Arbeitsschutz für die Seele – was tun gegen psychische Belastung?

Immense psychische Belastungen am Arbeitsplatz münden nicht selten in Burn-Out.

Überstunden, Lärm, Zeit- und Termindruck. Multitasking, permanente Erreichbarkeit oder die Überwachung der Arbeitsabläufe durch den Arbeitgeber. Fast jeder Arbeitnehmer in Deutschland sieht sich in irgendeiner Form psychischer Belastungen ausgesetzt. In den letzten Jahren nahm die psychische Belastung der Arbeitnehmer deutlich zu.
Vier Jahre lang hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz untersucht, wie es um die psychische Gesundheit in der Arbeitswelt steht. Ihr Fazit? Erschreckend.

96.000.000 Krankheits-Tage durch psychische Belastung

Die Arbeitsunfähigkeit durch psychische Belastung ist in den letzten Jahren rapide in die Höhe geschnellt. Innerhalb der letzten 15 Jahre, hat sich die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibenden sogar mehr als verdoppelt. Im Jahr 2015 fielen nach 365 Tagen ganze 96 Millionen Krankheits-Tage an. Immerhin 263.000 psychisch bedingte Krankschreibungen pro Tag!

Jede zweite Frühverrentung durch psychische Leiden

Diese immense psychische Belastung spiegelt sich auch in den Frühverrentungen Deutschlands wieder. Mittlerweile ist fast jede zweite (ca. 43%) Frühverrentung auf eine seelische Erkrankung oder auf ein seelisches Leiden zurückzuführen. An diesen Zahlen ist – unter anderem – die Digitalisierung unserer Arbeitswelt nicht unbeteiligt. Die Kontrollmöglichkeiten durch den Arbeitgeber, die ständige Erreichbarkeit auch nach Feierabend sowie herausforderndes Multitasking, belasten Arbeitgeber und deren Gesundheit. Nicht selten, münden sie schließlich in Burn-Out oder anderen psychischen Leiden.

Expertengremium soll Möglichkeiten zur Reduzierung der Belastung aufzeigen

Zu diesem Schluss kommt auch Andrea Nahles (SPD). Durch die Digitalisierung könnten sich, so die Arbeitsministerin, die sowieso schon vorhandenen Risiken für psychische Erkrankungen, noch weiter verstärken.
Recht hat sie. Auch die Arbeitnehmer selber scheinen diese Erkenntnis zu bestätigen. Fragt man sie nach der psychischen Belastung im digitalisierten Arbeitsalltag, ergibt sich ein klares Bild:
Im Index „Gute Arbeit“ des deutschen Gewerkschaftsbundes, gaben ca. 10.000 Beschäftigte quer durch alle Arbeitsbereiche, Auskunft über ihren Arbeitsalltag. Die Antwort war erschütternd.

46% der befragten Arbeitnehmer gaben an, dass ihre Arbeitsbelastung auf Grund der neuen Technologien zugenommen habe. 54% der Teilnehmer, dass die Arbeitsbelastung im Zuge der Digitalisierung größer geworden wäre. 69% der Arbeitnehmer beklagen häufige Störungen und Unterbrechungen, die ein konzentriertes Arbeiten erschweren.

Auch diese Zahlen haben Andrea Nahles nun dazu bewogen, ein Expertengremium ins Leben zu rufen. Verständlich, schließlich schaden die vielen psychisch bedingten Ausfälle den einzelnen Firmen, und damit der gesamten deutschen Wirtschaft. Fachleute aus Ministerien, der Arbeitsschutzanstalt, Wirtschaftsverbänden und dem Deutschen Gewerkschaftsbund, sollen Strategien und Lösungen erarbeiten, die die psychische Belastung deutscher Arbeitgeber reduzieren können. Es brauche, so Andrea Nahles, einen „Schutzanzug für die Seele“!

Psychische Belastung soll in Gefährdungsbeurteilung aufgenommen werden

Deshalb sollen, so Mitglieder des Gremiums, psychische Belastungen in Zukunft genauso ernst genommen werden, wie auch physische Belastungen. Allerdings ist es bis dahin noch ein langer Weg. Ein Ziel allerdings hat das Gremium schon jetzt formuliert: Alle Betriebe und Behörden sollen in ihren Gefährdungsbeurteilungen nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Risiken für den einzelnen Arbeitnehmer angeben. Außerdem sollen Arbeitsschutzbehörden die Umsetzung der Regularien deutlich gründlicher und häufiger überprüfen.

Angesichts der offenkundigen Missstände und der hohen psychischen Belastung, eine längst überfällige Entscheidung, auf die so mancher Arbeitnehmer wohl sehnsüchtig gewartet haben dürfte. Ob die psychische Belastung für die einzelnen Arbeitnehmer sinkt, wird sich zeigen – wünschenswert wäre es.

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