die ihrigen; dieser Kuß war seine einzige Antwort und das letzte Siegel ihres Bundes. Sie standen vor dem geöffneten Fenster, der stille kalte Mond blickte herab auf dieses Gedächtnis der Schuld. Am Himmel war kein Wölkchen um seine Klarheit zu verdunkeln: die Nachtwinde sogar waren zur Ruhe gegangen um ihm zu huldigen; alles schwieg, nur ihre Herzen ausgenommen. Sie standen, ein schuldvoll liebendes Paar, unter den ruhig heiligen Wolken als schreckendes Gegenbild der Sündlichkeit und drängenden Heftigkeit dieser unruhigen Erde, zu der leidenschaftlosen Heiterkeit des ewigen Himmels. Eben die Sterne, die tausende unergründeter Jahre auf die Wechsel dieser niedern Erde herabgeblickt hatten, schimmerten bleich und rein und unbeweglich herab, auf ihr glühendes aber vergängliches Gelübde. Was blieb nach Verlauf einiger weniger Jahre von dessen Verhängnis, oder von denen übrig die es nacherzählten? Auf dem nämlichen Flecke mogten andere Lippen, sich durch andere Eide binden, mogten neue Pfänder unveränderlicher Treue sich auszutauschen; und Jahr nach Jahr werden in jeder Wechselfolge von Schauplatz und Zeit, eben diese Sterne aus dem Geheimnisse ihrer unerforschten und undurchdringlichen Heimath herab blicken, um mit ihrer Unvergänglichkeit, die Wechsel und Schattenbilder des Menschengeschlechtes zu verspotten! Endlich wollen Sie mein werden; ­ Sie haben eingewilligt mit mir zu entfliehen. Innerhalb drei Tagen wollen wir dieses Land verlassen, keine andere Heimath, keine andere Welt besitzen, als jeder in dem Andern. Wir wollen zu jenen goldenen Reichen, meine Emilie, wohin die Natur, die einzige Begleiterin die wir dulden, uns gleich einer Mutter schmeichelnd ruft, um an ihrem Busen Zuflucht zu finden; wo unter der Leidenschaftlichkeit wohllustvoller Himmelslüfte ihr Gesäusel schmachtend ist, und wo das Purpurlicht das alles Erschaffene in seine Glorie einhüllt, nur allein minder zärtlich und minder heiligend ist, als der Geist den wir mitbringen. Giebt es nicht, süße Emilie, zwischen der äußern Natur, welche über die Schöpfung herrscht und der Menschennatur, die wir in unserm Innersten zusammensaßen ein geheimnisvolles und nicht zu beschreibendes Verstehen und Anziehen? Wirken nicht die Eindrücke der ersten, gleich Zaubersprüchen auf der letztern Leidenschaften? Sammeln wir beim Anschauen der Schönheiten die uns umgeben, nicht ein vermehrtes sehnsuchtvolleres Verlangen nach Liebe ein, speichern wir dieses nicht gleichsam in unsern Herzen auf? Was können wir von der Erde anders verlangen als ihre einsame Stille; ­ was vom Himmel anders als die reine unverdorbene Luft? Alles was Andere von der

einen, oder dem andern fordern mögten, finden wir in uns selber. Reichthum ­ Ehre ­ Glück ­ Gegenstände für Ehrgeiz oder hochstrebende Wünsche, sind außerhalb des Umkreises nicht vorhanden, den unsere Arme umschlingen! Doch soll das Eigenthum was uns umgiebt, Ihrer Schönheit und unserer Liebe nicht unwerth seyn. Unter Myrthen und Reben, in Thälern die des Sommers Ruhestätte sind, neben Strömen, welche das Andenken und die Sagen der Vorzeit fortmurmeln; zwischen Hügeln und schimmernden Hainen und Silberquellen, die alle noch so reizend sind als dienten sie zu der Nymphen und Sylphiden irdisch geschmückten Wohnplätzen, unter diesen wollen wir unser bräutliches Lager wählen, und der Mond des Italischen Himmels soll unsere Ruhe bewachen. Emilie! ­ Emilie! ­ o wie liebe ich diesen schönen Namen zu wiederholen, ihn lange, langsam herzusagen! War sehen, anreden, und mehr als Alles war Berührung schon Entzücken, welches Wort vermögte ich da unter den Bezeichnungen von Glückseligkeit aufzufinden, welches die Verwirklichung der Hoffnung ausdrücken könnte, die jetzt in mir aufglühet ­ die Hoffnung unsere Jugend nach allen Richtungen in einen fortfließenden Strom zu einigen, den nämlichen Athem zu trinken; so zu sagen in das eine nämliche Daseyn verschmolzen zu seyn; gleichsam auf einem Stamme empor zu sprießen, und die Gefühle, die Wünsche, das Seyn Beider zu einem einzigen Leben zu verknüpfen. Abends werde ich Sie wieder sehen! noch ein Tag geschwunden und wieder einer ­ ich vermag den Satz nicht zu enden! Während ich schrieb, übermannte mich die auflodernde Glückseligkeit der Hoffnung, um alles Andere zu verwirren und zu unterjochen. In diesem Augenblick wüthet Fieber in meinem Adern; das Zimmer schwimmt in Kreisen vor meinen Blicken; Alles ist ein undeutliches, starrendes Chaos von Erregungen. Ha! daß Glückseligkeit jemals solches Übermaß empfinden sollte! Als Emilie diesen Brief erhalten und an ihrem Herzen aufbewahrt hatte, empfand sie nichts was mit dem darin athmenden Geiste übereinstimmte. Mit dem raschen Übersprunge und der Unbeständigkeit des Gefühls, die bei Weibern so gewöhnlich ist, und die eben so oft zu ihrer Sicherheit als zu ihrer Gefahr gereicht, hatte ihr Gemüth die Schwäche des letzten Abends schon bereuet, und war zurückversunken in die Unschlüssigkeit und Bitterkeit ihrer frühern Gewissensangst. Nie weilte in menschlicher Brust ein härterer Kampf zwischen Gewissen und Leidenschaft; ­ wenn anders Emiliens eben so erstarkte als außerordentlich sanfte Liebe, eine Leidenschaft genannt werden dürfte; diese Liebe war vielmehr durch den Wachsthum ihrer eigenen Kraft geläutert und verfeinert, sie enthielt nichts als die erste Sünde ihres Ursprunges, und jene Engel deren Natur aus Liebe besteht, würden gesucht haben diese Ursünde fortzureinigen. Ihn sehen, mit ihm leben, die Wechsel seiner Gesichtszüge und seiner Stimme zählen, seine Hand zuweilen berühren wenn er wachte, und seinen Schlummer zu beobachten wenn er entschlafen war, darin bestand das Wesen ihrer Wünsche, dies bezeichnete die Grenze ihrer Sehnsucht. Den Lockungen der Gegenwart war die ganze Geschichte des Vergangenen entgegengestellt. Ihr schwankendes und erkranktes Gemüth sprang von dem einen zu dem andern über, ganz wie der Eindruck des Augenblickes sie dazu nöthigte. Ihr Karakter war gewiß kein kräftiger, ihre Erziehung und ihre Lebensgewohnheiten,

hatten eine ursprünglich schon zu weiche Natur noch zarter, noch weiblicher gemacht. Jegliche Erinnerung an frühere Reinheit mahnte sie mit der lauten Stimme einer Pflicht, und warnte vor der gewaltigen Schuld welche sie auf sich zu laden im Begriffe stand; so oft sie ihres Knaben gedachte ­ dieses Inbegriffes zärtlicher, schuldloser Empfindungen, der früher ihr ganzes Herz so durchaus in Anspruch genommen hatte ­ entschwebten ihre Gefühle plötzlich von dem Gegenstande der sie, wie durch einen Zauberspruch so allmächtig festgebannt hatte, zerflossen und verrannen in die eine große und geheiligte Quelle der Mutterliebe. Abends, als Falkland erschien, saß sie in der Ecke des Zimmers anscheinend mit Lesen beschäftigt, ihre Augen waren aber auf den Knaben geheftet, welchen Mad. St. John am entgegengesetzten Ende des Gemaches zu vergnügen bemüht war. Der Knabe welcher Falkland liebte, eilte auf diesen zu sobald er eintrat, Falkland bog sich nieder ihn zu küssen, und Mad. St. John sagte mit leiser Stimme, aber doch so, daß er die Worte verstehen konnte: »auch Judas küßte, bevor er Verrath übte.« Seine Farbe wechselte, er empfand den Stachel mit welchem diese Worte ihn verwunden sollten. Er war im Begriffe über dieses Kind, das in so unschuldiger Weise ihm Liebkosungen darbrachte, die empfindlichste, die unablösbarste Schmach und Verletzung zu verhängen. Aber wer gestattet sich überlegendes Nachdenken bei einer Leidenschaft? Das Reuegefühl verbannte er aus seinem Gemüthe eben so schnell als es entstanden war, setzte sich neben Emilie und versuchte ihr einen Theil der Freude und Hoffnung einzuflößen, die ihn selber erfüllte. Madam St. John beobachtete Beide mit eifersüchtigen, wachsamen Blicken, sie hatte schon erfahren wie furchtlos ihr früherer Versuch gewesen, Emiliens Gewissen in wirksamer Weise gegen ihren Liebhaber aufzuregen, dennoch beschloß sie den Eindruck zu erneuern welchen sie damals hervorgebracht hatte. Die Gefahr war dringend deshalb mußte die Hülfe schnell kommen, und es war schon etwas eine Bereinigung zu verzögern, sogar wenn sie auch nicht im Stande seyn sollte, dieselbe endlich ganz zum Bruche zu bringen, gegen sie waren bei ihr alle zürnende Gefühle der Eifersucht, mit den schöneren Empfindungen der Freundschaft für Emilie, im Bunde. Schon erglänzten Emiliens Augen bei den Worten die Falkland ihr zuflüsterte; da nahete sich ihnen Madam St. John. Sie setzte sich auf einen Stuhl ihm zur Seite, und versuchte ohne Falklands krause und zornverkündende Stirn zu beachten, eine allgemeine und gewöhnliche Unterhaltung anzuknüpfen. Lady Margrete hatte einige Personen aus der Gegend eingeladen, sobald diese erschienen, ward sogleich zu Musik und Karten gegriffen, ganz mit der Englischen Höflichkeit, welche die erste Gelegenheit ergriff um darzuthun, daß die Unterhaltung unserer Bekannten, das allermindeste ist weshalb wir sie zu uns einladen. Madam St. John verließ die Liebenden aber gar nicht; und als Falkland endlich über ihren Starrsinn in Verzweiflung aufstand um an den Spieltisch zu treten, sprach sie: »sagen Sie mir doch Herr Falkland, waren Sie nicht früher sehr vertrauter Freund von *** ***, der mit Lady **** durchgegangen ist?« »Ich war sehr oberflächlich mit ihm bekannt,« antwortete er und setzte dann höhnisch hinzu: »ich habe ihn nie anders, als in Ihrem Hause getroffen.«

Madam St. John fuhr fort, ohne das Beißende dieser Antwort zu rügen! »Zu welchem unseligen Ereignisse führte das! ­ Sie hatten einander in ihrer Jugend ungemein lieb, und dies ist vielleicht die einzige Entschuldigung, welche eine Frau haben mag um ihre spätern Gelübde zu brechen. Sie entflohen. ­ Das Übrige ihrer Geschichte ist bald erzählt; sie gleicht dem allgemeinen Loose derer welche ihrer Leidenschaft alles aufopfern und dabei vergessen, daß diese unter allen Dingen die kürzeste Dauer hat. ­ Er, der ihr seine Ehre aufgeopfert hatte, opferte sie wiederum eben so leichtfertig einer Andern auf. Seine Untreue vermogte sie nicht zu ertragen; aber wie hätte sie ihm Vorwürfe machen können? Indem sie seiner Liebe sich hingab, hätte sie sich eben dadurch derselben unwürdig gemacht. ­ Sie richtete ihm keinen Vorwurf zu ­ aber sie starb am gebrochenen Herzen. Ich habe sie kurz vor ihrem Tode gesehen, denn ich war entfernt mit ihr verwandt und konnte selber die Sündhafte nicht ganz verlassen. Nur damals sprach sie mir von dem Kinde aus ihrer früheren Ehe, welches sie in dem Alter verlassen hatte, in welchem es ihrer Pflege am dringlichsten bedurfte: sie befragte mich nach dessen Gesundheit, ­ Erziehung ­ Wachsthum: das aller Geringfügigste schien ihrer Nachforschung nicht unwerth. Die Erkundigungen welche sie über dieses Kind einzog, brachten ihrem Gemüthe, »den Duft des Lenzes und der Freude« zurück. Ich führte eines Tages ihren Knaben zu ihr; dieser mindestens hatte sie nicht vergessen. Wie schmerzlich weinten Beide als sie sich wieder trennen mußten, und sie ­ die arme, arme Helena ­ eine Stunde nach dieser Trennung hatte sie aufgehört zu seyn!« ­ Es entstand eine Pause von einigen Minuten. Emilie war tief erschüttert. Madam St. John hatte die Wirkung, welche sie hervorbringen würde vorausgesehen, und sich ein Verhalten vorgezeichnet, welches jene erhöhen sollte. »Es ist sonderbar,« hob sie wieder an, »daß am Abend vor ihrer Flucht, von einem Ungenannten ihr einige Verse zugeschickt wurden. Ich glaube nicht, daß diese Ihnen bekannt sind. Emilie, soll ich sie Ihnen jetzt singen?« Ohne die Antwort zu erwarten setzte sie sich zum Flügel und sang mit leiser aber wohlklingender Stimme die nachfolgenden Verse, deren gefühlvoller Vortrag zu ihrer beabsichtigten Wirkung ungemein viel beitrug. Willst du deine glückliche Heimath verlassen, in der zu leben bisher so süß war? O bedenke, ehe du hinaus in die Welt schweifst, ob Sünde dir ein schützendes Obdach gewährt. Der Vogel mag umher flattern und auf makellosen Schwingen zum gewohnten Ruheplatze zurückkehren; Doch in der Brust eines Weibes wird die einmal verlorene Heimath nie wieder aufgerichtet. Wäre eine Welt der Blüthen zu durchstreifen, so mögte das Herz zuweilen einen Ruhepunkt finden; Du aber wirst in eine Welt der Schmerzen hinausgestoßen, deinen einzigen Ruheplatz zu verlieren. Erinnere dich der fleckenlosen Gelübde deiner Jugend ­ einer Vergangenheit die dir so beseligend lächelte; Dann wende dich zu dem Bilde welches das Dräuen deiner Zukunft dir entwerfen muß. Keine Stunde, keine Hoffnung kann derjenigen Trost bringen, die einen geschändeten Namen zu verbergen sucht; Herzen welche des Schmerzes stürmender Andrang nicht zu beugen vermag, brechen unter dem Gewichte der Schaam.

Und wenn deines Kindes verlassene Jugendjahre mit des Lebens ersten Leiden ringen, Sollen erkaufte Herzen die Thränen stillen, welche nur allein an deinem Busen fließen müßten? Wenn des Kindes Lippen den zärtlichen, ihn zuerst gelehrten Namen lallen, Dann mögtest du nicht, daß Schande und Sünde, die einzigen Erinnerungen sind, die sich ihm anknüpften! Erkrankte dieses Kind auf seinem Lager, wer könnte deine Sorgfalt dann ersetzen? Könnte die gemiethete Wärterin etwa so leise auftreten, als wenn Mutter Gefühl jede Bewegung leitet. Genug, noch ist's nicht zu spät den bittren Trank zu vermeiden, den du selber dir mischen mögtest; Noch ist das letzte Band nicht gelöset; noch ist deine Barke im sichern Hafen. Ward dir beschieden das Leben schmerzlich zu verkümmern, so gebührt dir mindestens fleckenlos zu sterben; Es ist besser dein Herz bricht mit einemmal, als daß du von seinen heiligsten Banden es enfesselst. Umsonst wäre der Versuch Emiliens Gefühle bei dem Ende dieses Gesanges zu beschreiben. ­ Undeutlich und schwarz schwebte der ganze Hergang vor ihren Augen. Die gewaltsame Empfindung welche sie zu unterdrücken strebte, erstickte sie fast. Sie stand auf, sie warf auf Falkland einen Blick solcher Angst und solcher Verzweiflung, daß sein innerstes Herz davon gefror ­ darauf verließ sie das Zimmer ohne ein Wort zu reden. Einen Augenblick später vernahm man das Geräusch eines Falles. ­ Alle stürzten hinaus, ­ Emilie lag anscheinend leblos auf dem Boden hingestreckt. ­ Ein Blutgefäß war ihr zersprungen!

Falkland. Endlich kann ich Ihren Briefen eine günstigere Antwort ertheilen. Emilie ist noch nicht ganz außer Gefahr. Von dem Tage, an welchem Sie mit so uneigennütziger Schonung ihrer Gesundheit und ihres Rufes, sich mit Gewalt in ihr Zimmer drängten, ward sie allmählich besser, ­ doch erwarten Sie keinen Dank für Ihre beobachtete Zurückhaltung. Ich hoffe sie wird im Stande seyn, Sie in wenigen Tagen zu sehen. Dies hoffe ich um so mehr, weil sie jetzt fühlt und entschieden hat, es müsse das letzte mal seyn. Sie haben ihres Lebens Glück zerstört; dem Himmel sey Dank, daß ihre Tugend bis jetzt verschont blieb; wiewohl sie Emilien elend machten, vertraute ich doch darauf, daß es Ihnen nie gelingen wird sie der Verachtung preis zu geben. Sie fragen mich einigermaßen drohend, aber mehr sich beklagend, weshalb ich so bitter gegen Sie sey. Dies will ich Ihnen sagen. Ich kenne nicht nur Emilie, und bin deshalb innigst überzeugt daß nichts vermag ihre Gewissensbisse ihr zu ersetzen, sondern ich kenne ebenfalls Sie und sehe vollkommen ein, daß sie unter Allen am mindesten der Mann sind, der sie glücklich machen könnte. Für einen Augenblick setze ich sämmtliche allgemeine Vorschriften der Religion und Moral bei Seite, ich rede zu Ihnen (um einen alltäglichen und häufig gemißbrauchten Ausdruck anzuwenden) »ohne Vorurtheil« über diese besonderen Gegenstände. Emiliens Natur ist sanft und leicht empfänglich, die Ihrige ist flatterhaft und im höchsten Grade widerspenstig. Der kleinste Wechsel, die mindeste Laune bei Ihnen, welche ein minder zartfühlendes Gemüth gar nicht bemerken würde, müßte sie bis in das Innerste ihres Herzens verwunden. Sie wissen, daß die Weichheit ihres Karakters aus diesem Mangel an Kraft hervorgeht. Bedenken Sie für einen Augenblick, ob sie im Stande seyn würde die Demüthigungen und die Schmach zu erdulden, welche die Fehltritte Englischer Frauen so schwer heimsuchen! Sie ist in den strengsten Grundsätzen der Moral erzogen; und weil ihr Geist keine besondere Stärke besitzt, vermag der erste Eindruck ihrer Erziehung durch Nichts getilgt zu werden. Sie ist nicht fähig ­ gewiß nicht befähigt ­ für ein Leben der Schmerzen und der Entwürdigung. Bei einem anderen Karakter mögte ein entgegengesetztes Verfahren wünschenswerth erscheinen; aber in Bezug auf sie ­ halten Sie ein, Falkland, ich flehe darum, bevor Sie noch einmal den Versuch machen, sie auf immer zu vernichten. Ich habe Alles gesagt. Leben Sie wohl Ihre, ganz besonders aber Emiliens Freundin J.S. Sie werden mich sehen Emilie, wenn Sie hinreichend hergestellt sind, um das ohne Gefahr zu thun. Ich erbitte dies nicht als eine Gunst. Hat meine Liebe mir das mindeste von Ihnen verdient, kann Erinnerung an das Vergangene nur irgend einen Anspruch begründen, hat meine Natur sich des Zaubers nicht verlustig gemacht, den sie früher über die Ihrige übte, so fordere ich Wiedersehn als ein Recht. Der Bringer wartet auf Antwort. E.F. Sie sehen Falkland! Können Sie daran zweifeln? Könnten Sie nur einen Augenblick glauben, daß Ihre Befehle jemals aufhören sollten mir Gesetze zu seyn? Kommen

Sie hier, wenn es Ihnen gefällt. Haben Andere während meiner Krankheit Ihnen Hindernisse entgegengestellt, so geschah das ohne mein Wissen. Ich erwarte Sie; aber ich gestehe, daß diese Zusammenkunft die letzte seyn wird, wenn ich irgend etwas von Ihrer Barmherzigkeit erlangen kann. Emilie Mandeville. Ich habe Sie gesehn, Emilie, zum letzten male gesehn! Meine Augen sind trocken ­ meine Hand zittert nicht. ­ Ich lebe, bewege mich, athme wie zuvor ­ und dennoch sah ich Sie zum letzten male. Sie sagten mir ­ während Sie an meiner Brust ruhten, während Ihre Lippe die meinige preßte; ­ Sie sagten mir (und ich gewahrte Ihre Aufrichtigkeit) ich solle Sie schonen, solle Sie nicht wieder sehen. Sie sagten mir, daß Sie nicht länger eigenen Willen, daß Sie kein eigenes Schicksal mehr hätten; daß Sie, wenn ich fortfahre dies zu wünschen, für mich Ihre Freunde, Ihre Heimath verlassen und Ihre Ehre opfern wollten; aber Sie verhehlten mir auch nicht, daß Sie damit ebenfalls Ihre Glückseligkeit aufgeben würden. Sie verbargen mir nicht, daß ich nicht dazu hinreiche Ihre ganze Welt auszumachen; Sie überlieferten sich, wie Sie das schon einmal gethan, dem, was Sie meine Großmuth nannten; damals täuschten Sie sich nicht, und Sie täuschen sich auch jetzt noch nicht. Innerhalb zweier Wochen, werde ich England, wahrscheinlich für immer verlassen. Ich besitze ein anderes Vaterland, das mir durch seine Leiden und seine Erniedrigung noch viel theurer geworden ist. Die allgemeinen Bande weichen in ihrem Wesen nur um ein Geringes von den besondern ab; und dieser eingestandene Vorzug dessen was entwürdigt vor dem was erhaben ist, mag als Antwort für Madam St. Johns Behauptung dienen, daß wir in Schmach versenkt, nicht zu lieben vermögten wie im ehrenhaften Zustande. Doch davon genug. Über Ihre Wahl, meine arme Emilie, kann ich Ihnen keinen Vorwurf machen. Sie handelten weise, recht und tugendlich. Sie sagten diese Trennung müsse mehr meiner Entscheidung angehören als der Ihrigen, und daß Sie augenblicklich die meinige seyn wollten, sobald ich dies verlangte. Weder jetzt noch jemals will ich dieses Versprechen annehmen. Keine, und am wenigsten eine die ich so innig, so wahrhaft liebe als Sie, soll jemals durch mich in Schande gerathen, außer wenn sie zu empfinden vermag, daß eine solche Schmach ihr theurer seyn würde als jede andere Glorie, daß das einfache Loos die meinige zu seyn minder eine Belohnung als eine Vergeltung ist; und daß trotz aller irdischen Demüthigung und Schaam, dieses Loos alle ihre Traumbilder von Glück und Stolz verwirkliche und in sich fasse. Jetzt will ich Ihnen mein Lebewohl sagen. Mögen Sie ­ ich sage dies ohne Selbstsucht und aus der Tiefe meines Herzens ­- mögen Sie bald vergessen, wie sehr Sie mich geliebt haben, wie sehr Sie mich noch jetzt lieben! Und dieses Ziel zu erreichen könnten Sie keine bessere Gesellschafterin haben als Madam St. John. Sie hat ihre Meinung von mir laut ausgesprochen, und wahrscheinlich ist dieselbe richtig; auf jeden Fall werden Sie wohl daran thun ihr zu glauben. Sie werden hören wie so viele mich angreifen und mir Vorwürfe machen. Ich läugne die Anklagen nicht ab; Sie wissen am besten was ich von Ihnen verdiene. Gott segne Sie, Emilie. Wohin ich gehen mag, nie werde ich aufhören sie so zu lieben, wie ich Sie jetzt liebe. Mögen Sie glücklich seyn durch Ihren Knaben, und in Ihrem Gewissen. Noch einmal segne Sie Gott ! und lebewohl!

Erasmus Falkland. Ha! Falkland, Sie haben gesiegt! ich bin die Ihrige, nur allein die Ihrige ­ ganz und auf immer! Als Ihr Brief ankam, zitterten meine Hände so sehr, daß ich während einiger Minuten nicht im Stande war ihn zu erbrechen; und als ich ihn geöffnet hatte, da war mir als versinke die Erde unter meinen Füßen. Sie wollten Ihr Vaterland verlassen; ich stand im Begriff Sie für immer zu verlieren. Ich vermogte mich nicht länger zu bemeistern, ­ meine Tugend und mein ganzer Stolz entschwanden plötzlich. Ja, ja, Sie sind wirklich meine Welt. Mit Ihnen will ich entfliehn wohin Sie wollen nach jedem Lande. Nichts kann mir schrecklich seyn, als nur, Sie nicht zu sehen; ich mögte eine Magd ­ eine Sklavin, ein Hund seyn, so lange ich nur bei Ihnen bleiben, nur einen Laut Ihrer Stimme hören, einen Blick Ihres Auges erhaschen könnte. Kaum gewahre ich das vor mir liegende Papier, so abspringend und verwirrt sind meine Gedanken. Schreiben Sie nur ein Wort, Falkland; nur ein Wort, und ich will es auf mein Herz legen und glücklich seyn. Ich eile zu dir, Emilie, meine, meine einzige Geliebte. Dein Brief hat mir das Leben zurückgegeben. Morgen sehen wir uns. E.F. Mit gemischten Empfindungen, denen trotz der flammenden Hoffnungen, die bei allen vorherrschten doch viel Bitteres hinzugefügt war, kehrte Falkland nach E..... zurück. Er war sich bewußt, daß er der Erfüllung seiner glühendsten Wünsche nahe war; daß er im Begriff stand einen Preis zu erringen der alle die tausend Gegenstände des Ehrgeizes in sich vereinigt, zwischen denen die Wünsche anderer Männer getheilt sind; die einzigen Bilder, welche er seit Jahren zu erträumen gewagt hatte, sollten nun in das Leben gerufen werden. Er hatte alle Ursache glücklich zu seyn; ­ aber so ist der Widerspruch menschlicher Natur, daß er sich fast elend fühlte. Der ihm zur Gewohnheit gewordene, schweigsame Tiefsinn, verbreitete seine nächtige Färbung über jede seiner Empfindungen, über jeglichen seiner Gedanken. Er kannte die Denkart der von ihm verführten Frau, und erbebte bei dem Gedanken an das Verhängnis, welches er über sie herbeizuführen im Begriffe stand. Zu diesen Betrachtungen gesellte sich eine lange Reihefolge schwarzer, reuiger Erinnerungen. ­ Emilie war nicht die Einzige, deren Untergang er vorbereitet hatte. Alle die ihn jemals liebten hatte er durch Vernichtung belohnt; und eine ­ die erste ­ die reizendste ­ die am meisten geliebte ­ fand durch ihn ihren Tod. Diese letzte Erinnerung, peinlicher als alle übrigen erfüllte ihn. Man wird sich entsinnen, daß Falkland in den Briefen, mit denen dieses Buch beginnt, bei dem Erwähnen der Bande die er nach dem Verluste seiner ersten Liebe geknüpft hatte, sagt, nur die Sinnlichkeit, nicht das Gemüth sey dabei betheiligt gewesen. Seit ihrem Tode war sein Herz freilich ihrem Andenken nie untreu geworden, bis er Emilien antraf. Ach! nur wer in seiner Seele das Bild eines Verstorbenen liebend bewahrte; nur wer lange bittre Jahre hindurch im geheimen tiefen Schmerze darum trauerte; nur wer empfand daß dieses Bild ihm ein geheiligtes, überirdisches Wesen sey, das von keinem andern Auge als dem seinigen entweiht werden dürfe; nur wer alle Dinge außer sich mit Denkmalen ausfüllte die wie durch Zauber erstanden, und wer das ganze Weltall zum weiten Mausoleum des Abgeschiedenen machte; nur der allein vermag

das Geheimnis schmerzlicher Sehnsucht zu verstehn, das über jegliche spätere Leidenschaft hingebreitet ist, mag diese auch viel glühender und viel inniger als jene erste seyn; ­ nur der empfindet jenen Schauer der Gotteslästerung unter welchen wir des entschwundenen Geistes Wohnplätze mit einem neuen, einem lebendigen Götzenbilde ausfüllen, und die letzte Handlung der Untreue an der begrabenen Liebe begehen, welche die Himmel, in denen sie jetzt weilt, und die Erde auf welcher wir sie gewahrten, durch unzählige Stimmen der Natur uns heißen, mit dem Weihrauch unserer Treue zu verehren. ­ Sein Wagen hielt am Einfahrtsthore. Des Pförtners Frau, welche die Flügel öffnete gab ihm folgende Zeilen: »Mandeville ist zurückgekommen; ich fürchte beinahe, daß er unsere Liebe argwöhnt. Julia droht, wenn Sie wieder nach E..... kämen, ihn davon in Kenntnis zu setzen. Ich wage nicht, mein geliebter Falkland, Sie hier zu sehn. Was sollen wir anfangen? Ich bin sehr krank und fiebernd; mein Gehirn ist so in Gluth, daß ich nichts anders zu denken, zu empfinden, zu erinnern vermag, als den einen Gedanken, die eine Empfindung und die eine Erinnerung: daß ich, selber unter Schande und der Sünde zum Trotze, im Leben und bis zum Tode, die Ihrige bin. E.M. Bei dem Lesen dieser Zuschrift verdoppelte Falklands glühende, auf das äußerste gestiegene Liebe sich bei jedem Worte; einen Augenblick früher, hatte die Gewißheit sie wieder zu sehn seinem Gemüthe gestattet, sich unter tausend Gegenständen zu vertheilen; jetzt aber vereinigte der Zweifel seine ganze Kraft auf den einen Punkt. Er fuhr nach L..... und sandte von dort eine kurze Nachricht an Emilie, in welcher er von ihr erflehte ihn Abends am See im Park zu treffen, um ihre Flucht zu verabreden. Ihre Antwort war kurz, war von ihren Thränen halb verlöscht, aber sie enthielt die Zusage. Emilie war an diesem Tag hindurch, mindestens von dem Augenblicke an in welchem sie Falklands Brief erhalten, kaum fähig irgend einen Gedanken zu fassen; unbeweglich saß sie da und starrte hinaus in den weiten Raum, gewahrte in ihrem eigenen Innern so wenig, als in den sie umgebenden Gegenständen etwas anders, als eine furchtbare Leere. Bewußtseyn, Überlegung, Gefühl, Reue sogar, waren erstarrt und gefroren; die Fluthen und Ebben innerer Bewegung dauerten fort, aber sie waren von Eis. Falklands Diener hatte außen den Augenblick abgewartet, um Emilien seines Herrn Billet zu überreichen; Madam St. John hatte ihn erblickt; ihr Schreck und ihre Überraschung dienten nur dazu ihre Geistesgegenwart zu kräftigen. Unter dem Vorwande Emiliens Antwort dem Diener selber einzuhändigen bemächtigte sie sich derselben, las sie und eben so schnell war auch ihr Entschluß gefaßt. Nachdem sie das Briefchen sorgfältig wieder versiegelt und dem Diener übergeben hatte, begab sie sich auf der Stelle zu Herrn Mandeville, und entdeckte diesem Emiliens Liebe zu Falkland. Zu dieser Handlung des Verraths ward sie durchaus nur von ihren Leidenschaften angetrieben; und als Mandeville aus seiner gewohnten Fühllosigkeit zu einem Paroxismus der Entrüstung aufgeweckt, seine Danksagungen für die Großmuth ihrer Freundschaft immer aufs neue wiederholte, weil er sich einbildete, daß diese allein sie zu jener Mittheilung bewogen habe, ließ er sich im Traume nicht die milde, die

unbezwingbare Eifersucht einfallen, welche die Schmach sogar beneidete, die durch ihre Eröffnung eben herbeigeführt werden sollte. »Sehr wahr,« sagte ein französischer Enthusiast, »daß das Herz, selber das anscheinend heiterste, jener stillen sanft spiegelnden Quelle gleicht, die im Schooße ihrer Gewässer das Ungeheuer des Nil birgt.« Welchen Gewinn Madam St. John durch diese Handlung zu erlangen sich auch vorsetzen mogte, wahrlich sie hat den Lohn empfangen der ihr gebührte. Die Folgen ihrer Verrätherei, welche ich jetzt zu erzählen mich beeile, endeten für Andere ­ blieben ihr. Unter den Freuden der Zerstreuung quälte eine Betrachtung ihr Gemüth; eine dunkle Wolke weilte jederzeit zwischen dem Sonnenschein und ihrer Seele; so wie dem Mörder in Shakespeare, brachte das Freudengelag, bei dem sie Zuflucht suchte um Vergessenheit zu finden, ihr nur die Schreckgespenster der Erinnerung hervor. O! du unbezähmbares Gewissen! das nie schmeichelt ­ das über dem Menschenherzen wacht, damit es nie schlummere oder einschlafe, ­ du entziehst aus der Gegenwart, verschließest uns die Zukunft und schmiedest die ewige Kette, welche uns an den Fels und an den nagenden Geier der Vergangenheit fesselt! Still und düster zog der Abend herauf; eine athemlose erdrückende Schwüle schien über die Atmosphäre gebreitet; ­ die vollen großen Wolken ruhten bewegungslos im unfreundlichen Himmel, zwischen ihnen glimmten in weiten ununterbrochenen Zwischenräumen die bleichen Sterne hervor; zwiefacher Schatten schien die zusammengehäuften dunkeln Bäume einzuhüllen, welche ohne Schwanken im trübseligen Horizonte dastanden. Das Wasser im See lag so schwer und unbeweglich wie der Schlaf eines Todten; der abgebrochene Widerschein seiner jähen, windenden Ufer ruhte auf dem Wasserbusen, wie eine traumgleiche Erinnerung früheren Daseyns. Die festgesetzte Stunde war gekommen; Falkland stand am bezeichneten Orte und blickte auf den vor ihm hingebreiteten See; seine Wange glühte, seine Hand war versengt und ausgetrocknet vom verzehrenden innern Feuer. Sein Pulsschlag war stürmend und rasch; der Dämon böser Leidenschaften herrschte in seiner Seele. So ganz verloren in seine Betrachtungen stand er, daß er während einiger Augenblicke das zärtliche thränenvolle Auge nicht gewahrte, welches auf ihn geheftet war; auf seiner Stirn und auf seinen Lippen erschien Nachdenken immer so reizend, so göttlich, daß dessen Ruhe zu stören gleichsam die Entweihung von etwas Geheiligtem war; wiewohl Emilie mit leichten eilfertigen Schritten herbeikam, hielt sie doch unwillkürlich ein, um das adelhafte Gesicht zu betrachten, welches ihre ersten Traumbilder von der Liebe Schönheit und Majestät verwirklichte. Langsam wandte er sich um und erblickte sie; mit dem ihm so ganz eigenthümlichen Lächeln nahte er sich ihr, schweigend zog er sie an seine Brust; seine Lippen drückte er auf ihre Stirn; sie lehnte an seinem Busen, und vergaß Alles über ihm. Ha! giebt es ein Gefühl, welches Liebe, sogar sündliche Liebe zum Gotte macht, so ist es die Gewißheit, daß sie mitten in dieser lebenvollen Welt allein und über Alles herrscht; und das diejenigen, die sich ihrem Dienste weihen nichts von den Kleinlichkeiten, den Kämpfen, dem mühenden Ringen wissen, welche der Erde alltäglicher Bewohner beflecken und antreiben. ­ Als Beide so allein da standen in der tiefen Stille der Natur, was war ihnen da jegliches Ding welches sie ganz in Anspruch genommen haben

mogte, bevor sie einander begegneten und liebten? In ihrem Innern erstarb sogar das Gedenken an Schuld und Kummer: nur für einen Gedanken hatten sie Gefühle ­ für das Zugegenseyn des Wesens das neben ihnen stand, das für sie der Ocean war, »in welchen die Ströme ihrer Seele sich ergossen.« Sie setzten sich unter einer Eiche nieder; Falkland bog sich herab um die kalte bleiche Wange zu küssen, welche immer noch an seiner Brust ruhete. Seine Küsse glichen der Lava; die tobenden, stürmischen Elemente der Sünde und der Begierde wurden bis zum Wahnsinne in seinem Innern gesteigert. Noch dichter preßte er sie an seinen Busen, ihre Lippen gaben den seinigen die Antwort; vielleicht ergriff sie der ihnen mitgetheilte Geist etwas, ihre Augen waren halb geschlossen, ihr an sein schlagendes, glühendes Herz gepreßter Busen schwellte wild. Dunkler und dunkler wurden die Wolken als die Nacht mehr heraufzog, ein leiser Donner rollte fern durch den bewölkten schweren Himmel hin; ­ sie hörten ihn nicht; ­ und doch war er das Todtengeläute für Friede ­ Tugend ­ Hoffnung ­ die ihren Seelen verloren, für immer verloren gegangen waren! * * * * * * * * * * * * * * * * Sie trennten sich, wie sie nie zuvor gethan. In Emiliens Herzen war eine furchtbare Leere ­ eine weite Öde, über diese hin zog eine leise, tiefe, geisterhafte Stimme, ein undeutlicher unbekannter Laut, eine Sprache redend, welche sie nicht verstand, aber sie empfand, daß diese Wehe, Schuld und Verhängnis verkünde. Ihre Sinne waren betäubt; die Lebendigkeit ihrer Gefühle war eingeschläfert und erlähmt, der Verzweiflung erster Herold ist Gefühllosigkeit. »Also morgen« sagte Falkland und seine Stimme erklang ihr zum erstenmale rauh und fremdartig ­ »morgen wollen wir auf immer von hier entfliehen; triff mich hier bei Tagesanbruch; ­ der Wagen soll in Bereitschaft seyn; ­ jetzt können wir uns nicht zu schnell vereinen; ­ ich wollte wir wären in diesem Augenblicke dazu vorbereitet!« »Morgen« wiederholte Emilie, »bei Tagesanbruch!« Sie hielt ihn umklammert und er fühlte daß sie schaudernd erbebte: »morgen ­ ja ­ morgen!« ­ Noch ein Kuß, eine Umarmung ­ ein Lebewohl, und sie schieden. Falkland kehrte nach L. zurück: ein trübes Vorgefühl lastete auf seinem Gemüthe; es war jenes undeutliche, unbeschreibliche Bangen, welches keine irdische und keine menschliche Ursache zu erklären vermag ­ jenes Zusammenbrechen in sich selber ­ jene unbestimmte Furcht vor der Zukunft, ­ jenes Gefühl als ringe man mit unbekannten Schattengestalten, jenes Umirren des Geistes ohne zu wissen wohin; ­ jene kalte, ewige, schleichende Angst ohne zu wissen weshalb? Im Hause trat sein vertrauter Diener ihm entgegen, diesem gab er die nöthigen Befehle zur morgenden Flucht, und zog sich dann in sein Schlafgemach zurück. Dieses war ein alterthümliches, geräumiges Zimmer; die Wände bedeckten eichene Vertäfelungen; ein breites, hohes Fenster gewährte Aussicht auf die weite Landstrecke die sich unten ausdehnte. Schweigend setzte er sich vor diesem nieder und öffnete es, die schwüle

Nachtluft berührte seine Stirne, nicht mit dem Fächeln der Frische, sondern gleich der verdorrenden Atmosphäre des Orients, eine Schwere und eine Fieberempfindung mit sich führend, die drückend auf seiner Seele lastete. Er wandte sich zurück; warf sich auf sein Bett und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Seine Gedanken waren in tausend undeutliche Formen zersplittert, alle aber durchschauerte die eine wohllustvolle Erinnerung, daß der morgende Tag ihn für immer mit derjenigen vereinen solle, deren Besitz, sie ihm nur noch theurer gemacht hatte. Inzwischen verrannen die Stunden; und während er schweigend und still da lag ertönte die Glocke einer fernen Kirche mit deutlichem, feierlichem Schalle seinem Ohre. Es war die erste halbe Stunde nach Mitternacht. In dem nämlichen Augenblicke durchrann ein eisiger Schauder, langsam und erstarrend seine Adern. Sein Herz, wie von einem Vorgefühle dessen bewegt, was kommen sollte, pochte heftig und stand darauf still; das Leben selber schien zu verrinnen; kalte Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirne; seine Auglieder zitterten, und die Augäpfel rollten und starrten gleich denen eines Sterbenden; eine fürchterliche Angst befiel ihn, seine Glieder erbebten und jegliches Haar seines Hauptes sträubte wie von eigenthümlichen Leben durchzuckt in die Höhe; das Mark seiner Gebeine löste sich, sein Blut gerann immer dicker und dicker, als verdichte es sich zu einer stehenden, gefrornen Masse. In wilder unsäglicher Angst schreckte er empor. Am fernen Ende des Gemaches stand eine bleiche dürre Erscheinung, gleich dem Mondenstrahle ohne Umriß noch Form; sie stand ruhig, unkenntlich und schattengleich. Sprachlos und ohne sich zu rühren starrte er sie an; seine Sinne und seine Geistesfähigkeiten schienen von einer unnatürlichen Verzückung erfaßt. Allmählig ward die Erscheinung seinem auf sie gehefteten und erforschendem Auge, klarer und erkennbarer. Wie durch einen schwimmenden, nebelartigen Schleier gewahrte er Emiliens Gesichtszüge, aber wie verändert! ­ eingefallen, farblos und in Todesbläße. Die sinkende Lippe, von welcher ein tiefer, rother blutähnlicher Strich herabzuträufeln schien; das bleierne leblose Auge, die kalte schaurige geheimnisvolle Ruhe welche über den Anblick Gestorbener hingebreitet ist, alles dies sproß gleichsam aus der dichten Wolke die es umgab für einen, einen einzigen kurzen, schrecklichen Augenblick hervor und entschwand dann eben so plötzlich. Von seinen Sinnen löste sich der Zauberbann; mit einem lauten Schrei sprang er vom Bette auf. Alles war still: keine Spur von dem zu finden was er so eben gesehen. Der Wolken schwaches Licht ruhte auf dem Flecke auf dem die Erscheinung gestanden hatte; auf eben dem nämlichen Flecke stand er selber. Er stampfte auf den Boden ­ dieser war fest unter dem Tritte seines Fußes. Er betastete seinen Körper mit den Händen, und er wachte ­ er war unverändert; Erde, Luft, Himmel umgaben ihn wie zuvor. Was war mit seiner Seele vorgegangen um sie zu solcher Schwäche zu schrecken und zu übermannen? Auf diese Frage vermogte seine Besinnung keine Antwort zu geben. Kühn von Natur, und sceptisch durch Philosophie gewann sein Gemüth stufenweise die ursprüngliche Stimmung wieder; er überließ sich keinen Schlußfolgen; er bemühte sich diese zu verscheuchen, aus natürlichen Ursachen suchte er die Erscheinung zu erklären, welche er gesehn oder erträumt hatte; und als er den Umlauf seines

Blutes wiederum in gewohnter Weise empfand, als die kalte Nachtluft fröstelnd seinen fieberhaften Körper berührte, lächelte er mit strenger, verachtungsvoller Bitterkeit über den Schreck der ihn so ergriffen und über den Wahn, der sein Gemüth so irregeführt hatte. Giebt es nicht »mehr Dinge im Himmel und auf Erden als unsere Philosophie sich träumen läßt?« Ein Geist mag die Luft bewohnen welche wir einathmen; die geheimste Tiefe unserer Einsamkeit mag mit Unsichtbaren angefüllt seyn. Unser Aufstehn und unser Niedersitzen mag durch Zeugen aus den Gräbern beobachtet werden. Auf unsern Wanderungen mögen die Todten uns folgen; bei unseren Festgelagen mögen sie an der Tafel sitzen; und des Nachtwindes kalter Hauch der die Behänge unseres Bettes aufbauscht, mag uns eine Botschaft bringen, welche unsere Sinne nun nicht von Lippen erhalten, welche ehemals Küsse auf die unsrigen drückten. Woher kommt es, daß in gewissen Augenblicken eine Angst, ein Todesschrecken uns befällt, der uns überwältigt und den wir nicht zu beschreiben vermögen? Woher kommt es, daß wir ohne Ursache schaudern und es empfinden, wie unser warmes Herzblut in den Adern steckt? Sind die Todten etwa zu nahe! Berühren uns unirdische Schwingen, indem sie uns umflattern? Hat unsere Seele vielleicht Gemeinschaft die der Körper nicht theilt, wiewohl er mit der übernatürlichen Welt eine geheimnisvolle Verwandtschaft ­ eine unerklärliche Beziehung ­ eine Sprache des Schreckens und der Allmacht empfindet, die seine Fleischschranke die den Geist von seinem Geschlechte trennt, bis in das Innerste ihrer Falten erschüttert? Wie furchtbar ist unser Leben! Wir besitzen unser Daseyn unter einer finstern Wolke, und sind uns selber sogar, ein Wunder. Es giebt nicht einen einzigen Gedanken der seine zugewiesenen Gränzen hätte. Gleich den Kreisen auf der Wasserfläche, werden unsere Nachforschungen mit ihrer Ausdehnung schwächer und verschwinden endlich in den unermeßlichen und unergründlichen Raum, des weiten Ungekannten. Wir sind wie die Kinder im Dunkeln; wir erzittern in einer geisterhaften, schreckbaren Leere, welche wir mit unseren Wahnbildern anfüllen. Das Leben ist unsere eigentliche Nacht, und der erste Morgenstrahl der uns Gewißheit bringt, ist der Tod. Falkland verbrachte den übrigen Theil der Nacht am Fenster, die Wolken beobachtend, die grau wurden sobald die Dämmerung erstieg und der erste Morgenwind säuselte. Er hörte unten der Rosse Huftritt, warf seinen Mantel um, und ging hinab. Den Wagen ließ er an einer Biegung des Weges jenseit des Einfahrtsthores halten, und begab sich alsdann zum bezeichneten Orte. Emilie war nicht da. Mit unruhigen eilenden Schritten ging er auf und nieder. Der Eindruck dieser Nacht war zum größeren Theile aus seinem Gemüthe entschwunden, und den warmen süßen Hoffnungen welche er fassen zu dürfen so vielen Grund hatte, überließ er sich ganz rückhaltlos. In Augenblicken gedachte er auch jener reizenden Himmelsstriche die er zu beider Zufluchtsorte bestimmte, in denen die Luft an sich schon Musik ist und wo das Licht des Tages den Farben der Liebe gleicht; er verknüpfte die Seufzer gegenseitigen Entzückens, mit dem Dufte der Myrthen und dem Hauche eines Toskanischen Himmels. So verging die Zeit. Lange war die festgesetzte Stunde schon vorüber, doch Emilie kam nicht! Die Sonne ging auf, und Falkland wandte sich im finstern grollenden Unmuth von ihren Strahlen ab. Mit jeden Augenblicke wuchs seine Ungeduld und endlich war

er nicht mehr Herr seiner selber. Er ging dem Hause zu. Eine Weile blieb er in der Entfernung stehen; weil aber alles in tiefer Ruhe schien, ging er näher und näher bis er die Thür erreichte; zu seinem Erstaunen war diese offen. Er sah Gestalten eilends durch die Vorderhalle hingehn. Er vernahm ein verwirrtes, undeutliches Gemurmel. Endlich erblickte er Madam St. John. Nun vermogte er nicht länger sich zu halten. ­ Er sprang vor, durch die Thür, ­ in die Vorhalle und erfaßte sie bei einem Theile ihres Anzuges. Er konnte nicht sprechen, aber sein Gesicht sagte alles, was seine Lippen auszusprechen weigerten. ­ Madam St. John zerfloß in Thränen sobald sie ihn erblickte. »Guter Gott!« rief sie aus ­ »wie geht es zu, daß Sie hier sind? Wäre es möglich, daß Sie schon erfahren hätten ...?« Ihre Stimme versagte ihr. Falkland hatte jetzt Zeit gehabt sich zu fassen. Er wandte sich zu der Dienerschaft, die sich rings versammelt hatte und sagte ruhig: »Redet, was ist vorgefallen?« »Myladi ­ Myladi!« ertönte zugleich aus mehrer Munde. »Was ist's mit ihr?« fragte Falkland mit erblaßter Wange, aber ohne die Stimme zu ändern. Es entstand eine Pause. In diesem Augenblick ging ein Mann durch das hintere Ende der Vorhalle hin, in welchem Falkland den Arzt aus der Nachbarschaft erkannte. Nun ging ihm ein Licht, ein versengendes unerträgliches Licht auf. Mit leiser Grabesstimme sprach er: »sie ist sterbend ­ sie ist vielleicht schon todt;« und bei diesen Worten blickte er umher, bis er sein Auge auf die Anwesenden geheftet hatte. Nicht einer gab Antwort. Einen Augenblick hielt er an sich, als wäre er vom plötzlichen Schrecke gelähmt, dann sprang er die Treppe hinan. Er eilte durch das Boudoir in Emiliens Schlafgemach. Die Laken waren nur zum Theil geschlossen; ein schwacher Lichtstrahl drang durch sie herein und ruhete auf dem Bette; neben diesem waren zwei Frauen niedergekrümmt. Diese beachtete er nicht, sah sie gar nicht. Er riß die Vorhänge auseinander, und sah Emiliens verändertes lebloses Antlitz, genau so wie er es in seinem Traumbilde während der Nacht gesehn hatte. Dieses immer noch so zärtlich schöne Gesicht, war zum Theil ihm zugewandt. Einige dunkle Flecken auf der Lippe und am Halse verkündeten woran sie gestorben war, das schon einmal gesprengte Blutgefäß war abermals geborsten. Ihre sanften schmelzenden Augen, welche für ihn nie einen andern als den einen Ausdruck hatten, waren geschlossen; ihre langen aufgelösten Haarflechten, verbargen zur Hälfte, und bildeten zugleich einen Gegensatz zu dem Busen, der nur in der letzten Nacht erst gelernt hatte, unter seiner Brust zu wogen. Beglückter in ihrem Loose als sie es verdiente, ward sie diesem bittern Leben entnommen bevor die Strafe ihrer Schuld anhob. Sie war nicht dazu verurtheilt unter dem Mehlthau der Schaam, noch unter dem Froste entfremdeter Liebe zu verweilen. ­ Es war ihr nicht auferlegt Verletzung oder Wechsel von ihm zu erdulden, den sie so innig anbetete. Sie starb während seine Leidenschaft noch in ihrem Lenze war, ­ bevor dieser eine Blüthe oder nur ein Blättchen abgestreift worden; sie versank in die Ruhe der Ewigkeit, während sein Kuß noch warm auf ihrer Lippe weilte, und ihr letzter Atem

vermischte sich fast mit dessem Seufzer. Für ein gefallenes Weib giebt es kein Leben, das sie gegen einen solchen Tod vertauschen mögte. Stumm und bewegungslos stand Falkland; kein Wort des Schmerzes noch des Schreckens entfuhr seinen Lippen. Endlich bog er sich nieder. Die Hand welche außerhalb des Bettes herabhing, erfaßte er; drückte sie; diesen Druck erwiederte sie ihm nicht, sondern entfiel kalt und schwer aus der seinigen. Er legte seine Wange auf ihre Lippen; ihnen entsäuselte nicht der leiseste Athem; nun erst überflog ein sichtbarer Wechsel sein Antlitz; er drückte auf diese Lippen einen langen letzten Kuß, wandte sich dann ab ohne ein Wort, ohne ein Zeichen, ohne eine Thräne und verließ das Zimmer. ­ Zwei Stunden später ward er ohne Bewußtseyn im Park gefunden; er lag auf dem nämlichen Flecke wo er und Emilie sich Abends zuvor angetroffen hatten. Wochenlang wußte er gar nichts von dieser Erde; er war umringt von gespenstischen Erscheinungen eines furchtbaren Traumes. ­ Alles war Verwirrung, Nacht, Schrecken, ­ eine Reihefolge und ein steter Wechsel folternder Qual! Zuweilen ward er durch die weiten Himmelsräume fortgeschleudert in den Mittelpunkt eins feurigen Sternes, der unten, oben und ringsum mit unauslöschbaren, aber auch unverzehrenden Flammen umzogen war. Wohin er bei seinen Wanderungen in diesem seinem geräumigen, lodernden Gefängnisse treten mogte, war die leckende Flamme sein Fußboden und Feuer-Geloder war seine Luft. Blumen und Bäume und Hügel gab es in jener Welt wie in der unsrigen, aber gebildet aus einem blendenden, unerträglichen Lichte; rings umher erhoben sich zerstreute riesenhafte Palläste und Dohme prasselnder Flammen, gleich den Wohnsitzen in der Höllenstadt. In jeglichem Augenblicke schwebten Schattengestalten hin und her, deren Gesichtern unaussprechliche Angst eingeprägt war; aber kein Schrei, kein unterdrücktes Ächzen ertönte in der feuergerötheten Luft; denn den Verdammten die in Flammen lebend von Flammen sich nährten, war die Tröstung der Stimme versagt. Oben hing, unbeweglich und schwarz, eine dichte undurchdringliche Wolke ­ die Nacht zur Masse eingefroren; aus ihrem Mittelpunkte schwebte ein Banner herab gebildet aus bleichen, kränkelnden Flammen, und auf diesen stand geschrieben » für immer.« Brausend stürzte ein Strom neben ihm herab. Er bog sich nieder um das Todesschmachten seines Durstes zu stillen ­ die Wolken waren Feuerwogen, und als er von dem brennenden Trunke zurückprallte, sehnte er sich danach laut aufzuschreien, und konnte das nicht. Da richtete er in Verzweiflung sein Auge nach Oben um Barmherzigkeit zu suchen, und gewahrte auf dem flammenden unbeweglichen Banner die Worte: » für immer.« Der Geist seines Traumes wechselte; plötzlich ward er auf den Flügeln des Sturmwindes zu dem Ozean eines ewigen Winters getragen. Betäubt und ohne Versuch sich zu sträuben fiel er hinab auf die fluthlosen, unbeweglichen Wellen. Langsam und schwer hoben sie sich über ihn auf als er versank; nun erfaßte ihn die langgezogene erstickende Qual des Todes durch Ertrinken; ­ der ohnmächtige und krampfende Streit gegen die umschließenden Wasser ­ das Röcheln, Schwellen,. Keuchen des eingezwängten Athems ­ des Herzens wildes Zappeln ­ sein Todeskampf ­ und sein Stillstand. Er erholte sich. ­- Nun war er tausend Faden unter dem Meere an einen Felsen gefesselt, rings um welchen die schweren Wasser

sich gleich Mauern emporthürmten. Er fühlte sein eigenes Fleisch verfaulen und vergehen, stückweise von seinen Gliedmaßen abfallen; er sah die Korallenbänke, welche Jahrtausende zu ihrer Gestaltung erfordern, langsam aus ihrem schlammigen Bette emporragen, Atom nach Atom ausbreiten, bis sie zu einem Schutzlager für den Leviathan wurden: ihr Wachsthum war seine einzige Erinnerung an die Ewigkeit; immerwährend erschienen über und neben ihm, große Ungethüme ­ die Wunder der geheimnisvollen Tiefe. Die Meerschlange, die schreckliche Schimäre des Nordens, nahm ihren Ruheplatz zu seiner Seite, starrte ihn an mit bleichem, todtenähnlichen Auge, ­ schwach aber doch brennend, gleich der versinkenden Sonne. Aber überall, bei jeglichem Wechsel, in jedem Augenblicke dieser Unsterblichkeit, war ein bleiches unbewegliches Antlitz zugegen, das sich nie von dem seinigen abwandte. Die Höllischen Feinde, die Ungeheuer in der verborgenen Tiefe des Ozeans, erregten nicht so furchtbare Angst, als das Menschliche Gesicht der Todten, die er geliebt hatte. Sein Urtheil war gesprochen. ­ Sowohl dieser Fieberwahn, als das noch furchtbarere Erwachen aus demselben, die Vergangenheit, die Zukunft, das Hinkümmern freudeloser Tage, die ununterbrochenen Träume der Nacht ­ bannten in seine Seele einen Zauber und eine Hölle in sein Innerstes; der Fluch seiner Verurtheilung war: Kummer zu vergessen! Als Emilie an jenem sündhaften und ereignisvollen Abend zurückkehrte, schlich sie sogleich auf ihr Zimmer, entließ ihr Kammermädchen und warf sich auf den Boden nieder, erfaßt von jener tiefsten Verzweiflung, welche auf dieser Welt keine Hoffnung wieder kennen kann. So lag sie, ohne das Vermögen zu weinen und ohne den Muth zu beten; ­ wie lange wußte sie selber nicht. Ihr Gemüth war gleich den Zeitabschnitten vor der Schöpfung, ein Chaos widerstrebender Elemente, verstand so wenig die Methode des Nachdenkens, als die Eintheilung der Zeit. Ein leises Klopfen an ihrer Thüre weckte sie auf; ihr Gatte trat herein. Das Herz stockte ihr; und als sie bemerkte, wie er mit Sorgfalt die Thür verschloß bevor er sich nahte, war ihr, als hätte sie in die Erde versinken mögen, vor innerer Schaam und vor dem Bangen, daß diese entdeckt werde. Mandeville war ein schwacher, alltäglicher Mensch, bei gewöhnlichen Anlässen gleichgültig, aber gleich den meisten einfältigen Gemüthern heftig, ja wüthend, wenn er gereizt worden. »Ist dies an Sie gerichtet Madame?« rief er mit donnernder Stimme indem er einen von Falklands Briefen ihr vorlegte »­ und dies hier, und dies Madame?« fragte er in immer lauterem Tone, während er die Briefe einen nach dem andern aus ihrem Schreibpulte hervorriß, welches er erbrochen hatte. Emilie sank zurück und ächzte nach Athem. Mandeville ergriff sie mit wildem schallenden Gelächter am Arme; er faßte diesen mit voller Kraft an. Sie stieß einen leisen Schrei des Entsetzens hören: diesen achtete er nicht, schleuderte sie von sich und als sie zur Erde fiel, entstürzte das Blut in Strömen ihren Lippen. Bei der plötzlichen Umwandlung seiner Gesinnung welche ängstliche Besorgnis ihm erregte, hob er sie in seinen Armen vom Boden auf. Sie war eine Leiche! In diesem Augenblick ertönte die Glocke mit feierlichem, ihn erschreckenden Klange: sie schlug die halbe Stunde nach Mitternacht.

Das Grab ist jetzt über diesem weichen und irrenden Herzen verschlossen, ohne dessen sündhaftes Geheimnis zu verrathen. Sie ging zu dieser ihrer letzten Heimath mit gesegnetem, unbeflecktem Namen ein ; denn ihre Schuld war unbekannt und ihre Tugenden leben noch jetzt in der Erinnerung der Armen fort. * * * * * * * * * * Man setzte sie in den stattlichen Grabgewölben ihres alten Stammes bei, und an ihrer Bahre weinten Herzen, die um nichts weniger ergriffen waren, wenn auch ihr heftigster Schmerz nur kurze Zeit dauerte. Für einen Todten giebt es viele Leidtragende, aber nur ein Denkmal ­ und dies war die Brust, welche den Geschiedenen ­ am meisten liebte. Der Ort der Leichenfeier, der grüne Rasen der sich hinabdehnte, die ihn einschließenden Bäume, der graue Thurm der Dorfkirche, und die am andern Ende sich erhebenden stolzen Hallen, alle diese waren Zeugen gewesen der Kindheit, der Jugend, des Brauttages eben des Wesens, dessen letzte feierliche Bestattung sie nun ebenfalls mit ansahen. Die nämliche Glocke, welche bei ihrer Geburt erklang, läutete ihre Ehe ein und ertönte jetzt in dumpfer Todtenklage. Vor nicht gar zu langer Zeit war sie aus dieser Heimath ihrer jugendlichen, wolkenlosen Jahre, unter allgemeinem Zurufen und Segenswünschen als eine Braut hervorgegangen, im hochzeitlichen Gepränge, in der frischesten Blüthe ihrer jungfräulichen Schönheit, in der ersten Unschuld ihres unerwachten Herzens, weinend nicht um die Zukunft der sie entgegen ging, sondern um die Vergangenheit, welche sie nun verlassen sollte, und doch aus ihren Thränen hervorlächelnd, als ob Unschuld mit dem Kummer nichts zu thun habe. Auf eben dem Flecke wo der Vater ihr damals sein Lebewohl nachwinkte, stand er jetzt. Auf dem Rasen, den sie damals überdeckten standen die Landleute, deren Mangel sie in ihrer Kindheit so oft abgeholfen; neben dem nämlichen Geistlichen der ihn einsegnete, stand der Bräutigam, der sein Gelübde ihr geleistet, tief und schmerzlich gebeugt. Auf diesem Schauplatze war kein Baum, ja kein Blatt, kein Grashalm verwittert. Der Himmel war schön und heiter; ganz so wonnig lächelte er früher an ihrem Brauttag. Und sie ­ sie ­ nur vier kurze Jahre und alle Unschuld der Jugend in Nacht gesenkt, alle irdische Schönheit zu Staub geworden! Wehe! aber nicht ihr, sondern dem Leidtragenden den sie zurückließ. Im Tode ist selber die Liebe vergessen; aber im Leben ist nichts so durchaus Bitteres als das Gefühl, alles sey unverändert geblieben mit Ausnahme des Einen Wesens, welches die Seele von dem Allen war; ­ als das Bewußtseyn, daß die Welt die nämliche sey, daß aber ihr Sonnenschein entschwunden ist. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

* * * * Der Nachmittag war still und drückend heiß. Durch die enge Straße des kleinen Dorfes Lodar zog die ermattete aber noch unbesiegte Schaar, welche in jenem Theile Spaniens die letzten Trümmer von Festigkeit und Freiheit in sich faßte. Der Krieger Gesichter waren eingefallen und mißmüthig; sie drückten sogar noch im mindern Grabe Eitelkeit aus, als ihre Bewaffnung kriegerischen Pomp und wehrhaften Zustand darthat. Ihre Bekleidung bestand aus dem, was Bauern sogar verschmäht hätten, bedeckt mit Blut und Staub, zu tausend Lumpen zerfetzt, deutete sie nicht ritterliches an, als nur das Ertragen von Mühseligkeiten; selber die zerrissenen, besudelten Fahnen hingen mürrisch am Schafte herab, als wäre auch die Luft der Fortuna Schützling geworden, und verschmähte nun die Banner derer aufzuschwellen, welche von ihr verlassen waren. Die erhebende Kriegsmusik schwieg. Ein Anschein von Niedergeschlagenheit über gescheitertes Unternehmen, war über das Gesammtbild ausgebreitet. »Dem Himmel sey Dank!« sagte der Führer, der den letzten Zug schloß, als die Schaar zu ihrer spärlichen Erfrischung und zu kurzer Ruhe einzog. ­ »Dank dem Himmel, wir sind mindestens der Verfolgung unzugänglich; die Gebirge, diese letzte Zufluchtsstätte der Freiheit, liegen vor uns.« »Wahr, Don Raffael,« erwiderte der jüngste unter den beiden Offizieren die an der Seite des Befehlshabers ritten, »­ sollte es uns gelingen unsern Weg bis zu Mina zu bahnen, dann mögen wir die Fahnen der Constitution noch in Madrid aufpflanzen.« »Freilich,« setzte der ältere Offizier hinzu, »und wir mögen Riegos Hymne vor dem Eskurial absingen.« »Unsere Söhne vielleicht!« sagte der Anführer, der kein anderer als Riego selber war ­ »für uns ist jede Hoffnung verloren! Auch wenn wir einig wären, könnten wir kaum gegen die Französischen Heere Stand halten; aber so getheilt wie wir sind, ist es ein Wunder, daß wir bisher noch unserm Schicksale entrinnen konnten. Durch feindlichen Einfall gedrängt, waren wir selber unsere ärgsten Widersacher. Die Feindschaft, welche die Faktionen unter Spaniern gegen Spanier stiftete ist so groß, daß es scheint uns sey keine feindselige Stimmung übrig geblieben, um sie gegen die Franzosen zu verwenden. Unmöglich können wir Freiheit begründen, wenn die Menschen gutwillige Sclaven seyn wollen. Uns blieb keine Hoffnung, Don Alfonso ­ keine andere Hoffnung als die des Todes!« Als Riego diese niederschlagende, ganz seiner gewöhnlichen Begeisterung widerstreitende Antwort endete, ritt der jüngere Offizier voraus zwischen die Soldaten, und munterte sie auf durch beglückwünschenden, tröstlichen Zuspruch; er ordnete die verschiedenen Abtheilungen; mahnte sie stets auf den ersten Wink bereit zu seyn; und schärfte ihnen die kleinen, aber wesentlichen Gegenstände der Manneszucht ein, welche, wie man leicht annehmen mag, ein Spanischer Heerhaufen oft an die Seite setzen wollte. Riego und sein Gefährte hatten die kleine und ärmliche Hütte schon bezogen, welche das Generalquartier dieses Ortes bildete, während jener noch immer außerhalb beschäftigt blieb; erst nachdem er seinem Andalusischen Rosse die Gurten nachgelassen, und diesem das rauhe Futter vorgeworfen hatte was sich hier fand, dachte er daran den Verband fester anzuziehen, mit dem er einen tiefen schmerzvollen

Säbelhieb in seinem linken Arm, umwunden und den er seit mehreren Stunden gänzlich vernachlässigt hatte. Der Offizier den Riego mit den Namen Alfonso angeredet hatte, trat aus der Hütte hervor, als sein Gefährte sich grade vergeblich bemühte, mit Hülfe seiner Zähne und seiner einen Hand, den Verband wieder zu ordnen. Er half ihm dabei und sprach: »du weißt nicht, mein lieber Falkland, wie bittere Vorwürfe ich mir darüber mache dich zu einem Unternehmen beredet zu haben, bei dem der Kampf hoffnungslos und die Gefahr sonder Glorie erscheint.« Höhnend lächelte Falkland und erwiederte: »Täuschen Sie sich nicht selber, mein lieber Oheim; Ihr Zureden würde vergebens gewesen seyn, hätte mein eigener Wunsch mich nicht bestimmt. ­ Ich gehöre nicht zu den Begeisterten, die sich ihrer Sache mit hochgespannten Hoffnungen und ritterlichen Entwürfen hingaben. Mich verlangte nur nach Vergessen und nach Anreiz; ­ beide habe ich gefunden! ­ Nicht eine einzige der Drangsale die ich erduldet habe, mögte ich austauschen für das, was anderer Menschen Vergnügen ausmacht. ­ Wie viele Zeit haben wir noch nach Ihrer Meynung, um zu rasten?« »Bis zum Abend,« erwiederte Alfsonso, »dann wird unser Zug wahrscheinlich nach der Sierra Morena gerichtet. Der General ist ausnehmend schwach und erschöpft, er gebraucht längere Ruhe, als wir gewinnen werden. Es ist sonderbar, daß er bei so schwächlicher Gesundheit im Stande ist, solches Übermaß von Mangel und Anstrengung zu ertragen.« Sie waren in die Hütte getreten; Riego war bereits entschlafen. Kaum hatten sie sich zu den elenden Nahrungsmitteln niedergesetzt die der Ort darbot, als ein entferntes undeutliches Geräusch vernommen ward. Zuerst traf es ihr Ohr gleich dem Entstehen eines Gebirgwindes, ­ leise, dumpf und tief; allmälig ward es lauter und lauter: ihm mischten andere Klänge sich hinzu, welche sie nur zu wohl unterschieden ­ es war der Schall, das Gemurmel, das Pferdegetrappel, das ertönende Echo eines Eilmarsches von Bewaffneten! Sie hörten dies und erkannten, der Feind sey auf ihren Fersen! einen Augenblick später rief der Trommeln Gewirbel zu den Waffen. »Beim heiligen Pelagius!« rief Riego, der bei dem ersten Ertönen der nahenden Gefahr aus seinem leichten Schlummer empor gesprungen war, und der ungern seiner Besorgnis Glauben schenken wollte. ­ »es ist nicht möglich: die Franzosen sind weit hinter uns!« Doch als die Trommel nun erdröhnte, wandelte seine Stimme sich plötzlich um: »der Feind, der Feind! zu Pferde Aguilar!« rief er aus und stürzte mit diesen Worten aus der Hütte hervor. Die Spanischen Soldaten welche kaum erst aus einander gegangen, waren bald wieder gesammelt. D'Argout, der Französische Befehlshaber, zog indes allen Vorteil aus seinem bewerkstelligten Überfalle, und brachte seine lediglich aus Kavallerie bestehenden Truppen, rasch heran ungeschreckt und unaufgehalten durch das Feuren der ausgestellten Posten. Immer vorwärts drangen sie heran, wíe eine eilende Donnerwolke, die im raschen Zuge nur noch zürnender grollt, bevor sie im Sturmwetter sich entladet. Sie machten nicht halt, bevor sie des Dorfes äußeres Ende erreicht hatten; hier stand die spanische Infanterie in zwei Quarrés gesammelt. »Halt!« rief der Französische Anführer; plötzlich hielt die Kavallerie dem nächsten Viereck gegenüber. ­ Eine kurze Pause entstand, der Augenblick vor des Sturmes

Ausbruche. »Haut ein!« rief d'Argout und der Befehl schallte durch die Reihen hinauf zum klaren, friedlichen Himmel. Blitzend flaschten die Mützen empor; gleich dem ersten Ansturz brandender Wogen unter schimmernden Sonnenstrahlen, stürmten die Reiter heran, und kaum hatten sie dreimal athmen können, als schon der Anstoß ­ der Einsatz und das Wüthen des tödlichen Kampfes begann. Nur schwach widerstanden die Spanier dem verzweifelten Angriff; auf allen Seiten wurden sie gebrochen, gleich schwachen Dämmen, vom reißenden angeschwellten Strome; nach einem rasch erfochtenen aber blutigen Siege über das Fußvolk, rückten die Französischen Reiter, nachdem noch eine Schwadron ihres Nachtrabes herangekommen war, unverzüglich gegen die Spanische Kavallerie an. Falkland hielt an Riegos Seite. Bei dem Andrange des Feindes würde es merkwürdig gewesen seyn, das Widersprechende im Ausdrucke der Gesichter dieser Beiden aufzufassen; des Spaniers Züge aufgehellt von der verwegenen Begeisterung seines Innern, hatten jegliche Spur ihres gewohnten erschöpften und kränkelnden Aussehens verloren, unter dem Einwirken des unbezwinglichen Geistes der durch den schwächlichen Körper nur noch flammender hervorleuchtete; seine Stirne war gerunzelt; sein Auge sprühte Flammen; seine Lippe zitterte; ­ und ihm dicht zur Seite nahm man die gesetzte, ernste, leidenschaftlose Ruhe wahr, die auf Falklands strengem, aber edel schönem Gesichte trohnte. Ihn erfüllte die Gefahr mit Verachtung, nicht mit Begeisterung; er verhöhnte sie mehr, als daß er sie hätte herausfordern sollen. »Die Schurken wanken!« sagte Riego im Ausdruck der Verzweiflung, als seine Reiter der Heftigkeit des Französischen Angriffs wichen, und bei diesem Worte gab er seinem Pferde die Sporen und stürzte sich in die vordern Reihen. Dieser Kampf dauerte länger, war aber nicht minder entscheidend, als der eben beendigte. Durch den ersten Angriff in Verwirrung gerathen, konnten die Spanier sich nicht wieder festsetzen. Falkland, der in seinem Eifer die Soldaten anzufeuern und zur Ordnung zurückzubringen, mit zwei andern Offizieren aus den Reihen hervorgeritten war, sah sich allein von einer Abtheilung französischer Dragoner umringt; die Wunde an seinem linken Arme gestattete ihm kaum sein Pferd zu zügeln; er befand sich in der dringendsten Gefahr. In diesem Augenblicke hieb de Aguilar an der Spitze seiner Getreuen durch den umzingeldenden Kreis ein und deckte Falklands Rückzug; da kam eine andere Abtheilung der Feinde herbei und sie sahen sich zum zweitenmale umringt. Inzwischen ergriff das Haupttreffen der Spanischen Kavallerie überall die Flucht, nur von Zeit zu Zeit vernahm man noch Riegos laute Stimme durch die Wolken von Dampf und Staub; ­ vergebens rief er ihnen zu, und feuerte sie an. Nach einem verzweifelten Gefechte durchbrach Aguilar mit seiner kleinen Schaar zum zweitenmale des Feindes Linie, welche seinen Rückzug hindern sollte. ­ Kaum war sie hindurch als sich die Reihen hinter ihr schloßen, so wie die Wogen sich über einem Gegenstande schließen der sie durchdrang und nun in die Tiefe versinkt: Falkland und seine beiden Begleiter wurden wieder umringt, er sah wie diese vor seinen Augen niedergehauen wurden. Einen Augenblick hielt er sein Roß auf, zerspaltete mit einem verzweifeltem Hiebe des Dragoners Schädel der ihm am nächsten war, drückte seinem Pferde beide Sporen tief in die Flanken, und fetzte mit einem Male durch den Kreis seiner Feinde hin. Seine Geistesgegenwart sowohl, als die Kraft und Behendigkeit seines Pferdes retteten ihn.

Drei Schwerter erblitzten vor ihm, und glitten harmlos an seiner aufgehobenen Klinge ab, wie das Wetterleuchten über Wasser hinzieht. Er war hindurch! Als er auf Riego zusprengte, scheute sein Pferd vor einem Leichnam der quer über den Pfad hingestreckt lag. Einen Augenblick hielt er an, denn ihm schien das aufwärts gekehrte Antlitz bekannt. Wer schildert sein Entsetzen als er in diesen bleichen verzerrten Zügen, die seines Oheims wiedererkannte! Die dünnen graugemischten Haare waren mit geronnenem Blute und verspritzten Gehirne befleckt, noch drang das Blut aus der Stelle hervor an welcher die Kugel seine Stirne zerschmettert hatte. Falkland widmete nur einen Augenblick seiner Qual; er ward dicht verfolgt; schon vernahm er das Schnauben der feindlichen Rosse, ehe er dem seinigen die Sporen wieder gab. Riego hielt mit seinen vornehmsten Offizieren eiligen Rath; als Falkland athemlos bei ihm eintraf, waren sie bereits einig über die zu treffenden Maaßregeln. ­ Sie führten das eine übriggebliebene Viereck Infanterie zu der Gebirgskette, an welche das Dorf so zu sagen, sich lehnte, und hier zerstreuten die Krieger sich nach allen Richtungen. »Uns,« sagte Riego zu den sich um ihn sammelnden Reitern, »gewähren die Berge immer noch Schutz. Wir müssen reiten um unsere Leben zu retten. ­ Spanien wird ihrer noch bedürfen.« Erschöpft und ermattet wie sie waren, stürzten die wenigen Getreuen sogleich in die Gebirgsschluchten um hier das übrige des Tages zu verbringen, die kleine Schaar bestand aus zwanzig Männern, übrig von den zweitausend die im Dorfe Lodar Halt gemacht hatten. So wie der Abend über ihnen heraufdämmerte, sammelten sie sich in einem schmalen Engpaße; zu beiden Seiten steilten die schroffen Felswände empor, ihre Gipfel vergoldete die untergehende Sonne, gleich als erfreue es die Natur, ihre eigenen Bollwerke zum Schlage der Freiheit darzuleihen. ­ Ein kleiner, heller Bach durchfloß das Thal, unter dem letzten Lächeln des scheidenden Tages schimmernd; aus den vereinzelten Gebüschen und den duftenden Stauden ertönte von Zeit zu Zeit, das Abendlied des Vogels, oder das Gesumse der Holzbiene. Verschmachtend vor Durst, und hinfallend vor Ermüdung, eilten die Wanderer mit urplötzlichem unfreiwilligem Freudengeschrei den plätschernden erfrischenden Wellen zu, die ihnen so unerwartet entgegenrauschten; man beschloß einige Stunden an einem Orte zu verweilen, wo alles sie zu einer Ruhe einlud deren sie so gebieterisch bedurften. Sie streckten sich auf den Rasen hin; und so auf den höchsten Punkt war ihre Ermüdung gediehn, daß Rasten und Schlaf, bei ihnen eins und das nämliche war. Nur Falkland vermogte nicht augenblicklich, sich vergessend dem Schlafe in die Arme zu sinken; das entstellte, leichenhafte Antlitz seines Oheims starrte ihn an, so oft er seine Augen zu schließen versuchte. Gerade im Begriffe ebenfalls an einen unruhig unterbrochenen Schlummer zu versinken, vernahm er das Geräusch nahender Schritte; er schreckte empor und gewahrte zwei Menschen, der eine war ein Bauer, der andere trug die Kleidung eines Siedlers. Sie waren die ersten menschlichen Wesen, welche den Flüchtigen begegneten; sobald Falkland den neben ihm schlafenden Riego davon in Kenntnis gesetzt hatte, beschloß man sogleich sie als Führer festzuhalten, um den Weg nach der Stadt Carolina zu zeigen, woselbst Riego Hoffnung hatte, thätigen Beistand, oder doch die Mittel zu endlicher Flucht zu finden. Der Einsiedler und

sein Gefährte, verweigerten mit vieler Heftigkeit die ihnen zugemuthete Dienstleistung. Riego aber befahl sie mit Gewalt festzuhalten. Später hatte er Ursache diesen Zwang bitter zu bereuen. Die Mitternacht erschien mit ihrer ganzen üppigen Herrlichkeit eines südlichen Himmels; unter ihrem Sternenlichte setzten sie ihren Zug weiter fort. Falkland ritt an Riegos Seite; da sagte dieser letzte zu ihm mit leiser Stimme: »Für Sie und meine Getreuen giebt es noch Rettung; für mich keine; ­ man hat einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, und der Augenblick in welchem ich diese Gebirge verlasse, führt mich meinem Untergange zu.« »Nein Don Rafael,« erwiederte Falkland, »Sie können noch nach England entfliehn, nach dieser Zuflucht der Freien, obgleich mit Despoten verbündet; zwar ein Beschützer der Tyrannei, beschirmt es dennoch deren Opfer.« Riego antwortete in dem nämlichen leisen, niedergeschlagenen Tone: »ich sorge jetzt nicht um das, was mir geschehn kann! Nur für die Freiheit allein lebe ich; sie war meine Geliebte, meine Hoffnung, mein Traumbild; ich habe kein anderes Daseyn, als in ihr. Lassen Sie mich untergehen, zugleich mit der letzten Anstrengung meines Landes. Ich habe leben müssen um die Freiheit nicht nur überwunden, sondern sogar verlacht zu sehen; ich habe erfahren wie man ihrer Anstrengung nicht Hülfe leistete, sondern sie verhöhnte. In meinem eigenen Lande sah ich, daß unter denen, die das Papier der Freiheit trugen, nur diejenigen allein geachtet wurden, welche es zu einem Deckmantel ihres eigenen Ehrgeizes gebrauchten. Bei andern Völker, blieben die Freien in Entfernung stehen wenn die Vorbereitung ihrer eigenen Rechte durch den Einfall in unser Land verletzt wurde. Ich kann es nicht vergessen, daß in der gesetzgebenden Versammlung eben des Englands, in welchem Sie mir eine Heimath geloben, beleidigender Beifall erscholl, als dessen leitender Staatsmann seinen Spott über unsere Schwäche, nicht sein Mitgefühl für unsere Sache aussprach; und ich ­ ich ­ ein Fanatiker, Träumer, Überspannter, oder wie man mich nennen will, dessen ganzes Leben ein unnachlassendes Kämpfen für die einmal von mir angenommene Meinung gewesen ist, bin mindestens von meiner Einbildung nicht so verblendet, daß ich den Spott nicht erkennen sollte dem sie ausgesetzt ist. Sterbe ich morgen auf dem Blutgerüste, so wird mir vom Märtyrerthum nichts anders, als dessen letztes Loos; nicht aber der Triumph ­ die Vergötterung ­ die Unsterblichkeit des Volksbeifalles; ­ ich werde keine von der Glorie der Zukunft entlehnte Hoffnung besitzen, um mich in einem solchen Augenblick aufrecht zu halten; ­ nichts anders, als eine strenge, prophetische Überzeugung von der Eitelkeit der Tyranney, welche mein Todesurteil aussprechen würde.« Riego hielt einen Augenblick ein bevor er fortfuhr, und auf seinem bleichen, todtenähnlichen Antlitze verbreitete sich ein entsetzender, ein unnatürlicher Widerschein der gewaltsamen Gefühle die in ihm tobten und loderten. Als er wieder anhob war seine Gestalt ganz aufgerichtet und seine Stimme hallte mit dem tiefen dumpfen Tone durch die Einsamkeit der Gebirge, welche in seinem Klange schon der Wahrsagung gleicht; ­ so sprach er weiter: »umsonst widersetzt sie sich der Meinung; alles andere mögte sie überwältigen. Wind, Wasser, die Natur selber ist zu besiegen; aber das Vorschreiten jenes geheimen, flüchtigen, vorherrschenden Geistes, vermag

ihre Einbildungskraft so wenig als ihre Stärke zu hemmen; die Anhänger desselben mag sie ergreifen, vernichten; ihn selber vermag sie nicht anzutasten. Treibt sie ihn an einem Orte zurück, so wird er an einem andern sie anfallen. Sie kann keine Natur quer über den Erdboden hinbauen, und wenn sie das auch könnte, jener Geist würde die Zinnen derselben überschweben! Fesseln können ihn nicht binden, denn er ist unkörperlich; Kerker können ihn nicht einschließen, denn er ist allgemein. Über Scheiterhaufen und Blutgerüste, über die verstümmelten Leichen seiner Vertheidiger, welche sie aufhäuft um seinen Pfad zu verschließen schreitet er lautlos, aber unaufhörlich weiter. Errichtet sie ganze Heere wider ihn, so zeigt er ihr keinen erkennbaren Gegenstand der Abwehr. Sein Feldlager ist das Weltall; seine Zufluchtsstätte sind die Herzen und Busen, ihrer eigenen Krieger. Mag sie nach Gefallen die Erde von einem Pole bis zum Andern entvölkern und zerstören; doch so lange sie selber noch einen Vertheidiger besitzt, ­ so lange sie noch ein Individuum übrig läßt in welches dieser Geist zu dringen vermag, ­ so lange wird sie auch die nämliche Arbeit wieder vornehmen, denselben Feind zu unterjochen haben.« ­ Nachdem Riegos Stimme geschwiegen, heftete Falkland noch seine Blicke gemischter Bewunderung und Bemitleidung auf ihn. So schneidend und erbittert das Gemüth dieses hoffnungslos zerfallenen Mannes auch war, empfand er dennoch eine gewisse belebende Gluth bei der vorherrschenden heiligen Begeisterung des Vaterlandsfreundes dem er zugehört hatte; und obwohl es der Karakter seiner eigenen Philosophie war, die Lauterkeit menschlicher Beweggründe in Zweifel zu ziehen, und über jene lebendigeren Erregungen zu lächeln, welche er aufgehört hatte in seiner Brust zu empfinden, beugte er dennoch huldigend seinen Geist vor Grundsätzen, deren Geheiligtes er anerkannte, wie auch vor der Hingebung und Inbrunst eines Geistes, womit der Vertheidiger jener Grundsätze sie kräftigte und verfocht. Falkland hatte den Constitutionellen aus Hochachtung vor ihrer Sache sich angeschlossen, nicht aus flammender Theilnahme. Er forderte Anregung und es kümmerte ihn wenig auf welche Art er diese erlangte. Er stand in der Welt da, als ein Wesen, das bei allen ihren Wechseln betheiligt war, alle ihre Pflichten erfüllte, und nahm, als würde er von der Gewalt einer überwiegenden mechanischen Kraft dazu angetrieben, einen leitenden Antheil an den Weltereignissen; seine Gedanken aber, das ganze Wesen seines Gemüthes, glichen Geburten eines andern Planeten, die eingeschlossen in Menschengestalt, sich nach ihrer Heimath sehnten. Als sie weiter ritten, fuhr Riego fort, sich mit der unklugen Rückhaltlosigkeit zu unterhalten, welche die Offenheit und Wärme seines Wesens ihm zur andern Natur machten; nicht ein Wort entging dem Siedler, noch dem Bauersmanne, dessen Name Lopez Lara war, denn beide ritten auf Maulthieren dicht hinter Falkland und Riego. »Bedenke,« flüsterte der Einsiedler seinem Gefährten zu, »bedenke den Preis!« »Das thu' ich,« murmelte der Bauer. Diese ganze, lange und schreckhafte Nacht ritten die Versprengten unaufhörlich weiter, und erreichten bei Tagesanbruch einen Pachthof, Laras Heimath. Dieser mußte anklopfen, und sein eigener Bruder öffnete die Thür. Da sie besorgten, daß ihre so zahlreiche Genossenschaft leicht zum Entdecktwerden führen mögte, so gingen nur Riego, Don Luis de Sylva ein anderer Offizier, und Falkland in das Haus. Dieser letzte,

dem nichts in der Welt ermüden, oder vergeßlich machen zu können schien, heftete seine kalten Blicke auf die beiden Brüder, und verschloß die Thür sobald er merkte, daß sie einander Zeichen gaben; dadurch verhinderte er ihre Flucht. Einige Stunden ruhten sie in dem Stall neben ihren Pferden, ihre gezogenen Degen lagen vor ihnen. Beim Erwachen fand Riego unerläßlich nöthig sein Pferd zu beschlagen. Lopez sprang auf und erbot sich dasselbe zu dem Ende nach Aguilas zu führen. »Nein,« sagte Riego, der wiewohl von Natur unbedachtsam, bei dieser Veranlassung Falklands gewohnte Vorsicht theilte, »dein Bruder soll hingehn, um den Schmid zu holen.« Der Bruder ging also; bald kam er zurück; »der Schmid,« sagte er, »sey schon unterwegs.« Riego und seine Gefährten, wirklich halb verhungert, setzten sich zum Frühstück; Falkland aber, der zuerst geendet hatte, und der den abschickten Bauer seit dessen Rückkehr mit der aller forschendsten Aufmerksamkeit betrachtet hatte, stellte sich an das Fenster, und blickte von Zeit zu Zeit durch ein bei sich habendes Fernglas in die Gegend hinaus; ungeduldig drängte er die Andern dabei zur Eile. »Bah!« sagte Riego, »hungernde Menschen sind zu nichts gut, weder zur Flucht noch zum Gefechte; ­ und wir müssen ja auf den Schmid warten.« »Wahr,« sprach Falkland, »aber ­« plötzlich schwieg er. Sylva schaute in diesem Augenblick in sein Antlitz. Falklands Farbe wechselte, er wandte sich laut schreiend um. »Auf! auf! auf! Riego! Sylva! Wir sind verloren ­ die Soldaten dringen auf uns ein!« »Zu den Waffen,« rief Riego aufspringend. In dem nämlichen Augenblicke griffen Lopez und sein Bruder nach ihren Karabinen, und legten auf die verrathenen Constitutionellen an; »der erste der sich rührt ist des Todes!« rief Lopez. »Elende,« sagte Falkland, mit bitterer Ruhe entschlossen auf sie zugehend. ­ Nur drei Schritte that er ihnen entgegen, da gab Lopez Feuer; Falkland taumelte einige Augenblicke, faßte sich wieder, sprang auf Lara ein, spaltete diesem mit einem Hiebe den Kopf bis zum Halse herab, und fiel mit seinem Opfer leblos zu Boden. »Genug!« sprach Riego zu den andern, »wir sind eure Gefangenen, bindet uns!« Zwei Minuten spätrer drangen die Soldaten ein, und man führte sie nach Carolina. Glücklicher Weise war Falkland bei seinem frühern Aufenthalte in Paris mit einem Französischen Offizier hohen Ranges bekannt geworden, der damals in Carolina stand. Man brachte ihn zu der Behausung dieses Franzosen; ärztliche Hülfe ward ihm augenblicklich verschafft. Die erste Untersuchung seiner Wunde war entscheidend; kein Hoffnung zum Genesen! * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * Die Nacht zog herauf mit ihrer Pracht an Lichtern und Schatten; ­ es war die Nacht, welche für Falkland keinen Morgen herbeiführte. Eine einzelne Lampe brannte in dem Zimmer, in welchem er allein mit Gott und mit seinem Herzen lag. Er hatte verlangt ihm sein Lager neben das Fenster zu stellen, und dann wie Wärter ersucht ihn allein zu

lassen. Die sanfte, balsamische Luft schmeichelte ihm mit ihren frischen zarten Düften, als solle sie ewig so ihn ansäuseln; des Mondes Silberlicht schimmerte durch das Gitter und spielte auf seiner bleichen Stirne, gleich der Zärtlichkeit einer Braut, die ihn in den Schlaf zu küssen suchte. Als er so da lag, emporschauend zu den hohen Gestirnen, diesen schweigenden Zeugen eines ewigen und unergründlichen Geheimnisses, dachte er: »in wenigen Stunden wird dieser fiebernde und widerspenstige Geist entweder für immer zur Ruhe gegangen seyn, oder er wird eine neue, unversuchte, unzuerforschende Laufbahn angefangen haben! In wenigen Stunden mag ich mich in den Himmeln befinden die ich jetzt betrachte, ­ als ein Theil ihrer eigenen Glorie, ­ als ein neues Glied in einer neuen Kette des Daseyns, ­ umgeben von den Elementen einer prunkendern Welt mag ich athmen, ­ mag mit den Eigenschaften einer reinern, einer göttlicheren Natur begabt, ein Wanderer zwischen den Planeten seyn, ­ ein Gefährte von Engeln ­ ein Anschauer der Arkana des großen Gottes ­ erlöst, wiedergeboren, unsterblich; ­ oder aber ­ Staub. Es giebt keinen Oedip um des Lebens Räthsel zu lösen. Wir sind ­ woher kamen wir? ­ Wir hören auf zu seyn, ­ wohin gehen wir? Alle einzelne Theile unsers Daseyns haben ihren Zweck; das Daseyn selber hat keinen. Wir leben, bewegen uns, pflanzen unser Geschlecht fort, sterben ­ und wozu? Wir befragen die Vergangenheit um ihre Moral, die hingeschwundenen Jahre um den vernünftigen Grund unsers Seyns, und aus dem Nachtgewölbe von Jahrtausenden dringt keine Antwort zu uns. ­ Sollten wir nur allein unter dieser ermüdenden Würde keuchen; sollten wir der Sonne überdrüssig werden; veralten; um gleich herabfallenden Blättern in das Grab zu sinken, und unsern Erben die abgenutzten Gewänder der Mühseligkeiten und Lasten zu vermachen, die wir zurückließen? Sollten wir ewig nur auf den nämlichen Meere segeln, den Ozean der Zeit mit neuen Furchen durchziehen, und seine Wogen mit neuen Trümmern versorgen, oder ­« betäubt und verwirrt endeten hier seine Gedanken. Kein Mensch, dessen Geist nicht durch die Hinfälligkeit seines Körpers schon gebrochen war, nahte sich, so wie Falkland damals, dem Tode mit vollem Bewußtseyn, ohne mit innigster Betheiligung den Wechsel zu bedenken, welchen er im Begriff stand zu erleiden; ­ gleichwohl mögen wir fragen, ob irgend einer von diesen uns neue Entdeckungen über den Gegenstand hinterlassen hat? ­ Die wildeste Einbildungskraft wird einmal zu diesem Punkte gediehen, von Eigenthümlichkeit zur Seichtheit getrieben; alle Gemüther, das leichtfertige wie das starke, das geschäftige wie das müßige, werden in den nämlichen Pfad und in die nämlichen Gränzen des Nachdenkens gezwungen. Über diesem unbekannten, stimmlosen Golphe der Forschung, weilt eine ewige, eine undurchdringliche Finsternis; kein Windzug rauscht darüber hin; ­ keine Woge schwellt seine stille Ruhe auf, diese todte, festliche Stille gestattet keinen Wechsel, der die Unternehmungslust begünstigte; ­ kein Schiff läuft auf Entdeckung aus, das nicht zurückgeworfen würde auf die Küste, gebrochen und zerschellt. Immer voller ward der Mond. Langsam breitete Mitternacht sich über die Erde hin; diese schöne, geheimnisvolle Stunde an die sich tausende von Erinnerungen knüpfen, die durch tausend schöne Träume geheiligt ist, die unserm Andenken theuer ward durch die Gelübde, welche unsere Jugend unter ihren Sternen darbrachte,

und feierlich gemacht durch alte Legenden die mit ihrer Majestät und mit ihrem Frieden verschmolzen sind; ­ die Stunde, in welcher der Mensch sterben sollte, diese Landzunge zwischen zwei Welten, diese letzte Stufe des geschwundenen Tages und Andeuterin des kommenden; die uns nach ermüdender Arbeit in den Schlaf hüllt und uns einen Morgen verspricht, der seit dem ersten Ursprunge der Schöpfung noch nie ausblieb; ­ so wie Minute nach Minute schwand, fühlte sich Falkland allmählig schwächer und schwächer. Die Schmerzen seiner Wunde hatten aufgehört, aber die Todespein sammelte sich in seinem Herzen; das Zimmer wirbelte in Kreisen vor seinen Augen; und ein kalter Schweiß stieg von seinen Füßen aufwärts ­ hinauf bis zur Brust, in welcher sein Lebensblut träge und verdickt ward. ­ Als der Weiser auf der Uhr die halbe Stunde nach Mitternacht deutete; vernahmen die Wärter im anstoßenden Zimmer einen schwachen Schrei. Eilend drängten sie in Falklands Zimmer, und fanden diesen halb aus dem Bette hervorgestreckt. Seine Hand war zu der gegenüberbefindlichen Wand aufgehoben, allmählig senkte sie sich, so wie sie ihm naheten, und seine Stirn, die anfangs finster und gerunzelt war, glättete sich in leisen Übergängen zu ihrer gewohnten Heiterkeit. Doch auf seinen Augen dichtete der Sterbeschleier sich immer mehr ­ und Todeskälte erfaßte seine Glieder. Er versuchte sich emporzurichten, als wollte er Reden; diese Anstrengung war vergebens und bewegungslos fiel er auf sein Antlitz nieder. Schweigend umstanden sie sein Bett während einiger Augenblicke; endlich hoben sie ihn sanft in die Höhe. ­ Krampfhaft preßte die eine Hand eine Locke dunkeln Haares gegen sein Herz. ­ Man betrachtete sein Angesicht ­ ein einziger Blick war hinreichend; ­ es zeigte sich beruhigt ­ stolz ­ leidenschaftslos ­ des Todes Siegel war ihm aufgedrückt! ­

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