Mystik in der Lyrik der Nelly Sachs Exemplarische Untersuchung an zwei Gedichten SE ,,Verfolgte Dichterinnen" SoSe 2003 LV-Nr.: 725 344 Leiterin: Dr. Ruth Klüger Maria Lettner Matr.Nr.: 9604005 Stud.Kennz.: 333/020 I 221 Inhalt 1. Einleitung................................................................................................................ 2 2. Nelly Sachs' Lyrik ­ ein Ausschnitt ......................................................................... 3 2.1 David ................................................................................................................. 3 2.2 Gedanken zu ,,David"......................................................................................... 4 2.3 Nacht der Nächte............................................................................................... 7 2.4 Anmerkungen zu ,,Nacht der Nächte" ................................................................ 8 3. Mystik im Werk von Nelly Sachs........................................................................... 11 3.1 Christliche Mystik............................................................................................. 11 3.2 Jüdische Mystik ............................................................................................... 12 3.2.1 Exkurs: Chassidische Mystik ..................................................................... 14 4. Resümee .............................................................................................................. 17 5. Biographische Eckdaten ....................................................................................... 19 6. Quellen ................................................................................................................. 21 6.1 Primärliteratur .................................................................................................. 21 6.2 Sekundärliteratur ............................................................................................. 21 6.3 Ein- und weiterführende Literatur .................................................................... 22 1 1. Einleitung Die vielen lyrischen Texte und Zeitdokumente, die von Nelly Sachs vorliegen, lassen ein Unternehmen, wie diese Arbeit eines ist, zu einer Herausforderung werden. Ein bzw. zwei Gedichte auszuwählen ist dabei noch die leichteste Aufgabe. Viel schwieriger ist es, auf knapp bemessenem Raum etwas über Nelly Sachs' Werk und damit zugleich etwas über sie selbst sagen zu wollen, ohne dabei gleichzeitig nichtig zu wirken. Der Aufbau der Arbeit ist anders gehalten als der meiner sonstigen literaturwissenschaftlichen Arbeiten. Allem vorangestellt sind Nelly Sachs' eigene Texte. Im Anschluss daran finden sich meine eigenen Interpretationsansätze ­ sie wollen als Versuch verstanden werden und keinesfalls als ,,Patentrezept", mit dem das jeweilige Gedicht zu ,,entschlüsseln" wäre ­, dort wo es passend oder auch gar zwingend erschien, wurden auch Interpretationen aus der Sekundärliteratur angeführt. Um nur auf einige der zahlreichen Werke der Sekundärliteratur einzugehen, beschäftigt sich ein allgemeiner gehaltener Teil mit dem MystikVerständnis bzw. der Mystik-Rezeption bei Nelly Sachs. Um die Dimension der Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren, sind daher weiterführende Werke, die im Hintergrund gelesen in der Arbeit jedoch nicht zitiert wurden, lediglich bei den Quellen als eigene Gruppe angegeben. An dieser Stelle sei noch kurz die Wahl des Themas dieser Arbeit begründet. Die enge Verbindung zwischen Religion bzw. religiösem Empfinden und dem Akt des Schreibens1, die immer wieder in Nelly Sachs' Texten durchscheint, ermöglicht bzw. erfordert es fächerübergreifend zu arbeiten ­ da mein zweites Fach neben Deutscher Philologie die Katholische Theologie ist, stellte diese Arbeit ein spannendes Aufgabengebiet für mich dar. Hamm, Peter: Der Wille zur Ohnmacht. Über Robert Walser, Fernando Pessoa, Julien Green, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und andere. ­ München; Wien: Carl Hanser Verlag, 1992. (Edition Akzente). S. 112f.: Hamm zitiert Kafka, der ,,Schreiben als Form eines Gebets" definierte; Zu den biblischen Bezügen konstatiert er: ,,Die Kraft ihrer Gedanken ist jedoch nicht aus Biblischem geborgt, sondern dort gegründet." 2 1 2. Nelly Sachs' Lyrik ­ ein Ausschnitt 2.1 David 1 DAVID erwählt noch in der Sünde wie Springflut tanzend 5 gebogen in heimlichen Mondphasen vor der Bundeslade losgerissene Erdwurzel Heimwehgischt. 10 Aber im Flammentopf der Erde mit Pflanze und Getier die Lenden hinauf 15 standen noch die Propheten sahen aber schon durch Gestein hin zu Gott. 20 Christus nahm ab an Feuer Erde Wasser baute aus Luft 25 noch einen Schrei und das Licht im schwarzumrätselten Laub der einsamsten Stunde 30 wurde ein Auge und sah. 3 2.2 Gedanken zu ,,David" Mit David greift Nelly Sachs eine der zentralen Schlüsselfiguren des Alten oder auch Ersten Testaments auf, dessen Bücher die gemeinsame schriftliche Grundlage von Judentum und Christentum sind. Auf den ersten Blick widersprechen sich die beiden aufeinanderfolgenden Zeilen erwählt und noch in der Sünde. Allerdings sind das wohl auch die beiden Attribute, die David am treffendsten charakterisieren. So wie David in den beiden Samuelbüchern beschrieben wird, ist er einerseits klar von Gott erwählt, der König Israels zu sein (So erkannte David, daß der Herr ihn als König von Israel bestätigt hatte[.][2 Sam 12a]2), andererseits lässt Gott als Strafe für die von ihm begangene Sünde Davids Sohn (der auf ehebrecherische Weise gezeugt worden war) sterben. Auch in Psalm 51, der so wie viele andere David zugeschrieben wird, ist von der Sündhaftigkeit Davids die Rede (Denn ich bin in Schuld geboren, in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. [Ps 51,7]). Das Motiv des tanzenden und singenden Königs (wie Springflut tanzend) vor der Bundeslade ist ein sehr (ausdrucks-)starkes und biblisch überliefertes (vgl. die Erzählung von der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem in 2 Sam 6,1-23). David wird auch von seiner Frau Michal für sein Singen und Tanzen verspottet und entgegnet ihr wie folgt: [...] vor dem Herrn habe ich getanzt; für ihn will ich mich noch geringer machen und in meinen eigenen Augen niedrig erscheinen (2 Sam 6,21part22a). Der Vergleich des Tanzes Davids mit einer Springflut weist m.E. auf eine sehr impulsiv-ausdrucksvolle Bewegung hin. In der jüdisch-christlichen Tradition gilt David jedenfalls als der Verfasser von Psalmen und wie Peter Hamm angibt, nannte ihn Nelly Sachs den ,,Vater der Dichter". Bemerkenswert ist auch, was Hamm allgemein zur Bedeutung des Tanzes im Werk von Nelly Sachs anführt: ,,Man wird Nelly Sachs und ihr Werk kaum ganz begreifen können, wenn man ihren Mädchenwunsch, einmal Tänzerin zu werden, nicht ganz ernst nimmt und den Spuren nachgeht, die der Tanz in ihrem ganzen Werk hinterlassen hat. Tanz, das bedeutet Abschüttlung des Staubes, bedeutet Verwandlung von Erdenschwere in himmlische Leichtigkeit, Tanz bedeutet Ekstase und Außersichsein; bei den Chassidim galt Tanz als äußerster Alle Bibelzitate stammen, so nicht anders angegeben, aus der Einheitsübersetzung. Die Zitation folgt den Loccumer Kriterien (http://www.sbg.ac.at/anw/biblische_notizen/richtlinien.pdf). 4 2 Ausdruck jener Inbrunst, die Vorbedingung der Erlösung ist, als Form des Gebets."3 losgerissene Erdwurzel: vielleicht meint Nelly Sachs hier das Losgelöst-Sein von der oben von Hamm angesprochenen ,,Erdenschwere"? Heimwehgischt: zum zweiten Mal in dieser Strophe greift Nelly Sachs zu einer Symbolik, die auf das Meer weist. Die zweite Strophe wird durch das in Spitzenposition stehende Aber eingeleitet. Die Propheten, von denen in dieser Strophe die Rede ist, stellen inhaltlich die Verbindung zwischen der ersten und der dritten Strophe her ­ Jesus war nach biblischer Überlieferung ein Sohn Davids (Mt 1,1-17) und berief sich in seinen Reden/Predigten immer wieder auf die Schrift/die Propheten.4 im Flammentopf der Erde ... standen noch die Propheten: diese sind noch nicht befreit von der Erdenschwere, noch zu sehr dem Irdischen verhaftet, wenngleich sie aber schon durch Gestein hin zu Gott sehen. Klarerweise kann bei diesen Zeilen auch an eine Anspielung an das Purgatorium, also das Fegefeuer, gedacht werden. Inwiefern Nelly Sachs mit dieser dogmatischen Konzeption des Christentums vertraut war, und ob sie sich gedanklich darauf einlassen wollte, kann an dieser Stelle ebenso wenig ausgeschlossen wie festgestellt werden. Wie jedoch später zu sehen sein wird, hat sie etwa ihr Christusbild gerade nicht vor einem dogmatischen Hintergrund entwickelt, weswegen die Tendenz der vorliegenden Interpretation eher in die Richtung geht, der Idee des Fegefeuers keine zentrale Bedeutung beizumessen. Was auffällt ist der spannende Kontrast, der innerhalb dieser Zeilen durch die beiden Worte noch und schon ausgedrückt wird. Das Gestein, durch das die Propheten hindurch sehen, könnte einerseits für so etwas wie Steine auf dem Weg zu Gott stehen; eher denkt man dabei aber an die Widerstände im Volk, mit denen die Propheten meist zu kämpfen hatten5. Hamm, S.119. Grittner verweist hier auch auf die Verheißung des Propheten Nathan (2 Sam 7,12-13), die ein Beleg für den notwendigen Zusammenhang zwischen David und Jesus ist. vgl. Grittner, S. 30. 5 Die Passage durch Gestein hin zu Gott wird von Lagercrantz ganz anders interpretiert: ,,Die Propheten sehen, daß Gott in allem ist." Lagercrantz, Olof: Versuch über die Lyrik der Nelly Sachs. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1967. S. 65. 4 3 5 Auf Christus liegt der Fokus der dritten Strophe. Die bereits in den ersten beiden Strophen erwähnten Elemente (Feuer, Erde und Wasser) sind hier noch um das Element Luft ergänzt. Die drei Elemente, die jeweils David und die Propheten in den ersten beiden Strophen charakterisierten, treten jedoch bei Christus zurück (nahm ab an Feuer Erde Wasser), er löst sich davon los ­ er entkommt der ,,Erdenschwere". Das vierte Element, die Luft, ist ganz offenkundig eine Metapher für den Geist (Jesu). Nelly Sachs Text weist in dieser Strophe eine nahezu wörtliche Parallele zum biblischen Bericht vom Tod Jesu auf: Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. (Mt 27,50) Baute aus Luft noch einen Schrei ­ diese Formulierung bezieht sich auf den Ausruf Jesu am Kreuz: Eloi, Eloi lema sabachtani? (Mk 15,34), was soviel heißt wie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?6 Dies wiederum klingt auch in der einsamsten Stunde an ­ im Tod ist jedeR sich selbst überlassen und letztlich auch allein. Das Licht: Markant ist hier die Sonderstellung dieses Wortes, durch die eine besondere Betonung sichtbar wird. Bei Johannes finden sich die zu Lebzeiten gesprochenen Jesus-Worte: Ich bin das Licht der Welt. (Joh 8,12a). Diese Metapher passt erst recht auf den Auferstandenen und erinnert an den Ruf zu Beginn der Osternachtsliturgie ,,Lumen Christi" (,,Christus, das Licht")7, der Nelly Sachs in der Form vielleicht nicht so vertraut war. Die Licht-Zeremonien rund um die Osternacht gehen jedoch auf frühchristliche und jüdische Traditionen zurück, also kann angenommen werden, dass sie sicherlich einen Bezug zu dieser Art der Feier gehabt hat. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang das jüdische Chanukka-, das Tempelweih-Fest, bei dem ebenfalls einem Lichtritus eine zentrale Rolle zukommt und dessen Wurzeln auch in 1Makk 4,48-51.56.59 beschrieben werden.8 im schwarzumrätselten Laub: Schwarz könnte hier als Ausdruck für Unergründlichkeit stehen, umrätselt weist auf ein Geheimnis, das für alle Fragen aufwirft. Niemand von uns weiß schließlich, wie der Tod ist oder auch nicht ist. Das Laub, das Jahr für Jahr wieder verwelkt und dann den Boden bedeckt, könnte Eine Parallele zu dieser Stelle sieht Grittner im Gedicht ,,Landschaft aus Schreien", das den ,,Schrei verborgen im Ölberg" beinhaltet (so wie der Text ,,David" im Band ,,Fahrt ins Staublose" zu finden). vgl. Grittner, S. 30. 7 als Einführung ins Thema ist folgender Artikel zu empfehlen: Auf der Maur, Hansjörg: Feier im Rhythmus der Zeit I: Herrenfeste in Woche und Jahr. ­ In: Gottesdienst der Kirche. ­ Regensburg: Pustet, 1983. S. 56-154. (Bd. 5) 6 6 sinnbildlich das Geheimnis sein, dass die einsamste Stunde sozusagen überschattet. wurde ein Auge und sah: Das, was dem Menschen sein Leben lang nicht möglich ist, wurde Christus in seinem Tod gegeben ­ Gott schauen von Angesicht zu Angesicht. Diese Interpretation ist aus theologischer Sicht vermutlich etwas fragwürdig, da das Motiv ,,Gott schauen" in Zusammenhang mit Christus nicht wirklich bekannt ist. Aus der Sichtweise des Gedichts mag diese Interpretation jedoch zulässig sein, da Nelly Sachs bei Christus vor allem die menschliche Dimension, etwa das Leiden, herausstreicht und deshalb vielleicht den ,,menschlichen" Aspekt des ,,Gott-Schauens" auch auf Jesus überträgt.9 2.3 Nacht der Nächte 1 DIE NACHT war ein Sarg aus schwarzem Feuer Die roten Amenfarben der Gebete bestatteten sich darin 5 In diesem Purpur wurzelten Zähne ­ Haare ­ und der Leib ein geschüttelter Baum im Geisterwind Hellgesichtig ­ dieser Eintags-Cherub zündete sich an Die Flammen im Adernetz 10 liefen alle ihrer Deutung zu In der Auferstehungsasche spielte Musik Weiterführende Angaben finden sich u.a. bei: Adam, Adolf: Das Kirchenjahr mitfeiern, Freiburg: Herder, 1979. S. 21f. 9 Zur Thematik siehe auch Kapitel 3.1: Es geht Nelly Sachs nicht darum, sowohl die göttliche als auch die menschliche Dimension zu betonen ­ Jesus Christus ist bei ihr ganz Mensch. 7 8 2.4 Anmerkungen zu ,,Nacht der Nächte" Zuerst fällt der Titel des Gedichts auf: Nacht der Nächte erinnert an das jüdische Pessach oder an die von dort übernommenen Elemente der Osternacht. (Beim Feiern des Pessachfestes fragt bspw. das jüngste Kind der Familie: ,,Wodurch unterscheidet sich diese Nacht ganz anders von allen anderen Nächten?". Darauf antwortet die Tischgesellschaft und erzählt vom Auszug und der Errettung durch Gott aus Ägypten.10 Von Errettung ist im Gedicht zwar keine Rede, jedoch ist, wenn auch im weitesten Sinne, das Motiv des ,,Auszugs" erkennbar.) Die Nacht war ein Sarg aus schwarzem Feuer: Es kann vermutet werden, dass die Verbrennung der Leichname in den Konzentrationslagern (KZ) der NS-Zeit nachts stattgefunden haben, um weniger Aufsehen zu erregen.11 Spannend ist in diesem Zusammenhang aber vor allem ein Aspekt der jüdischen Mystik, den Olof Lagercrantz aufgreift: ,,Im Sohar steht, daß jede Nacht die Seele ihr körperliches Gewand abstreift und nach oben steigt. Sie wird vom Feuer verzehrt und stirbt, wird aber neu geschaffen und kehrt am Morgen in den Körper zurück." In den KZ wurde diese mystische Vorstellung bittere Realität ­ die Leichname wurden tatsächlich verbrannt und den Seelen wurde somit die Möglichkeit zu Rückkehr bzw. zur Neuschaffung genommen. An dieser Stelle sei etwas zum ,,Farb-Rhythmus" des Gedichts gesagt: Es ist geprägt von den Farben Schwarz und Rot, die beide sowohl explizit als auch implizit (bspw. Asche bzw. Flammen/Adern) verwendet werden. Schwarz bildet hierbei sozusagen den Rahmen des Gedicht (erste und letzte Zeile), der Rest ist von der Farbe Rot bestimmt. M.E. ist es im Fall dieses Textes nicht möglich, den Farben klare Bedeutungen zuzuschreiben. Im hier vorgenommenen Interpretationsversuch wird daher stärker auf den Kontrast eingegangen, der durch die beiden Farben ausgedrückt wird. vgl. die Ausführungen bei: Heidenheim, Wolf: Die Pessach-Haggada. Basel: Victor Goldschmidt Verlag, 1985. 11 Diese Vermutung bezieht sich allerdings auf die Anfänge der Judenvernichtung; gegen Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Öfen in den KZ Berichten zufolge Tag und Nacht in Betrieb. 8 10 Die roten Amenfarben der Gebete bestatteten sich darin: Das Schwarz tilgt das Rot (ähnlich wie bei einem Sonnenuntergang). Das Amen steht für das Ende eines Gebets, wenn alles gesagt ist. Ebenso herrscht im Moment des Todes Schweigen, Stummheit, Stille (vgl. Jesus am Kreuz). Bei diesen Zeilen handelt es sich um eine doppelte Kontrastierung: Einerseits durch die Farben Rot und Schwarz, anderseits durch die Verwendung des stark konnotierten ,,Amen". Amen, im Sinne von ,,So sei es", ist als Affirmation für das im Gebet gewünschte und gelobte Positive zu sehen. Bei Nelly Sachs geht hier im Kontrast zu dunklen, negativen Wirklichkeit unter. So als würden die Gebete nicht erhört. Bereits nach drei Zeilen folgt an dieser Stelle im Gedicht eine Zäsur. Beim Lesen der beiden nun folgenden Zeilen erscheint der geschundene Körper eines KZ-Häftlings vor dem geistigen Auge. Möglich, dass die angesprochene formale Zäsur, diesen inhaltlichen Wechsel vom Allgemeinen (quasi einer Zustandsbeschreibung im KZ) zum Konkreten (dem Einzelschicksal eines KZ-Häftlings) markiert. In diesem Purpur wurzelten Zähne ­ Haare ­ und der Leib ein geschüttelter Baum im Geisterwind Hellgesichtig ­ dieser Eintags-Cherub zündete sich an: Mit dem Attribut hellgesichtig lassen sich Begriffe wie aufflammend oder entflammt assoziieren, die sich an die anderen hier verwendet Feuer-/Flammen-Metaphern anreihen. Die Vorstellung eines hellgesichtigen Ausdrucks bedient sich weit geöffneter Augen, gehobener Augenbrauen, vielleicht auch eines geöffneten Mundes. Hellgesichtig mag ein erstaunter, sogar entsetzter Gesichtsausdruck sein. Nach dem Aufleuchten des Gesichts zündet sich der Eintags-Cherub an. Der Cherub, das Engelwesen (siehe Kap. 3.2.1) führt sich selbst damit dem selben Schicksal zu, wie es dem Menschen im KZ widerfährt. Der Neologismus des Eintags-Cherub erinnert massiv an die Eintagsfliege, wobei der Engel statt der Fliege eingesetzt wurde. Nelly Sachs entwirft hier ein Bild von Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit. An anderer Stelle wird erklärt werden, welche mystische Vorstellung hinter der Idee des Cherub steht (Kap.3.2). M.E. ist eine Interpretation dieser Zeilen ohne den Hintergrund der jüdischen Mystik nahezu unmöglich. 9 Die Flammen im Adernetz liefen alle ihrer Deutung zu: Das Adernetz stellt eine bildliche Parallele zu den Wurzeln dar, die einige Zeilen zuvor die Zähne, die Haare und der Leib im Purpur schlagen. In der Auferstehungsasche spielte Musik: In dieser letzte Zeile steckt durch den Begriff Auferstehung etwas Hoffnungsvolles. Als Bilder tauchen folgende Varianten auf: der Wind trägt die über den Rauch in die Luft gelangte Asche fort, was spielerisch und luftig leicht aussieht und dabei wie eine Melodie anmutet; oder aber: Wenn unter der Asche noch etwas glüht, ist manchmal ein leises, hohes Pfeifen zu hören, das in der Tonhöhe schwankt und dadurch melodiös wirkt. Bedenkt man, dass die christliche Tradition eigentlich nur die leibliche Auferstehung kennt, konterkariert die Verbindung der Begriffe ,,Auferstehung" und ,,Asche" diese Vorstellung in gewisser Weise. Lässt man diesen Hintergrund ausnahmsweise bei Seite, was durchaus zulässig erscheint, macht die Kombination der beiden Begriffe jedoch Sinn. Kurz genannt sei hier des Motiv des ,,aufsteigenden Phönix aus der Asche" oder die allseits bekannte Tatsache, dass der Erdboden auf den Vulkanasche fällt, besonders fruchtbar ist und so die Asche neues Leben ermöglicht und unterstützt. Der letzten Zeile kommt m.E. durch die Exponiertheit eine besondere Bedeutung zu. Trotz all der Bilder in diesem Gedicht, die von Vernichtung erzählen, endet Nelly Sachs mit einem Satz, der, von der Aussage her, dem Tod entgegen steht. 10 3. Mystik im Werk von Nelly Sachs Wie umfangreich die Bearbeitung dieses Themas ist, zeigt allein die Anzahl an Werken, die bei einer vergleichsweise unaufwendigen Recherche bereits zu finden ist. Im eingeschränkten Rahmen dieser Arbeit finden sich nur die wichtigsten Literaturhinweise. Besondere Erwähnung verdient m.E. die Dissertation von Sabine Grittner mit dem Titel ,,Aber wo Göttliches wohnt ­ die Farbe Nichts", von der viele Anregungen für diese Arbeit stammen.12 Um den gesetzten Rahmen nicht zu sprengen, werden im Folgenden exemplarisch Bezüge zur christlichen und zu jüdischen Mystik aufgegriffen und gegebenenfalls mit den ausgewählten Texten von Nelly Sachs in Verbindung gebracht. 3.1 Christliche Mystik Es mag vielleicht ein wenig verwundern, dass an dieser Stelle der christlichen Mystik sozusagen der Vorzug gegeben wird. Jedoch geschieht dies nicht ohne Grund ­ Nelly Sachs nämlich kam wesentlich früher mit der christlichen als mit der jüdische Mystik in Kontakt. Das bestätigen auch die Untersuchungen von Sabine Grittner: Sie sieht in Nelly Sachs' Zugang zur christlichen Mystik und in ihrem Umgang mit dem Judentum durchaus auch Zusammenhänge: ,,Namentlich zwei Gestalten fanden neben Jesus Christus das besondere Interesse der Dichterin: Franz von Assisi und Jakob Böhme. Beide waren für sie noch in ihren Altersjahren menschliche Leitbilder, Verkörperungen wahrer Menschlichkeit. Nelly Sachs' Christus-Verständnis gestaltete sich unabhängig von jeglicher Dogmatik. Das unorthodoxe Verhältnis, das für ihre Beziehung zum Judentum charakteristisch war, bestimmte auch ihren Zugang zu Christus."13 In einer Vielzahl von Gedichten greift Nelly Sachs das Christus-Motiv auf, wobei es lediglich zwei Belege für die Verwendung des Begriffes ,,Christus" gibt. Alle anderen Texte umschreiben das Motiv mit bildhaften und/oder assoziativen Elementen (bspw.: ,,Ölberg", ,,Kreuz", ,,Kiefer", ,,Fisch", ,,Opfer", ,,Stummheit").14 Grittner, Sabine: ,,Aber wo Göttliches wohnt ­ die Farbe Nichts": Mystik-Rezeption und mystisches Erleben im Werk der Nelly Sachs. ­ St. Ingbert: Röhrig, 1999. (Sofie, Bd. 11). 13 Grittner, S. 15. 14 vgl. dazu Grittner, S. 16. 11 12 Erwähnt werden muss auch noch das ,,christologische" Verständnis Nelly Sachs, das eigentlich nicht der christlichen Zwei-Naturen-Lehre folgt (derzufolge Christus sowohl Gott als auch Mensch war). Peter Hamm schreibt dazu Folgendes: ,,Jesus Christus betrachtete sie, wie Martin Buber, als ,die Blume unserer Propheten', nicht als Erlöser-Gott also, sondern als leidenden Menschen und einen jener Scherbeneinsammler, die nach chassidischer Auffassung das zerstörte und verstreute Paradies wieder zusammenfügen."15 Auch Lagercrantz kommt zu einem ganz ähnlichen Schluss. Was bei seiner Analyse noch hinzukommt, erscheint mir (v.a. im Bezug zum oben interpretierten Text ,,David") besonders relevant: ,,Der Jesus von Nelly Sachs ist der Mann der Schmerzen, nicht der Triumphator. Er überwand den Tod nicht auf der materiellen Ebene, mit der viele Christen zu rechnen scheinen. Er wählte das Leiden, starb am Kreuz, weil dieses Leiden ein sinnvolles Geheimnis in sich birgt."16 Diese Problematik manifestiert sich bereits bei den oben angeführten Interpretationen in den Kapiteln 2.1 und 2.4. 3.2 Jüdische Mystik Nelly Sachs beschäftigte sich außer mit den Schriften von Martin Buber u.a. auch mit Scholems ,,Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen".17 Vorerst einmal abgesehen von konkreten, mystischen Vorstellungen, die Scholem aufgearbeitet hat, beeinflusste allenfalls die Konzeption von Sprache in der jüdischen Mystik das Schaffen von Nelly Sachs. In der kabbalistischen Lehre findet sich nämlich ,,[...] eine Wertung von Sprache [...], die ganz ungewöhnlich positiv ist. Die Kabbalisten aller Schulen und Richtungen sind sich darüber einig, in der Sprache nicht nur ein unzulängliches Mittel der Verständigung von Mensch zu Mensch zu sehen. Hebräisch, die heilige Sprache, ist ihnen nicht, wie das etwa der besonders im Mittelalter beliebten Sprachtheorie entsprechen würde, eine Sprache, die aus Konvention hervorgegangen ist und einen konventionellen Charakter trägt. Sprache in ihrem reinsten Wesen, wie es sich für sie eben im Hebräischen darstellt, hängt mit dem tiefen geistigen Wesen der Welt zusammen, hat, mit anderen Worten, einen mystischen Wert. Sprache erreicht Gott, weil sie von Gott ausgegangen ist. In der Sprache des Menschen, die jedenfalls prima facie nur erkennenden Charakters ist, spiegelt sich die schöpferische Sprache Gottes wider."18 15 16 Hamm, S. 117f. Lagercrantz, S. 66. 17 Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. 18 Scholem, S. 19. 12 So wie Ehrhard Bahr weist auch Olof Lagercrantz auf die Bedeutung des Buches Sohar, dem Hauptwerk der älteren spanischen Kabbala, hin, das Nelly Sachs durch eine deutsche Übersetzung bekannt war, die ebenfalls von Gershom Scholem stammt. Die Bedeutung der Sprache im Buch Sohar bringt er wie folgt auf den Punkt: ,,Buchstaben und Zahlen haben göttlichen Ursprung, weil sie das Erste waren, das aus dem Urlicht emporstieg. Darum stehen alle Wörter in Verbindung mit Gott. Jedes Wort ist in der Tat Gottes Name."19 Als die am stärksten von der Kabbala geprägten Texte erkennt Bahr die folgenden20: · die Sammlung ,,Und niemand weiß weiter" (1957) und ,,Flucht und Verwandlung" (1959) · die szenische Dichtung ,,Beryl sieht in der Nacht, oder Das verlorene und das wieder gerettete Alphabet" (1961) Bahr warnt aber auch vor einer Überbewertung, was die Bedeutung der jüdischen Mystik für die Texte der Nelly Sachs betrifft. ,,Nelly Sachs war kein poeta doctus und es handelt sich bei ihr nicht um die Umsetzung einer Theorie in dichterische Form. Sie hat vielmehr mit ihrer intuitiven mystischen Begabung einen Symbolzusammhang in ihrer Dichtung hergestellt, der nicht nur dem Wesen und der Struktur der jüdischen Mystik entsprach, sondern sie in einem tieferen Sinn erfaßte, als es im einzelnen durch Lektürekenntnisse belegt und erklärt werden kann. Darüber hinaus aber hat sie sich die Tradition in einem Sinne angeeignet, daß man von Verwandlung und Neuschöpfung sprechen muß. Sie hat im Laufe ihrer Entwicklung die jüdische Mystik in den Rahmen der universalen Mystik eingeordnet, ohne sie dabei hinter sich zu lassen oder aufzugeben."21 Auch wenn Bahr in Textpassagen wie dieser für Zurückhaltung gegenüber der Kabbala bei der Interpretation von Nelly Sachs' Gedichten plädiert, so misst er, wenn er bspw. von ,,Verwandlung und Neuschöpfung" spricht, der Kabbala-Rezeption, in der Art wie sie von Nelly Sachs selbst betrieben wurde, doch enorme Bedeutung bei. 19 20 Lagercrantz, S. 76. Bahr, Erhard: Nelly Sachs. ­ München: Beck ; edition text + kritik, 1980. (Autorenbücher: 16). S. 96. 21 Bahr, S. 96f. 13 3.2.1 Exkurs: Chassidische Mystik Um nur einen Bezugspunkt aus Gershom Scholems Buch herauszugreifen, soll abschließend auf die Vorstellung des Cherub (Plural: Cherubim) eingegangen werden ­ Nelly Sachs hat ihn des öfteren, u.a. aber auch in ihrem Gedicht ,,Nacht der Nächte", als Motiv eingebaut. Im Neuen Lexikon des Judentums werden Cherubim als eine der fünf Gruppen von Engel angegeben und näher spezifiziert.22 Weiterführend in Richtung Chassidismus/Kabbala findet sich lediglich der folgende, abschließende Absatz: ,,Die Engellehre wird im Mittelalter vor allem in der Kabbala und Chassidismus weiter ausgebaut. Auch in der Philosophie wird an ihr festgehalten, nur verlieren die Engel ihre Körperlichkeit und gelten als unkörperliche Intelligenzen, die im Kosmos wirken." Generell muss vorausgeschickt werden, dass die Idee des Cherub eigentlich nur in Kombination mit der des Kabod verstanden werden kann. Um diese komplexen Vorstellungen anzureißen, bedarf es einer grundlegenden Vorbemerkung:23 ,,Das Interesse der Chassidim richtet sich nicht auf die Schöpfung, sondern vor allem auf die Offenbarung. Wie kann Gott der Kreatur erscheinen?" Kabod und Cherub fungieren hierfür als Erklärungsmodelle, wobei im Falle des Kabod, der Glorie Gottes, abermals zwei Arten, nämlich die ,,innere" und die ,,sichtbare" Glorie, unterschieden werden. Neben der Benennung als ,,urgeschaffenes Licht" wird der Kabod als ,,das, was Gott von sich der Kreatur erscheinen läßt" definiert, wobei dies ,,hier niemals der Schöpfer, sondern die erste Schöpfung" ist. Relevant ist m.E. dabei auch die Bedeutung, die der Kabod für das Schaffen von Propheten und Mystikern hat: ,,Dies urgeschaffene Licht der göttlichen Glorie Propheten und Mystikern dar, [...], in jeweilig Modifikationen. Es gewährleistet dem Propheten vernommenen Wortes und schließt jeden Zweifel Ursprung aus." bietet sich nun den neuen Formen und die Authentizität des an dessen göttlichem Damit ist eigentlich noch lange nicht alles zum Begriff Kabod gesagt. Der Rahmen dieser Arbeit gebietet es jedoch, zum zweiten wichtigen Element der chassidischen Theosophie, zum Cherub, zu kommen. Was den Cherub betrifft, so weist Scholem ausdrücklich darauf hin, dass der Begriff in den Visionen des Ezechiel nur im Plural 22 Döpp, Heinz-Martin: Engel. ­ In: Neues Lexikon des Judentums. ­ Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2000. S. 239f. 14 vorkommt und lediglich in Ez 10,4 ein Beleg im Singular vorliegt24. Bei einem Übersetzungsvergleich zwischen Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) und Einheitsübersetzung (EÜ) zeigt sich jedoch, dass hierbei ein eklatanter Unterschied besteht. Während die BHS, so wie von Scholem angeführt, Cherub im Singular gebraucht, steht davon abweichend in der EÜ: ,, Die Herrlichkeit des Herrn schwebte von den Cherubim hinüber zur Schwelle des Tempel." (Ez 10,4a) ,,Wie der mythische Bericht besagt, entstand aus dem Reflex des göttlichen Lichtes im Urwasser ein Strahlen, das zu Feuer wurde, und aus ihm wurden der Thron und die Engel gebildet. [...] Der Cherub kann alle Gestalten von Engel, Mensch oder Tier annehmen. Seine menschliche Gestalt war die Urform, in deren Ebenbild Gott den Menschen schuf." Scholem weist ausdrücklich darauf hin, dass nicht mit Sicherheit ausgesagt werden kann, woher die Idee des Cherub stammt und was ihr ursprünglich zugrunde lag. Einen gewissen Einfluss auf die vorchassidische Mystik gesteht er jedoch der Lehre bzw. den Schriften Philos zu, wenngleich er darauf hinweist, dass diese ,,Spuren" weder in der talmudischen noch in der alten rabbinischen Literatur zu finden seien. Das folgende letzte Zitat soll dazu dienen, diesen Exkurs abzuschließen: ,,Es ist wohl möglich, daß der Cherub auf dem Throne einmal nichts anderes war als der verwandelte Logos, besonders wenn man bedenkt, daß für die vorchassisidische Mystik [...] die Erscheinung auf dem Throne eben die des Weltenschöpfers ist. Bei den Chassidim, die die Problematik Gottes als Weltenschöpfer nicht berührte, hat der Cherub dann diesen Charakter verloren. Dennoch wird er von den Chassidim mit Attributen ausgestattet, die fast einen zweiten Gott aus ihm machen und dem Leser solcher Texte die Erinnerung an die Logos-Idee immer wieder wachrufen."25 Zweifelsohne lässt dieser kurze Exkurs viele Fragen unbeantwortet ­ er konnte jedoch hoffentlich dazu dienen, um auf die Komplexität der mystischen Vorstellungen, mit denen sich Nelly Sachs beschäftigte, zu verweisen. Ein tiefgehendes Verständnis, wie es bei Nelly Sachs vorausgesetzt werden kann, ist die nachfolgend zitierten Passagen stammen, so sie nicht eigens gekennzeichnet sind, alle aus Scholem: ,,Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen". zur detaillierten Schilderung siehe 3.Kap., insb. S.120-127. 24 ,,Dann stieg vom Cherub die Glorie des Herrn in die Höhe." (Übersetzung von Scholem übernommen.) 25 Hervorhebung wie im Original, siehe Scholem, S. 123f. 15 23 aber nur nach einem eingehenden Studium mehrerer Schriften zum Thema über einen längeren Zeitraum zu erwerben. 16 4. Resümee Bei dieser Arbeit, deren Erstellung sich über einen relativ großen Zeitraum erstreckte und die viele Ideen aufwarf, aus denen es auszuwählen galt, erscheint ein Resümee besonders schwierig. Dieser Teil der Arbeit soll einerseits das, was an Ideen bearbeitet wurde, nochmals reflektieren und andererseits die Überleitung zu den als Kapitel 5 folgenden biographischen Eckdaten herstellen. In Anbetracht dessen, was den Juden und Jüdinnen unter der NS-Herrschaft angetan worden war, verschlägt es einem heute noch die Sprache. Umso sprachloser bin ich geworden, als ich die Texte von Nelly Sachs zum ersten Mal las. An die Stelle der fehlenden Worte traten plötzlich Bilder, durch die ihr eigene Sprache geschaffen, deren Bedeutung offensichtlich und doch wieder nicht einordenbar war. Der Aspekt der Mystik, die in Nelly Sachs Werken durchscheint, ist nur einer von vielen, nach denen ihr Schaffen untersucht werden kann. Um den Texten gerecht zu werden, bedarf es m.E. einer ,,ganzheitlichen" Interpretation, d.h. dass weder aus rein biographischer, religiöser oder etwa zeitgeschichtlicher Perspektive interpretiert werden sollte. Ob es jedoch möglich ist, die Gedichte auf sich wirken zu lassen und danach frei von historischen Gegebenheiten, um nur ein Beispiel zu nennen, an den Text heranzugehen, wage ich zu bezweifeln. Auch ohne viel von Nelly Sachs selbst zu wissen, deuten ihre Texte oft sehr deutlich auf ihre Lebenswelt. Ein Effekt, der sich bei der Recherche zu dieser Arbeit einstellte, war die Faszination beim Lesen von Gershom Scholems ,,Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen" ­ der kurze Einblick, der dabei gewonnen werden konnte, weckte die Neugier auf mehr. Das Interesse Nelly Sachs' und der Einfluss auf ihre Texte waren dadurch gut nachvollziehbar. Einige Punkte, die bisher nur am Rande oder ungenügend erwähnt erscheinen, sollen an dieser Stelle noch Erwähnung finden. Exil Im Gegensatz zu vielen anderen geflüchteten deutschen LiteratInnen hat Nelly Sachs im schwedischen Exil auch weiterhin auf Deutsch geschrieben (zusätzlich zu den Übersetzungen ins Schwedische, mit denen sie sich einen Namen machte). 17 Wenn Hamm auf diesen Umstand zu sprechen kommt, so meint er, die Sprache sei ihr einziges "Fluchtgepäck" gewesen.26 Nelly Sachs, die deutsche Jüdin Wesentlich zu erwähnen scheint auch noch die Tatsache, dass sich Nelly Sachs selbst immer als Deutsche gesehen hat. Während ihre deutsche Herkunft von den Nazis bestritten wurde, wurde ihr eine ,,jüdische Identität" aufgezwungen. Von Peter Hamm stammt das Zitat: ,,Zwei Identitäten sind immer weniger als eine."27 Er bringt damit gut zum Ausdruck, dass Nelly Sachs zeit ihres Lebens mit diesen beiden Identitäten haderte. Verfolgung Sabine Grittner kommt in ihrer Arbeit zu dem Schluss, dass in Nelly Sachs' Denken eine Verknüpfung zwischen dem jüdischen Schicksal und der Verfolgung der Juden unter der NS-Herrschaft existiert. Ihrer Einschätzung nach identifizierte sich Nelly Sachs auch persönlich mit diesem Schicksal.28 Wenn das Motiv der Verfolgung in Nelly Sachs' Dichtung aufscheint, so ist allenfalls ein Aspekt, den wiederum Hamm einbringt, mitzubedenken: Nicht die Verfolger des NS-Regimes waren ihr in ihren Träumen eine Heimsuchung sondern die Millionen von Ermordeten.29 Ihnen gibt sie folgedessen auch Raum in ihren Gedichten. Religiosität Wie in Kapitel 3 zu sehen war, wurde Nelly Sachs' Religiosität nicht ausschließlich vom Judentum sondern (zeitlich gesehen) zuerst von einer christlichen Mystik geprägt. Sie selbst wollte sich in ihrem religiösen Empfinden m.E. nicht unbedingt festlegen (was im Besonderen für dogmatische Konzepte galt) ­ dieses Verhalten ist bei Nelly Sachs jedoch nicht als Mangel an Entscheidungsfreudigkeit sondern als ,,spirituelle Weltoffenheit" zu deuten. Hamm, Peter: Auf der Flucht ­ Allein mit der Sprache. Nelly Sachs als Übersetzerin schwedischer Lyrik. ­ In: Nelly Sachs zu Ehren. Mit Beiträgen von Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Hermann Kasack u.a. ­ Frankfurt: Suhrkamp, 1961., S. 78. 27 Hamm, S.120. 28 Grittner, S. 95. 29 Hamm, S. 122 18 26 5. Biographische Eckdaten Die Darstellung ist in etlichen Punkten sehr knapp gehalten und wurde im Wesentlichen nach einem Vergleich der Zeittafeln in den Biographien von Gabriele Fritsch-Vivié und Ruth Dinesen erstellt. 10. Dez. 1891 Leonie (Nelly) Sachs wird als einziges Kind von Margarete und Georg William Sachs in Berlin geboren 1902/03-1908 Besuch der privaten ,,Aubert´schen Höheren Mädchenschule" ­ erste schriftstellerische Versuche 1910-1920 1921 1929 26. Nov. 1930 1931/32 1933 Sonette und Gedichte in freier Form ,,Legenden und Erzählungen" erstmals Gedicht (,,Zu Ruh") in der ,,Vossischen Zeitung" (Berlin) Tod des Vaters nach langer Krankheit Zyklus ,,Leise Melodie": Gedichte auf den Tod des Vaters Hitlers Machtergreifung (30.1.). Beginn der Einschränkungen und Verfolgungen der Juden. Gründung des Jüdischen Kulturbundes in Deutschland 1933-39 1936-38 9./10. Nov. 1938 Gedichte im ,,Berliner Tageblatt", danach in jüdischen Zeitungen im jüdischen Kulturbund werden Gedichte und Prosa von Nelly Sachs gelesen ,,Reichskristallnacht": organisierter Progrom; Verschärfung der Rassenpolitik, Zwangsvermögensabgabe für Juden. Danach Bemühungen um Ausreise für sich und die Mutter 1939 Nelly Sachs muss wie alle jüdischen Frauen den Namen ,,Sara" annehmen (1.1.) Gudrun Harlan bemüht sich in Schweden bei Selma Lagerlöf und Prinz Eugen Bernadotte um Einreisegenehmigung. Auflösung des Besitzes, mehrfacher Wohnungswechsel 1. Sept. 1939 Mai 1940 Hitler marschiert in Polen ein; Kriegsbeginn Einberufung zum Arbeitsdienst; gleichzeitig Erhalt des Einreisevisums nach Schweden; Flug nach Stockholm (16.5.), wechselnde Unterbringung Oktober 1941 20. Jan. 1942 Bezug der Einzimmerwohnung Bergsundsstrand 23 Wannsee-Konferenz zur Organisation der ,,Endlösung der Judenfrage". Erste Deportationen aus Berlin nach Theresienstadt Erste Übersetzungen schwedischer Lyrik 1943 Entstehung von ,,Grabschriften in die Luft geschrieben", ,,Elegien von den Spuren im Sande", ,,Gebete für den toten Bräutigam", u.v.m. Beginn der Deportationen nach Ausschwitz 1944-47 1946 als Übersetzerin für das SDU (Komitee für den demokratischen Aufbau) tätig Entstehung von ,,Chöre nach der Mitternacht" 19 1946/47 erstmals Veröffentlichung einiger der neuen Shoa-Gedichte in der New Yorker Zeitschrift ,,Aufbau" 1947 ,,In den Wohnungen des Todes". Veröffentlichung ihrer Übersetzungen von schwedischer Lyrik: ,,Von Welle und Granit" 1948 Umzug in die Ein-Zimmer-Küche-Wohnung im gleichen Haus, in der sie bis zu ihrem Tod wohnen bleibt 1949 7. Feb. 1950 1951 1952 1953 ,,Sternverdunklung" Tod der Mutter. Nervenzusammenbruch im März ,,Eli" als Subskriptionsausgabe veröffentlicht Zuerkennung der schwedischen Staatsbürgerschaft (24.4.) Operation am 27.5. Entstehung von ,,In Ohnmacht hinterm Augenlid" (ursprgl. Titel: ,,Operation wach ,durchlebt'") 1957 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). Beginn der Brieffreundschaft mit Paul Celan. ,,Und niemand weiß weiter" 1. Jan. 1958 Lyrikpreis des Schwedischen Schriftstellerverbandes. ,,Eli" als Hörspiel im Süd- und Norddeutschen Rundfunk 1959 ,,Eli" als Oper von Moses Pergament im Schwedischen Rundfunk. ,,Flucht und Verwandlung" Mai 1960 Juni 1960 8. Aug. 1960August 1963 1961 Besuch bei Paul in Paris nach Rückkehr aus Paris verschlechtert sich ihr psychischer Zustand rasant Einweisung und Aufenthalt in psychiatrischen Krankenhaus-Abteilungen (ab 1960 mit Unterbrechungen) Korrespondierendes Mitglied der Freien Akademie der Künste (Hamburg). ,,Fahrt ins Staublose". Nelly Sachs zu Ehren (Gedichte, Prosa, Beiträge). 1962-66 1963 Arbeit an den Zyklen ,,Glühende Rätsel I-IV" Korrespondierendes Mitglied der Bayrischen Akademie der Schonen Künste (München). ,,Ausgewählte Gedichte" 17. Okt. 1965 10. Dez. 1966 März 1967 14. Jul. 1967 April-Mai 1968 1969 1970 12. Mai 1970 1971 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Erster und einziger Berlin-Besuch Nobelpreis für Literatur Herzanfall Ehrenbürgerin der Stadt Berlin Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik Ralambshow Krebsoperation Krankenhausaufenthalt, erfährt vom Tod Celans Nelly Sachs stirbt ,,Suche nach Lebenden". Gedichte aus dem Nachlass 20 6. Quellen 6.1 Primärliteratur Sachs, Nelly: Die Fahrt ins Staublose. Gedichte. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1988. Biblia Hebraica Stuttgartensia. ­ Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1969/77. (5. verbesserte Auflage, 1997) Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. ­ Stuttgart: Katholische Bibelanstalt GmbH, 1980. 6.2 Sekundärliteratur Adam, Adolf: Das Kirchenjahr mitfeiern, Freiburg: Herder, 1979. Auf der Maur, Hansjörg: Feier im Rhythmus der Zeit I: Herrenfeste in Woche und Jahr. ­ In: Gottesdienst der Kirche, Regensburg: Pustet, 1983. S. 56-154. (Bd. 5) Bahr, Erhard: Nelly Sachs. ­ München: Beck ; edition text + kritik, 1980. (Autorenbücher: 16). Dinesen, Ruth: Nelly Sachs. Eine Biographie. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1992. Frisch- Vivié, Gabriele: Nelly Sachs. ­ Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1993. Grittner, Sabine: ,,Aber wo Göttliches wohnt ­ die Farbe Nichts": Mystik-Rezeption und mystisches Erleben im Werk der Nelly Sachs. ­ St. Ingbert: Röhrig, 1999. (Sofie, Bd. 11). 21 Hamm, Peter: Der Wille zur Ohnmacht. Über Robert Walser, Fernando Pessoa, Julien Green, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und andere. ­ München; Wien: Carl Hanser Verlag, 1992. (Edition Akzente) Hamm, Peter: Auf der Flucht ­ Allein mit der Sprache. Nelly Sachs als Übersetzerin schwedischer Lyrik. ­ In: Nelly Sachs zu Ehren. Mit Beiträgen von Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Hermann Kasack u.a. ­ Frankfurt: Suhrkamp, 1961. S. 77-84. (HerausgeberIn unbekannt/konnte nicht ausfindig gemacht werden.) Heidenheim, Wolf: Die Pessach-Haggada. Basel: Victor Goldschmidt Verlag, 1985. Lagercrantz, Olof: Versuch über die Lyrik der Nelly Sachs. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1967. Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. ­ Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. Zu den Loccumer Kriterien: http://www.sbg.ac.at/anw/biblische_notizen/richtlinien.pdf 6.3 Ein- und weiterführende Literatur Falkenstein, Henning: Nelly Sachs. ­ Berlin: Colloquium-Verlag, 1984. (Köpfe des 20. Jahrhunderts, Bd. 101). Müllner, Ilse/Dschulnigg Peter: Jüdische und christliche Feste. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments. ­ Würzburg: Echter, 2002. (Die Neue Echter Bibel ­ Themen, Bd. 9). 22